Was ist Wahrheit? – Überlegungen zu einem schwierigen Begriff

Der Autor Bbr. Dr. Georg Fischer OT gehört seit 1991 dem Deutschen Orden an und ist nach den Kaplansjahren in Frankfurt am Main, einem Promotionsstudium und der Arbeit als Auslandspfarrer in Brasilien Teil des Seelsorgeteams in den Ordenswerken in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Frage nach der Wahrheit reiht uns in eine lange Kette der Wahrheitssuchenden ein, wobei durchaus zwischen der Suche nach einzelnen Wahrheiten und der nach der Wahrheit an sich zu unterscheiden ist. Bereits Platon verbindet in seinem Denken Einzelfragen – nach der rechten Staatskunst, der Ethik, der dem Menschen möglichen Erkenntnis – mit dem Vorhandensein einer objektiven, seinsmäßigen Wahrheit. Diese Wahrheit ist die Wahrheit, die hinter und über allen Einzelwahrheiten steht, ja scheinbar gegensätzlichen Wahrheiten, dem unterschiedlichen Wahrnehmen gleicher Fakten und Umstände eine letzte vereinigende Bestimmung gibt.
Das Christentum hat diesen Wahrheitsbegriff übernommen und ihn mit dem dreifaltigen Gott identifiziert, der selbst die Wahrheit ist, die sich allen erkennbar und dem Gläubigen erreichbar macht. Und dennoch bleibt auch für den Christen das Phänomen unterschiedlich wahrgenommener Wahrheiten, subjektiver Wahrheiten, faktischer Wahrheiten, moralischer Wahrheiten. Geht man unvoreingenommen an diesen Umstand heran, dann zeigt sich, dass deren Vorhandensein nicht Absage an, sondern vielmehr Bestätigung von objektiver Wahrheit ist, deren Erkenntnis konkrete Forderungen für mein Leben beinhaltet.
Ein paar ganz subjektive, selbst erlebte Beispiele sollen dies verdeutlichen.
2011 führte ich eine Gruppe Deutschbrasilianer der zweiten und dritten Einwanderergeneration in die Vereinigten Staaten, an Orte, die von anderen Einwanderern deutscher Sprache im 19. Jahrhundert gegründet worden waren. Wir kamen an den Rand der texanischen Wüste, wo sich idealistische Kolonisatoren aus dem Hessischen niedergelassen hatten und in Orten mit deutschen Namen extensive Farmwirtschaft betrieben. Wolkenbruchartiger Dauerregen machte das Vorhaben einer umfassenden Inaugenscheinnahme unmöglich. Unsere Gruppe saß in einem halboffenen Barbecue-Restaurant – auf dessen Stahldach der Regen nur so trommelte, sodass man sich auch nicht mehr im Rahmen einer sinnvollen Lautstärke unterhalten konnte – und war ziemlich enttäuscht, um es vorsichtig auszudrücken, woran auch das exzellente Grillgut nichts ändern konnte. Die anderen Gäste hingegen bekamen das Grinsen nicht mehr aus den Gesichtern, erwachsene Menschen ließen draußen wie kleine Kinder Schlamm und Wasser aufspritzen, tanzten und johlten, zwei Frauen lagen sich weinend in den Armen, allerdings nicht aus Trauer – wir waren ausgerechnet an dem Tag dort angekommen, an dem es zum ersten Mal nach zwei vollen Jahren regnete, und das gleich ausgiebig. Ganz unterschiedliche persönliche Wahrnehmungen und Wahrheiten zeigen sich hier bei derselben faktischen Wahrheit – Regen in Mitteltexas –, die ihrerseits nicht die Wahrheit an sich darstellt.
Überhaupt ist auch eine rein faktische Wahrheit, obwohl bereits diese nicht nur im politischen Diskurs oft schon Mangelware ist, nur Abbild und Teil der größeren Wahrheit.
