Wieviel Internationalität braucht die Regionalität?

Der Autor Dr. Wolfgang Kostner, Jahrgang 1971, ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule Tirol sowie freischaffender Dirigent und Musiker.

„Denn als glokalisierter Raum steht Tirol besonders unter dem Einfluss des Tourismus, der als Haupteinnahmequelle fungiert.“ (Teissl, Verena: Kulturveranstaltung Festival, Bielefeld 2013, S. 164). Der Schlusssatz der Studie „Kulturveranstaltung Festival“ von Verena Teissl bezieht sich auf das Kapitel „Fallbeispiel Tirol“. Ins Auge sticht der Terminus Glokalisierung, eine Wortneuschöpfung, ein sogenanntes Kofferwort, das die Begriffe Globalisierung und Lokalisierung – scheinbare Gegensätze – zusammenführt. Der Rest des Satzes ist Geschichte.

Nur indirekt geht es hier um den Tourismus als Motor im Land. Und doch ist es die (Tourismus-)Wirtschaft, die sich der Kultur bedient und damit diese beeinflusst, immer schon. Der umgekehrte Einfluss ist wohl wesentlich geringer. In keinster Weise ausschließlich für die Kunstschaffenden geht es um – wie Tobias Moretti in seiner Rede zum 125-Jahr-Jubiläum der Tourismuswerbung anmerkt – Identität als Prägung des Seins durch die Kultur einer Region, und nicht um Markenidentität, ein künstliches Konstrukt (Moretti, Tobias: Wann ist genug genug und wann ist oans mehr als koans? Festrede zum 125-Jahr-Jubiläum der Tourismuswerbung. In: Tiroler Tageszeitung vom 31.10.2014, Download am 17.02.2018, http://www.tt.com/wirtschaft/standorttirol/9186238-91/moretti-rede-wann-ist-genug-genug-und-wann-ist-oans-mehr-als-koans.csp). Folglich findet sich im Schnittpunkt von Identität und Mondialisierung das globale Dorf, dessen Ausprägungen sich in der Kultur des Landes deutlicher als in nicht-touristischen Räumen zeigen. Dies äußert sich sichtbar in kontrastiver Architektur: In der Infrastruktur der Ballungszentren, explizit auch in touristischen Zweckbauten, die zudem Repräsentation demonstrieren sollen. Daneben die Bewahrung einer frei nach Schluiferer (Schluiferer, Sepp (Pseudonym für Techet, Carl): Fern von Europa: Tirol ohne Maske, 1909; Neuauflage: Innsbruck 2009) satirisch-pastoralen Bauernidylle oder eines allgegenwärtigen süddeutschen Kirchenbarocks. Vergleichbares findet sich in allen bildendenden und darstellenden Künsten: Von abstrakter Malerei bis zu bäuerlichen Krippen-Figuren, vom zeitgeistigen Thriller zur scheinbar rückwärts orientierten Volksdichtung, vom Regietheater des 21. Jahrhunderts zum klischeebehafteten Schuhplattler, von der textilen Jugendkultur zur Trachtenpflege, von Avantgarde-Festivals zum Blasmusik-Konzert. Dass alle diese Richtungen einem steten, schneller werdenden Wandel, auch im Umgang der Bewahrung, unterliegen, ist dem Tempo der Zeit geschuldet.

Tirol bietet eine kulturelle Infrastruktur, die sicherlich noch nie so reich war, die keinen überregionalen Vergleich zu scheuen braucht. Die Polarisierungen, die auch die Szene beleben, betreffen die Ausrichtungen der Kultur. Auf der Suche nach einem kulturpolitisch erkennbaren Konzept stößt man unweigerlich auf die jährlich erscheinenden Kulturberichte des Landes. Dachverbände wie Sängerbund, Blasmusikverband, Volksmusikverein, Theaterverband, Künstlerschaft, Krippenverband und unendlich viele mehr versuchen, nach außen politisch und wirtschaftlich unabhängig, Kräfte zu bündeln, um Interessen weiterzuführen. Darüber hinaus boomen Festivals und Veranstaltungsreihen, die eine Vielzahl an Sparten bedienen.

