Die Tiroler Seele braucht lebendige Traditionen

Der Autor Franz Hitzl ist Mitglied des Innsbrucker Gemeinderates, war 19 Jahre Präsident der Österreichischen Unteroffiziersgesellschaft und ist Sprecher des Traditionsforums Tirol.

Das Tiroler Traditionsbewusstsein ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Kaum eine Region weist eine derart intensive und strukturell organisierte Traditionspflege auf wie das Land Tirol. In fast jeder Gemeinde, in jedem Dorf und fast jedem Stadtteil gibt es Schützenkompanien, Musikkapellen, Trachtenvereine oder Freiwillige Feuerwehren, die sich ebenfalls intensiv an der Traditionspflege beteiligen. Neben den lokalen, fast flächendeckend existierenden Traditionsvereinen findet aber auch eine intensive Traditionspflege in Vereinen statt, die sich speziell aufgrund beruflicher Gemeinsamkeiten oder gemeinsamer Ausbildung gebildet haben. Dazu gehören die Kameradschaften genauso wie Studentenverbindungen an Mittel- und Hochschulen. Außerdem bewahren einige Vereine spezielle Traditionen aus früheren Aufgabenstellungen, wie der Alt-Kaiserjägerclub, der Tiroler Kaiserjägerbund oder der Kaiserschützenbund Tirol. Und darüber hinaus leisten auch sehr viele kirchliche Vereine eine aktive Traditionspflege.

Viele von diesen Vereinen, Verbänden und Organisationen sind im Tiroler Traditionsforum vereint, welches vor allem die gemeinsamen Auftritte koordiniert und für einen Austausch der Traditionsverbände untereinander sorgt.

Warum haben die unterschiedlichsten Vereine in unserem Land, die aktive Traditionspflege leisten, einen so hohen Stellenwert? Wir Tiroler sind stolz auf unsere Traditionen, wir pflegen sie und leben sie. Der Jahreskreis bietet laufend Anlässe dazu. Mit der Pflege der Traditionen geht aber immer auch eine intensive soziale Komponente einher. Menschen treffen einander, die Gemeinschaft kommt zusammen und die gemeinsamen Aktivitäten verbinden. Diese Aktivitäten sind für das soziale Leben in unserem Land nicht wegzudenken. Auch deshalb sind so viele Tirolerinnen und Tiroler in Traditionsvereinen organisiert.

Traditionen haben ihre Ursprünge meist in vergangenen Jahrhunderten und haben über die Zeit zur Identifikation der Menschen mit ihrer Heimat beigetragen. Dies ist übrigens kein Tiroler Phänomen, sondern trifft generell auf Traditionspflege weltweit zu. Für uns oft exotisch wirkende Traditionen in Südamerika, Afrika oder in der Südsee sind genau so wie unsere Traditionen niemals Selbstzweck sondern zeigen die tiefe Verwurzelung der Menschen mit ihrer Heimat.

Traditionen sind im besten Sinn des Wortes „konservativ“, wenn „konservativ“ nicht als Erhalt der Asche sondern als Bewahrung des Feuers definiert wird. Traditionen entwickeln sich auch laufend weiter. Gepflegte Traditionen haben eine berechtigte Zukunft, nicht gepflegte Traditionen geraten ohnehin von selber in Vergessenheit. Traditionspflege ist deshalb auch für die Identität eines Landes eine unverzichtbare Aufgabe.

Tirol und seine besondere Tradition
Das Land Tirol hat zu seinen Traditionen ein besonderes Verhältnis. Die Freiheit und große Eigenständigkeit der Tiroler durch das Landlibell einerseits und die große Verbundenheit mit der Kirche und dem Glauben in unserem Land andererseits sind die Grundlagen dieses Verhältnisses. Daraus ist in Tirol eine gelebte Traditionskultur entstanden, die sich zu den heutigen unterschiedlichen Ausprägungen entwickelt hat.

Auch das offizielle Tirol bekennt sich eindrucksvoll wie kaum ein anderes Land zu den gewachsenen Traditionen. Dazu gehören im Alltag die uns so vertrauten „Landesüblichen Empfänge“ oder das Herz-Jesu Gelöbnis, genauso wie die Besonderheit um die Landschaftliche Pfarre Mariahilf oder die offizielle Landesprozession zu Fronleichnam. Auch hier zeigt sich die wichtige Verbindung von gelebtem Glauben und gelebter Tradition. Die Präambel der Tiroler Landesverfassung bringt dieses Verhältnis auf den Punkt.

Angriffe auf die Traditionsausübung hat es in der Geschichte immer wieder gegeben. Insbesondere die Eingriffe unter Napoleon haben auch die Traditionspflege wie z.B. Fronleichnamsprozessionen direkt angegriffen. Diese Tatsache war ein Mit-Grund für die Aufstände der Tiroler unter Andreas Hofer. 130 Jahre später hat der Nationalsozialismus die freie Traditionspflege untersagt und großteils verunmöglicht.

Interessant ist der Blick auf die Besatzungszeit nach dem 2. Weltkrieg: Der Kommandant der französischen Besatzungstruppen in Tirol, Émile Béthouart, hat den Stellenwert der Traditionspflege in Tirol erkannt und den Traditionsvereinen rasch ihre Freiheiten zurückgegeben. Dadurch hat er sich den besonderen Respekt der Tiroler Bevölkerung erworben.