Die Deutschordenskirche zu Frankfurt am Main beherbergt einen Passionszyklus, eine der ältesten erhaltenen bildlichen Darstellungen der Stadt, die – um 1325 geschaffen – in Qualität und Ausführung mit den Malereien auf den Chorschranken des Kölner Doms vergleichbar war. 2016 wurde das Projekt der Renovierung dieser früher als gemalte Altarretabel dienenden Temperaarbeit in Angriff genommen. Nach dem Abschluss der Arbeiten 2017 wurde in allen großen Frankfurter Zeitungen darüber berichtet, und alle Artikel enthielten als Eyecatcher ein Bild, das die Restauratorin bei der Arbeit zeigte: Mit beleuchteter Lupenbrille, Feinst-Pinsel und Reinigungstupfer ging es da zu Werke. Das Problem war nur: Das Bild war gestellt. Faktisch arbeitete die Dame auf dem Bild nicht, sie wurde lediglich mit ihren Arbeitsutensilien vor dem entsprechenden Hintergrund fotografiert. Das Bild sollte die Wirklichkeit zeigen, zeigte aber nur, wie die Wirklichkeit aussah bzw. aussehen sollte.
Ist es deshalb unwahr? Faktisch vielleicht, aber doch nicht von seinem Inhalt, seiner Aussageabsicht her. Es zeigt sich, wie bei der Frage nach der Wahrheit unterschieden werden muss, hier zwischen faktischer und zugrundeliegender, also substantieller Wahrheit. Die gleiche Unterscheidung, die sich überhaupt sehr gut an Fotografien erläutern lässt, gilt auch hinsichtlich der bekannten Eingriffe, die im Nachhinein aus politischen Gründen an bereits existierenden Bildern aus der russischen Oktoberrevolution durchgeführt wurden. Wir denken an die aus heutiger Sicht und vor dem Hintergrund des mit Photoshop Möglichen recht stümperhaft wirkenden Entfernungen Trotzkis und Jeschows. Faktisch falsch, aber substantiell wahr: Die Betreffenden hatten in der Partei nichts mehr zu sagen, waren politisch kaltgestellt worden und wurden kurz darauf auch ganz faktisch kalt gemacht und ausradiert.
Auf bestürzende Weise zeigt sich hier, dass die Frage nach der Wahrheit nicht bei der Unterscheidung zwischen faktisch und substantiell stehenbleiben kann. Es gibt einen Unterschied zwischen einer erläuternden Bebilderung und politischer Propaganda bzw. Manipulation. Wie ist dieser zu begründen? Dadurch, dass zur Wahrheit im umfassenden Sinne auch die moralische Wahrheit gehört – richtig und falsch, hier als gut oder böse –, nicht bloß faktisch richtig und falsch. Auch ein faktisch falsches Bild einer Restauratorin mit Schrubber und Scheuerlappen erscheint uns nicht als so verkommen wie ein Propagandabild, auf dem zwar ein Körper belassen, dieser aber mit einem anderen Gesicht versehen wurde.
Bei diesem Aspekt der Wahrheit handelt es sich um eine Wahrheit, um die jeder weiß, die aber jedem schwer fällt hinzunehmen. Gerade bei der Frage nach der moralischen Wahrheit kommt im Smalltalk ein smarter Indifferentismus – wer weiß schon, was moralisch wahr ist – besser rüber als die Versicherung, eine solche für real zu halten und eine entsprechende Lebensführung zu versuchen. Schon hier zeigt sich ein Umstand, auf den später noch etwas näher einzugehen ist. Der Umstand nämlich, dass Wahrheit bei allen zahllosen Fakten und Hintergründen, die für den Einzelnen uninteressant sind, ihn und sein Leben letztlich persönlich betreffen: Ich kann der Frage nicht ausweichen, ob mein Leben im umfassenden Sinne als wahr und wahrhaftig bezeichnet werden kann oder nicht. Um mir diese Frage möglicherweise etwas weniger unangenehm zu gestalten, kann ich mir vorläufig mit Relativismus und Indifferentismus Erleichterung zu schaffen suchen, aber selbst derjenige, der die Erkennbarkeit moralischer Wahrheit bestreitet, kann nicht deren Existenz leugnen. Wir wissen, dass es eine eindeutige Antwort auf die Frage gibt, ob eine bestimmte Handlung, eine Äußerung, eine politische Richtung, auch eingedenk aller zeitlichen und kulturellen Umstände, in diesem Sinne wahr ist oder nicht.
