Student sein, wenn die Hiebe fallen

Autor: Stephan Schaumberger (Corps Athesia)

 

Im Wintersemester 1968/69 immatrikulierte ich an der Leopold-Franzens-Universität. Bis dahin hatte ich mein Leben in einer Kleinstadt verbracht und der Schul-Ort, an dem ich kurz zuvor meine Hochschulreife erlangt hatte, war auch nicht viel größer. Mit der Eisenbahn in der Universitätsstadt angelangt, wurde ich am Hauptbahnhof von Vater und Sohn einer Innsbrucker Familie abgeholt; beide waren Mediziner und gehörten einer örtlichen Studentenverbindung an. Mein Vater hatte alles vorgeplant: ich sollte, wie er selbst, zunächst Corpsstudent und später Arzt werden.

Da ich sonst noch niemanden am Ort kannte, lebte ich mich schnell in die Corpsgemeinschaft ein. In der Folge erschloß sich mir eine völlig neue bunte Welt. Weniger, weil wir Corpsbrüder bei Veranstaltungen Bänder und Mützen in den Farben unserer Verbindung trugen und die Angehörigen vieler anderer studentischen Vereinigungen ebenso, sondern hauptsächlich, weil sich die Korporationen, trotz gemeinsamer Eigenarten, auch wieder deutlich voneinander unterschieden.

Am Mittwoch war für alle farbentragenden Verbindungen Couleurtag. Der übervolle Hörsaal der Anatomie bot ein besonders prächtiges Bild, denn gut ein Drittel aller Hörer trug Couleur. Von den älteren Corpsbrüdern wurde man mit den Farben der anderen Korporationen vertraut gemacht. Je artverwandter diese der eigenen Verbindung waren, desto ausführlicher fielen weitere als wesentlich erachtete Unterweisungen aus.

Später, bei der Burschenprüfung, waren diese Kenntnisse von Belang. Man hatte Namen und Farben der örtlichen schlagenden Verbindungen zu kennen, mußte deren Zirkel malen können und ihr Gründungsjahr wissen, da man der Ansicht war, daß davon Rang, Würde und Bedeutung der einzelnen Korporationen abhinge.

Die übrigen couleurtragenden Verbindungen wurden als katholische Verbindungen bezeichnet und man unterschied sie in solche, die dem CV, dem KV oder dem Unitas-Verband angehörten. Über sie mußte man weniger wissen: von den CVern die Mützenfarben und daß die „Austria“ die älteste sei, von den KVern und den Unitariern nur die Namen. Daß es noch weitere katholische Studentenverbindungen gab, wußten nur ganz besonders versierte Fuchsmajore. Man begnügte sich mit Grundkenntnissen.

Angehörigen anderer schlagender Verbindungen zu begegnen, boten gemeinsame Veranstaltungen erste Gelegenheit. Gegenüber Mitgliedern katholischer Korporationen verhielt man sich diesbezüglich zurückhaltend. Die Möglichkeit, sich im Zuge der Teilnahme an Kursen, Seminaren oder Praktika auf der Universität näher zu kommen, hatte selten mehr als fachlich bezogene Kontakte zur Folge. Kennenlernen durch gemeinsame Bekannte führte noch am ehesten zu freundlichem Umgang miteinander.

Daß man die eigene Verbindung für besser hielt als andere war nichts gänzlich Neues, hatte man ja auch in der Schule beobachten können, welch gute Klassengemeinschaft die eigene war, während man die Parallelklassen als deutlich weniger sympathisch empfand. Bei den schlagenden Korporierten urteilte man vergleichbar, aber mit der Zeit kam man sich doch näher und lernte dadurch den Einen oder Anderen sogar schätzen. Der fehlende Umgang mit Mitgliedern katholischer Verbindungen hielt jedoch die Überzeugung aufrecht, daß sich diese keinesfalls mit den waffenstudentischen Verbindungen messen könnten.

Bei der Entstehung derartiger Beurteilungen spielte das Empfinden von Rivalität keine Rolle, denn daß einmal beim Eintritt ins Berufsleben und später bei Beförderungen die Zugehörigkeit zu einer Verbindung von Bedeutung sein könnte, war nicht nachvollziehbar. Solches kannte man zwar als steten Vorwurf aus den Reihen der Korporationsgegner, aber nicht in der Wirklichkeit.

Daß ein bedeutender Teil der Studenten zur Zeit der Monarchie nicht nur auf karge Stipendien, sondern auch auf einen schmalen Zuverdienst als Nachhilfelehrer, Leiter eines Kirchenchores oder Stenographist im Landtag angewiesen war, weil viele Eltern das Studium, auch nur eines Sohnes ihrer zahlreichen Kinderschar, selbst unter Entbehrungen nicht finanzieren konnten, und daß dann zur Erlangung solcher Tätigkeiten Empfehlungen des Bürgermeisters der Heimatgemeinde, oder noch besser des Herrn Pfarrers, hilfreich gewesen sein konnten, davon hatte man noch nie etwas gehört.

Daß also Gefälligkeiten, von denen man nichts wußte, und Protektionen, die man nicht kannte, Grund für die immer noch bestehende Reserviertheit zwischen katholischem und freisinnigem Lager sein könnten, ist wohl auszuschließen. Und als Ursache die schwierige Zeit nach dem ersten Weltkrieg anzuführen, als politische Lager sich so feindlich gegenüberstanden, daß es zu Ausschreitungen und Exzessen kam, die heute nicht mehr nachvollziehbar sind, ist auch nicht recht überzeugend.

Diese Epoche mag die Großelterngeneration der heutigen Jugend ihr Leben lang tief geprägt haben, aber für deren Enkel scheint es nicht angebracht Ressentiments anzuhängen, die einer selbst nicht erlebten Zeit entstammen und Empfindungen zu tradieren, die einem kollektiven Gedächtnis entspringen mögen. Schlagend oder nichtschlagend war von Anfang an ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal studentischer Verbindungen und ist es bis heute geblieben. Dem jeweils anderen Lager den verdienten Respekt abzusprechen, nur weil es nicht dem eigenen angehört, sollte heute aber niemandem mehr einfallen.

Vor einigen Jahren teilte ein Student aus Bozen und Mitglied der dortigen CV-Verbindung einem Innsbrucker Corps mit, daß er am Dachboden seines Wohnhauses ein altes Trinkhorn gefunden hätte, das sich diesem Corps zuschreiben ließe und das er gerne seinen Alteigentümern wieder zukommen lassen wolle. Das Angebot wurde freudig angenommen.

Zur vereinbarten Übergabe, im Rahmen einer geselligen Zusammenkunft in Südtirol, traf sich der Besitzer des Horns, begleitet von Kommilitonen, mit den Angehörigen des Innsbrucker Corps. Man saß anschließend noch lange gemütlich beieinander, unterhielt sich bestens und kam schließlich überein, sich auch im folgenden Jahr wieder in Südtirol treffen zu wollen. Möge es häufiger zu solch unbelasteten Begegnungen kommen; es muß ja nicht gleich „der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“ daraus werden.

 

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Kleines couleurstudentisches ABCDarium – Von Abbas illustrissimus bis Zutrinken

Autor: Kbr. OStR Prof. Mag. Ekkehard Seissl (AlIn, CIK)

 

„Die Burschensprache oder Studentensprache war eine von zahlreichen lateinischen, französischen und latinisierten Wörtern durchsetzte Standessprache [in der Linguistik Soziolekt genannt], die unter deutschsprachigen Studenten gesprochen wurde und ihre Blütezeit vom 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte. Der Begriff des Burschen ist also auf den Studenten, nicht auf den Jüngling allgemein zu beziehen. [Sie] umfasst das ganze Studentenleben in all seinen Formen und Äußerungen. Ihr vielseitiger und reichhaltiger Wortschatz ist in den großen allgemeinen deutschen Wörterbüchern niemals vollständig erfasst worden, denn dazu ist die Menge ‚burschikoser‘ Wortbildungen zu groß.“ Allerdings gab es schon relativ früh, d.h. im 18. Jahrhundert, eigene studentensprachliche Wörterbücher, darunter eines von Christian Wilhelm Kindleben, dem Autor des „Gaudeamus igitur“ in der heute bekannten Fassung.

Die Wörter der studentischen Standessprache – sie entstammen größtenteils der Zeit von der Mitte des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts – unterliegen ebenso wie studentische Redensarten im Laufe der Zeit auch einem Bedeutungswandel.

Die Blütezeit der deutschen Burschensprache ist das 18. Jahrhundert, als die deutsche Muttersprache das Latein an den Hohen Schulen allmählich verdrängte. Damals bestimmte der Student mit seinem Erscheinungsbild und seinen Sitten nicht nur das Leben in den kleinen Universitätsstädten, seine Sprache und deren Wortschatz beherrschten auch den Verkehr mit den Bürgern. Ebenso stand die Sprache der Pennäler unter dem Einfluss der Hochschule und ihrer Sondersprache. Der deutsche Student trug seine Burschensprache aber auch in seine Heimat, er nahm sie auf seinem weiteren Lebensweg mit. Und weil man als Couleurstudent seiner Korporation normalerweise ein Leben lang verbunden bleibt, begleiten uns Begriffe der couleurstudentischen Sprache bis in unseren Alltag hinein. Wenn man sich unter Bundesbrüdern unterhält und die Rede auf den Verbindungsnachwuchs kommt, weiß man, was gemeint ist, wenn von den „Füchsen“ gesprochen wird.

Ich habe mich in der folgenden Auswahl auf Begriffe beschränkt, wie sie heute noch in unseren Verbindungen verwendet werden, und damit meine ich die des katholischen Lagers. Daher finden sich darin keine, die z.B. bei den Korporationen des national-freiheitlichen Lagers in Gebrauch sind, z.B. im Zusammenhang mit dem Paukkomment. Und es ist eine Auswahl. Das Thema und der damit zusammenhängende Wortschatz sind beinahe unerschöpflich!

 

1.Burschen, Bünde und Verbände – Alles über Verbindungen, Verbände und Mitglieder von Verbindungen

A wie Abbas illustrissimus: Dieser ist eine Figur, die in der zweiten Strophe des bekannten Studentenlieds „Vale universitas“ auftritt.

Ein Aktiver ist ein Mitglied einer Studentenverbindung, das seine Ausbildung noch nicht abgeschlossen hat. Alle Aktiven zusammen bilden die Aktivitas.

Alte Herren sind – unabhängig von ihrem Lebensalter – Mitglieder einer Verbindung, welche die vorgeschriebene Ausbildung, also Matura oder Hochschulabschluss, absolviert haben und durch einen entsprechenden Hoheitsakt in das Philisterium, die Gemeinschaft der Alten Herren, überführt wurden.

Das Wort „Bursch(e)“ leitet sich von Bursarius, dem Bewohner einer Burse, ab. Das lat. bursa (urspr. Tasche, Beutel, Börse) wandelte seine Bedeutung zu gemeinschaftlicher Kasse, davon abgeleitet ist der Ausdruck „die Burse“, der eine Gemeinschaft bezeichnet, die aus einer gemeinsamen Kasse lebt, und des Weiteren „die Burse“, das gemeinschaftliche Wohnheim von Hochschullehrern und ihren Schülern. Die Gesamtheit der Bewohner einer Burse, die Bursanten oder die Bursgesellen (Bursale, auch Bursalis, Burßgesell oder Bursenknecht) wurde auch als „die Bursch“ bezeichnet – und erst allmählich ist dieser Ausdruck auf den einzelnen Bewohner übertragen worden. Im 17. Jahrhundert tritt neuerlich ein Bedeutungswandel ein: Der Bursch ist ein Synonym für Student, eine Bedeutungsverengung im 19. Jahrhundert macht daraus ein Vollmitglied einer Studentenverbindung. In Süddeutschland und Österreich erfuhr der Begriff dagegen eine Weitung und bezeichnet jeden jungen Mann.

Unter Burschensalon versteht man die Gesamtheit der aktiven Burschen einer Korporation.

Carteller: Darunter versteht man ein Mitglied des (Ö)CV.

Die Chargen (von frz. Last, Amt, Aufgabe) sind die Amtsträger in einer Korporation.

Ein Chargierter ist ein in den traditionellen Vollwichs gekleideter Couleurstudent. Er trägt ein Paradecerevis (traditionelle Kopfbedeckung für Chargierte), einen Flaus mit Schärpe in den Verbindungsfarben, weiße Handschuhe mit Stulpen, eine weiße Buchs (Hose), Kanonen (Stiefel) sowie einen Schläger (Paradesäbel mit Korb in den Verbindungsfarben) mit Scheide und Gehänge. Der Vollwichs von katholischen und national-freiheitlichen Verbindungen unterscheidet sich äußerlich kaum, weswegen es immer wieder zu Verwechslungen kommt. Hauptunterschied: Die „Schnitzer“ (Spottname für die Schlagenden) haben manchmal noch einen Schmiss (Narbe nach einer Hiebverletzung).

Conkneipant: Ein Konkneipant (auch Conkneipant, früher auch Kneipschwanz) ist ein Mitglied einer Studentenverbindung, das aus Satzungsgründen kein Vollmitglied sein kann, z. B. weil es kein Student oder Akademiker oder – bei den konfessionell gebundenen Korporationen – konfessionsverschieden ist. Dieser Status dient dazu, besonders interessierte oder verdiente Personen in die Gemeinschaft zu integrieren. Ursprünglich waren Konkneipanten regelmäßige Besucher der Kneipen einer Verbindung, ohne deren Mitglied zu sein.

Bei farbentragenden Verbindungen trägt der Konkneipant meistens kein Band, sondern nur die Mütze, bzw. zusätzlich zu dieser eine Schleife mit den Verbindungsfarben am Revers oder über der Brusttasche. Es gibt auch einige Verbindungen, bei denen er ein Band trägt, oft aber in leicht abgewandelten Farben oder reduzierter Farbenzahl beziehungsweise gekreuzt zu den üblichen Bändern.

Ein Fink (ursprünglich aus dem Niederdeutschen für einen leichtlebigen, leichtsinnigen jungen Mann) ist ein Krassfuchs (von lat. crassus=dick, Vermischung mit niederdeutsch graß=gräßlich). Ursprünglich bezeichnete der Begriff einen jungen Studenten ohne Lebensart, heute versteht man darunter ein probeweise aufgenommenes Neumitglied.

Der Fuchs:  Die Füchse, also der studentische Nachwuchs, sind die Existenzvoraussetzung für jede studentische Korporation. Ohne  Füchse gibt es keine Zukunft, das rechtfertigt zweifellos ein etwas weiteres Ausholen: Noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein bezeichnete Fuchs in der allgemeinen Studentensprache einen Studenten in den ersten Semestern, vollkommen unabhängig von der Zugehörigkeit zu studentischen Zusammenschlüssen. Später wurden die alten, aus dem 18. Jahrhundert überlieferten studentischen Traditionen nur noch in den Studentenverbindungen weitergeführt, und der Ausdruck Fuchs wurde auf die Bedeutung „junges Nachwuchsmitglied von Studentenverbindungen“ eingeengt. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bürgerte sich bei einigen spät gegründeten Verbindungen die Schreibweise „Fux“ ein.

Im Rahmen des seit dem Mittelalter belegten universitären Initiationsrituals der Deposition gab es bereits Konzepte, welche die neu an die Universität kommenden Studenten mit Tieren verglichen. Hier wurden sie als pecus campi (deutsch: „Vieh des Feldes“) bezeichnet und für das Ritual mit Zähnen, Hörnern und Fellen ausstaffiert, die ihnen dann mit überdimensionierten Werkzeugen entfernt wurden. Auf eine spezielle Tierspezies wurde dabei nicht Bezug genommen.

Durch das Ritual und die daraufhin vorgenommene Immatrikulation verlor der junge Student jedoch seine tierische Identität und wurde in die Gesellschaft der Studenten aufgenommen, auch wenn er danach im Rahmen des weitverbreiteten Pennalismus noch weitere Schikanen über sich ergehen lassen musste.

Die Bezeichnung „Fuchs“ ist in frühen studentengeschichtlichen Quellen seit dem 18. Jahrhundert belegt, hier auch in der lateinischen Fassung vulpes (deutsch: „Fuchs“), was eine etymologische Herleitung aus der Bezeichnung für das hundeartige Raubtier Fuchs nahelegt.

In der lateinisch abgefassten Abhandlung Dissertatio de norma actionum studiosorum seu von dem Burschen-Comment, dem 1780 veröffentlichten und damit ältesten bekannten Bericht über spezielle studentische Gebräuche im deutschen Sprachraum, taucht der Begriff vulpes (Fuchs) bereits in zwei Paragraphen auf. Im § XII. werden einige typische Beleidigungen („Injurien“) aufgelistet, mit denen Studenten bezeichnet wurden, die sich nach damaliger Auffassung nicht angemessen benahmen. Diese Listen waren für das damalige Duellwesen und die benötigte Klassifizierung von Ehrverletzungen wichtig.

Als vulpes wird hier ein Student bezeichnet, der sich allzu ängstlich und übervorsichtig aufführt, was ihn damals offensichtlich dem Gespött seiner Kommilitonen aussetzte. Dazu wird auch erläutert, dass für neuangekommene Studenten diese Bezeichnung ebenfalls üblich sei, was in diesem Fall jedoch keine Ehrverletzung darstelle, vermutlich, weil ein solches Verhalten für neue Studenten eher typisch sei und man von ihnen ein studentisches Benehmen noch nicht erwarten könne. Im § XIX. wird der Unterschied zwischen dem altgedienten Studenten (burschus, veteranus) und dem neu auf die Universität gekommenen (novitius) erläutert. Hier wird der Neuangekommene bei seiner Einführung öffentlich zum vulpes erklärt.“

Unter Fuchsenstall versteht man die Gesamtheit der Füchse einer Verbindung. Ihm steht der Fuchsmajor vor.

Keilen nennt man die Anwerbung von Neumitgliedern. Zeigt jemand Interesse an der Verbindung, ist er Spefuchs (von lat. spes=Hoffnung)

Der Leibbursch ist jenes geburschte Mitglied einer Korporation, das sich ein Neofuchs quasi als Paten erwählt, um ihn in das Verbindungsleben einzuführen.

Der Leibfuchs ist jener Bundesbruder, der bei seiner Rezeption einen Leibburschen gewählt hat. Die Beziehung zwischen Leibbursch und Leibfuchs ist normalerweise besonders eng und persönlich.

Der Magister krambambuli, der Meister des gleichnamigen Getränks, bereitet dieses für die Krambambulikneipe zu. Es handelt sich dabei um einen Punsch aus Wein, Orangen- und Zitronensaft, Gewürzen und Zucker.

Der MKV ist der Mittelschüler-Kartellverband, also der Dachverband der katholischen Mittelschulverbindungen in Österreich. Er umfasst derzeit 160 Verbindungen mit ca. 20.000 Mitgliedern.

Ein Neobursch/-fuchs ist ein gerade geburschter Brandfuchs bzw. ein gerade rezipierter Krassfuchs.

Der ÖCV ist der Dachverband der katholischen Hochschulkorporationen in Österreich. Er umfasst derzeit 50 Verbindungen mit ca. 12.000 Mitgliedern.

Philister ist ein Synonym für Alter Herr.

TMV: Die Abkürzung steht für Tiroler Mittelschülerverband. Dieser wurde 1926 unter starker Beteiligung der Cimbria Kufstein gegründet. Er umfasst derzeit 19 Verbindungen in Nord-, Ost- und Südtirol.

Verbindung meint in diesem Zusammenhang eine studentische Korporation.

 

2.Bier, Stoff und andere Flüssigkeiten – Das Zentrum des couleurstudentischen Universums

Achs“: Wenn das Präsidium z.B. mit den Worten „Einen gewaltigen Streifen auf die Corona!“ zum kommentmäßigen Trinken auffordert und einer der Bundesbrüder mangels Stoff nicht mitziehen kann, entschuldigt er sich mit „Stoff auf der Achs“ und hält (sofern er Rechtshänder ist) seinen leeren Bierkrieg an die linke Schulter. Der Begriff „Achs“ geht, wie ich annehme, auf die „Achsel“ zurück.

B wie Bier und damit zusammengesetzte (z.B. Bierfuchs, Bierfamilie) bzw. davon abgeleitete Begriffe: Um den couleurstudentischen Stoff schlechthin dreht sich buchstäblich das couleurstudentische Universum! „Tres faciunt collegium! Der Biercomment tritt in Kraft, wenn drei bierehrliche Seelen, darunter zumindest ein Bursch, versammelt sind. Bierehrlich ist ein Couleurstudent, wenn er Stoff trinkt und ihm die Bierehre nicht entzogen wurde.“ So steht es im Comment der KÖStV Badenia Baden.

Demnach gibt es eben die Bierehre bzw. ,bei deren Verlust, den Bierverschiss, aus dem der Bierschisser wegen ungebührlichen Verhaltens „herausgepaukt“ werden muss, um wieder an der Kneipe teilnehmen zu dürfen. Dieses Herauspauken ist wahrscheinlich, ebenso wie das Bierduell, das stets mit größtmöglicher Ernsthaftigkeit zum Gaudium der Corona durchgeführt wird, eine Parodie auf entsprechende Bräuche bei den Schlagenden.