Das heutige Verhältnis der Politik zur Tradition
Hinter dem „offiziellen Tirol“ stehen naturgemäß immer handelnde Personen und in unserer modernen Demokratie auch Parteien. Diesen Parteien ist der Stellenwert der Tradition in unserem Land durchaus bewusst und grundsätzlich wird heute von allen respektvoll mit den Traditionen des Landes umgegangen. Erwähnenswerte Ausnahmen dazu hat es insbesondere in den 1990er und 2000er Jahren gegeben. Einzelne politische Vertreterinnen und Vertreter zeigten eine sehr klar ablehnende Haltung zu den gelebten Traditionen in unserem Land. So nahmen einige Politikerinnen und Politiker z.B. nach der konstituierenden Sitzung des Innsbrucker Gemeinderates samt Angelobung der Mandatare demonstrativ nicht am anschließenden Landesüblichen Empfang teil. Dies änderte sich allerdings Anfang der 2010er Jahre, sodass heute von Mandatsträgerinnen und Mandatsträgern – zugegebenermaßen mit unterschiedlichem Grad an Enthusiasmus – an Traditionsveranstaltungen teilgenommen wird.

Offensichtlicher wird das Verhältnis der Politik zu Traditionsvereinigungen erst auf den zweiten Blick, wenn etwas an der für alle sichtbaren Oberfläche gekratzt wird. Geht es in den Ausschüssen um die Vergabe von Subventionen oder um konkrete Unterstützungen, schaut die Situation nämlich etwas anders aus und es erwachsen häufig wieder alte Vorbehalte und Vorurteile. So haben z.B. einzelne Gemeinderätinnen und Gemeinderäte einer Unterstützung durch die Stadt Innsbruck für den Pennälertag im Jahr 2013 in Innsbruck nicht zugestimmt und stehen der Unterstützung der Traditionspflege häufig sehr kritisch gegenüber.

Traditionspflege und Folklorismus
Eine völlig andere Gefahr für die ehrliche Traditionspflege geht vom Folklorismus aus. Werden die Traditionen nur noch zur Belustigung oder Unterhaltung von Zuschauern, die sich nicht aktiv an der Traditionspflege beteiligen, aufgeführt, geht der eigentliche Sinn der Traditionen verloren. Die Folge ist eine Verwässerung und völlige Sinnentleerung der oft über Jahrhunderte gewachsenen Tradition. Wenn Traditionsvereine zu Folklorevereinen verkämen, verlören sie ihren eigentlichen Zweck und würden für die Traditionspflege überflüssig. Traditionen sind identitätsstiftend, sie verlieren aber ihren Zweck, wenn sie nur noch zur Schaustellung betrieben werden und erübrigen sich dadurch mit der Zeit. Ein Almabtrieb kann eben nur einmal im Herbst stattfinden und eine Fahnenabordnung ist kein dekoratives Schmuckstück sondern steht für eine klare Symbolik beim richtigen Anlass.

Lebenswirklichkeit der Menschen zeigt sich in der Tradition
Hinter jeder Traditionspflege stehen Menschen. Das Besondere dabei ist, dass dies vollkommen unabhängig von Beruf, Bildungsgrad, Einkommen, sozialer Stellung oder Alter passiert. Die Traditionspflege vereint alle Menschen und ist eine einzigartige zwischenmenschliche Brücke, die verbindet. Insofern ist die Tradition ein altbewährter sozialer Kitt und macht eine Gesellschaft zu einer Gemeinschaft.

Menschen übernehmen in Vereinen Verantwortung für eine Gemeinschaft, egal in welcher Funktion sie sich engagieren. Traditionsvereine und die Gemeinschaftsarbeit, die dort geleistet wird, bilden jedenfalls die Lebenswirklichkeiten der Mitwirkenden ab, schließlich eröffnen sie jedem die Möglichkeit, sich nach seinen Interessen und Fähigkeiten in eine Gemeinschaft einzubringen.

Gelebte Tradition ist ein Zukunftskonzept
Gleich vorweg: Traditionen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Gewisse Traditionen werden in Vergessenheit geraten und neue werden entstehen. Unsere Aufgabe ist es, selbst den Wert der einzelnen Traditionen zu bemessen und zu entscheiden, ob wir diese als Gesellschaft pflegen wollen oder nicht. Für eine Gesellschaft mit Bodenhaftung und einer verwurzelten Identität muss die Traditionspflege aber einen hohen Stellenwert haben. Jeder einzelne muss dazu jedoch bereit sein und persönliche Ressourcen investieren. Und darüber hinaus muss die Politik ein für die Traditionspflege gutes Klima schaffen. In Tirol wird es wohl immer den notwendigen Raum für eine lebendige Traditionspflege geben.

Das Traditionsforum Tirol
Die größten Traditionsverbände in Tirol sind im „Traditionsforum Tirol“ organisiert. Dieses Forum ist einerseits eine Plattform für den inhaltlichen Austausch der Verbände und andererseits werden dabei gemeinsame Auftritte besprochen und koordiniert. Das Traditionsforum Tirol arbeitet in enger Abstimmung mit der Repräsentationsabteilung des Landes. Aktuell sind folgende Verbände Mitglied im Traditionsforum Tirol: Alt-Kaiserjägerclub, Bund der Tiroler Schützenkompanien, Kaiserschützenbund Tirol 1921, Offiziersgesellschaft Tirol, Tiroler Blasmusikverband, Tiroler Kameradschaftsbund, Tiroler Kaiserjägerbund, Tiroler Landesschützenbund, Tiroler Landestrachtenverband, Tiroler Sängerbund, Tiroler Volksmusikverein, Unteroffiziersgesellschaft Tirol, die 6. Jägerbrigade und das Militärkommando Tirol.

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