Bevor dieser personale Aspekt etwas genauer betrachtet werden soll, ist der Blick noch auf andere Wahrheiten zu richten, oder besser auf die Größe der einen Wahrheit, die dem Menschen in vielen Einzelfeldern gegenübertritt. Auch diese sind neben den schon genannten faktischen, substantiellen und moralischen zusätzlichen Einzelwahrheiten nicht erschöpfend, es lassen sich jederzeit weitere Unterteilungen denken. Zwar ist der Mensch nicht unbegrenzt, gleichwohl kann dennoch ein wenig mehr zusätzliches Gespür für die wirklich umfassende Durchdringung von allem durch die Wahrheit an sich erreicht werden. Man könnte es auch als Ehrfurcht bezeichnen.
Betrachtet man etwa den alttestamentarischen Bericht vom Goldenen Kalb, heutzutage vielleicht bekannter aus dem sprichwörtlichen Tanz um dasselbe, können auf die Schnelle drei, vier Wahrheiten identifiziert werden: die historische Wahrheit (Hat das wirklich so stattgefunden?), die theologische (Was will uns Gott, so es ihn gibt, damit sagen?), die psychologische (Warum sind Menschen so leicht verführbar?) und die aktuelle, deontische Wahrheit (Was sollen wir heute aus dieser Geschichte lernen und wie entsprechend handeln?). Und mit etwas Nachdenken kommen bei jedem Teilaspekt Fragen nach weiteren Wahrheiten auf.
Allein die historische Wahrheit im Sinne von Faktum und Datum ist offen für so viele weitere Wahrheiten, die im Laufe der Zeit auch ganz gegensätzliche Interpretationen zulassen, daß man mit der Suche nach der Wahrheit wohl nie an ein Ende kommt – was aber nicht heißt, daß es diese nicht gibt. Beispielsweise die deutsche Wiedervereinigung. Wem ist sie zu verdanken? Dem Papst? Gorbatschow? Kohl? Den ostdeutschen Montagsdemonstranten? Dem Umstand der Pleite des Sozialismus? Reagan, der den Sozialismus in Grund und Boden gerüstet hat? Die Antworten werden je nach Wissensstand und politischem Standpunkt durchaus unterschiedlich ausfallen. Auch am Beispiel des Deutschen Ordens lässt sich das zeigen: Die berühmte Niederlage bei Tannenberg am 15. Juli 1410 gegen ein vereinigtes polnisch-litauisches Herr ist recht gut erklärbar, militärisch, sozio-ökonomisch, technisch. Es lassen sich die politischen Bedingungen erhellen, man kann auf das Bernsteinmonopol des Ordens und entsprechende Begehrlichkeiten verweisen. Aber das verhinderte nicht, dass die Frage nach der tieferen Wahrheit dieses Ereignisses im 19. Jahrhundert und in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts gestellt und dabei zum Spielball der Politpropaganda geworden ist, hüben wie drüben. Zum Glück gibt es diese jeweils einseitigen, partiell abstrusen Interpretationen so nicht mehr, aber die Frage bleibt: Was ist die letzte Wahrheit dahinter? Es gibt sie, sie ist größer als die Einzelfakten, die sie bilden, sie mag sogar für den Menschen unerkennbar bleiben, sie mag nicht in der Diskussion erreichbar sein – aber sie ist da. Ganz so wie es an jedem Wahlabend nach Schließung der Wahllokale ein Ergebnis gibt – und viele Interpretationen, auch lächerliche. Aber nur eine Gesamtwahrheit.
Bevor eine Gesamtdefinition von Wahrheit versucht werden soll, noch eine Vertiefung des Besprochenen anhand zweier weiterer durchaus bekannter Fragestellungen. Beide zeigen die bloß näherungsweise zu beantwortende Wahrheitsfrage auf vielen Feldern des menschlichen Nachdenkens und Forschens und lassen den Betrachter zurück, manchen mit dem Gefühl der Vergeblichkeit menschlichen Tuns und Erkennens, andere – hoffentlich die große Mehrheit – mit dem zuversichtlichen Wissen, dass der Umstand der Vorläufigkeit menschlichen Denkens Endgültiges und Wahres nicht ausschließt, sondern geradezu drauf hinweist.