Ein Bierschwefel ist ein kleiner Vortrag in Prosa oder Versform, bei dem jemand oder etwas humorvoll „auf die Schaufel“ genommen wird. So vorhanden, werden diese Texte in der Bierpille gesammelt. Das Wort Bierschwefel dürfte nichts mit dem chemischen Element zu tun haben, sondern eher mit „schwafeln“ etymologisch verwandt sein. Sigmund Freud schrieb über den Bierschwefel in seiner Studie „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten“: „Mit dem heiteren Unsinn des Bierschwefels versucht der Student, sich die Lust aus der Freiheit des Denkens zu retten, die ihm durch die Schulung des Kollegs immer mehr verlorengeht. […] »Bierschwefel« und »Kneipzeitung« legen in ihrem Namen Zeugnis dafür ab, daß die Kritik, welche die Lust am Unsinn verdrängt hat, bereits so stark geworden ist, daß sie ohne toxische Hilfsmittel auch nicht zeitweilig beiseite geschoben werden kann.“

Eine Biertonne ähnelt einer Kippa, wobei der Rand die Verbindungsfarben und der „Deckel“ den Zirkel aufweist. Sie wird von Alten Herren bei internen Veranstaltungen alternativ zum Couleur getragen.

Ein Bierzipf schließlich ist ein Anhänger in den Verbindungsfarben, der meistens dem Leibfuchs von seinem Leibburschen dediziert wird.

Auch die „Blume“ beginnt mit B und meint den Schaum eines frisch eingeschenkten Glases Bier. Das Präsidium bringt der Corona die Blume, es trinkt das Bier an.

E wie Ehrenrest: Das ist die verbliebene Menge Bier am Ende einer Kneipe. Das Präsidium widmet der Corona seinen Ehrenrest.

ex trinken bedeutet, dass das Glas oder der Krug auf einmal vollständig ausgetrunken wird.

F wie Fiducit: Der Begriff kommt von lat. Fiducia sit! (Die Treue möge währen!) und wird bei verschiedenen Gelegenheiten als Trinkspruch verwendet, z.B. wenn das Präsidium einen Streifen gezogen hat und ein Kneipteilnehmer nachzieht.

Kanne: Jedes an Semestern ältere Verbindungsmitglied kann eine semesterjüngere Bierseele in die Kanne schicken. Gleiche Semester können einander nur stärken lassen, wenn sie selbst mit dem gleichen Quantum mitziehen. Wer in die Kanne geschickt wird, hat sofort aufzustehen und entweder das diktierte Quantum oder solange zu trinken, bis der Verdonnernde „satis” oder „geschenkt” sagt.“ (Aus dem Comment der KÖStV Badenia Baden).

Ein Quantum ist jene Menge Stoff, die derjenige, der aufgrund eines Fehlverhaltens aufgefordert wird, sich zu stärken/in die Kanne zu steigen, zu trinken hat, meistens einen „breiten Streifen“ oder bis der Aufforderer „satis“ sagt.

Der Streifen ist ein bestimmtes Quantum Stoff, ungefähr zwei Finger breit, ein gewaltiger Streifen entsprechend mehr.

Zutrinken: Man kann einen Bundesbruder ehren, indem man ihm zutrinkt. Das geschieht häufig auf großen Kommersen, hier trinken die Chargierten ihren Bundesbrüdern zu und umgekehrt. Auch das Präsidium trinkt der Corona zu.

 

3.Lieder, Kneipen und Kommerse – Die Spezialität des Studiosus: Feiern, Trinken und Singen

Ad primam, secundam … ultimam: Mit diesen Worten leitet das Präsidium das Absingen der ersten, zweiten … und letzten Strophe eines Liedes ein.

Das … Allgemeine ist ein Lied, das von der Corona im Offizium gesungen wird.

Die Burschenstrophe wird von den geburschten Mitgliedern einer Korporation im letzten Teil des Offiziums gesungen.

C wie Cantus: Ein Cantus ist ein Studentenlied. Meine „Lahrer Bibel“, so genannt nach dem Sitz des Druck- und Verlagshauses von Moritz Schauenburg in Lahr im Schwarzwald, das „Allgemeine Deutsche Kommersbuch“, 101. – 110. Auflage 1914, enthält auf 749 Seiten 821 Lieder, die thematisch geordnet sind. Auf die „Vaterlands- und Heimatlieder“ folgen „Festgesänge und Gesellschaftslieder“, „Jugend und Erinnerung“, „Liebe, Wein & Wandern“, „Kneipe“, „Volkslieder“, „Allerhand Humor“. Es handelt sich dabei meines Wissens um den umfangreichsten Cantusprügel.

Wenn ein Cantus angestimmt werden soll, kündigt ihn das Präsidium mit den Worten: „Als nächstes Allgemeines erklinge der immer schöne Cantus ‚…‘! Bundesbruder XY intonas!“ an. Der Angesprochene erhebt sich, nimmt das Couleur ab und fragt: „Cantus paratus?“ Die Corona antwortet „Est!“ und der Bundesbruder stimmt den Cantus an.

Colloquium nennt man die Pausen im Verlauf des Offiziums einer Kneipe, in denen man sich an der Kneiptafel unterhalten kann.

Commercium festivum ist die lateinische Übersetzung für Festkommers.

Die Corona (lat. für Kranz oder Ring) ist der Kreis der an einer Festtafel versammelten Mitglieder einer Verbindung sowie der anwesenden (C)Kartell- oder Farbenbrüder, Gäste und Damen.

Die Fidulitas ist der letzte Teil der Kneipe und steht für ein ungezwungenes Beisammensein ohne feste Regeln.

Die Fuchsenkneipe verkehrt die üblichen Verhältnisse und bietet den Fuchsen Gelegenheit, erste Erfahrungen in der Führung einer Kneipe zu sammeln. Die Rolle des Bierfuchsen fällt dabei den Burschen zu.

Die Fuchsenstrophe wird im letzten Allgemeinen gesungen, von den Füchsen üblicherweise „in der ersten Etage“, das heißt, auf einem Stuhl stehend. Ehemalige Fuchsmajore singen mit. Die Corona beendet die Strophe mit einem „Heil Fuchsia!“.

G wie „Gaudeamus igitur“: Gaudeamus igitur (lateinisch für „Lasst uns also fröhlich sein!“), auch bekannt unter dem Titel De brevitate vitae (lat. für „Über die Kürze des Lebens“), ist ein Studentenlied mit lateinischem Text und gilt als das berühmteste traditionelle Studentenlied der Welt. Es ist in vielen Ländern Europas, in der angelsächsischen Welt sowie in Teilen Asiens und Lateinamerikas bekannt. Öfter gibt es Übersetzungen in die jeweiligen Landessprachen. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es auch verschiedene deutschsprachige Versionen.

Die ersten Textspuren dieses Liedes finden sich im Mittelalter. In den nächsten Jahrhunderten tauchen weitere Hinweise auf dieses Lied in der Literatur auf, die vermuten lassen, dass zumindest Textpassagen über einen langen Zeitraum hinweg in der mündlichen Überlieferung weitergetragen worden sein müssen. Literarisch von Christian Wilhelm Kindleben bearbeitet, erscheint der Text im ersten gedruckten studentischen Liederbuch von 1781 und wird im 19. Jahrhundert zu einem prominenten Bestandteil studentischer Liederbücher im deutschen Sprachraum, aber auch in anderen Ländern.

Die Melodie erscheint 1788 erstmals im Druck und wird seitdem fest mit dem Text Gaudeamus igitur verknüpft. Text und Melodie bilden heute eine Einheit und erfreuen sich in vielen Ländern der Welt hoher Wertschätzung in akademischen Kreisen.

Als Johannes Brahms 1879 die Ehrendoktorwürde der Universität Breslau verliehen wurde, bedankte er sich mit der Akademischen Festouvertüre, in deren hymnischem Schluss er das Gaudeamus igitur im großen Orchester erklingen lässt.

Der Titel des Liedes De brevitate vitae ist seit der Antike bekannt als Titel einer philosophischen Abhandlung des römischen Schriftstellers Lucius Annaeus Seneca (4 v. Chr. – 65 n. Chr.), welcher der philosophischen Schule der Stoa anhing. In seinem Traktat „Über die Kürze des Lebens“ vermittelte Seneca, dass das Leben nur denjenigen Menschen zu kurz erscheint, die ihre Lebensspanne nicht sinnvoll nutzen, sondern ihre Zeit verschwenden. Da zur universitären Ausbildung in der Neuzeit auch die intensive Auseinandersetzung mit antikem Schrifttum gehörte, ist anzunehmen, dass diese Schrift Senecas den damaligen Studenten bekannt war.

Die ältesten Belege für einzelne Passagen des Liedtextes finden sich in einem einstimmigen Conductus mit dem Titel Scribere proposui („Ich habe mir vorgenommen zu schreiben“), der in einem Manuskript aus dem Jahre 1267 in der Bibliothèque Nationale in Paris erhalten ist. Dieses Manuskript wurde vermutlich in England geschrieben und enthält mehrere französische Texte sowie einige Blätter mit Liedern, wohl englische Kompositionen. Scribere proposui bietet in den Strophen II und III enge textliche Parallelen zu den Strophen II und IV von Kindlebens Fassung, aber die Formulierung Gaudeamus igitur erscheint noch nicht. Auch der Bau der Strophe ist verschieden, und die im Manuskript wiedergegebene Melodie weist mit der heute gesungenen keine Ähnlichkeit auf. […]

Die älteste Version des lateinisch geschriebenen Textes, welche der heutigen zumindest ähnlich ist, steht in einem handschriftlichen Studentengesangbuch, das zwischen 1723 und 1750 geschrieben wurde. Das Buch befindet sich heute in der Staatsbibliothek zu Berlin (früher Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, davor Westdeutsche Bibliothek Marburg). Nach Raimund Lang besteht die Melodie seit 1736.

In der Lateinisch abgefassten Abhandlung Dissertatio de norma actionum studiosorum seu von dem Burschen-Comment, dem 1780 veröffentlichten und damit ältesten bekannten Bericht über spezielle studentische Gebräuche im deutschen Sprachraum, gibt es einen deutlichen Hinweis auf das Lied. Hier steht in der Einleitung:

„Dum relinquimus academias, relinquimus quoque iura nostra. „Hic Rhodus, hic saltandum!“ „Gaudeamus itaque, Burschii dum sumus!“ Utamur nostris iuribus, praerogativis, immunitatibus!“ […]

Die heute gebräuchlichste lateinische Fassung des Gaudeamus igitur steht zusammen mit einer Nachdichtung in deutscher Sprache in Christian Wilhelm Kindlebens Buch Studentenlieder, erschienen in Halle (Saale) im Jahre 1781.

Kindleben hatte in Halle Theologie studiert und führte danach ein unstetes Literatenleben mit wechselnden Anstellungen in verschiedenen Städten. Mit seinen literarischen Publikationen machte er sich teilweise unbeliebt. Seine Lebensweise galt als für einen Theologen zu anstößig.

Offensichtlich war das mündlich tradierte studentische Liedgut im 18. Jahrhundert noch von burlesken bis obszönen Inhalten geprägt, die Kindleben dazu veranlasst haben, den Text für eine Veröffentlichung im Druck anzupassen und von allen anstößigen Passagen zu bereinigen. Er schrieb speziell zu Gaudeamus igitur in seinem Liederbuch:

„Ich habe mich genöthigt gesehen, dieses alte Burschenlied umzuschmelzen, weil die Poesie, wie in den meisten Liedern dieser Art, sehr schlecht war; indeß hat es doch ziemlich sein antikes Ansehen behalten, obgleich einige Verse ganz weggelassen sind, wodurch der Wohlstand beleidigt wurde, und welche nach den akademischen Gesetzen nicht öffentlich abgesungen werden dürfen.“

Er versuchte damit, einer erwarteten Zensur zuvorzukommen, hatte aber offensichtlich die Empörung unterschätzt, die er mit der Veröffentlichung des damals gesellschaftlich verpönten studentischen Liedguts auslöste. Zudem publizierte Kindleben gleichzeitig auch noch sein Studentenlexicon, das sich mit der Erläuterung der zeitgenössischen Studentensprache befasste.

Mit diesen beiden Veröffentlichungen seiner Studentenlieder und seines Studentenlexicons, die er bei einem Aufenthalt in seiner alten Universitätsstadt Halle herausgab, überforderte er offensichtlich die Toleranz seiner Zeitgenossen. Der Prorektor der Universität Halle ließ ihn aus der Stadt ausweisen und die Auflage der beiden Werke beschlagnahmen. Heute sind nur noch wenige Exemplare im Original erhalten.

Die heute gesungene Melodie von Gaudeamus igitur erschien im Jahre 1788 zum ersten Mal im Druck, und zwar in dem Buch Lieder für Freunde der geselligen Freude, herausgegeben in Leipzig. Hier begleitet die Melodie allerdings den deutschen Text Brüder lasst uns lustig sein. Die Melodie wurde dann analog auf den lateinischen Text übertragen. Musik und lateinischer Text bildeten in der Folgezeit eine unlösbare Einheit, so dass der Melodie seitdem die gleiche Bedeutung wie dem Text beigemessen wird.

Später gab es zahlreiche Bearbeitungen und Modernisierungen des Liedes, die sich – vermutlich aufgrund ihrer aktuellen Zeitbezüge – nicht langfristig durchsetzen konnten und in Vergessenheit gerieten. Der lateinische Text von Kindleben beruhte auf einer jahrhundertelangen mündlichen Überlieferung und war deshalb zeitloser. Er wurde mit nur geringfügigen Änderungen im 19. Jahrhundert in die neu entstehenden Kommersbücher übernommen, die nun als Liederbücher auf der studentischen Kneipe verwendet wurden. So im Tübinger Commersbuch von 1813, im Neuen Allgemeinen Commersbuch von Halle aus dem Jahre 1816 und im Berliner Commersbuch von 1817. […]

Nach 1848 wandelte sich die Auffassung des Liedes rasch. Es wurde nicht nur zum festen Bestandteil des Liederkanons deutscher Studenten (Allgemeines Deutsches Kommersbuch), sondern erfreute sich aufgrund seines Alters auch einer außerordentlichen Wertschätzung. In der zweiten Hälfte des Jahrhunderts etablierte sich die traditionelle studentische Kultur des deutschsprachigen Raums zu einem wichtigen staatstragenden Element. Das Lied Gaudeamus igitur wurde zu einer akademischen Hymne, die zunehmend bei offiziellen akademischen Feiern gesungen oder vorgetragen wurde. […]

Das Lied wird heute vor allem von Studentenverbindungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sowie in den meisten östlichen und westlichen Nachbarländern gesungen. An der Katholischen Universität Löwen in Belgien ist das Lied offizieller Programmpunkt bei der Eröffnung des Akademischen Jahres, wo es in Gegenwart des Rektors gesungen wird.

Incipit! ist lateinisch für „Es möge beginnen“. Mit diesen Worten eröffnet das Präsidium eine Kneipe oder einen Kommers, z.B. „Antrittskneipe zum WS 2018/19 e.v. KÖStV XY incipit! Es steige das erste Allgemeine, der Hochgesang studentischer Lebensfreude, das ‚Gaudeamus igitur‘! Zur Ersten …“ usw.

Das Inofficium ist der zweite Teil der Kneipe. Es wird von einem zuvor von den Chargen des Officiums bestimmten Präsidium geleitet, ist weniger streng und dient hauptsächlich der Unterhaltung der Corona. Dazu werden bestimmte Trinkcomments durchgeführt, lustige Lieder gesungen und Bierschwefel vorgetragen.

Intonas! ist die Aufforderung des Präsidiums an einen Bundesbruder, einen Cantus anzustimmen.

Die Kneipe: Auf Kneipen werden – dem Comment folgend und üblicherweise mit dem Konsum von Bier verbunden – Studentenlieder gesungen und verbindungsrelevante Riten (Rezeption, Branderung, Burschung, Philistrierung, Ehrungen) abgehalten, oft ergänzt durch Reden. Die Mitglieder farbentragender Studentenverbindungen tragen dazu ihr Couleur. Bei offiziellen Kneipen sind neben den aktiven Mitgliedern auch Alte Herren (ehemalige Studenten der Verbindungen) der ausrichtenden Korporation anwesend. Meist werden zudem Mitglieder befreundeter Verbindungen und gegebenenfalls nichtkorporierte Gäste eingeladen, um gemeinsam zu feiern. Aus heutiger Sicht sind studentische Kneipen im Vergleich zu später entstandenen Formen studentischer Veranstaltungen in Ablauf, Stimmung und Kleidung recht formell.

Heute ist praktisch jede offiziell veranstaltete Kneipe einer Studentenverbindung eine vergleichsweise förmliche Abendveranstaltung, die meistens in einem Korporationshaus in einem dafür vorgesehenen Raum oder Saal abgehalten wird. Wenn die Teilnehmer keine speziell studentische Traditionskleidung („Vollwichs“, „Kneipjacke“, „Pekesche“, „Bergkittel“ etc.) tragen, wird ein dunkler Anzug mit Krawatte als dem Anlass angemessen betrachtet. Die Teilnehmer sitzen an zusammengestellten Tischen und trinken Bier – meistens bei Kerzenlicht. Bei Männerbünden findet die Kneipe meist als reine Herrenveranstaltung, bei Damenverbindungen meist als reine Damenveranstaltung und bei gemischten Studentenverbindungen im Beisein von Damen und Herren statt, wobei dies aber nicht automatisch Lebens- bzw. Ehepartner einschließt.

Bei den Katholisch-Österreichischen Studentenverbindungen sind bei Kneipen Damen und Gäste in der Regel willkommen, ausgenommen interne Veranstaltungen wie Trauerkneipe oder Landesvater.

Bei den meisten Verbindungen wird – oft mit viel Aufwand – ein Gästebuch geführt, in das sich alle Teilnehmer der Veranstaltungen eintragen.

Kneipen werden „geleitet“, das heißt, es gibt ein Präsidium, das in der Regel aus den drei Chargierten der veranstaltenden Verbindung besteht. Die eigentliche Leitungsfunktion wird aber nur vom ersten Chargierten ausgeübt. Er steht von Zeit zu Zeit auf und gebietet „Silentium“ (lat. „Ruhe“), woraufhin alle Beteiligten ihr Gespräch („Colloquium“) unterbrechen. Diese Gesprächspause nutzt der Leitende, um Studentenlieder singen, Gäste zu begrüßen und Reden halten zu lassen. Auch sprachlich pflegen insbesondere die katholischen Korporationen einige Besonderheiten. So wird viel Latein und insbesondere viel Pseudolatein gesprochen. („Ad hymnam“ als Aufforderung die Hymne zu singen, „Ad stropham“ für die nächste Strophe des Liedes, oder auch „Ein Schmollis omnibus cantoribus musicoque“). Historisch entstand dies als Verballhornung der als zu gestelzt wahrgenommenen Sitten der alteingesessenen schlagenden Verbindungen. Mit der Zeit wandelte sich diese Einstellung aber, so dass diese speziellen und typischen Begriffe mit der Zeit ins allgemeine Brauchtum übergingen, das heute häufig weit aufwändiger ist als das der älteren Verbindungstypen.

Bei katholischen Verbindungen in Österreich gibt es keine Unterscheidung in Hochoffiz und Offiz; es wird nur ein Officium abgehalten, dem wahlweise noch ein Inofficium folgen kann. Kneipen (außer Trauerkneipe und Landesvater) werden einheitlich mit dem Lied Gaudeamus igitur („Erstes Allgemeines“) eröffnet und mit Wenn wir durch die Straßen ziehen („Letztes Allgemeines“) geschlossen. In Letzterem eingebunden sind die Farbenstrophen der Verbindungen zur selben Melodie, oder, zusammenfassend, die Hymnen der Dachverbände. Die katholischen Verbindungen Deutschlands haben keine oder andere Konventionen bei der Liedwahl.

Kneipen von Korporationen verschiedener Dachverbände unterscheiden sich für Außenstehende nicht wesentlich; die jeweils Beteiligten nehmen zahlreiche größere oder kleinere Unterschiede wahr.

Ein Kommers ist eine besonders feierliche Variante der Kneipe, die gern bei Stiftungsfesten oder anderen wichtigen Ereignissen wie Universitätsjubiläen veranstaltet wird. Kommerse können über 200 Teilnehmer haben. Meist hält ein prominenter Redner eine Festrede. Einen inoffiziellen Teil gibt es nicht. Es ist durchaus üblich, einen Kommers anlässlich eines großen Stiftungsfestes, das alle fünf Jahre abgehalten wird, mit einem feierlichen Landesvater zu beenden.

Kontrarien: „Die Gewalt der Kontrarien (Kontraspitzen) ist auf den vom Präsidium zu Beginn der Veranstaltung bestimmten Raum beschränkt. Die Kontrarien können nur für ihren Machtbereich Befehle geben, insofern der allgemeine Kneipablauf dadurch nicht gestört wird. Die Kontrarien haben neben den Rechten auch die Pflicht, gegen commentwidriges und störendes Verhalten einzuschreiten und das Präsidium nach Kräften zu unterstützen. Wird das Silentium nicht eingehalten, so soll das Kontrarium in seinem Bierbezirk ohne viel Aufsehen für Ruhe sorgen. Die Gewalt des Fuchsmajors, der stets eines der Kontrarien führt, erstreckt sich über alle im Lokal anwesenden Füchse.“ (aus dem Comment der KÖStV Badenia Baden)

Landesvater und Landesvater-Kneipe: Der feierliche Landesvater ist ein seit dem 18. Jahrhundert gepflegter studentischer Brauch, bei dem Studentenmützen mit der Klinge eines Degens oder Schlägers durchbohrt werden. Schon im 17. und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts pflegten Studenten zum Zeichen der Liebe zu einem Mädchen ihre Hüte zu durchstechen. In den folgenden Jahren erfuhr dieser Brauch einen Bedeutungswandel – das Durchstechen des Hutes diente nun als symbolische Handlung, die den Abschluss einer Freundschaft zwischen zwei Studenten und den Übergang zum brüderlichen „Du“ begleitete. In einem nächsten Schritt wurde die Freundschaft auf eine ganze Gemeinschaft übertragen. Die unter dem Einfluss der Freimaurerei ab 1770 entstehenden Studentenorden schufen die nötigen Voraussetzungen. Das Wort „Weihedegen“ scheint nach Conrad von diesem Ursprung zu zeugen, denn Degen oder Schwert spielen im Aufnahmeritual der Freimaurer traditionell eine große Rolle. In einem dritten Schritt wurde während der nun zur Zeremonie gewordenen Handlung ein Hoch auf den Landesherrn ausgebracht (daher die Bezeichnung „Landesvater“). Dies konnte der jeweilige Fürst, aber auch der Kaiser sein. In einem Text des Jahres 1782 heißt es dann auch: Josephs Söhne! / Laut ertöne / Unser Vaterlandsgesang!“ Mit dem Hoch auf den Kaiser wurde ein Hoch auf das Vaterland verbunden. [Wir singen: Öst’rreichs Söhne! Laut ertöne Euer Vaterlandsgesang!]