Medial Beachtung findet, was einen repräsentativen Rezipientenkreis rekrutiert, wobei sich das journalistische Verhalten dem geänderten Medienkonsum angepasst hat: Kritiken weichen Adverticles, redaktionelle Texte Hochglanzbildern. Kultur soll nicht anecken, der Konsument (und eben nicht „Rezipient“) lässt sich nicht gerne – oder wenn, dann ohnehin nur mit plakativsten Mitteln – provozieren. Ein Spiegel einer neoliberalisierten Gesellschaft, deren unverbindliche Flüchtigkeit beängstigt und die Kultur zur ausschließlichen Unterhaltung – oder wie Harnoncourt statuiert: zum hübschen Beiwerk – degradiert. Ihre Existenz rechtfertigt sich, indem sie Diener ihrer Herren ist. Dass eine touristische Destination Gefahr läuft, Attraktivität mit Anbiederung zu verwechseln, hat schon Felix Mitterer in seiner seinerzeit als nestbeschmutzend verteufelten „Piefke-Saga“ aufgezeigt oder richtiger: bewiesen. Wo Kultur – im Verständnis von Kunst – nur sich selbst genügen muss und zur Privatsache mutiert, weil sie gesellschaftspolitisch keinen Stellenwert hat, dort hat sie auch den Auftrag abseits der Unterhaltung abgelegt. Der Anspruch der Kultur muss Bildung sein, und damit sind nicht Wissenserwerb, sondern wohl eher soziale, geistige, empathische Kompetenzen gemeint. Im Bildungssektor bedarf es in immer kürzer werdenden Abständen der Rechtfertigung, Kreativfächer nicht aus den Fächerkanons der Primar- und Sekundarstufen zu eliminieren. Dabei belegen alle paar Jahre neu evaluierte Studien gebetsmühlenartig den langfristigen, auch wirtschaftlich nachhaltigen Effekt. Die Rechtfertigung, Kultur aus der Tradition zu sehen, ist antiquiert und läuft in Zeiten von gesellschaftspolitischen Identitätskrisen in Europa Gefahr, ins falsche Eck gedrängt zu werden.

Seit den späten 0er-Jahren des 21. Jahrhunderts hat die Wirtschaft durch den Crash eine Legitimation erhalten, sich aus dem Kultur-Sponsoring zurückzuziehen. Interessanterweise scheint das sozial-pekuniäre Engagement keine Einbuße erlitten zu haben. Im Sportland Tirol ist es genauso wenig leistbar, sich aus diesem Segment herauszunehmen. Klassische Mäzene von regionalen Kulturbemühungen brechen weg. Die öffentliche Hand kann die Lücken nicht füllen, im Gegenteil: ist zur Effizienz gemahnt. Allerdings ist Kultur eben nicht effizient, auch wenn der Tourismus dies gerne in Zahlen bewiesen oder widerlegt hätte. Hochschuleinrichtungen liefern dazu Nachhaltigkeitsuntersuchungen, sprich Umwegrentabilitätsstudien.

Die Kultur sucht kreative Alternativen, reduziert sich, mit der Gefahr, die Qualität zu gefährden. Der Stärkere überlebt. Dort wo identitätsstiftende Motoren müde werden und den Kompromiss aufgeben, entstehen Leerräume, die nur kurz schmerzen, weil Unterhaltung in der Spaßgesellschaft eben kurzlebig ist, während Bildung nachhaltig sein muss und Freude – etwas Längerfristiges – vermitteln will. Der Kreis schließt sich.

Es gibt keine erkennbare, langfristig-perspektivische Kulturpolitik im Land, kann als ein Resultat der Studien von Verena Teissl gefiltert werden. Das Prinzip des „Geschehen-lassens“ hat allerdings auch Qualität. Kultur in seiner Breite ist demnach ein Zeichen der Demokratie, auch wenn das Gießkannenprinzip bei Subventionsvergaben ungern gesehen wird. Wird sie nicht gefördert, ist sie zwar unabhängig, aber meist kurzlebig. Beamte können und dürfen nicht über die Qualität von Kulturambitionen urteilen, sie sollen ermöglichen. Politische Karrieren wären kurz, wenn klare Bekenntnisse in der Ablehnung eines Events gefordert wären. Anerkennend zustimmen ist leicht, aber zu wenig, sofern nicht Hebel in Bewegung gesetzt werden.