Das eine ist das philosophische Problem der Identität. Es handelt sich dabei um kein neues Problem, sondern um ein seit den alten Griechen bekanntes und auch durch moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht widerlegtes, das neu aufgeworfen wird. Die Alten verwendeten dazu das Gleichnis von Theseus‘ Schiff, einem gedachten Kahn, dessen schadhafte Planken nach und nach ausgetauscht werden, bis zum Schluss alle ausgetauscht sind. Ist das dann noch Theseus‘ Schiff? Ja, könnte man sagen, sofern Theseus das Schiff aktuell benutzt – ein bekannter Lösungsansatz, der sich auch bei der „Air Force One“ zeigt, also jedem Luftfahrzeug der amerikanischen Luftwaffe, auf dem sich gerade der Präsident befindet, unabhängig von dem schönen blauen Flugzeug das man häufig im Fernsehen sieht und von dem es übrigens zwei gibt. Oder beim Papamobil, immer mit dem Nummernschild SCV-1; Papstauto ist jenes, worin der Papst sitzt und sonst keines. Aber mit der bloßen Benennung ist das Problem der materiellen Identität nicht gelöst. Was wäre nämlich, wenn man die vorgenannten, herausgelösten Planken alle gesammelt und nach dem Gesamtaustausch zu einem zweiten, baugleichen Schiff zusammengesetzt hätte. Was wäre dann in Wahrheit Theseus‘ Schiff? Das neue, auf dem er jetzt sitzt, oder das alte, neu zusammengesetzte, mit dem er seine wichtigsten Fahrten gemacht hat? Und was passiert, wenn Theseus stirbt? Man könnte von einer Art spirituellem Weiterleben sprechen, so wie dies in Japan geschieht, wo die meisten Shinto-Schreine nach 20 Jahren aus neuem Holz neu errichtet werden, der geistliche Gehalt des Ortes aber derselbe bleibt. So könnte man auch auf die Frage nach der Identität des Menschen antworten und damit gleichzeitig einem harten Materialismus eine Absage erteilen: Auch der Mensch bleibt derselbe, mögen sich auch seine Zellen in regelmäßigen Abständen erneuern.
Ein harter Materialismus hätte zur Folge, dass kein Mensch für sein Tun verantwortlich sein und zur Rechenschaft gezogen werden könnte, nicht erst über einen längeren Zeitraum, sondern praktisch schon am folgenden Tag nicht mehr, schließlich ist er ja seit seinem Banküberfall gestern nach dem Verlust dreier weiterer Haare und einiger Hautschuppen nicht mehr derselbe. Ein harter Materialismus kennt nur Augenblickswahrheiten.
Das zweite Beispiel ist ebenfalls nicht mehr ganz neu, lässt uns aber genauso ohne endgültige, für uns begreifbare Antwort zurück, wissend, dass es sie geben müsste – freilich außerhalb und hinter der hier zu betrachtenden Quantenphysik –, sie uns aber verschlossen bleibt. Es handelt sich um die Heisenbergsche Unschärferelation. Eine eingehende Erläuterung dieses Phänomens kann hier nicht erfolgen und ist auch nicht Gegenstand der Überlegungen. Nur soviel sei dazu gesagt: Je genauer die Messung des Ortes eines Teilchens, desto ungenauer gleichzeitig die Messung seines Impulses. Eine gleichzeitige äußerste Genauigkeit in der Messung bleibt dem Menschen verschlossen. Allein schon das Beobachten der einen Größe verändert die andere. Die Antwort auf die Frage nach dem genauen, wahren Zustand aller Faktoren ist unzugänglich, d.h. aber nicht, dass es sie nicht gibt.
Damit soll ein Versuch unternommen werden, den Begriff Wahrheit zu definieren – nicht zum ersten Mal. Im Hochmittelalter, einer Zeit, die bedeutend besser ist als ihr Ruf, definierte der große Heilige Thomas von Aquin, ein Hauptvertreter der sogenannten Scholastik, die Wahrheit als die Übereinstimmung der Dinge mit dem Verstand, die Erkenntnis erfasst dabei das Objekt, so wie es ist. Hier muss nicht Kant bemüht werden, der die Erkenntnis des Dings an sich bestritt, es genügt das oben Gesagte, um den Wahrheitsbegriff weiter zu fassen, denn wahr ist eben auch vieles, was die menschliche Erkenntnis nicht um- oder erfasst. Wahrheit ist vielmehr als alles das zu verstehen, wonach sinnvoller Weise gefragt werden kann, „sinnvoll“ hier nicht als mit praktischem Nutzen versehen, sondern in der Bedeutung von formell sinnvoll. Ob etwa Rot musikalischer ist als Donnerstag ist keine sinnvolle Frage, deren Beantwortung prinzipiell möglich wäre.