Bei den frühen Landsmannschaften war es üblich, zu Ehren des jeweiligen Herkunftslandes einen „Landesvater zu stechen“. Da es generell üblich war, die eigene landsmannschaftliche Verbindung mit der Heimatregion (Preußen, Mark Brandenburg, Westfalen) gleichzusetzen, entwickelte sich der Landesvater zur feierlichen Bekräftigung der Verbundenheit eines Studenten mit seinen Bundes- und Corpsbrüdern. Er wird heute in vielen Verbindungen als eine Erneuerung oder Auffrischung des Burscheneids gesehen. Da der Landesvater immer paarweise gestochen wird, wird damit auch eine persönliche Freundschaft der beiden Beteiligten zum Ausdruck gebracht.“

Als Officium bezeichnet man den ersten formellen Teil der Kneipe.

Das Präsidium bedeutet Vorsitz und leitet eine Kneipe.

Trinklieder werden speziell bei den Kneipen gesungen, z.B. „Grad aus dem Wirtshaus“, „Ҫa ça geschmauset“, „Ihr Brüder, wenn ich nicht mehr trinke“ usw.

 

4.Comment, Rituale und Ulk – Das Herzstück des Couleurstudententums

Interessant ist die sogenannte Branderung, durch die ein Krassfuchs zum Brandfuchsen erhoben wird. Dabei wird der Brandfuchs mit Fidibussen (angesengten Korken) im Gesicht schwarz beschmiert. Der Brauch dürfte ziemlich alt sein und auf einen Initiationsritus (Deposition) für neu an eine Universität gekommene Studenten zurückgehen. Er hat sich bis heute – wiewohl verboten – unter der Bezeichnung Bizutage an französischen Universitäten erhalten.

Der Comment (von frz. „wie“, auch mit K geschrieben) ist der Sammelbegriff, nachweisbar seit ca. 1770, für spezifisch studentische Bräuche, Regeln und Verhaltensweisen.

cum tempore/c. t. bzw. sine tempore/s. t. mit einer Zeitangabe bedeutet, dass die Veranstaltung mit dem Akademischen Viertel (15 Minuten) oder pünktlich beginnt. Cum fem. steht für lat. cum feminibus, d. h., auch Damen dürfen an der Veranstaltung teilnehmen.

Der Begriff Couleur und damit zusammengesetzte bzw. davon abgeleitete Begriffe: „Couleur“ ist Französisch, bedeutet Farbe und meint zunächst die Farbe des „Deckels“ bzw. die Farben des Burschenbandes, die auch auf dem Deckel vorzufinden sind. Couleurartikel, Couleurausflug („Bierdorf“), Couleurbummel, also ein Spaziergang in vollen Farben und womöglich mit „Bummler“ (Spazierstock mit Bandknopf), Couleurkarte, Couleurname (auch Kneipname), Couleurstudent … sind Beispiele für Zusammensetzungen.

D wie Dechargierung: Ein Amtsträger wird nach Ablauf seiner Funktionsperiode auf einem entsprechenden Convent (Versammlung) aus seinem Amt entlassen (dechargiert).

Ein Deckel ist ein Couleur, s.o.

Dimissio: ist die Entlassung eines Mitglieds aus einer Verbindung. Sie kann in den verschiedenen Arten a. t. (ad tempus = auf Zeit), i. p. (in perpetuum = auf Dauer) und i. p. cum infamia (mit Schande) erfolgen.

Der Doctor cerevisiae (Doktor des Bieres) ist die höchste Auszeichnung, die an einen Bundesbruder vergeben werden kann. Die Verleihung erfolgt in Form einer feierlichen Doktor-Promotion, der Ausgezeichnete trägt ab diesem Zeitpunkt bei feierlichen Anlässen ein Ehrenband und ein Doktor-Cerevis.

Der Fuchsenritt leitet die Rezeption ein. Dabei „reiten“ die Füchse, angeführt vom Fuchsmajor auf Stühlen zum Präsidium. Dazu wird das Lied „Was kommt dort von der Höh‘“ gesungen.

H wie Habeas! (lat. für: Du mögest haben!): Ein Kneipteilnehmer, der sein Wort an die Allgemeinheit richten möchte, kann direkt beim Präsidium („Hohes Präsid! Peto verbum pro me!“) oder über ein Contrarium („Hohes Präsid! Peto verbum pro Bundesbruder … „) darum ersuchen. Das Präsid erteilt ihm dann das Wort mit „Habeat!“

Der Geburstagscomment ist eine Art Trinkspiel, bei dem die in einem bestimmten Monat geborenen aufstehen und ihr Glas ex trinken.

J wie Jena: In dieser thüringischen Stadt, im Gasthaus „Grüne Tanne“, einem Ort mit einer besonderen Aura, die jeder Couleurstudent am eigen Leib erleben sollte, wurde 1815 die Jenaer Urburschenschaft gegründet. Ihre Farben schwarz-rot-gold sind seit 1945 wieder die Nationalfarben der Bundesrepublik Deutschland.

Ein Jubelband wird zu einem Verbindungsjubiläum verliehen, z.B. für 50 oder 100 Semester Mitgliedschaft in einer Korporation.

Ein Jubelsemester ist ein Semester mit einer runden Zahl, z.B. 100 oder 200, in dem auch das entsprechende Jubelstiftungsfest gefeiert wird.

Unter Kiste versteht man das Klavier, mit dem der Kistenschinder einen Cantus einleitet bzw. begleitet. Er tut das nach der Aufforderung durch das Präsid: „Kiste einige Takte voraus!“

Der Kneipname ist der bei der Rezeption gewählte Vulgo-Name. Mit diesen Kneipnamen sprechen sich Couleurstudenten bei Veranstaltungen an. Sie stammen aus einer Zeit, in der Verbindungen verboten waren und boten daher den Mitgliedern einen gewissen Schutz. Oft werden Namen aus der germanischen, griechischen oder römischen Mythologie gewählt, oft sind es Spitznamen oder Juxnamen.

„Krambambuli“ ist nicht nur eine Erzählung von Marie von Ebner-Eschenbach (1883) in deren Mittelpunkt der gleichnamige Hund steht, den Jäger Hopp von einem Landstreicher gegen zwölf Flaschen Krambambuli eintauscht, sondern auch der Titel eines preisgekrönten deutschen Films (1998), ein Studentenlied und vor allem für Couleurstudenten ein Kultgetränk, das alljährlich bei der Krambambuli-Kneipe Anfang Dezember vom Magister Krambambuli zubereitet und von erwartungsvollen Corona verkostet wird.

Der Pappenheimer-Comment ist ein Trinkcomment. Er ist nach Gottfried Heinrich Graf zu Pappenheim benannt, einem General des 30jährigen Kriegs.

Patria ist Lateinisch und bedeutet Vaterland und die besondere Beziehung und Verantwortung eines Couleurstudenten zu bzw. für seine Heimat und sein Vaterland. Es ist eines der vier Prinzipien der katholischen Couleurstudenten, war aber bereits eines der Prinzipien der Jenaer Urburschenschaft von 1815 (Ehre, Freiheit, Vaterland!)

Der Pennälertag ist die jährliche Generalversammlung der MKV-Verbindungen zu Pfingsten. Er findet abwechselnd in einem anderen Bundesland statt.

plen. col. ist die lateinische Abkürzung für plenis coloribus und bedeutet, dass eine Veranstaltung „in vollen Farben“, also mit Band und Mütze zu besuchen ist.

Religio ist Lateinisch und steht für das wichtigste Prinzip der katholischen Verbindungen, das Bekenntnis zur (katholischen) Religion, wichtig deshalb, weil es sie von allen anderen Korporationsformen unterscheidet. Folgerichtig heißt es im Bundeslied des ÖCV daher „Auf des Glaubens Felsengrunde stehe Du, Cartellverband“.

Rezeption nennt man die feierliche Aufnahme eines Spefuchsen in die Korporation.

Der Salamander: Der Salamander ist eine bei Studentenverbindungen übliche, besonders feierliche Form des Zutrinkens als Teil der akademischen Trinkkultur. Fixer Bestandteil ist das Reiben der Gläser auf dem Tisch vor und/oder nach dem gemeinsamen Trinken. Praktiziert wird dieses Ritual vor allem auf Kneipen und Kommersen, wenn die Alten Herren, die Vertreter befreundeter Verbindungen oder Ehrengäste begrüßt werden. Im Rahmen eines Stiftungsfestes kann ein Salamander auch zur Ehre der eigenen Verbindung gerieben werden.

Zur Entstehungsgeschichte des Salamanders gibt es eine Vielzahl bunter und kurioser Erklärungen. Erwiesen ist, dass Salamander nach antiken und mittelalterlichen Vorstellungen – formuliert von Paracelsus – zu den Elementarwesen gehören und im Element Feuer wohnen. In der Literatur gibt es zudem mehrere Hinweise auf den Salamander, ein Trinkritual mit brennendem Schnaps, das wohl im 18. Jahrhundert aufgekommen ist. Später ist es mit Bier belegt.

Das hörbare Aufsetzen der Gläser stammt von einer freimaurerischen Trinksitte auf der Tafelloge, bei denen auf die Gesundheit getrunken wird. Zur Vermeidung von Glasbruch entstand im Umfeld der Freimaurer eine besondere Trinkgefäßform mit verstärktem Glasboden, die so genannte „Kanone“.

Nach F. A. Lichterfel habe der Salamander seine Wurzeln nicht im griechischen oder germanischen Altertum (Theokrit, Viktor von Scheffel), weder beim Bonner Universitätsrichter Friedrich von Salomon (wie dies z. B. im Fragebogen von Ernst von Salomon ausgeführt wird)[2] noch in alten Handwerks- oder Freimaurerbräuchen, sondern bei den Sachsen-Preußen in Heidelberg, nämlich in der Verkürzung ihres Wunsches „Sauft alle miteinander!“.

Der Wunsch findet sich auch im Allgemeinen Reichskommersbuch vom Jahre 1875: Das war einst in der Schänke/Zum Faß in Heidelberg;/Es schlürft das Gottgetränke/Der Riese wie ein Zwerg. /Der Präses sprach: „Selbander/Sollt heut ihr trinken nicht, /Sauft alle miteinander!“ /Und so geschah’s nach Pflicht.

Ein Salamander wird auf Kommando „gerieben“. Dazu stehen alle Teilnehmer auf und trinken auf das Kommando „ad exercitium salamandri” (deutsch: „zur Ausführung des Salamanders“) mit dem Zuruf „Prost“ ihr Glas Bier aus. Die weitere Vorgehensweise ist von Ort und Verbindung abhängig. Gemeinsam ist, dass nach dem (möglichst restlosen) Austrinken die Gläser gemeinsam auf dem Tisch gerieben oder geklappert und auf ein bestimmtes Kommando gleichzeitig deutlich hörbar (einmal oder dreimal) auf dem Tisch abgesetzt werden.

Die besondere Wirkung des Vorgangs entsteht aus dem lauten Geräusch des Klapperns, dem kurzen lauten Schlag des gleichzeitigen Absetzens der Gläser und dem darauf entstehenden Moment völliger Stille. Dieser Effekt wird nur bei koordiniertem Verhalten aller Beteiligten hervorgerufen und gilt als ein Ausdruck des Gemeinschaftsgefühls der Trinkenden […]. In Österreich wird hauptsächlich eine Spezialform des Salamanders, der sogenannte „Festsalamander“ gerieben, der rein zur Ehrung von Mitgliedern dient.

Satis: Damit beendet der zum Stärken Auffordernde die Stärkung des Aufgeforderten.

Scientia ist Lateinisch, bedeutet Wissenschaft und ist eines der vier Prinzipien einer katholischen Korporation. Sie verpflichtet zu möglichst guten Leistungen in Schule und Studium sowie zur Bereitschaft zu lebenslangem Lernen und Wissenserweiterung.

Semester: Wie an der Universität ist auch das Verbindungsjahr in zwei Semester eingeteilt, in Sommer-(SS) und Wintersemester (WS).

Silentium ist Lateinisch und bedeutet Ruhe. Das Präsidium unterbricht damit während einer Kneipe oder eines Kommerses die Unterhaltung der Corona zwecks Durchführung von bestimmten offiziellen Programmpunkten.

Der Stürmer: Manche Verbindungen tragen als offizielle Kopfbedeckung den sogenannten Stürmer. Diese Mützenform sieht ein wenig aus wie eine Mütze mit einem zylinderartigen Aufsatz, der nach vorn umgeklappt ist, und erinnert an die Uniformmütze der ehemaligen Armeen des amerikanischen Sezessionskriegs. Auch Stürmer haben einen schwarzen Schirm; über diesem verläuft ein Riemen. Einen umlaufenden Farbstreifen gibt es im Gegensatz zu anderen Mützenformen nicht, stattdessen Verzierungen mit Kordeln in den Couleurfarben. Die meisten Stürmer, aber nicht alle, sind weiß. Manche Verbindungen tragen ihre Stürmer auch nur im Sommersemester, im Winter tragen sie eine reguläre Mütze. Die Herkunft dieser Kopfbedeckung ist weitgehend unklar, Studentenhistoriker vermuten, dass sie in den 1840er Jahren in Bonn entstanden ist. Eine Ähnlichkeit besteht zur Phrygischen Mütze, die jedoch eine zum Zipfel ausgeformte Spitze und weder Schirm noch Riemen aufweist. Allerdings zeigt bereits die Dömitzer und die Meißner Bilderhandschrift (aus den Befreiungskriegen, 1813) schwedische Soldaten und preußische Freikorpsangehörige (Lützower) mit dem Stürmer. Berühmt ist das Bild von Kaiser Wilhelm II., der als Bonner Preuße den weißen Stürmer trägt.

Durch Umspitzen legt man als Korporierter seinen Kneipnamen ab und wählt einen neuen.

Vaterland: s. Patria

Veritas ist Lateinisch, bedeutet Wahrheit und ist Teil des Wahlspruches der KÖStV Cimbria Kufstein. „Besingt die Wahrheit erst, die hehre, sie bietet Schutz vor fremdem Sold“ heißt es in der ersten Strophe ihres Bundesliedes.

Verbundenheit miteinander kennzeichnet das besondere Verhältnis der Mitglieder einer Korporation. Sie kommt durch das Lebensprinzip, d.h. die Zugehörigkeit auf Lebenszeit, und das bundesbrüderliche „Du“ zum Ausdruck.

Wichs: s. Chargierter

Ein Zipf ist ein studentisches Abzeichen, immer bestehend aus zwei Bändern und verschiedenen Schiebern, meist aus Silber. Je nach Größe unterscheidet man Bier-, Wein- und Sektzipfe, wobei letztere hauptsächlich an Damen verschenkt werden.

Als Zeichen besonderer Verbundenheit können zwei Korporierte, meistens Bundesbrüder, einen Zipftausch durchführen. Meistens werden Weinzipfe getauscht. Leibburschen schenken üblicherweise ihrem Leibfuchsen zur Burschung einen Bierzipf, dieser revanchiert sich mit einem Weinzipf.

Der Zirkel ist ein für jede Verbindung charakteristisches Ornament und entsteht aus der Verbindung des lateinischen Wunsches „VIVAT, CRESCAT, FLOREAT!“ (Sie wachse, blühe und gedeihe!) sowie dem Anfangsbuchstaben des Verbindungsnamens.

Zutrinken: Man kann einen Bundesbruder ehren, indem man ihm zutrinkt. Das geschieht häufig auf großen Kommersen, hier trinken die Chargierten ihren Bundesbrüdern zu und umgekehrt. Auch das Präsidium trinkt der Corona zu.

 

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Couleurstudentische Traditionen

Autor: Bbr. Karl Buchauer

 

Dem ein oder anderen Leser ist diese Situation vielleicht vertraut: Man versucht, einem couleurstudentisch Unerfahrenen Studentenverbindungen etwas näherzubringen, und bekommt oft Fragen zu hören, wie: “Tragt Ihr auch diese komischen Schärpen?” oder “Tragt Ihr auch diese lustigen bunten Kapperl?” und “Warum habt Ihr so eigenartige Uniformen?” – ja warum eigentlich?

Die Kurzantwort: Ja, weil es eigentlich immer schon so war.

 

Um nun genau die Quellen und Ursachen für solche Traditionen und den Comment erläutern zu können, müsste man nun tief in die letzten Jahrhunderte der Studentengeschichte eintauchen und um dies zu tun, würde definitiv der Rahmen meines Artikels im Monokel gesprengt werden. Die wesentlich interessantere Frage wäre, wieso wir dies nach all den Jahrhunderten eigentlich immer noch tun? Versucht man Studentenverbindungen nach wenigen Gesichtspunkten zu charakterisieren, würde man auf die Prinzipien wie Wertegemeinschaft, Lebensgemeinschaft und eben auch auf Brauchtumsgemeinschaft kommen. Wie andere Traditionsvereine haben es sich Studentenverbindungen unter anderem auch zur Aufgabe gemacht, couleurstudentische Traditionen zu pflegen, sie zu erhalten und vor allem auch zu leben. Besonders dieser Aspekt hat im 21. Jahrhundert nichts an Bedeutung verloren, meiner Meinung nach hat dieser sogar an Bedeutung gewonnen. Wir alle leben in einer äußerst schnelllebigen Zeit. Das Internet stellt eine schier unerschöpfliche Informationsquelle dar, das Wissen der Menschheit verdoppelt sich mittlerweile alle 2 Jahre, durch die Medizin erhöht sich stetig die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen und laut Prognosen haben Maschinen um 2030 dieselbe “Rechenleistung” wie das menschliche Gehirn. Wir stehen also gerade in Zeiten des Umbruchs. Daher ist es unumgänglich, sich auf seine Wurzeln zurückzubesinnen und eben diese nicht in dem Gewirr aus Fakten, Post- und Pseudofakten aus den Augen zu verlieren.

 

Die Pflege von Traditionen bei den Korporationen Innsbrucks

So bunt wie das Meer an Corporationen in Innsbruck ist, so bunt fällt auch deren Brauchtumspflege und die Auslegung ihres Comments aus – bei manchen Bünden relativ streng, bei manchen eher lasch und dazwischen gibt es dann zahlreiche Schattierungen. Manche Corporationen stechen auch durch deren besondere Eigenheiten hervor, sei es die AV. Austria Innsbruck mit ihren weißen Stürmern und deren biertonnenähnliche Kopfbedeckung ihrer Prachtfüchse, sei es die KÖL Ostaricia mit ihren Halbschlägern oder sei es nun unsere KÖL Theresiana. Bemerkenswert ist auch, dass sich vor allem der Comment innerhalb der Innsbrucker Verbindungen teilweise extrem voneinander unterscheidet und von den verschiedensten Einflüssen geprägt ist. Seit jeher waren Studenten eine mobile Gruppe und reisten in Studienzeiten kreuz und quer von einem Studienort zum nächsten und importierten dementsprechend ihre eigene Kultur und eben auch ihre heimischen Studentenbräuche (Ich verweise hier kurz auf den äußerst unterhaltenden am 16.02.2018 im Monokel erschienenen Artikel von Kbr. Philipp Jauernik, BA über fahrende Scholaren). Besonders gut kann man dieses Phänomen immer noch bei Verbindungen beobachten, die eine Vielzahl an Bandburschen und Verkehrsaktiven haben, welche das couleurstudentische Brauchtum beeinflussen. So kann es mitunter vorkommen, dass manche Verbindungen in Innsbruck beispielsweise einen äußerst Deutschen oder auch einen Schweizer Comment pflegen, diese Comments aber so schnell wie sie gekommen sind auch wieder verschwinden können. Man sieht, farbstudentische Traditionen sind immer noch, nach all den Jahrhunderten ihres Bestehens, ein höchst dynamisches Phänomen.