Ich möchte den Fokus auf die Musik richten, der ich mich verpflichtet fühle. Tirol ist hier sehr breit aufgestellt. Die Ursachen dafür liegen weit zurück: Innsbruck erlebte als kurzzeitige Kaiserresidenz in der Renaissance bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts einen kulturellen Höhenflug (Vgl.: Tschmuck, Peter: Die höfische Musikpflege in Tirol im 16. und 17. Jahrhundert: Eine sozioökonomische Untersuchung, Innsbruck 2001; Senn, Walter: Musik und Theater am Hof zu Innsbruck: Geschichte der Hofkapelle vom 15. Jahrhundert bis zu deren Auflösung im Jahre 1748; Drexel, Kurt; Fink, Monika (Hrsg.): Musikgeschichte Tirols, Band I-III, Innsbruck 2004). Ab dem 19. Jahrhundert verlief die Entwicklung einer bürgerlichen Musikkultur ähnlich wie in anderen mitteleuropäischen Kleinstädten. Die ländlichen Musiziergemeinschaften bildeten vornehmlich Blaskapellen, von deren Tradition Tirol immer noch zehrt. Kirchenmusik hatte schon früh einen großen Stellenwert, auch bedingt durch die wohlhabenden Klöster im Land. Volksmusik, die auch werbewirksam exportiert werden konnte, wurde schon früh in ihrem Marktwert erkannt. Die kommerzialisierte, schließlich verwässerte Form wurde eine breite Erfolgsgeschichte. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts begann durch den Wirtschaftsaufschwung eine Öffnung. Die Alte-Musik-Bewegung fand in Innsbruck bereits ab den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Mekka. Als die historisch inspirierte Aufführungspraxis zur salonfähigen Kür, später zur Pflicht wurde, war das Alleinstellungsmerkmal allerdings für Innsbruck verloren. Nach der Zeit von Festwochen-Gründer Otto Ulf vereitelten auch personelle Eigeninteressen notwendige Visionen. Die Ausbildungsstätten in der Landeshauptstadt bringen trotz der diffusen Kompetenzverteilung nicht nur vereinzelt Spitzen hervor, sondern haben wesentlichen Anteil daran, dass in den meisten Genres genügend Output generiert wird. Der Fokus auf den Nachwuchs trägt Früchte, der Mittelbau – auch bei eigentlich relativ hoher Dropout-Quote – ist stark wie nie. Tirol lässt sich Musikkultur offenbar etwas kosten. Die Basis und deren mitunter administrativ-spröde, österreichisch-bürokratische Strukturen scheinen zu funktionieren. Schwieriger wird es im semi-professionellen Bereich. Dort, wo professionelle Musiker, häufig in Verbindung mit leistungsstarken Amateuren, in Ensembles agieren, wird es finanziell schwierig. Strohfeuer gibt es zur Genüge, Ensembles, die sich auf lange Sicht halten können, wenige. Meist geht den musikalischen Idealisten nach einer überschaubaren Zeit der Atem aus. Die Verschränkung mit Professionellen aus den Bereichen Fundraising, Veranstaltungs- und Organisationsmanagement, Marketing und Public relations, auch wenn Ausbildungsstätten auf Hochschulebene qualifiziertes Personal generieren würden, funktioniert auf Grund der fehlenden Ressourcen kaum. Dies betrifft die Bereiche der Bläsersymphonik, der Neuen wie Alten Musik, des Chorwesens oder der Bigband-Kultur gleichermaßen. Genau hier läge aber das Potenzial, einen umfassenderen Output abzuschöpfen. Hochqualitative freie Ensembles haben Ausstrahlkraft auf die heimische Basis, beeinflussen auch den schöpferischen Bereich einer Komponisten-Szene, übermitteln das Bild einer perspektivischen Kulturlandschaft. Die Infrastruktur in Tirol, von Proberäumen über Konzertlocations zu Plattformen, ist gut, die Finanzierung derselben ist nur für Vereine in Dachverbänden bewältigbar.

Eine breite Resonanz nach außen erfährt Tirol im Bereich des Volkstümlichen Schlagers. Der messbare Erfolg lässt sich anhand von Verkaufszahlen und Medienpräsenz ablesen. In einschlägigen deutschsprachigen TV-Formaten weisen Interpreten aus Tirol eine erstaunliche Frequenz auf. Umgekehrt rekrutieren regionale, festivaleske Veranstaltungen dieses Genres (inter)nationales Publikum und werfen nicht nur in der Umwegrentabilität Gewinne ab. Verständlicherweise beanspruchen Veranstalter hier auch Tourismusbudgets zur Finanzierung der Nebenkosten. Die Branche ist denkbar gut verankert und vernetzt und hat eine breite Lobby hinter sich. Ob diese Konzepte – zu oft an einzelne Protagonisten gebunden – zukunftsfähig sind, wage ich zu bezweifeln. Die Frage bleibt: Will man es anders?

Im (inter)nationalen Reigen der (Sommer)festivals der Hochkultur spielt Innsbruck und Tirol aktuell eine provinzielle Nebenrolle. Mit zum Teil erstaunlicher Qualität haben sich (auch) abseits von Innsbruck Veranstaltungsreihen – in unterschiedlichen Ausrichtungen – etabliert, die sich, nicht kommerziell ausgerichtet, auch überregional zumindest in Szene-Kreisen behaupten können. Hier gilt es einzuhaken: Die Attraktivität einer Region (nach außen) entsteht nicht durch touristische (Massen )Events, sondern auch durch die Vermittlung von authentischer Kultur, die im Kolorit nicht zwangsläufig „volksmusikalisch“ sein muss. Langfristige Wertschöpfung – oder besser Werteschöpfung – entsteht vermutlich durch eine sensible Vernetzung von Internationalität und Regionalität, sowohl was die Genres als auch die Ausführenden betrifft. Es muss möglich sein, von außen zu profitieren, ohne die eigene Identität zu verlieren. Vermutlich hätten wir umgekehrt genügend weiterzugeben. Es ist ein rurales Mosaik mit Kontrapunkten, das ein Flair, eine Atmosphäre, einen Life-Style, eine Mentalität vermittelt. Man wünscht sich „sanften Tourismus“, der ist allerdings nur mit Qualität – insbesondere in kulturellen Ausdruckformen – zu erreichen.

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