 

Der Comment – eine äußerst theresianische Angelegenheit

Als Fuchs bei meiner Mittelschulverbindung Cimbria Kufstein lernte ich, dass der Comment das theoretische Rüstzeug eines guten Farbstudenten darstellt. Mit anderen Worten könnte man ihn als Regelwerk für alles Farbstudentische bezeichnen. In diesen fallen unter anderem die Farbenlehre oder der Ablauf einer Kneipe. Damals war ich der Überzeugung, dass dieser genauestens zu erlernen und in weiterer Folge einzuhalten ist. Ich möchte aber nun nach einigen Jahren des Aktivseins eine kleine Apposition hinzufügen. Den Comment zu erlernen, ist immer noch eine der obersten Prioritäten in der Fuchsenzeit. Interessant wird es aber erst, wenn man anfängt, mit ihm zu spielen, gewisse Abschnitte des Comments nicht mehr als unumstößliches, in Stein gemeißeltes Gesetz, sondern – und dies soll in keiner Art und Weise abwertend zu sehen sein – ihn mehr als einen Leitfaden zu betrachten. Dabei verhält es sich ähnlich, wie das Erlernen eines Musikinstrumentes. Die Grundlagen sind lehrreich und essentiell – je nach Inhalt mehr oder weniger spannend – interessant wird die Angelegenheit erst, wenn man diese perfektioniert hat und in weiterer Folge im wahrsten Sinne des Wortes damit spielen kann. Besondere Gelegenheiten, um sich commentmäßig auszutoben und sich selbstverständlich den ein oder anderen Spaß zu erlauben stellen vor allem Themenkneipen dar, allen voran möchte ich die berühmt-berüchtigte U-Boot-Kneipe anführen. Dabei geht die Corona mit dem Präsid auf “Feindfahrt” und bei der Inszenierung ebendieser sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. An bestimmte Szenarien lässt sich der Comment auch bestens adaptieren. Wer behauptet denn beispielsweise, dass Kneipen zwingend mit Schlägern oder in unserem Fall mit Säbeln geschlagen werden müssen? Man könnte doch zum Beispiel einfach als Simulation von Kanonenschlägen Kracher verwenden und diese vor jedem Silentium zünden, der Aufmerksamkeit der Corona ist man sich dabei auf alle Fälle gewiss. Die Liste mit Ideen könnte man jetzt natürlich noch lange weiterführen, dies läge aber nicht in meiner Absicht. Das vorherige Beispiel sollte nur als Veranschaulichung für die eigentliche Rolle des Comments als Leitfaden dienen.

 

Was wären wir ohne unsere studentischen Traditionen?

Da – wie bereits in der Einleitung erwähnt – Verbindungen unter anderem auch Traditionsvereine sind, würde es zwar der Gemeinschaft per se keinen Abbruch tun, studentische Bräuche abzuschaffen.

Sie würde es höchstwahrscheinlich für einen gewissen Zeitraum mehr oder weniger unbeschadet überstehen. Allerdings würde ein äußerst wichtiger Gesichtspunkt unserer Corporationen damit verloren gehen. Traditionen sind auch ein essentieller Teil unserer Identität, sie zeichnen uns schlichtweg als Farbstudenten aus. Vor allem in Zeiten, in denen es modern zu sein scheint, in einem kulturmarxistischen Wahn alle Bräuche regelrecht zu untergraben und einen gesichts-und facettenlosen Einheitsbrei zu schaffen, der zur Orientierungslosigkeit der Gesellschaft führt, sollte es doch selbstverständlich sein, eben diese Identität zu bewahren. Würden wir also aufhören, zu chargieren, zu kneipen und unsere bunten Bänder zu tragen, würden wir dann nicht einen essentiellen Teil unserer Identität als Farbstudenten aufgeben und wären wir dann am Ende nicht ein schlichter Freizeitverein?

 

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Bildende Kunst als zentrales Element couleurstudentischen Ausdrucks

Autor: Kbr. Simon Kriss B.A. (AIn)

Beim Gedanken an bildende Kunst und vor allem an Malerei im couleurstudentischen Milieu mag so mancher sofort an die zahlreichen Couleurpostkarten denken. Dennoch ist das Spektrum der couleurstudentischen Kunst im engeren und weiteren Sinne viel diverser und so wohl genauso immanent für das couleurstudentische Selbstverständnis und Verhalten wie der couleurstudentische Sprachgebrauch. Die couleurstudentische Kunst ist schließlich eine der zentralsten nonverbalen Kommunikationsmethoden in Verbindungskreisen und wird wohl nur von den, die einzelnen Verbindungen kennzeichnenden, Farbcodes ausgestochen, welche in unterschiedlichster Form aufgegriffen und genutzt werden, um eine spezifische Zugehörigkeit zu vermitteln, so auch in der couleurstudentischen Kunst. Vor einer Vertiefung in die Materie der couleurstudentischen Kunst ist es jedoch notwendig, die Begriffe und das Spektrum couleurstudentischen Kunstschaffens genauer zu definieren, beginnend beim Kunstbegriff an sich. Die Trias der Künste, schon in der Renaissance oft als drei Ringe gleich dem Krupp-Logo dargestellt, umfasste klassisch die Malerei und Grafik, die Skulptur und die Architektur, wobei nach neuerer Ansicht auch das Kunsthandwerk und Textilien den Künsten dazuzurechnen sind, während die Fotografie hierbei schwerer einzuteilen ist, da die Grenze zum künstlerischen Schaffen mehr als schwammig anzusehen ist. All diese Kunstgattungen finden sich mehr oder weniger wieder in der couleurstudentischen Kunst, wobei zu unterscheiden ist zwischen der von Couleurstudenten geschaffenen und der von Couleurstudenten beauftragten Kunst. Während Couleurstudenten selbst meist Werke der Malerei, Grafik und des Kunsthandwerks, sowie seit Mitte des 20. Jahrhunderts der Fotografie schufen, wurden gerade Werke der Architektur und Skulptur zumeist beauftragt und von externen Fachleuten gefertigt.
In der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstand neben den gerade im deutschen Raum alles andere als unüblichen Denkmälern eine neue Bauaufgabe, nämlich das Verbindungshaus, welches sowohl das Resultat des Wunsches nach einem eigenen Haus, als auch die Lösung des Platzmangelproblems in den örtlichen Kneipen war. Die Verbindungshäuser wurden meist extern ausgeschrieben und nur selten, wie im Falle des Austrierhauses in Innsbruck, ausschließlich von Verbindungsmitgliedern selbst konzipiert. Typische Formsprache dieser frühen Verbindungshäuser um 1900 ist, trotz klarer regionaler Unterschiede, der Historismus oder Traditionalismus, wobei hier vor allem ein Interesse am Mittelalter festzustellen ist – mit burgähnlichen oder im neogotischen Stil errichteten Villen und Stadthäusern. Die Ikonographie und Ikonologie, also die symbolische Dichte und Bedeutung, des ornamentalen Dekors dieser Häuser ist eine typisch couleurstudentische. Hierbei dominiert meist das Verbindungswappen als Relief oder Wandmalerei, doch oft finden sich auch Dekors wie Wein- oder Eichenlaub und Hopfenblüten, Spruchbanderolen oder universitäre und couleurstudentische Symbole. Während die Verbindungshäuser sich meist ins historische Stadtbild einfügten und auch verbandsübergreifend wenige Unterschiede aufweisen, stechen vor allem die Denkmäler der Burschenschaften, etwa das Burschenschafterdenkmal in Eisenach, mit ihrem monolithisch-strengen, „germanischen“ Klassizismus und von nordisch-germanischer Mythologie geprägter ikonographischer Ausgestaltung hervor.
Die Skulptur und Plastik wiederum ist ein absoluter Randbereich der couleurstudentischen Kunst, dient meist dem Memoria-Gedanken, also der Erinnerung an wichtige Persönlichkeiten der Verbindung und zeigt keine klare stilistische Linie oder Materialpräferenz. Im Bereich der Bronzeplastik finden sich zudem, gerade im katholischen Spektrum, vor allem Ritterfiguren, meist ein Roland oder der Heilige Georg, welche auch ein beliebtes Thema studentischer Malerei sind.
Das Kunsthandwerk und das Textil übernehmen in der couleurstudentischen Tradition eine absolute Sonderrolle, da sie wie keine andere Kunstgattung in intensivster Weise an die studentischen Riten und Traditionen gebunden sind, ähnlich den liturgischen Gewändern und Werkzeugen der Kirche. Neben dem künstlerischen Ausdruck dominiert also klar auch der spezifische Zweck die Form und Ausschmückung. Die textilen Bekleidungen, welche meist auf Uniformen oder Vorläufer der heutigen Verbindungen zurückgreifen, änderten sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts kaum mehr, auch wenn sich regionale, oder sogar verbindungsspezifische Unterschiede und Sonderformen, so zum Beispiel im Bereich der Deckelformate, entwickelt haben. Weitere Textilien, nämlich die kunstvollen Standarten- und Fahnenblätter, sowie Keramiken und Metallarbeiten wurden, ähnlich der Wiener Werkstätte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zwar von Couleurstudenten entworfen oder ihren Designs entlehnt, die Fertigung wurde aber externen Spezialisten und Händlern anvertraut. Selbes trifft im Falle der Couleurkarten zu, welche sowohl von den Korporierten selbst gestaltet als auch von Grafikern und den studentischen Utensilienfabriken, sowohl nach Entwürfen als auch nur auf Auftrag, gefertigt wurden. Gerade im Bereich der Keramik- und Metallarbeiten wird sehr gerne, ähnlich dem Architekturschmuck, auf die klassische couleurstudentische Symbolik zurückgegriffen. So wurden Pfeifenköpfe, Bandknöpfe oder Krüge mit den Wappen der Verbindung oder anderen spezifischen Symbolen versehen.
Der Großteil der couleurstudentischen Malerei und Grafik ist meist Laienkunst, gefertigt von zumeist talentierten, aber autodidaktisch ausgebildeten Malern und Zeichnern. Akademische Maler wie unter anderem Philipp Schumacher bilden eine große Ausnahme. Die Werke dieser autodidaktischen Kunstschaffenden, vor allem bei den Auftragsarbeiten der Druckanstalten, sind oftmals nicht signiert, was den Anteil originär studentischer Werke nicht vollends nachvollziehen lässt. Die zahlreichen anderen Werke sind sowohl mit dem vollen Namen als auch nur mit Vulgo signiert, wobei letztere Form der Signatur typisch zu sein scheint für studentische Autodidakten. Eine ähnliche Seltenheit wie bei der Skulptur findet sich bei Gemälden, wobei vor allem Historienbilder und Porträts, häufig von akademischen Malern, angefertigt oder beauftragt wurden. Während die Bildnisse wichtiger Verbindungsmitglieder wieder die Memoria-Funktion erfüllen, erzählen die Historienbilder meist von der Verbindungs- und Verbandsgeschichte, oder dienen mit Allegorien wie der „Mutter“ der Repräsentation und Glorifizierung der eigenen Verbindung. Die größte Vielfalt und Diversität sowie das größte Maß an couleurstudentischem Ausdruck findet sich jedoch in den unzähligen Illustrationen von Bierpillen, Gästebüchern und vor allem Couleurkarten. Bereits 1737 wurde der studentische Alltag im Rostocker Stammbuch Richertz festgehalten mit den typischen Trink- und Fechtszenen, welche sich bis heute gehalten haben. Parallel dazu finden sich wieder ausgehend vom Memoria-Gedanken die vor allem ab dem 18. Jahrhundert populären Schattenrisse oder Scherenschnitte der Studenten, welche mit den Farben der Verbindungen versehen wurden und meist als Erinnerungsstücke für die Verbindung selbst oder für befreundete Studenten anderer Korporationen dienten. Diese Risse wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert häufig durch Fotokarten ersetzt. Ausgehend von diesen Stammbüchern finden sich in Folge zahlreiche Illustrationen, meist von Autodidakten, in den Kneipbüchern oder Bierpillen der Verbindungen. Hierbei vermischen sich ornamentale Muster im meist historistischen Stil mit Illustrationen mythologischen Inhalts, mit Szenen des studentischen Alltags, Liebesszenen und Karikaturen der Bundesbrüder oder anderer Verbindungen und Verbände, deren Tun so mit einem zwinkernden Auge dokumentiert wurde. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit der Einführung der Postkarte, begann der Siegeszug der Couleurkarte, die entweder mit originären Motiven von Couleurstudenten und beauftragten Grafikern oder fast standardisierten Szenen, welche sich an der couleurstudentischen Ikonografie bedienten, versehen wurde. Man bediente sich hier zum Beispiel des alten Typus des Schattenrisses und es entstanden unter anderem durch den Münchner Otto Nass unzählige standardisierte Karten mit demselben Profil, aber unterschiedlichen Band-, Deckel- und Wappenfarben. Diese sind nur mehr eine nostalgische Reminiszenz der alten Schattenrisse, welche um die Jahrhundertwende rapide durch die Fotografie und die kleinformatigen Fotokartons als Andenken abgelöst worden waren. Des Weiteren finden sich zahlreiche Landschaftsdarstellungen oder Veduten, also Stadtansichten, oder Abbildungen der jeweiligen Universitäten und Verbindungshäuser. Diese vermitteln nicht nur die örtliche Zugehörigkeit der jeweiligen Korporation, sondern erzählen auch von der Gründungsgeschichte der Verbindung oder setzen den Verbindungsnamen in Bezug zu einem Bauwerk oder einem Ort. Zugleich sind sie mit ihrer idealisierten Darstellung der „deutschen Landschaft“, ähnlich der Inszenierung der Walhalla bei Regensburg in der Donaulandschaft, auch nicht unwesentlich in Bezug auf die damalige Identitätsfindung und Konstruktion der Nation und die hierbei enge Verbindung zur Landschaft im deutschsprachigen Raum. Die Landschaft und die Örtlichkeit zählten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu einem maßgeblichen Identifikationssymbol. Häufig wurden diese Landschaften kombiniert mit dem Verbindungswappen oder Figuren wie dem Chargierten, dem Couleurstudenten, fast allegorischen Figuren wie dem Sänger, dem Barden oder dem Junker, aber auch mit historischen Figuren wie Herrschern und Stammesführern, welche wieder im engen Kontext zum Verbindungsnamen standen. Gerade der Junker oder Landsknecht erinnert nicht nur an die theatralischen und opulent gekleideten Figuren der Utrechter Caravaggisten um 1620, sondern auch an die Studentendarstellungen der alten Stammbücher und tritt häufig auch losgelöst von der Landschaftsthematik und nicht selten an des Chargierten statt mit der Verbindungsfahne auf. Ähnlich dieser Figur ist auch Roland bzw. der Ritter im generellen eine sehr beliebte Figur des couleurstudentischen Repertoires.
Auffallend ist nun die stilistische Ausprägung dieser Illustrationen. Generell ist eine Vorliebe von historistischen, meist gotischen oder barocken, Elementen im Bereich der ornamentalen Ausgestaltung zu erkennen. Des Weiteren findet sich auch sehr häufig der klassische, naturalistische Stil wie er damals generell in den Akademien und Salons vorherrschte. Ein Unikum bildet jedoch das Faible der katholischen Verbindungen für den Stil der katholischen Kunstbewegung der Nazarener oder des Lukasbundes, wobei hier unter den studentischen Malern vor allem der akademische Maler Philipp Schumacher hervorzuheben ist, welcher seine meist originären und stilistisch leicht erkennbaren Motive für zahlreiche Verbindungen innerhalb des Cartellverbandes anfertigte. Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts fand sich ein weiterer Stil im Repertoire der couleurstudentischen Kunst ein, nämlich der Jugendstil, wobei hier vor allem die Ornamentik stark rezipiert wurde. Darauf folgte in der Mitte der 1920er Jahre primär im Bereiche der „Freisinnigen“ Burschenschaften ein stärkerer Fokus auf die strengere Formsprache, wie sie sich vor allem in den Illustrationen der faschistischen Propaganda fand. Ab der Nachkriegszeit finden sich sämtliche Formen und Stile der genannten Darstellungen und eine Bespielung des gesamten couleurstudentischen Symbolrepertoires in den Motiven der studentischen Künstler wieder, wobei nun fast von einer „Alleinherrschaft der Laien“ gesprochen werden könnte. Originäre, neue Bildfindungen sind nun nicht oder kaum mehr an der Tagesordnung, wobei zum Beispiel die idyllische Landschaft größtenteils durch Ansichten der modernen Städte und Bauwerke ersetzt wurde und die mehr allegorischen Figuren, Junker und Landsknechte weitgehend den Chargierten und Couleurstudenten wichen. Eine Neuerung findet sich erst ab den 1970ern und vor allem aber ab den 1990ern wo die klassischen Motive nicht selten durch moderne Bildfindungen, aber vor allem durch das Medium der Fotografie ersetzt wurden. So erlebt der Betrachter der Werke dieser Zeit eine massive Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeiten, wo Wappenzeichnungen oder Darstellungen eines Chargierten sich wiederfinden mit Fotocollagen, abstrakt-expressionistisch umgesetzten Interpretationen der Verbindungsfarben, Comics und nahezu esoterisch wirkenden Mandala-Kompositionen. Seit der Jahrtausendwende kann man zwar immer noch von einer Stilpluralität sprechen, wobei neben der Fotografie wieder die ursprüngliche Symbolsprache und damit auch die historische zeichnerische Ausdrucksweise zu dominieren scheint. Eine zentrale Rolle der Bildverbreitung und auch des Austausches und Ausdrucks bilden nun zudem nicht mehr die Couleurkarten, sondern vor allem die digitalen Veröffentlichungen, welche sich der Malerei, Grafik und Fotografie bedienen und sich neben dem bisherigen Stilrepertoire auch zunehmend den Konventionen des Internets anpassen, weshalb vor allem Comics und Memes in ihrer Bekanntheit und Popularität den ursprünglichen Motiven in nichts mehr nachzustehen scheinen.
Was sich jedoch eigentlich durchwegs, bis auf manche konventionsbedingten Änderungen oder kurze Phasen des Abgangs von Traditionen, trotz Änderungen des Stils oder der verfügbaren Medien gehalten zu haben scheint, ist die untrennbare Verbindung zur Kommunikation und die damit einhergehende Nutzung spezifischer Symbolik. Diese den Studentenverbindungen sehr eigene Sprache und Bildsprache verdrängt nahezu den Stil, welcher gegenüber der eigentlichen Symbolik relativ irrelevant wäre. Dennoch hielten und halten sich gewisse Präferenzen in Punkto Stil, deren Änderung stets eine Frage der Zeit und des Geschmacks ist. Und schon zur Blütezeit der couleurstudentischen Kunst und Malerei um 1900 scheinen die Geschmäcker verschieden gewesen zu sein, wie Philipp Schumacher einst auch in der Academia berichtete:
„Meiner vielen Schwäche und meiner Unzulänglichkeit bin ich mir sehr wohl bewusst. Mancher geht heutzutage über mich hinweg und schilt mich rückständig und veraltet (siehe die Kritik eines liebenswürdigen Cartellbruders in einem eben erschienenen Krippenbuch), ich werde mich deshalb in meinen alten Tagen nicht mehr umkrempeln. Meine Liebe zur Form, zur strengen Zeichnung und gewissenhaften Durchführung lasse ich mir nicht nehmen trotz moderner Strömungen. Ob aber aus meinen Schöpfungen eine Seele spricht, das zu entscheiden steht nicht mir zu, sondern der Mitwelt.“ (Academia 42, 1930, 9, S.278 ff.)
Und genau diese Seele, von der Schumacher spricht, ist in Betrachtung der couleurstudentischen Kunstwerke vor allem die weitergereichte Tradition und der enorme Fundus an historisch gewachsener Symbolik. Der Couleurstudent als Schöpfer studentischer Kunstwerke drückt sich vornehmlich nicht durch einen neuen Stil oder neue Formen aus, wie dies in der Kunstwelt seit der Nachkriegszeit zu beobachten ist, sondern primär durch die intendierte Nutzung spezifischer Elemente, um mit dem mit dieser Symbolik vertrauten Betrachter zu kommunizieren.

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Als katholischer Korporationsstudent wirken – aber wie?

Autor: Bbr. Reinhard Obermüller, licentiatus utriusque iuris (lic. iur.), Executive Master in Business Administration (eMBA) und Oberst im Generalstab der Schweizer Armee

Wie kann sich ein katholischer Korporationsstudent in den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs und das politische Geschehen einbringen? Am besten wohl dadurch, dass er sein Alleinstellungsmerkmal zur Wirkung bringt, das ihn von anderen Studenten und Akademikern unterscheidet: seinen Glauben. Aber wie soll das gehen in einer Welt, in der es ungleich schwerer ist, sich zum Katholizismus zu bekennen als beispielsweise dazu, das Geldanhäufen als einzigen Lebenszweck zu verfolgen, Kommunist oder Männerhasserin (d.h. Feministin) zu sein?
Dieser Artikel soll aber nicht den Zustand der heutigen Gesellschaft beklagen, sondern aufzeigen, wie wir dem Weg, den wir als richtig erkannt haben, Wirkung verschaffen können.
Grundsätzlich sehe ich für den katholischen Korporationsstudenten (der noch keine eigene Familie hat) drei Wirkungskreise:

  • Die begeisterte Präsenz innerhalb der Korporation, auch und gerade im Zeichen der Religio. Dass wir dem katholischen Glauben in unserem Verbindungsleben Platz einräumen und uns gegenseitig bestätigen, dass dieser Glaube sinnstiftend und wertvoll ist, trägt dazu bei, dass der Einzelne sich in unserer säkularisierten Gesellschaft mit ihrem zerrissenen Wertesystem behaupten kann. Es geht um kollektive Selbstvergewisserung, und das ist eine durchaus ehrenwerte Aufgabe.
  • Dadurch, dass wir den Bundesbrüdern geistlichen Standes Rückhalt geben, der ihnen ein wenig hilft, ihre große Lebensaufgabe zu meistern. Und dass insbesondere der Priesteramtskandidat unter uns immer wieder vergewissert wird, dass er einen höchst respektablen, bedeutungsvollen Weg eingeschlagen hat, der die volle Wertschätzung und Unterstützung der Korporation genießt.
  • In der Gesellschaft. Weil Jesus uns die Aufgabe gestellt hat, ihm nachzufolgen, ist es an jedem von uns, zur Verkündigung des Evangeliums seinen Beitrag zu leisten.

Und letzteres ist vielleicht die schwierigste Aufgabe – wie soll das gelingen? Dieser Fragestellung sind die folgenden Ausführungen gewidmet.

Christliche Werte vertreten
Ein erster Faktor, in der Gesellschaft Wirkung zu erzielen, ist die Beantwortung der Frage, was wir eigentlich aktiv vertreten wollen. Das Leben des Menschen wird über Werte gesteuert. Oder eben, in der heutigen Zeit: Viele Menschen werden mangels als gültig anerkannter Werte orientierungslos zurückgelassen. Dies erklärt, wieso trotz fortschreitender Säkularisierung das Bedürfnis nach Spiritualität deutlich wächst. So zimmern sich viele Menschen aus fernöstlichen Religionen, Esoterik und Sektenlehren ihr eigenes Glaubensbild zusammen, wenn sie sich nicht gleich dem Körperoptimierungswahn, Veganismus, Multikulti-Glauben, Klimafanatismus oder Gender-Gedankengut verschreiben. Tragischer Weise sind alle diese Bewegungen zwar zeitgeistig anerkannt und vermitteln ein wohliges Gefühl gutmenschlicher Überlegenheit, sie sind aber letztlich destruktiv und menschenverachtend. Dem kann der Christ seine Botschaft der Freude, Zuversicht und Menschenliebe entgegensetzen, die absolut positiv und menschenfreundlich ist. Oder besser, sein könnte: Auch ich erlebe immer wieder, wie schwierig es ist, die frohe Botschaft gegenüber Dritten zu formulieren. Auch der Amtskirche wird immer wieder vorgeworfen, sie beantworte mit Worten, die niemand versteht, Fragen, die niemand stellt – und diesen Vorwurf müssen wir wohl gelten lassen.
Wie also können wir die frohe Botschaft so transportieren, dass sie auch gehört wird? Zunächst einmal sollte jeder gläubige Christ zu den Werten stehen, die uns die Bibel als Orientierungspunkte vorgibt, und auch dazu, woher er diese Werte gewonnen hat. Mit größter Selbstverständlichkeit sollten wir die katholische Glaubenslehre vertreten, aber auch dazu stehen, wenn unser Gewissen uns am einen oder anderen Glaubensgrundsatz zweifeln lässt. Es ist die Authentizität und Ehrlichkeit, die unseren Aussagen Kraft und Glaubwürdigkeit verleiht.
Und dann: die Sprache. Wenn wir heute von der „Verkündigung des Evangeliums“ sprechen, so versteht das niemand mehr. Wenn wir stattdessen „christliche Werte vertreten“, so erahnt der Zuhörer zumindest, was gemeint sein könnte. Es ist auch gar nicht erforderlich, bei jeder Gelegenheit zu betonen, dass wir aus einer katholischen Moralität heraus reden und handeln. Der Inhalt der Aussage spricht für sich, und wenn es jemanden interessiert, woher wir unseren Standpunkt haben, dürfen wir ruhig auf die Heilige Schrift verweisen. Wobei der Hinweis keineswegs verboten ist, dass es sich bei der Bibel um ein Stück Weltliteratur handelt und um das meistverbreitete Buch der Menschheitsgeschichte. Ist doch ein Argument, das man das ernstnehmen sollte, oder?

Wirksamkeit
Wie aber äußern wir uns so, dass die Botschaft auch gehört wird? Hier dürfen wir uns ruhig an den Grundsätzen moderner Kommunikation orientieren. In einer Zeit, in der wir pro Tag mehr Informationen zu verarbeiten haben als ein Mensch des Mittelalters in seinem ganzen Leben, kommen wir nicht umhin, unsere Kommunikation auf Wirksamkeit auszurichten. Hierzu einige Schlüsselelemente:

  • Wir müssen uns am Zielpublikum orientieren. Unser Publikum ist die Mehrheit der kritischen, aber wohlgesinnten Menschen in unserer Umgebung, die offen sind gegenüber lebensbejahenden Werten wie Verantwortung, Nächstenliebe und Respekt vor der Schöpfung, die vielleicht sogar auf der Suche sind nach Werten, die ihrem Leben wirklich Sinn verleihen. „Wir müssen ein Ohr in der Bibel haben und ein Ohr in der Welt“ (John Stott, britischer Theologe und Priester der Church of England).
  • Unsere Aussagen sollen verständlich sein, nicht antiquiert und nicht zu gelehrt. Einfachheit verleiht Gehör.
  • Die heutige Informationsgesellschaft gibt uns selten mehr als zehn Sekunden Zeit, unseren Standpunkt darzulegen. Deshalb brauchen wir klare, verständliche Kernbotschaften. Meine bevorzugte ist der Satz „Fürchte dich nicht“, dessen zweiter Teilsatz lautet: „denn ich bin bei dir“ (Jesaja 41,10). In einer Welt, die für viele sinnlos, unüberschaubar und beängstigend ist, könnte dies eine Botschaft sein, die auf positives Interesse stößt und zum Weiterdenken anregt.
  • Keine Anti-Botschaften! Auch wenn die Ablehnung bestimmter Erscheinungen des Zeitgeistes noch so begründet ist, sollten wir vor allem vertreten, wofür wir sind und nicht wogegen. Das sind wir schon allein der Aufforderung Jesu zur Liebe zum Nächsten, ja sogar zum Feind schuldig. Die Bibel quillt über von positiven, aufbauenden Botschaften, mit welchen wir uns von der Hass- und Herabsetzungsrhetorik in weiten Teilen des öffentlichen Diskurses wohltuend abheben können.
  • Zuhören. Verstehen entsteht im Dialog und nicht in der doktrinären Verkündung der eigenen Wahrheit. Gerade in der Auseinandersetzung mit kritischen, vielleicht sogar feindlich gesinnten Menschen entsteht Erkenntnis.
  • Wenn wir die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen finden, der sich für unsere Werthaltung interessiert, so sollten wir vorbereitet sein, diese in einfachen, klaren Worten darzulegen. Das löst beim Gegenüber Gedankengänge aus und verleiht uns selbst die Standhaftigkeit, auch kritischen Geistern gegenüber gelassen zu bleiben.
  • Unsere mündliche Kommunikation soll von einem (inneren) Lächeln begleitet sein, das inkludiert, Offenheit und Interesse am Mitmenschen ausstrahlt. Sprache und Körperhaltung sind wichtiger als das Wort selbst! Die menschenfreundliche, friedliche Botschaft Jesu lässt sich mit der donnernden, einschüchternden Predigt von der Kanzel herab schlecht vermitteln. Was missionarisch anmutet, stößt in unserer aufgeklärten, rationalen Gesellschaft von vornherein auf Ablehnung und erzeugt keine Wirkung.

Die Kanäle geschickt nutzen
Wenn wir den Weg über die Medien gehen wollen, um ein breiteres Publikum zu erreichen, müssen wir uns bewusst sein: Redaktionen publizieren nicht das, was wir wichtig finden, sondern das, was voraussichtlich die Aufmerksamkeit der Menschen erregt. Die „Einführung in den praktischen Journalismus“ von Walther von La Roche zählt die Informations-Faktoren auf, von welchen ein Beitrag möglichst viele enthalten sollte: Aktualität, Dramatik, Kind, Gefühl, Nutzen, Unterhaltung, Trend/Mode, Geld, Tod, Fortschritt, Folgenschwere, Nähe/Betroffenheit, Tier, Kuriosität/Gag, Mensch/Prominenz, Konflikt/Kampf, Sex, Macht, Grafik/Fotos, Ökologie. Ist diese Voraussetzung erfüllt, werden wir staunen, wie einfach ein Bericht den Weg in die klassischen Medien findet. Es darf auch ein fertig ausformulierter Beitrag sein, der den Medienschaffenden die Arbeit erleichtert.
Die Sozialen Medien wiederum haben ihre eigenen Spielregeln. Facebook, Twitter usw. sind geeignet, ein riesiges Publikum zu erreichen, insbesondere unter den jungen Menschen, und dies praktisch kostenlos. Wenn man denn Gehör findet – das ist unter den Millionen Messages, die täglich abgesetzt werden, gar nicht so einfach. Auch hier gelten eiserne Regeln:

  • Erst durch Zuhören erfahren wir, wo der richtige Ansatz ist, positive Aufmerksamkeit zu finden. In den Sozialen Medien kann man keine Freunde finden, aber massenhaft interessierte Leser/Beobachter, wenn man zur richtigen Zeit die richtige Botschaft bringt.
  •  Kernbotschaften: Die Sache auf den Punkt zu bringen, ist unerlässlich.
  • Auch Twitter-Botschaften von maximal 300 Zeichen erfordern die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen.
  • Virtual > real: Am wirksamsten ist, wenn es uns gelingt, den Austausch virtueller Botschaften im realen Gespräch weiterzuführen.

Zur weiterführenden Lektüre empfehle ich das Praxisbuch des Schweizer Autors Markus Baumgartner: „So machen Kirchen Schlagzeilen“ (Friedrich Reinhardt Verlag, 2018). Der Autor stammt aus freikirchlichen Kreisen, was aber die Relevanz für unseren Standpunkt nicht schmälert. Im Gegenteil, hat die katholische Kirche mit ihrer immer noch großen Präsenz in unserer Gesellschaft – man denke nur an die Kirchenfeste, die unzähligen Gotteshäuser mitten in den Städten und Dörfern – doch eine ungleich bessere Ausgangslage für wirksame Kommunikation als die Freikirchen. Zudem sei auf die Website www.dienstagsmail.ch hingewiesen, die Woche für Woche positive Berichte zu christlichen Fragen in säkularen Medien präsentiert – ein reicher Fundus von Ansätzen, wie öffentliche Wirkung erzielt werden kann.

Wort und Tat
Selbstverständlich hängt die Glaubwürdigkeit unserer Botschaft wesentlich davon ab, dass wir die Werte, die wir vertreten, auch leben. Einer der Hauptvorwürfe, den sich viele Meinungsführer in unserer Gesellschaft gefallen lassen müssen, ist ihre Verlogenheit. Dass sie für alles einen guten Grund vorbringen können, nur um den wahren Grund ihres Handelns zu verbergen, denn dieser ist allzu oft egoistisch und gesellschaftsschädlich. Da brauchen wir lediglich das zu beherzigen, was die Korporation von uns fordert: ein Leben zu führen nach römisch-katholischen Grundsätzen, als verantwortungsbewusste und weltoffene Staatsbürger. Im gelassenen Bewusstsein, dass jeder von uns so wenig perfekt ist, wie Gott den Menschen eben geschaffen hat.
Ein hervorragendes Beispiel, wie wirksam die Übereinstimmung von Wort und Tat sein kann, ist der reformierte Pfarrer Ernst Sieber aus Zürich, dessen Bekanntheit und Anerkennung in der schweizerischen Öffentlichkeit unter Geistlichen ihresgleichen sucht. Bis 2018 seine gewaltige Stimme auf dieser Erde für immer verstummte, fand sein unbeirrbares Engagement für die Randständigen regelmäßig den Weg auf die Frontseiten aller bedeutenden Medien der Schweiz. Er wurde sogar in den Nationalrat gewählt. Die Grundlagen seiner Wirkung? Die Fähigkeit, mit prägnanten Worten Geschichten zu erzählen, untermalt mit der Visualisierung durch Requisiten, etwa dem Bilderrahmen, den er so verschob, bis er schließlich die Form eines Kreuzes annahm. Aber vor allem, dass bei Pfarrer Sieber Wort und Tat völlig übereinstimmten, er seine Anliegen mit teilweise verwegenen Aktionen unmittelbar umsetzte. So fanden sogar seine unbequemsten Botschaften Gehör und Unterstützung.
Die geschätzte Redaktion des “Monokel” wünschte sich eine eidgenössische Sicht zum Thema. Die dargestellten schweizerischen Bezugspunkte sind aber ohne Zweifel auch über die Landesgrenzen hinaus relevant.

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Soll man noch chargieren?

Autor: Kbr. Mag. Maximilian Benke (AIn, TTI)

Kein anderes Thema illustriert die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Studentenverbindungen so anschaulich wie das Chargieren. Kein Wunder, schließlich ist es heutzutage nicht einfach, in einer phantastischen Kavallerieuniform aus dem 19. Jahrhundert eine gute Figur zu machen und Missverständnisse hintanzuhalten, denn ein Chargierter spricht ja bekanntlich nicht. Dennoch dient das Chargieren seinem Wesen nach der Öffentlichkeitsarbeit, schließlich stehen die Chrargierten für ihre Verbindung. Sollen Studentenverbindungen diese Tradition beibehalten oder tun sie besser daran, sie bleiben zu lassen?

Vorwort
Es freut mich, meine Gedanken in einem Heft e.v. K.Ö.L. Theresiana ausbreiten zu dürfen, bei der das Chargieren traditionell einen unvergleichlich hohen Stellenwert hat und die sich einen einzigartigen Zugang zu dieser Disziplin zu eigen gemacht hat. Nicht nur wegen ihrer Säbel eilt der Theresianistik ein ganz besonderer Ruf voraus, sondern auch aufgrund der Ernsthaftigkeit, mit der die Verbindung ihren Chargiercomment hegt und pflegt. Geradezu sprichwörtlich ist das Bild vom theresianischen Chargierten, der sich in vollkommen synchronem Appellschritt durch den Morast bewegt und sich dabei vom Cerevis bis zu den Kanonen mit Gatsch (Letten) überzieht, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Können meine Überlegungen dieses interessierte und bestens informierte Fachpublikum stärker provozieren als den Durchschnitt? Ich werde es vorsichtig versuchen.

Frage der Ehre
Für einen Chargiereinsatz spricht wohl grundsätzlich die Ehrerweisung der Chargierten gegenüber einem Bundesbruder, einer Verbindung oder anderen Glücklichen. Chargieren ist nämlich anstrengend, wenn man es commentgemäß versucht. Wie viele von uns sind stramm gestanden, während ihnen der Schweiß über den Rücken und das Steißbein geronnen ist und der Harndrang all ihre Gedanken in Beschlag genommen hat? Wie viele sind schon einmal zusammengebrochen? Wie viele haben sich tadellos benommen und alle Tabus im Chargieren abgelehnt (Sprechen, Rauchen, Schlägerdach, Kanonen des Vordermannes, etc.)?
Freilich kann das Chargieren eine Ehre sein. Aber diese Ehre geht allzu leicht unter im Selbstzweck des Chargierens und im Chargieren als Gemeinschaftserlebnis, das den Einsatz schnell in ein Kränzchen verwandelt. Vielleicht ist das Chargieren ein Bereich, in dem ich ein Spießer bin, ein Philister. Mag sein. Aber ich wehre mich gegen Chargiereinsätze ohne Comment, bei denen Trinkflaschen und bequeme Sitzgelegenheiten während der Messe verwendet werden. So etwas finde ich peinlich. Jede Ehrerweisung stirbt nicht zuletzt mit einem missglückten Auftritt in der Außenwelt, fast immer unabhängig vom Comment. Auf großen Couleurveranstaltungen lässt sich alles beobachten, was mit dem Wesen des Chargierens, also dem würdevollen Repräsentieren einer Korporation nach außen, ganz und gar unvereinbar ist.
À propos Außenwirkung: Wer auf einer österreichischen Universität einen akademischen Festakt besucht, wird die Festlichkeit vergeblich suchen. Sponsionen, Promotionen und andere Studienabschlüsse werden disziplinenübergreifend im Stundentakt abgearbeitet. Mehr oder weniger hohe Universitätsfunktionäre halten Allerweltsreden über die Verantwortung der Akademiker und die Bürden, unter denen das Hochschulwesen leidet. Dazu spielen meist obskure Saxophonquintette. Irgendwann wird die erste Strophe des Gaudeamus angestimmt und es singen so wenige mit, dass man genau bestimmen kann, wer und wo. Selbstverständlich chargieren Verbindungen aller Couleurs auf solchen Ereignissen und sorgen dafür, dass sich der unbeteiligte Außenstehende ob der Vielzahl der im Raum versendeten Signale und Botschaften gar nicht mehr zu helfen weiß. Das hat Tradition.

Unliebsame Tradition
Die meisten Chargiereinsätze sind unserer studentischen Tradition geschuldet und der Pflege des studentischen Brauchtums. Diese Traditionen sind gewissen Schwankungen und Moden unterworfen. So kann es eine Weile üblich sein, auf Festen von befreundeten Verbindungen zu chargieren, bis der Kontakt wieder schwächer wird und schließlich ganz abreißt. Je nach Mannschaftsstärke wird bei staatlichen Festakten wie dem Zapfenstreich am Vorabend des 26. Oktobers pro patria chargiert oder eben nicht. „Wir chargieren da und dort, weil wir es immer schon so gemacht haben”, heißt es dann häufig auf dem Convent.
Rechtfertigen solche Traditionen aber wirklich jeden Chargiereinsatz?
Für das Chargieren auf einer Kneipe finden sich wohl eher Gründe (und Leute) als für einen Einsatz zum Zapfenstreich oder zur Ostergrabwache. Das hat auch mit den verlängerten Wochenenden und den Heimfahrern zu tun, aber wenn wir uns ehrlich sind, gäbe es immer genug Chargierte. Besonders schwierig und unbeliebt sind Einsätze für entfernt verstorbene Bundesbrüder, und das oft nicht nur bei den Chargierten. Die Hinterbliebenen haben häufig keinen Bezug zur Verbindung und so mancher Geistliche wehrt sich gegen das Tragen der „Schwerter” in seiner Kirche. Ob ein Einsatz erwünscht, geduldet oder überhaupt passend ist, weiß im Vorhinein meist niemand. Es finden sich dann aber in letzter Minute doch ein paar Barmherzige, die sich im wahrsten Sinne des Wortes dafür opfern.
Wenn nicht, wird die lasche Chargierbereitschaft (oder das halbherzige Chargieren) auf Conventen gerügt und in letzter Konsequenz angedroht, das Chargieren ganz abzuschaffen. Bezeichnenderweise sind es aber gerade die besten und engagiertesten Chargierten, die dieses Argument einbringen. Warum? Weil uns die Tradition nichts bringt, wenn sie gar nicht zustande kommt oder nur unsauber ausgeführt wird. Dabei pflegen nur wenige Verbindungen überhaupt einen Chargiercomment, die meisten wursteln irgendwie in vollem Wichs herum. Und kaum eine chargiert gar zu Pferd, dies nebenbei.
Zur Traditon fällt mir noch ein, dass Verbindungen nach den Chargiereinsätzen häufig eine gewisse Nachlässigkeit im Umgang mit ihrer Chargierausrüstung pflegen. Die stinkende Buxe wird in die Ecke geworfen, der schweißgetränkte Flaus auf den Boden. Handschuhe werden an einem feuchten Ort ineinander gesteckt. Das hat nichts mit einer Respektlosigkeit gegenüber dem Wichs zu tun. Es ist eben Teil der Chargiertradition, froh darüber zu sein, dass der Chargiereinsatz vorbei ist. Es freuen sich aber auch die Kappenfabrikanten, wenn wieder neue Oliven und Cerevise bestellt werden und sie ihre Läden nicht zusperren müssen. Eigentlich ein Grund, weiterhin viel zu chargieren.

Hahnenkämpfe
Ein fragwürdiger, aber beliebter Grund für das Chargieren ist ein gewisser Wettbewerbsgedanke zwischen Verbindungen und Verbänden. Man lässt sich sehen, wenn man kann. Stolz werden Chargierpokale an die schneidigsten Bünde vergeben und Schläger-streck-dich-Bewerbe ausgetragen. Ich bezweifle aber, dass sich diese eitlen Vorhaben wirklich positiv auf die Qualität des Chargierens auswirken.
Wie alle Qualitäten des Verbindungslebens ist auch die Kunst des Chargierens starken Schwankungen unterworfen. Ein Semester lang wird forsch und flott chargiert, wie dort am Rhein. Im nächsten Semester kann sich wieder niemand daran erinnern, wie man eine Fahne hält. Die Chargierqualität ist eben selten nachhaltig. Außerdem kommen beim Chargieren immer die gleichen zum Handkuss: Engagierte Bundesbrüder, die nicht zu dick für den Flaus sind und am verlängerten Wochenende oder in der Ferien an ihrem Studienort verweilen. Das ist ungerecht und funktioniert nicht.
Besser und gerechter wäre es, die guten Chargierten würden ihr Wissen und Können subsidiär innerhalb ihrer Bierfamilien weitergeben: Statt eines Chargier-FCs im Semester bekäme der Fuchs die Gelegenheit, öfter und intensiver zu trainieren. Das würde den Fuchsmajor entlasten und seine Verantwortung für die Chargierausbildung auf ein realistisches Maß beschränken. Zudem könnte der oben beschriebene Wettbewerbsgedanke dahingehend zu einem positiven Ergebnis hinwirken, als sich die Bierfamilien daran messen könnten, wessen Leibfüchse besser chargieren, unsere studentischen Traditionen schneller verinnerlichen oder überhaupt zu einem konstruktiveren Verbindungsleben beitragen würden.

Fazit
Das Chargieren befindet sich in einer Krise. Wegen geringer Bereitschaft kommt es häufig gar nicht zustande. Finden sich doch Chargierte, schadet deren lasche Ausführung oft dem Ansehen von Verbindungen. Selbst wenn eine Verbindung ausnahmsweise commentgemäß chargiert, ist sie nicht vor Missverständnissen oder Verwechslungen in der Öffentlichkeit gefeit, die dem Grundgedanken des Chargierens diametral entgegenstehen: Eine Studentenverbindung in Würde nach außen zu repräsentieren.
Es liegt nicht im Interesse von Studentenverbindungen, das Chargieren zur Gänze abzuschaffen. Zu stark ist diese Tradition mit den Verbindungen verbunden, auch wenn sie ihnen manchmal schadet. Von einer Kneipe, dem eigenen runden Stiftungsfest oder einem Chargiereinsatz auf ausdrücklichem Wunsch ist der Chargierte nicht wegzudenken. Solche Einsätze finden in der Regel nicht in der Öffentlichkeit statt und beugen bereits dadurch Missverständnissen vor. Wegen des großen Gesaltungsspielraums und des geselligen Chrakters werden sich auch eher Chargierte für eine Kneipe finden. Verbindungen täten aber gut daran, ihre Chargiereinsätze zu überdenken und sie bei Bedarf im Interesse einer Qualitätssteigerung einzuschränken. Sie sollten sich nicht von Verbänden oder befreundeten Verbindungen unter Druck setzen lassen, um jeden Preis Chargierte zu stellen. Der Preis eines halbherzigen Chargiereinsatzes kann mit einem mehr oder weniger schweren Reputationsverlust verbunden sein und wiegt daher immer schwerer als die Absage eines Chargiereinsatzes, an die sich nach einer kurzen Phase des Beleidigtseins niemand jemals erinnern wird. Verbindungen sollten meiner Meinung nach weniger chargieren. Wenn sie es aber tun, dann mit ganzem Herzen.

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Der katholische Couleurstudent im Spannungsfeld zwischen Prinzipien und Gegenwart

Autoren: Mag.iur. Bernadette Zelger, LL.M., und Kbr. Univ.-Prof. Mag.rer.soc.oec. Dr.med. Bernhard Zelger (AIn)

Abstrakt: Der Couleurstudent im Spannungsfeld der Prinzipien (religio – scientia – patria – amicitia) bei gesellschaftspolitisch sich dramatisch ändernden „shifting baselines“.

Versucht man sich an einer Definition des Terminus der „katholischen Studentenverbindungen“, so könnte diese Vereine beschreiben, welche Männern zugänglich sind, und die sich zu den Prinzipien religio, scientia, amicitia und patria bekennen. Eine derartige Definition sagt jedoch über die Bedeutung, welche dem Couleurstudententum in der Gesellschaft, Politik, etc. des 21. Jahrhunderts zukommen soll, rein gar nichts aus.
Die Geschichte des Couleurstudententums ist dem Leser dieser Zeitschrift in aller Regel bekannt, und es ist auch nicht Ziel dieses Beitrags, das studentische Verbindungswesen historisch aufzuarbeiten. Um herauszufinden, welche Bedeutung katholischen Studentenverbindungen in der heutigen Zeit zukommt – oder anders gesagt (gefragt?) – zukommen soll, mag ein Blick in die Vergangenheit bzw. auf die historische Entstehung und Entwicklung derselben jedoch durchaus helfen.
Das farbentragende Studentenverbindungswesen entstand zum Ende der napoleonischen Kriege, am Beginn des 19. Jahrhunderts (1815 Urburschenschaft zu Jena). Die erste farbtragende katholische Verbindung, die Bavaria Bonn, wurde jedoch erst später, 1844 gegründet (https://www.oecv.at/Home/Verband/3). Grund dafür war, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, einer Zeit des „antiklerikalen“ Liberalismus, ein katholisches Vereinswesen letztlich noch nicht existent war. Mit Aufkommen des katholischen Vereinswesens entstanden auch katholische Verbindungen. Sie entstanden quasi als „katholischer“ Gegenpol zu den bereits existierenden Studentenverbindungen, wie Burschenschaften, Corps oder Landsmannschaften (schlagende Studentenschaft), und übernahmen von den Letztgenannten auch Erscheinungsbild, Comment und Brauchtum (mit Ausnahme von Mensur und Duell). Die Gegnerschaft zwischen den damaligen „eingesessenen“ Studentenverbindungen und den katholischen „Neulingen“ ist wahrlich kein Geheimnis. Die Beziehung der beiden Strömungen war feindselig, die Art des Umgangs miteinander keine, welche man mit dem Begriff der academia auch nur im Entferntesten in Verbindung bringen möchte. Das Verhältnis war geprägt von Respektlosigkeiten, Anfeindungen, Kämpfen, etc.
Nach Entstehung und akademischen Kulturkämpfen findet sich auf der historischen Zeitleiste ein Jahrhundert voll von Ereignissen, wie z.B. die beiden Weltkriege, die Entstehung der Europäischen Union (in Form ihrer Vorgängerin, der EGKS bzw. der Europäischen Gemeinschaften) u.v.m., bis wir im heutigen, 21. Jahrhundert überhaupt erst einmal ankommen. Diese im Detail unter dem Gesichtspunkt des Couleurstudententums bzw. durch dessen Brille zu beleuchten, ist schlicht utopisch und würde den Rahmen dieses Beitrages jedenfalls sprengen. Wie bereits eingangs angedeutet, kann überhaupt dahingestellt werden, ob die Darstellung der Bedeutung des Couleurstudententums im 21. Jahrhundert eine historische Aufarbeitung ihrer Geschichte überhaupt erfordert. Das stimmte jedenfalls dann, wäre das Couleurstudententum eine Naturwissenschaft, deren Entdeckungen durch objektiv belegbare Formeln und Erkenntnisse belegt werden würden, und deren Fortbestand daher zeitlos und unabhängig von den kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Gegebenheiten – daher in gewisser Weise abstrakt – beurteilbar wäre. Es ist evident, dass das Studentenverbindungswesen dies jedenfalls nicht ist, und es „ein Couleurstudententum“, dessen Bestand und Bedeutung losgelöst von der eingangs erwähnten Formel ohne Bezugnahme auf die zeitlichen Rahmenbedingungen und Gegebenheiten ist, schlicht nicht gibt. So gibt es auch nicht „die Philosophie“, welche objektiv erforschbar ist, oder „die Vernunft“ als einen objektiven Maßstab, obwohl man das – allen voran Hegel, dessen Thesen von Schopenhauer und später Nietzsche jedoch starke Kritik erfuhren – bis ins 19. Jahrhundert glaubte. Blickt man auf die Geschichte der Philosophie, dann war es in der Antike ja nicht so, dass die Philosophie von Platon oder Aristoteles zuerst war und es dann daneben noch ein kulturelles, soziales, gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Leben gab. Es war genau umgekehrt, auf den Straßen Athens existierte ein – kulturelles, soziales, gesellschaftliches, politisches, und wirtschaftliches – Leben, in dem Platon und Aristoteles ihre philosophischen Gedanken entwickelten und dachten. Philosophie, oder auch Recht, entstehen durch Lebenssachverhalte. Daher sind philosophische Gedanken und ist auch die Entstehung von Recht vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen zeitlichen Umstände zu betrachten und zu beurteilen. Diese Berücksichtigung der jeweils vorherrschenden kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten ist aber genau das, was letztlich zu einer unterschiedlichen Bewertung ähnlicher oder gleicher Lebenssachverhalte zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Geschichte führen kann. Um dies anhand eines Beispiels aus der Rechtswissenschaft zu illustrieren, so sind z.B. im Bereich der Rechtsphilosophie Vertreter des Rechtspositivismus (z.B. Hans Kelsen, Gustav Radbruch) nach den Gräueltaten im 2. Weltkrieg von einem strengen Positivismus abgegangen und haben naturrechtliche Ansätze in ihre Theorien einfließen lassen. In einfachen Worten ausgedrückt, haben sie ihre Theorien und Ansätze insofern überdacht, als nicht mehr alles streng positivistisch Recht war, was vom Staat vorgegeben wurde, und zwar unabhängig davon ob es ‚gerecht‘ war oder nicht (da dem rechtspositivistischen Ansatz zufolge Recht von Ethik und Moral grundsätzlich getrennt ist), sondern wurde diese Absolutheit durch naturrechtliche Einflüsse aufgeweicht. Es entwickelten sich daher „Mischansätze“ aus Rechtspositivismus und Naturrecht. Diesen zufolge wurde die Absolutheit des Rechtspositivismus durch geltende „Grundprinzipien“ (wie der Idee der Gerechtigkeit, Gleichheit, Rechtssicherheit etc.) beschränkt bzw. aufgeweicht. Daher durfte und konnte Recht nicht extrem ungerecht sein oder gegen Gerechtigkeit und Grundwerte in unerträglichem Maß verstoßen (Entspricht sinngemäß der „Radbruch’schen Formel“ [Gustav Radbruch 1878-1949]).
Genau diese Grundwerte und „Überprinzipien“ sind es aber, die aufgrund ihrer Unbestimmtheit, abhängig vom zeitlichen Kontext und dem jeweiligen gesellschaftlichen Verständnis, zu einer unterschiedlichen Beurteilung gleicher Sachverhalte führen können. So ist z.B. Gerechtigkeit nicht objektivierbar, weil es immer subjektive Aspekte der Gerechtigkeit gibt, diese bzw. ihre Bedeutung daher vom subjektiven Empfinden eines Einzelnen beeinflusst wird (Sinngemäß Kelsen, Was ist Gerechtigkeit? [1953]). Als Beispiel dient in diesem Zusammenhang z.B. das Frauenwahlrecht in Österreich, welches bis 1918 nicht existierte. Vor 1918 war es daher rechtens und wurde nicht als ungerecht empfunden bzw. widersprach es keinem Gleichbehandlungsgrundsatz oä (In der Schweiz wurde das Frauenwahlrecht erst im Jahr 1971 eingeführt.), dass Frauen vom politischen Willensbildungsprozess ausgeschlossen waren. Ähnlich verhält es sich mit der Tatsache, dass verheiratete Frauen erst seit 1975 ohne die Zustimmung ihres Mannes arbeiten gehen dürfen. Ein weiteres Phänomen, das die Bedeutung von Veränderungen und Entwicklungen der kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bei der Beurteilung und Bewertung von gleichen Lebenssachverhalten sichtbar macht, ist das Rechtsinstitut der zivilen Ehe, welches nunmehr, seit einem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs aus dem Jahre 2017 (Erkenntnis vom 4.12.2017, G 258-259/2017-9), auch gleichgeschlechtlichen Paaren offensteht.
Die Frage also nach dem Couleurstudenten und seiner Bedeutung im 21. Jahrhundert ist keine, die losgelöst von kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Entwicklungen betrachtet und beantwortet werden kann. Auch ist es keine Frage, die dieser Beitrag abschließend zu beantworten vermag, geschweige denn auch könnte. Nach Meinung der Autoren ist es vielmehr der Dialog, welcher in der Lage ist, über die Bedeutung des Couleurstudententums im 21. Jahrhundert Aufschluss zu geben. Von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang Fragen der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Vergleich zu jenen Gegebenheiten, welche zur Zeit der Entstehung des katholischen Studentenverbindungswesens vorherrschten. So mag beispielsweise die Tatsache, dass Mitte des 19. Jahrhunderts das universitäre Umfeld jedenfalls ein von Männern dominiertes war, durchaus eine Rolle in Zusammenhang mit der „Nichtmitwirkung“ von Frauen in der Entstehung des katholischen Couleurstudententums spielen bzw. Grund dafür sein. Während der katholische Couleurstudent der damaligen Zeit in einen „Kulturkampf“ gegen die schlagende Studentenschaft für eine Gleichberechtigung der katholischen Studentenverbindungen an den Universitäten verwickelt war, kämpften Frauen (noch) um eine grundsätzliche Gleichberechtigung bzw. Gleichstellung auf den unterschiedlichsten gesellschaftspolitischen Ebenen (Universitätszugang, schulische Ausbildung, Mitwirkungsrechte im Allgemeinen etc.). Vor diesem historischen Hintergrund mag sich das Verhältnis zwischen Couleurstudententum und Frauen zum damaligen Zeitpunkt gewissermaßen selbst erklären.
Die gesellschaftspolitischen Gegebenheiten der heutigen Zeit zeichnen ein grundsätzlich anderes Bild. So hat sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt, und es gibt keine gesetzliche Ungleichbehandlung mehr zwischen Männern und Frauen. Das ist Faktum und objektiv feststellbar, jedoch losgelöst von der Frage, ob dieser „veränderte Lebenssachverhalt“ in Hinblick auf das Couleurstudententum nun anders bewertet werden soll oder aber nicht. Losgelöst bedeutet jedoch keinesfalls unbeeinflusst. Wie oben ausgeführt, ist es kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Veränderungen bzw. veränderten Rahmenbedingungen quasi immanent, neue, veränderte Sichtweisen zumindest freizulegen.
Wenn Sie, lieber Leser, nun vielleicht der Meinung sein mögen, wir argumentierten hier für die Aufnahme von Frauen in katholische Studentenverbindungen, dann müssen wir relativieren. Dafür müssten die Frauen das zum einen überhaupt auch erst einmal wollen (jemandem ein Recht zu geben ist das eine, ob dieses vom anderen tatsächlich beansprucht und angenommen wird, er das – im weiteren Sinne – überhaupt will, das andere). Das zu beurteilen, bin ich leider nicht in der Lage bzw. wäre es anmaßend davon auszugehen, ich als Mann könnte das. Als Erstautorin Frau will ich das persönlich nicht, zumal couleurstudentische Frauenalternativen ja existieren. Das Problem bzw. die Herausforderung liegt bei den katholischen Studentenverbindungen und Ihrem Wollen, sich kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen mehr oder weniger anzupassen. Anhand dieses Beispiels lässt sich sehr plastisch darstellen, wie wichtig es ist, über gesellschaftspolitische Veränderungen und Entwicklungen zu diskutieren, im Dialog zu bleiben, eigene Standpunkte, Meinungen und Grundsatzeinstellungen zu hinterfragen, neue Zugänge und alternative Varianten durchzudenken, und zwar unabhängig davon, ob man seine Sichtweise auf die Dinge dann letztlich tatsächlich ändert oder nicht. Es gibt nicht „das Couleurstudententum“. Es gibt Werte des Couleurstudententums – ja, unbestritten – jedoch wird diesen Werten durch jene Bedeutung geschenkt, die sie leben und praktizieren, und die diese Begrifflichkeiten dadurch letztlich mit Bedeutung und Leben füllen. Wenn man das Couleurstudententum vergleichen möchte, dann ist es eben gerade keine Naturwissenschaft (mit Naturgesetzten und ‚absoluten‘ Regeln), sondern fällt es allenfalls in den Bereich der Kulturwissenschaft.
Gesellschaften entwickeln sich nur weiter, wenn sie sich kritisch mit sich selbst und ihren Entwicklungen auseinandersetzen sowie Ansichten und Meinungen hinterfragen und in Frage stellen. Das kennen wir seit Sokrates, der die Ansichten und Meinungen seiner Gesprächspartner im Dialog gewissermaßen „systematisch“ hinterfragte, um absolute Überzeugungen zu entkräften bzw. um Unstimmigkeiten aufzudecken. Es geht also darum, Dinge nicht als absolut gegeben hinzunehmen, ohne sie zu hinterfragen bzw. sie neudeutsch zu „challengen“, sich Diskursen zu stellen, Raum für Begegnung, Austausch, Kontroverse, freie Meinungsäußerung und freies Denken zu schaffen – sich also konstruktiv zu streiten. Dies versucht etwa der Journalist Bastian Berbner in seinem kürzlich in der Zeit erschienen Artikel ‚Mit euch kann man doch eh nicht reden‘ (https://www.zeit.de/2018/39/deutschland-spricht-diskussion-konstruktiv-streiten-politische-haltung), und zwar mit einer Grünen, einem Verschwörungstheoretiker und sogar mit einem Neonazi. Der Aufsatz unterstreicht einmal mehr wie wichtig (Meinungs)Austausch ist, wie wichtig es ist zuzuhören, andere Meinungen anzuhören, eigene Ansichten zu hinterfragen und sich Diskursen zu stellen und zwar mit ALLEN. Mit dem red‘ ich nicht, der ist ein Linker, ein Rechter, ein Konservativer, ein Liberaler… ist wohl gleich wenig akademisch wie die Grabenkämpfe zwischen den schlagenden und katholischen Studentenverbindungen in ihren Anfangszeiten. Die Frage der Bedeutung des Couleurstudententums in unserer Gesellschaft heute lässt sich daher nur durch ein konstruktives, akademisches „Streiten“ aufklären. Dies ist es daher, was es – ähnlich wie früher in der Geschichte unter verschiedensten, anderen Rahmenbedingungen – für den Couleurstudenten bzw. das Couleurstudententum im 21. Jahrhundert zu tun gilt, im Interesse unserer Heimat, ihrer Menschen, der Umwelt und allem, was es sich darin lohnt, dafür zu leben und wertzuschätzen.

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20 Jahre Bologna-Prozess: Chancen und Probleme

Der Autor Kbr. Mag. Lukas Mandl (Rt-D im ÖCV, KRW im MKV) ist österreichischer Abgeordneter im Europaparlament und arbeitet dort im Umweltausschuss. Zuvor war er Mitglied des niederösterreichischen Landtages und Lektor an der WU Wien.

Die Universalität, die im Begriff der Universität steckt, resultiert wohl aus echter wissenschaftlicher Neugier und führt zu ergiebiger wissenschaftlicher Interdisziplinarität. Der Bolognaprozess zeigt uns pars pro toto, wie unverzichtbar wertvoll der europäische Einigungsprozess ist und welchen Versuchungen bzw. Risiken jedes staatliche oder quasi-staatliche Handeln stets ausgesetzt ist.

Aber der Reihe nach: Bologna strebt Konvergenz im Sinne von Übereinstimmung in den Zielen des europäischen Hochschulraums an; ausdrücklich nicht Vereinheitlichung. Das ist ein gut nachvollziehbares Bestreben, denn gemeinsame Ziele verbessern die Vergleichbarkeit der Prozesse. In der freiwilligen Umsetzung ist Österreich – wie so oft – Musterschüler, auch wenn es „blinde Flecken“ gibt; Beispielsweise war für meine Frau Kristina, als sie mir zuliebe von Innsbruck nach Wien gewechselt ist, in ihrem Studium der Rechtswissenschaften die Möglichkeit von Anrechnungen alles andere als zufriedenstellend oder auch nur nachvollziehbar. Es ist ein kleiner Treppenwitz der Geschichte, dass die Anrechnung von Auslandssemestern heute einfacher möglich ist als die Anrechnung zwischen österreichischen Universitäten.
Im Rahmen der Umsetzung des Bologna-Prozesses ist wichtig, dass wir auf die Entstehung der gemeinsamen Ziele Einfluss nehmen, ihre Sinnhaftigkeit stets hinterfragen und ihre Wirksamkeit regelmäßig messen. Es ist die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre, die als Meta-Ziel unbestritten sein muss.

Bologna: Gute Idee, „schlecht umgesetzt“
Eine von mir in der Reflexion für diesen kleinen Essay durchgeführte Blitz-Umfrage auf Twitter – die freilich nicht wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, aber aus dem Leben gegriffen ist –, ergab, dass mehr als drei Viertel Bologna für eine „gute Idee“ halten, wobei allerdings nur 6 Prozent die „gute Idee“ für auch „gut umgesetzt“ halten, hingegen 63 Prozent für „schlecht umgesetzt“. Weniger als ein Drittel hält Bologna für eine schlechte Idee, wobei 12 Prozent das für „egal“ halten und 19 Prozent „negative Folgen“ ausmachen.
Die Entwicklung von Konvergenz in einem europaweiten Abstimmungs- und Einigungsprozess ist eine echte Chance. Das gilt nicht nur für den Hochschulbereich: Die europäische Einigung stärkt uns – und auch unsere europäischen Werte – im weltweiten Vergleich. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit der Erhaltung des Friedens, verbessert die Lebens- und Wohlstands-Chancen von uns und unseren Kindern. Aber schaffen wir es, unsere Stärken zu nützen, unsere Potentiale zu heben? Und schaffen wir es – das ist immer die „Gretchenfrage“ für politisch Verantwortliche – die Freiheit zu verteidigen und zu vergrößern?
Die bloße Frage „Wie schätzt Du Sinn und Wirkung des Bologna-Prozesses ein?“ an meine Facebook-Freunde, von denen viele den Wissenschaftsbetrieb von innen kennen, hat interessante Impulse gebracht: „Durchaus ambivalent“, „eher skeptisch“, „sehr skeptisch“: so beginnen die ersten drei Kommentare. Zu den Hauptkritikpunkten gehört eine „Verschulung“, während die angestrebte Durchlässigkeit zwischen Studienrichtungen zum Beispiel zwischen dem Bachelor- und dem Masterstudium kaum erreicht werde. Oft seien nicht das Interesse und der Inhalt wichtig. An deren Stelle trete die Sammlung von ECTS-Punkten. Was wirklich weh tut, sind Statements wie diese: „hat mit einem klassischen Studium überhaupt nichts mehr zu tun“ oder „hat die akademische Tradition Europas völlig negiert“.
Nun ist eines völlig klar: Es ist der Reichtum an Variabilität, seine Vielfalt, die Breite an Sprachen, Kulturen und Traditionen genau das, was unser Europa ausmacht, was es lebens- und liebenswert macht. Gleichzeitig ist es auch das, was Europa im globalen Wettbewerb fähig macht, mitzuhalten und oftmals sogar den Takt vorzugeben. Wir sollten uns nicht mehr der Illusion hingeben, dass ohne uns nichts läuft – aber Europa kann und muss in Zukunft auf der Basis seiner spezifischen Stärken mit Afrika, Asien oder Nord- und Südamerika mithalten.
Halten wir uns das vor Augen: Alleine China hat mehr als doppelt so viele Einwohner wie die gesamte Europäische Union. Für Indien gilt dies ebenso. Uns Europäerinnen und Europäern muss klar sein, dass wir nur gemeinsam bestehen können. Dieses „gemeinsam“ mit der Wahrung regionaler Identität unter einen Hut zu bringen, das ist die Herausforderung, vor der wir heute stehen. Klar ist: Europa kann nur dann stark sein, wenn es beides schafft – dort groß zu sein, wo es groß sein muss und dort klein zu sein, wo es klein sein muss: Nach außen stark und nach innen frei; und den Frieden bewahrend, den Generationen vor uns geschenkt bekommen und durch echte Friedensarbeit erworben haben.
Der Schlüssel dazu ist zweifellos Bildung. Schule, Kindergarten, Lehre, Studium – je mehr jemand kann, desto höher sind seine Chancen, desto weiter ist sein Horizont, desto besser sind die Voraussetzungen für ein gelungenes Leben. Aber wie können wir das sicherstellen? Und welche Rolle spielt Bologna dabei?

Fast perfekter Lebenslauf + Muße = Chancen!
Ein paar Gedanken dazu: Ich wurde im Jahr 1979 geboren. Viele meiner Generation und früher Geborene kennen die Erfahrung, in Bewerbungsprozessen mit „Perfektionslebensläufen“ konfrontiert zu werden, mit Doppelstudien, postgradualen Zusatzqualifikationen, mehreren Sprachen, Auslandsaufenthalten, und das alles in atemberaubendem Tempo.
Das hat zweifellos mit Bologna zu tun, und ist insgesamt eine gute Entwicklung. Ich bin froh, dass meine drei Kinder in einer Welt aufwachsen, in der derlei viel niederschwelliger möglich ist. Aber manchmal fragt man sich, wo „die Langsamkeit“ ist, die einem Roman von Milan Kundera den Namen gibt, der dort meint, Muße entstehe, wo „man dem lieben Gott ins Fenster schaut“ (und das ist wohl gar nicht formal religiös gemeint).
Es ist ohne Zweifel ganz wesentlich, eine Brücke zu bauen zwischen der Notwendigkeit, keine Zeit liegenzulassen und der aus meiner Sicht für einen Bildungsraum unerlässlichen Muße, einmal durchzuatmen, zu reflektieren und eine andere Sichtweise einzunehmen – einfach „nachzudenken“, Dinge sickern und sich setzen lassen. Akademikerinnen und Akademiker macht es ja nicht aus, Faktenwissen lexikalisch zu speichern, sondern methodisch trittsicher zu analysieren, zu reflektieren und komplexe Sachverhalte dadurch besser zu verstehen.

Bildung ist nicht nur Studium
Was Europa in der Vergangenheit stark gemacht hat, ist neben der akademischen Tradition auch das Handwerk. Wenn unsere zukünftige Attraktivität nicht – enden wollend! – bloß in Kaufkraft und Konsum liegen soll (während die Innovation primär aus Amerika und die Produktion primär aus Asien kommen) dann brauchen wir auch eine Renaissance der guten Facharbeit und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Hier ist Europa nach wie vor Weltspitze, der Verlust an Breite ist aber bedrohlich.
Übrigens ist es genau die nachfolgende Generation, die darunter leidet, wenn im Bildungsbereich nichts weitergeht. Sie bezahlt mit vergeudeter Lebenszeit und verringerten Lebens-Chancen. Die Bologna-Reform hat ihre Schwächen, das steht außer Frage. Aber sie bietet auch viele Chancen. Noch einfacher als zuvor können Studierende heute ein Semester anderswo verbringen – und an den Erfahrungen, die sie dabei machen, wachsen. Das Verständnis dafür, dass Dinge anderswo anders, aber deshalb nicht besser oder schlechter sein müssen, ist ebenso ein wichtiger Lerneffekt wie die Freude darauf, wieder heimzukommen.

Friede durch Dialog
All das – Horizont, persönliche Lebenszufriedenheit, die aus Chancen resultiert – sind jene Voraussetzungen, die es für den Dialog braucht, also dafür, Frieden zu schaffen und zu erhalten. Parlamente wurden von den Nationalsozialisten als „Quatschbuden“ bezeichnet. Ist es nicht besser, dass wir heute in Europa miteinander reden als, wie noch vor wenigen Jahrzehnten, aufeinander zu schießen? – Der britische Satiriker Tom Walker alias Jonathan Pie fordert in seiner bekannten Youtube-Wutrede nach der Wahl von Donald Trump die Angehörigen des so genannten Establishments sinngemäß auf, Überheblichkeit abzulegen und zu diskutieren: „Discuss!“
Wichtig scheint mir, dass die eingangs erwähnte Universalität nicht einer falsch verstandenen Spezialisierung weicht, dass nicht eine akademische Hybris zu mehr oder minder determinierten Lebensverläufen führt, dass nicht Menschen einander in sprichwörtliche Schubladen stecken, etwa im Spannungsfeld zwischen klassischer Universität und Fachhochschule, dass wir aufgeklärt bleiben und immer neu werden, dass es Raum für Generalisten gibt, dass die Angehörigen der Universität wie in ihren besten Zeiten Staat und Gesellschaft voranbringen, dass sie sich und ihre Wissenschaft nicht überschätzen, dass sie Facharbeit und Management nicht unterschätzen; und dass sie fähig und willens sind, die gesellschaftlichen Diskussionen zu führen, wie sie sich stellen, oder diese sogar anzustoßen. Wenn wir es schaffen, das gesellschaftlich wieder stärker zu verankern, haben wir eine gute Zukunft vor uns.

 

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Labyrinthisches Österreich – Vom Wandel des Österreich-Begriffs, von imaginierten Gemeinschaften und ein wenig von Karl Renner

Der Autor Dr. Michael Rosecker ist stellvertretender Direktor des Karl-Renner-Institutes und wissenschaftlicher Leiter des Karl-Renner-Museums.

„Österreich ist ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt.“
Helmut Qualtinger, 1962

Einen Text über Österreich mit Helmut Qualtinger zu beginnen, ist eine feine Sache. Alle vermuten dahinter ein österreichisches Augenzwinkern. Dass seine Beschreibungen „seines“ Österreichs – man denke nur an „Der Herr Karl“ – oft eher Skandal und Aufruhr als „Wiener Hamur“ waren, ist heute in den Hintergrund gedrängt. In diesem Text soll das Qualtinger-Zitat jedoch ein Zeuge dafür sein, dass die Weisheit obigen Spruchs im gewissen Sinne schon ein Privileg der Zweiten Republik war. Denn, wenn es stimmt, dass unsere Republik ein Labyrinth ist, dann kannten sich bereits damals tatsächlich (fast) alle aus. Hans Weigel beschrieb die Erregung über den Herrn Karl folgendermaßen: „Man hatte einem bestimmten Typus auf die Zehen treten wollen, und eine ganze Nation schrie: ‚Au!‘“ Zu diesem Zeitpunkt war das Wort „Nation“ für Österreich schon selbstverständlich. Wenige Jahre davor jedoch schien dieses Labyrinth – dieses Österreich – vielen noch ein Rätsel und schon gar nicht „Nation“ zu sein.
Die Verwirrung über den Begriff „Österreich“ begann schon in der österreichischen Monarchie, spätestens seit dem Ausgleich mit Ungarn 1867. Hatte sich mit den Reformen Maria Theresias und Josephs II. aus den habsburgischen Ländern schön langsam ein Staat herausgebildet, den man gemeinhin Österreich nannte, war vor allem ab der Etablierung des österreichischen Kaisertums 1804 das gesamte Reich mit allen Volksgruppen, Kulturen und Religionen damit gemeint. Wenn auch Hegemonieansprüche der deutschsprachigen Eliten im Reich zu spüren waren, die den einen als Selbstverständlichkeit und den anderen als Zumutung erschienen, hatte der Begriff „Österreich“ dennoch einen supranationalen Charakter.
Ab 1867 begannen jedoch die Verrenkungen mit dem Österreichbegriff. Um jedenfalls zu verhindern, dass die westliche Reichshälfte als die „österreichische“ bezeichnet wurde, wurden der Beamtenbegriff „Cisleithanien“ und die wenig herzerwärmende Bezeichnung „die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder“ gewählt. Robert Musil nannte diesen Staatsnamen später einen Namen aus Namen, der nichts bedeutete. Generell beschrieb er 1933 im „Mann ohne Eigenschaften“ die österreichische Verwirrung sehr treffend: „Überhaupt, wie vieles Merkwürdige ließe sich über dieses versunkene Kakanien sagen! […] Es nannte sich schriftlich Österreichisch-Ungarische Monarchie und ließ sich mündlich Österreich rufen; mit einem Namen also, den es mit feierlichem Staatsschwur abgelegt hatte, aber in allen Gefühlsangelegenheiten beibehielt, zum Zeichen, dass Gefühle ebenso wichtig sind wie Staatsrecht […].“ Erst im Ersten Weltkrieg, als dieser – leichtfertig zu großen Teilen selbst vom Zaun gebrochen – nicht die Rettung, sondern der Untergang zu werden drohte, waren die Habsburger und ihre Eliten selbst bereit, die eine Reichshälfte die österreichische zu nennen. Und es ist schon eine gewisse labyrinthische Eigenart, dass das letzte „gemeinsame“ Wappen des Reiches, in dem der geschrumpfte Begriff „Österreich“ gleichsam heraldisch akzeptiert wurde, wenig später die grafische Basis des Republiksadlers werden sollte; mit seinen ständischen Symbolen und schließlich in Schrumpfform mit den deutschen Farben Schwarz-Rot-Gold. Hinzu kommt die Volte, dass eine maßgebliche Person, die ordnende Hand der Republiksgründung, der Sozialdemokrat Karl Renner, bis zum Schluss in einer eigenwilligen internationalistischen austromarxistischen Logik den supranationalen Habsburgerstaat durch Demokratisierung und Reform retten wollte.
In seinem 1916 erschienen Sammelband „Österreichs Erneuerung“ fand er als einzige Basis für seine Rettung der österreichischen Reichshälfte als großen Wirtschaftsraum und übernationales Staatsgebilde die Forderungen nach der Abschaffung der Kronländer und einer großen Verwaltungsreform; was auch aus heutiger republikanischer Sicht einen gewissen labyrinthischen Witz und tatsächlich eine österreichische Kontinuität in sich birgt.
Als das Habsburgerreich und für viele somit „Österreich“ in der Katastrophe des Ersten Weltkrieges unterging, war für eine große Mehrheit – aus verschiedenen Gründen – das Labyrinth Österreich endgültig zum Mirakel, ja zum Fluch geworden. Die deutschsprachigen Abgeordneten des letzten 1911 in der Monarchie gewählten Abgeordnetenhauses des Reichsrates traten in Wien zur Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich zusammen. Alle Rettungsversuche, das übernationale Österreich als losen Staatenbund oder zumindest als Wirtschaftsraum zu erhalten, scheiterten. Zu sehr hatten die traumatischen Fronterlebnisse, eine drakonische Militärverwaltung von Wirtschaft und Gesellschaft im Krieg sowie die bittere Versorgungsnot an der so genannten Heimatfront dazu geführt, endgültig das Vertrauen in das Herrscherhaus und die habsburgischen Eliten zu verlieren, egal welche Sprache man sprach. Der verantwortungslose Krieg war die Erosion alles irgendwie noch als gemeinsam und gemeinschaftlich Vorgestellten und Empfundenen.
Am Anfang des neuen Österreich standen somit kein Gründungsmythos oder eine Großtat, sondern eine Katastrophe, eine Enttäuschung und das Gefühl des Übrigbleibens. Karl Renner formulierte es im deutschen sozialdemokratischen „Vorwärts“ mit resthegemonialem Unterton wie folgt: „[…] am Ende haben wir es satt, den unverstandenen Lehrmeister und den ungebetenen Vormund zu spielen. […] Wir bestellen unser eigenes Haus – mögen die andern für sich selber denken und sorgen“.
Die Verwirrung im Bedeutungslabyrinth des Österreichbegriffs war im Oktober 1918 wohl am größten. Für die einen, die im Krieg unvorstellbar gelitten hatten, war es ein habsburgischer Begriff, den es zu verachten galt, der mit Tod und Elend verbunden war. Für die anderen war er ohne das „Gesamtreich“ an sich absurd – was sollte dieser „deutsche“ Rest denn sein? Wiederum für andere war er nur eine bittere Erinnerung an eine nun versunkene gloriose Vergangenheit. Hinzu kam die pragmatisch-strategische Überlegung österreichischer Schlauheit, den Namen zu vermeiden, um nicht mit der Schuld und den Schulden des habsburgischen Österreich in Verbindung gebracht zu werden. Daher geisterten zunächst befremdliche Namen für das neue, von den meisten als fremd erachtete Gebilde durch die Köpfe der Staatsgründer wie „Alpengermanien“, „Deutsches Bergreich“ oder „Donaudeutschland“. Es blieb Jahre später dem großartigen Jura Soyfer überlassen, die Gefühle der Republiksgründung treffend zu beschreiben: „Auftauchte, als die Wasser der Sintflut sich zu verlaufen begannen, ein kleiner Staat mit sechseinhalb Millionen Einwohnern, die ihn ungläubig Österreich nannten, die Republik Deutsch-Österreich.“
Die wenigsten hatten eine genaue Vorstellung, was dieses Österreich sein und wie es funktionieren sollte. Daher schien fast allen der einzige Ausgang aus dem Labyrinth der „Anschluss“ an Deutschland zu sein; egal, ob aus wirtschaftlichen Überlegungen, ob aus vagen Hoffnungen auf das vage „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, das US-Präsident Wilson als für den Zeitgeist wohlklingende Parole ausgab, ob aus kulturromantischen Träumen oder aus tobendem völkischen Nationalismus.
Die „Nation“ wurde in den Zeiten der Krise, des Umbruchs und des Verschwindens traditioneller Hierarchien für viele Menschen endgültig zum höchsten Bezugspunkt politischer Orientierung. Der bewusst gesäte Hass und die radikale Feindbildzeichnung der Kriegspropaganda hatten das ihre dazu beigetragen.
Da „Österreich“ zu Beginn der neuen Zeiten vieles, aber sicher kein Nationalbegriff war, bleibt es eine Eigenheit der (deutsch)österreichischen Republiksausrufung, sich in § 1 zu gründen und in § 2 bereits wieder aufzulösen: „Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik.“
Bereits bei der Suche nach einem Staatswappen für das neue Gemeinwesen schien es allen erforderlich zu sein, heraldisch „die nationale Zugehörigkeit“ klar erkennbar zu machen. Wodurch? Durch die Farben Schwarz-Rot-Gold.
Die hysterischen Massendemonstrationen, als der Vertragsentwurf von Saint Germain das so genannte „Anschlussverbot“ enthielt, und kitschige Postkarten, die die prächtige Frau „Germania“ zeigten, die das ärmliche weinende Mädchen „Austria“ tröstete, scheinen einer massenhaften orientierungslosen Überforderung geschuldet zu sein, die heute schwer verständlich ist. Ebenso eine Eigenheit Österreichs sollte es bleiben, dass es gleichsam durch den Staatsvertrag von Saint Germain zur „Unabhängigkeit“ verpflichtet und ihm der Name „Österreich“ aufgedrängt wurde.
Diesem Bundesstaat der Republik Österreich wollten schließlich nach Inkrafttreten des Staatsvertrages von Saint Germain 1920 wichtige Territorien „entkommen“: Vorarlberg wollte sich der Schweiz anschließen und Tirol, Salzburg sowie die Steiermark der deutschen Republik. Dort wo Volksabstimmungen durchgeführt wurden, waren die Zustimmungsraten zur Lossagung von Österreich enorm.
So blieb die weitverbreitete Bindungslosigkeit zum Kleinstaat Österreich ein zentraler Schatten auf der jungen Republik. Weitere dunkle Schatten blieben die starken Mentalreservationen gegenüber der Staatsform Republik und der parlamentarischen Demokratie, ein schwacher gesellschaftlicher Grundkonsens, die Etablierung von bewaffneten politischen Wehrverbänden, ein tiefverwurzelter politisch instrumentalisierter Antisemitismus und schließlich ein andauerndes Schrumpfen der österreichischen Volkswirtschaft.
Die zwei großen politischen Lager, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei und die Christlichsoziale Partei, erhielten durch das Fehlen eines Identifikationsbrennpunktes „Österreich“ besonders dominante Bedeutung für das Leben der Menschen. Ein Fakt, der die an sich schon stark entwickelte politische Polarisierung noch verstärkte. Große Konfliktlinien wie beispielsweise zwischen Arbeitgeber und Arbeiterschaft, Besitz und Besitzlosigkeit, Kirche und Staat, Stadt und Land und überschießendem Modernismus und radikaler Rückwärtsgewandtheit bildeten sich an den Grenzen der zwei Lager ab und erschwerten Dialog und Kompromiss. Das Finden einer gemeinsamen politischen Kultur blieb schwer, ebenso sich die Republik als „Nation“ bzw. als „Gemeinschaft“ vorzustellen.
Der amerikanische Politikwissenschaftler Benedikt Anderson beschrieb „Nationen“ als „vorgestellte“ oder besser „imaginierte“ Gemeinschaften („Imagined Communities“), die sehr wirkmächtig werden können. Dieses Konzept als Beschreibung von Nationen zeichnet sehr gut das Labyrinth Österreich nach. Es wurde keine Idee des „Gemeinsamen“ entwickelt und das Zusammenleben nicht als „Verbund von Gleichen bzw. Ähnlichen“ empfunden. Die souveräne Abgrenzung vom „Deutschsein“ war für eine Mehrheit schwer bis gar nicht denkbar. Dies steigerte sich phasenweise in einen rassistischen Taumel, der z.B. dazu führte, dass der Innenminister der Bürgerblockregierung – Leopold Waber – 1921 deutschsprachigen jüdischen Staatsbürgern der Monarchie aus „rassischen Gründen“ die Staatsbürgerschaft der Republik verwehrte.
Es muss betont werden, dass sich auch jene, die sich später als besonders große Patrioten gerierten, die Funktionäre der austrofaschistischen Diktatur, Österreich ohne „Deutschsein“ nicht recht vorzustellen vermochten. Das Bild, der bessere „deutsche Staat“ zu sein, ist nur eines von mehreren Beispielen. Egal ob christlichsoziale, sozialdemokratische oder dezidiert deutschnationale Interpretation des Deutschseins, die Vorstellung von „Österreich“ blieb ungenau oder fehlte bis zum Untergang der jungen Demokratie 1934 und des jungen Staates 1938 völlig.
Anton Pelinka beschrieb in seinem Buch „Die gescheiterte Republik“ den Zustand der Ersten Republik als „Zwischenösterreich“: „Die Republik war voll von Zukunftsprojekten, voll von hehren, auch quasireligiös bestimmten Glaubenssätzen. Aber keines dieser Projekte war allen Lagern gemeinsam.“
So bleibt es ebenso eine eigentümliche Tatsache, dass die ersten, die vor dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland versuchten der vorgestellten Gemeinschaft „Nation Österreich“ eine Grundorientierung zu geben, Randfiguren des politischen Geschehens waren: zum einen der Legitimist und Katholik Ernst Karl Winter, zum anderen der Staatswissenschaftler und Kommunist Alfred Klahr.
Es bedurfte des Bürgerkrieges, der Diktatur, des Untergangs im und schließlich des Dritten Reichs und der traumatischen Folgen bzw. unermesslichen Verbrechen des Nationalsozialismus, damit der Österreich-Begriff sich klärte und auch seinen breiten Zuspruch in der Vorstellung der Menschen fand. Das neue österreichische Selbstverständnis nach 1945 basierte auf einer Mischung aus Einsicht (in die Notwendigkeit von Kooperation und Dialog) und Verdrängung (Mitverantwortung am Weltkrieg und an den nazistischen Verbrechen).
Als sinnbildlich für diese hier beschriebene labyrinthische Entwicklung des Österreichbegriffs kann die „typisch österreichische“ Gestalt Karl Renner gelten. Er zerbrach sich auf sozialdemokratische Art den habsburgischen Kopf über die Rettung des alten Österreich, definierte federführend den österreichischen Republiksbegriff genauso wie die großdeutschen demokratischen Träume der Jahre 1918/19, er sorgte sich um die österreichische Republik in den gewalttätigen Auseinandersetzungen der Zwischenkriegszeit und wollte Brücken zwischen den Lagern bauen, um schließlich 1938 sein verhängnisvolles „Ja“ zum Anschluss an Nazideutschland zu veröffentlichen. Und zu guter Letzt sollte er, einsichtig in die Notwendigkeit der Wiedergründung der Republik Österreich als Kleinstaat, der pater patriae der Zweiten Republik werden, u.a. deswegen, weil er wahrscheinlich der einzige führende Politiker war, der all diese österreichischen Zusammen-, Um- und Aufbrüche im 20. Jahrhundert federführend begleitete: „Die Kette zersprang, und Österreich stand auf in allen seinen Dörfern und Märkten, Landstädten und Landeshauptstädten und vor allem in seiner Hauptstadt Wien.“
Um sich von der konflikt- und gewaltbeladenen Ersten Republik abzuheben, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg ein demokratischer Grundkonsens und eine breite Kooperation der beiden großen politischen Lager – SPÖ und ÖVP – geschlossen. Proporz und Konkordanz bildeten in den staatlichen Institutionen und der politischen Praxis zentrale Säulen und wurden Orientierungshilfen im österreichischen Labyrinth. Bei allen Untiefen eine große Erfolgsgeschichte.
Heuer, zum 100. Geburtstag der österreichischen Republik, sollte nicht nur dem Geschehenen gedacht werden, sondern vor allem auch eine Vorstellung entwickelt werden, wohin die Reise der Republik in Zukunft gehen soll – wie das Labyrinth für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts zu öffnen ist. Es könnte nämlich sein, dass sich viele Menschen zwar in Österreich auskennen, aber sich nicht mehr in den Labyrinthen der globalisierten Welt zurecht finden und daher wieder die „Nation“ höchster Bezugspunkt politischer Orientierung werden könnte. Gravitätische homogenisierende Nationsbegriffe (mit mörderischem Potenzial) sind sicher nicht die Antworten, die heute zur zukunftsfähigen Problemlösungskompetenz zählen werden.

 

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Österreich war schon immer eine eigenständige Nation

Der Autor Kbr. Univ.-Prof. Dr. Franz Schausberger (Rp, R-J im ÖCV, AGS im MKV) ist ehemaliger Landeshauptmann von Salzburg, Vorsitzender des Instituts der Regionen Europas (IRE), Präsident des Forschungsinstituts für politisch-historische Studien in Salzburg, Sonderberater der Europäischen Kommission für die Erweiterungsverhandlungen und Europäische Nachbarschaftspolitik und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Hauses der Geschichte Österreich.

Eigentlich sollte ja die Frage, ob Österreich eine eigene Nation ist – und wie lange schon – oder ein Bestandteil der deutschen (Kultur-) Nation oder ob Österreich nur ein zweiter deutscher Staat ist, ob es eine österreichische Identität gibt usw. gar keine Aktualität mehr haben. Man sollte meinen, dass die Wirklichkeit diese theoretischen Diskussionen längst überholt habe.
Während das Nationalbewusstsein der Österreicher im Jahr 1956 auf 49 Prozent Zustimmung und 47 Prozent Ablehnung stieß, stieg es in den 70er Jahren stark an – auf 64 Prozent, zehn Prozent verneinten es und 16 Prozent sahen es in Entwicklung. Die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik und das Verschwinden der deutschnationalen Frage machten sich bemerkbar. Ab den 80er Jahren war der Deutschnationalismus kein Thema mehr: 74 Prozent der Österreicher sahen sich als eigene Nation, nur sieben Prozent verneinten das und 17 Prozent sprachen von einer Entwicklung in Richtung Nationalbewusstsein. In den 90er Jahren verstärkte sich der Trend auf 78 Prozent Zustimmung zu einer österreichischen Nation, 2007 waren es 82 Prozent, acht Prozent sprachen von einer Entwicklung in diese Richtung. Da erkannten sogar die Freiheitlichen, dass sie mit deutschnationalen Anwandlungen nicht mehr Wähler gewinnen, sondern nur mehr verlieren konnten, strichen die Deutschtümelei offiziell aus ihrem politischen Repertoire und propagierten den „Österreich-Patriotismus“. Wieviel da noch Österreichisch-Deutsches drinnen steckt, sei dahingestellt. Nach Umfragen stellt selbst unter den Anhängern des „Dritten Lagers“ nur noch eine kleine Minderheit von 17 Prozent die österreichische Nation in Frage.
Für mich ist klar, dass die österreichische Identität und die deutsche Identität historisch gesehen schon ziemlich lange getrennt zu sehen sind. Die kollektive kulturelle, soziale, historische, sprachliche und ethnische Identität, das „Wir-Gefühl“ der Österreicher, sind ganz anders historisch gewachsen und von anderen Faktoren bestimmt worden als die deutsche Identität. Die katholische Weltauffassung und das Italienisch-Barocke prägten die österreichische Kultur von der Gegenreformation bis Maria Theresia, während die protestantische Weltanschauung und der französische Klassizismus das Geistesleben Deutschlands bestimmten.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Österreicher, das uns von Bürgern anderer Staaten unterscheidet, ist tief in der Zeit der Habsburger-Monarchie, im Ringen um die Identität in der Ersten Republik, in den Enttäuschungen durch das Preußische im Nationalsozialismus und in der Entwicklung seit 1945 begründet.
Natürlich sind die deutsche Sprache und die darauf begründete Kultur dominante Prägungsfaktoren der österreichischen Identität, aber genauso haben die slawischen, ungarischen, ukrainischen, polnischen, mediterranen Einflüsse aus der Zeit der Habsburger-Monarchie die österreichische Nationswerdung entscheidend beeinflusst. Verwaltung und Militär, Wirtschaft und Kultur nahmen die Einflüsse von Galizien bis Triest, von Vorarlberg bis Siebenbürgen, von Böhmen bis Bosnien auf. Natürlich verteilten sich diese Einflüsse im Bereich des heutigen Österreich unterschiedlich. Östlich der Enns war die Prägung durch die genannten Faktoren viel stärker als in den heutigen westlichen Bundesländern. Niederösterreich, Oberösterreich, Wien, Steiermark waren immer viel „österreichischer“ als etwa Salzburg, das erst seit rund 200 Jahre bei Österreich ist und erst sehr spät ein Österreich-Bewusstsein entwickelte. Tirol kaisertreu und katholisch, Vorarlberg Schweiz-affin und Wien-kritisch. Letztlich aber haben alle Bundesländer, spätestens ab dem Ende des 2. Weltkrieges ihr österreichisches Nationalbewusstsein, verbunden mit einem teilweise starken Landesbewusstsein, aufgebaut. Es darf nicht vergessen werden, dass der Föderalismus zur österreichischen Identitätsbildung ganz entscheidend beigetragen hat.
Ab dem Ausgleich mit Ungarn 1867 geriet der Begriff „Österreich“ in eine permanente Krise. Er konnte sich im Wesentlichen nur auf die nicht-ungarischen Teile der Habsburgermonarchie zurückziehen. Auch wenn sich der Name „Österreich“ offiziell nur auf den „diesseitigen“ Staat der Doppelmonarchie beziehen konnte, wurde er inoffiziell und offiziös mannigfach verwendet, nämlich als Kronland, als „diesseitiger“ Staat bzw. umgangssprachlich auch Österreich als Gesamtmonarchie. Lange gelang es den deutschsprachigen Österreichern, die Loyalität zur habsburgischen Dynastie und zum Kaiser aufrecht zu erhalten, Armee und Beamte wurden auf das Herrscherhaus vereidigt. Die Identifikation mit der jeweiligen Volksgruppe wurde allerdings immer dominanter. Aus den deutschen Österreichern in der Habsburger Monarchie wurden – in Abgrenzung zu den ebenfalls immer nationaler werdenden Ungarn und Slawen – die österreichischen Deutschen.
Die Nationsbildung der deutschen Österreicher begann in der Zeit von Josef II., vor allem im deutschsprachigen Bürgertum und da wieder vor allem in der kaiserlichen Bürokratie. Diese war die zentrale Trägerschicht des österreichischen Staatsgedankens und unterschied sich von den „Deutschnationalen“. Die „schwarz-gelben“ Deutschösterreicher als kaisertreue Bourgeoisie hatten die „schwarz-rot-goldenen“ Revolutionäre zum Feindbild. Letztere gehörten in Österreich zu den größten Kritikern des Hauses Habsburg, sahen sie in diesem doch das Haupthindernis einer Vereinigung mit dem Deutschen Kaiserreich.
Der extremste Vertreter einer großdeutschen Lösung war Georg von Schönerer, der nicht nur die Habsburgermonarchie insgesamt ablehnte, sondern auch die staatstragende römisch-katholische Kirche, gegen die er die Los-von-Rom-Bewegung gründete.
Der deutsch-völkische Nationalismus, verbunden mit einem unterschiedlich starken Antisemitismus, beschränkte sich nicht nur auf das bürgerlich-deutschnationale Milieu, sondern prägte von Anfang an den aufstrebenden Sozialismus.
Schon 1868 hieß es in einem Manifest an die Arbeiter Wiens: „Die deutsche Arbeiterpartei überall weiß, dass wir nur ein Vaterland haben: Unser Deutschland! Wir wissen, dass wir eine Nation sind und eine Nation bleiben wollen!“ Friedrich Engels trat für die Zerschlagung des Vielvölkerstaates Österreich und die Angliederung der deutschsprachigen Gebiete an Deutschland ein, der allerdings eine Germanisierung der „geschichtslosen“ Tschechen vorangehen müsse. Auch andere führende sozialdemokratische Politiker wie Victor Adler oder Engelbert Pernerstorfer hatten eine deutschnationale Vergangenheit.
Die durch die Sprachenverordnung von 1897 des Grafen Badeni, Ministerpräsident des österreichischen Teils der k.u.k. Monarchie, – nach der alle Beamten in Böhmen beide Landessprachen beherrschen mussten – ausgelöste Badeni-Krise ließ die Identifikation der deutschen Bevölkerungsgruppe der Habsburgermonarchie mit „Österreich“ schwinden. Radikal-deutschnationale Strömungen konnten sich immer mehr durchsetzen. Das sprachnationale Bewusstsein trat immer mehr in Konkurrenz zum dynastisch-österreichischen Bewusstsein.
Andererseits fand ab etwa 1870 und während des Ersten Weltkrieges und danach sowohl im katholischen als auch im liberalen Lager gegenüber dem deutschnational-freiheitlichen Lager ein Prozess zunehmender Verösterreicherung und bewusster Abgrenzung von einer deutschen Identität, insbesondere vom Preußischen, statt. Die „österreichische Idee“ sollte dabei die Vermittlerrolle zwischen der lateinischen, germanischen und slawischen Zivilisation im Rahmen der Pluralität der Habsburgermonarchie einnehmen.
Der Begriff „Österreich“ war so eng mit dem Habsburgerreich verbunden, dass nach dem Zusammenbruch der Monarchie zumindest Hemmung, wenn nicht – wie bei den Sozialdemokraten – aggressive Ablehnung bestand, diesen Begriff mit der neu entstehenden Republik zu verbinden. So sollte der neue Staat nach den Verfassungsentwürfen Karl Renners vom Oktober 1918 „Republik Südostdeutschland“ oder „Deutsche Alpenlande“ heißen. Heinrich Lammasch wiederum wollte den neuen Staat neutral gestalten und ihn nicht in die Arme Deutschlands treiben und schlug daher die Bezeichnungen „Norische Republik“ bzw. „Ostalpine Republik“ vor. Die Christlichsoziale Partei wiederum sprach in ihrem Verfassungsentwurf vom 14. Mai 1919 vom „Deutschen Bundesfreistaat Österreich“. Von Ignaz Seipel war – wie Gerald Stourzh betonte – bekannt, dass er sich mehr als Statthalter eines österreichischen Transitoriums betrachtete, das in ein größeres osteuropäisches Staatsgebilde münden sollte.
Obwohl nach dem Ende des 1. Weltkrieges der Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich und der gewählte Staatsname „Deutschösterreich“ in den Friedensverträgen von Versailles verboten wurden, blieb die Perspektive des Anschlusses im „Rumpfstaat“, an dessen wirtschaftliche Lebensfähigkeit kaum jemand glaubte, auf der Tagesordnung. Die „Anschlussabstimmungen“ in mehreren Bundesländern zeugen davon. Andererseits stand die erste deutsche Nachkriegsregierung dem vehement artikulierten Wunsch Österreichs nach einem Anschluss durchaus distanziert gegenüber, was sich erst unter dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann änderte.
In der Ersten Republik zerfiel das deutschnationale Lager in drei unterschiedlich große politische Richtungen, die sich bis 1934 zum Teil heftig bekämpften. Die Großdeutsche Volkspartei, die entschieden für die Vereinigung Österreichs mit Deutschland eintrat, hatte das Schwarz-Rot-Gold der deutschen Revolution von 1848 als Parteifarben und war eine Partei der Beamten, der Gewerbetreibenden, Kaufleute und Freiberufler. Sie hatte zwar einige liberale Elemente, war aber antisemitisch und deutlich antiklerikal. Letzteres verband sie mit den Sozialdemokraten. Nach der 1933 beschlossenen Kampfgemeinschaft mit den österreichischen Nationalsozialisten wurde die Großdeutsche Partei von der NSDAP inhaliert. Diese wiederum hatte als Vorläufer zuerst die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) und dann die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP), eine radikale, völkische, deutschnationale, antikapitalistische, antikommunistische und antisemitische Partei, die schließlich in die NSDAP überging.
Im bäuerlichen Bereich war es der „unpolitische“ Landbund, der deutschnational auf christlicher Grundlage ausgerichtet war, für einen „Ständestaat“ und gegen die Heimwehren auftrat.
Mindestens ebenso vehement wie alle diese deutschnationalen Parteien strebte ab 1918 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei den Anschluss an Deutschland an. Einer der extremsten Vertreter des Anschluss-Gedankens war Otto Bauer, der nicht zuletzt deshalb auf Druck der Siegermächte im Juli 1919 als Außenstaatssekretär zurücktreten musste, um die Verhandlungen mit der Entente nicht zu erschweren.
Im Linzer Parteiprogramm 1926 wurde immer noch bekräftigt: „Die Sozialdemokratie betrachtet den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich als notwendigen Abschluss der nationalen Revolution von 1918. Sie erstrebt mit friedlichen Mitteln den Anschluss an die deutsche Republik.“
Am 12. November 1925 erklärte der österreichische Sozialdemokrat Julius Deutsch bei einer Kundgebung mit dem deutschen „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ vor tausenden Sozialdemokraten in Wien: „Unser Wunsch und unser Ziel ist von der Nordsee bis zu den Karawanken, vom Rhein bis zum Neusiedler See ein einheitliches deutsches Volk, in einer deutschen Republik!“ Er hoffte, dass bald „die Fahne Schwarzrotgold als die Fahne der Republik über Österreich und Deutschland wehen“ würde.
Noch 1928 schrieb Karl Renner im Vereinsorgan des Österreichisch-Deutschen Volksbundes „Der Anschluss“: „Die Österreicher waren niemals eine Nation für sich und haben niemals gewünscht, dies zu sein. Österreich war durch Jahrhunderte der führende Stamm der Deutschen.“
Erst am 30. Oktober 1933 wurde der Anschlussparagraph aus dem sozialdemokratischen Parteiprogramm gestrichen.
Natürlich gab es auch unter den Christlichsozialen Anhänger des Anschlusses, sie waren allerdings nicht so prominent wie jene aus dem großdeutschen und sozialdemokratischen Lager. Die Christlichsozialen traten – mit Rücksicht auf die Stimmung in einem Großteil der Bevölkerung – nicht offen gegen den Anschlussgedanken auf, engagierten sich allerdings kaum in den Organisationen wie etwa im Österreichisch-Deutschen Volksbund, der eindeutig von den Sozialdemokraten dominiert wurde. Im Christlichsozialen Wahlprogramm 1919 fand sich kein Hinweis auf den Anschluss, in weiterer Folge vertraten die entscheidenden Persönlichkeiten eine enge kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland, allerdings auf der Basis eines selbständigen, lebensfähigen Österreich. Durch die von Bundeskanzler Seipel erreichte Genfer Sanierung entwickelte sich – vor allem auf christlichsozialer Seite – so etwas wie ein neuer österreichischen Patriotismus. Der christlichsoziale Bundeskanzler Rudolf Ramek etwa – ein Konsenspolitiker – versuchte in seiner Politik alles, um Österreich so stark zu machen, dass es in der Lage wäre, seinen eigenen, selbständigen Weg zu gehen. Die „Lebensfähigkeit“ Österreichs sollte unter Beweis gestellt werden.
Es gab aber auch in den Zwanzigerjahren klare Vertreter einer katholisch-konservativen (z. T. monarchistisch) geprägten Bewegung, die in den Österreichern keinen deutschen Stamm, sondern ein eigenständiges Volk sahen. Die Proponenten waren Ernst Karl Winter, Alfred Missong und Hans Karl Zeßner von Spitzenberg, die dies 1927 in ihrem Sammelband „Die österreichische Aktion“ artikulierten. Schon im Nationalratswahlkampf 1923 hatte Zeßner von Spitzenberg Bundeskanzler Seipel als jenen Politiker gepriesen, der die Österreicher den Glauben an die Heimat, den Willen zum Österreichertum wieder finden ließe. Seipel habe sich mit der Genfer Sanierung nicht westlich, sondern österreichisch orientiert und die „Herztätigkeit Wiens und der Donaulande für ganz Mitteleuropa, ja für Europa“ aufgegriffen.
Im „Ständestaat“ spielte die Stärkung des Österreichbewusstseins als Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland eine wichtige Rolle. Österreich galt zwar weiter als ein „deutsches“ Land, allerdings wurden seine eigenen Leistungen, seine Kultur und Geschichte bewusst stark hervorgehoben und dienten zur Legitimierung des autoritären Systems. Die Idee der österreichischen Nation – propagiert vor allem von Richard Coudenhove-Kalergi, Ernst Karl Winter und dem Kommunisten Alfred Klahr – wurde als Kampfbegriff gegen den Nationalsozialismus neu belebt.
Als dann vor 80 Jahren, am 12. März 1938, die deutschen Truppen in Österreich einmarschierten, und Adolf Hitler mit der „größten Vollzugsmeldung seines Lebens“ auf dem Wiener Heldenplatz vor der deutschen Geschichte pathetisch den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich meldete, ging der Traum des Deutschnationalismus in Österreich in Erfüllung.
In der Euphorie des März 1938 schien jedes Österreichbewusstsein verschwunden zu sein, Österreich war nur mehr ein historischer Begriff und musste dem Begriff „Ostmark“ weichen und selbst dieser wurde später verboten. Karl Renner bot den Nazis an, in einer Plakataktion und in Zeitungen für ein „Ja“ bei der Anschluss-Abstimmung Propaganda zu machen, begrüßte in einem Interview „die große geschichtliche Tat des Wiederzusammenschlusses der deutschen Nation“ mit „freudigem Herzen“ und erklärte, mit „Ja“ zu stimmen. Dies tat er, wie er später betonte, „spontan und in voller Freiheit“ und im Wissen der Wirkung auf seine ehemaligen Parteigenossen. Und das in Kenntnis dessen, was Hitler in Deutschland seit 1933 angerichtet hatte und im Wissen, dass die ersten KZ-Transporte auch mit prominenten Genossen bereits unterwegs waren.
Recht bald, aber spätestens 1939 machten sich schon die ersten Frustrationserscheinungen aufgrund der Spannungen zwischen den „Altreichsdeutschen“ und den „Ostmärkern“ bemerkbar. Zu groß waren die Unterschiede zum neuen, reichsdeutschen Herrschaftspersonal, das die Ostmärker seine Überlegenheit spüren ließ. Sogar die österreichischen Nazis fühlten sich bald vor den Kopf gestoßen, als sich die ersehnten, wiedergefundenen Brüder wie unausstehliche Kolonialherren aufführten. Daraus entwickelten sich eine Distanzierung vom nationalsozialistischen Regime und in weiterer Folge „Österreich-Tendenzen“ sowie eine innere Wiederentdeckung Österreichs, die schließlich nach 1945 zu einem österreichischen Nationalbewusstsein auf breitem gesellschaftlichem Konsens führten und sich in einem „Identitäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl“ der Angehörigen der österreichischen Nation manifestieren.
Ich bin persönlich davon überzeugt, dass die nach 1945 entwickelte, moderne österreichische Identität – zu der besonders auch die österreichische Neutralität zählt – und das zunehmende österreichische Nationalbewusstsein in einer direkten, nie wirklich abgerissenen Verbindung zum Österreich-Bewusstsein aus der Habsburger-Monarchie stehen bzw. von diesem grundgelegt wurden. Auch wenn sie in der Zwischenkriegszeit und vor allem während des Zweiten Weltkrieges weitgehend verschüttet wurden. Das „Österreichische“, das schließlich die eigene, unbestrittene „Österreichische Nation“ grundlegte ist die Fortsetzung eines langen, in frühere Jahrhunderte zurückreichenden historischen Kulturstranges. Verstärkt wurde dies noch durch den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995, wodurch der Vielvölkerstaat der Donaumonarchie als „Europa im Kleinen“ noch stärker ins kollektive Bewusstsein rückte und eine Renaissance erlebte, die nicht so sehr mit Vergangenheitsverklärung und Habsburg-Nostalgie als mit der Wiederentdeckung des Kulturraums Mitteleuropa – ohne Deutschland – zu tun hat. Die neue „Brückenfunktion“ Österreichs zwischen Brüssel und den ehemaligen Ländern der Habsburger-Monarchie – eine Aufgabe, die Österreich essenziell von Deutschland unterscheidet – erneuerte und stärkte die historische österreichische Identität.
Die österreichische Nation ist daher nach meiner Überzeugung eine historisch eigenständige und nicht eine zweite „deutsche Nation“, geschweige denn ist Österreich ein „zweiter deutscher Staat“.
Die österreichische Kultur ist schon sehr früh eine von der deutschen Kultur eigenständige gewesen. Die Tatsache, dass etwa die österreichische Literatur nicht als deutsche Literatur bezeichnet werden kann, liegt nicht nur in der Eigenständigkeit des österreichischen Deutsch, sondern auch in der inhaltlichen und sprachlichen Unterschiedlichkeit zur deutschen Literatur.
Inzwischen ist die eigenständige österreichische Nation eine Selbstverständlichkeit und Normalität geworden. Barbara Coudenhove-Kalergi erinnert sich, dass Bruno Kreisky, einmal nach der österreichischen Nation gefragt, pragmatisch sinngemäß antwortete: Wenn es eine österreichische Nationalbank gebe, eine österreichische Nationalbibliothek und eine österreichische Fußball-Nationalmannschaft, dann müsse es wohl auch eine österreichische Nation geben. Heute geht das stark emotionale Bekenntnis der Bürgerinnen und Bürger zu ihrer österreichischen Nation erfreulicherweise weit über diesen Pragmatismus hinaus.

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