Der 2006 verstorbene Innsbrucker Jesuit und Philosoph Emerich Coreth entwickelte aus dieser sehr allgemeinen Definition von Wahrheit einen recht kurzen Gottesbeweis. Gott existiert, denn man kann nach ihm fragen. Etwas genauer gesagt: Die an sich sinnvolle Frage nach der Existenz Gottes kann nur von Gott selbst beantwortet werden. Dazu benötigt man die Definition Gottes aus dem frühen 6. Jahrhundert durch Boethius, nachdem Gott dasjenige ist, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Ein Wesen, das geringer ist als Gott, kann die Frage nach dessen Existenz zwar stellen, aber die Antwort nicht vollständig erfassen, es wird die Existenz erkennen können, aber nicht alles, was diese impliziert. Ein Wesen, das größer ist als Gott, kann diesen vollständig erkennen, ist aber wiederum größer als das bis dahin gedachte größtmöglich Gedachte, das dadurch definitionsgemäß nicht mehr Gott ist, diesen Titel gleichsam abgeben muss. So fällt in Gott und nur in Gott die Selbsterkenntnis genau mit der Wahrheit, die diese ausmacht, in eins, es fehlt nichts an Sein, an Allmacht und Allwissen, kurz an der Wahrheit an sich. Coreths Gottes-Herleitung ist damit eine Fortentwicklung des ontologischen Gottesbeweises anhand des Wahrheitsbegriffs.
Anders argumentiert der katholische Philosoph Robert Spaemann, der einerseits in der Gottesfrage ebenfalls vom Wahrheitsbegriff ausgeht, die Frage nach Gott und ihre Beantwortung andererseits aber nicht als aus dem Gottesbegriff ontologisch, also seinsmäßig offenkundig, behauptet. Er geht vom Menschen aus, den er als freies und begrenztes Wesen ansieht, das bei aller Begrenztheit wahrheitsfähig ist. Diesem Menschen ist die Frage nach Gott als, wie er es nennt, „unsterbliches Gerücht“ eingepflanzt. Der Mensch sucht zu verstehen, sucht weiter, auch wenn er um die Vorläufigkeit und die Grenzen seiner Einsicht weiß. Der Mensch unterscheidet sich, so ist zu ergänzen, genau dadurch vom Tier, dass er Fragen stellt. Diese Fragefähigkeit macht ihn wahrheitsfähig.
Für Spaemann – ich schließe mich dem ausdrücklich an – besteht das große Elend der modernen Gottlosigkeit auch nicht so sehr im moralischen Verfall, sondern in der Weigerung des Menschen, überhaupt noch Fragen zu stellen und bestimmte Fragen, insbesondere die nach Gott, als uninteressant abzutun. Für den Menschen ohne Frage wird dann die Wahrheit irrelevant, letztlich verliert die Wirklichkeit ihren Sinn, die Handlung die Verantwortung, das Ereignis die Bedeutung.
Aus der Wahrheitsfähigkeit des Menschen leitet Spaemann seinen Erweis der letzten Wahrheit und damit Gottes ab. Es ist z.B. wahr, dass Sie jetzt diesen Text lesen, und dieser Umstand wird in alle Ewigkeit wahr sein, d.h. es wird niemals nicht gewesen sein, dass Sie mit Ihren Augen auf diese Zeilen geblickt haben. Aus dieser Wahrheit folgen weitere Wahrheiten, wie die Antwort auf die Frage nach der Anzahl der Gesamtleser, die Akademikerdichte, das monatliche Gesamtbruttoeinkommen aller Leser usw. Bis in die kleinste Wahrheit hinein wird diese immer wahr bleiben. Gott ist hier der letzte Garant der Wahrheit, ja die Wahrheit an sich. Er ist der Allwissende, der die Antwort auf jede Frage kennt. Die letzte Wahrheit, welche die aktuelle Wahrheit wahr macht. Und der dem Ganzen Sinn verleiht, denn er kennt nicht nur die Zahl der Sterne und die Antwort auf die Frage nach dem Verbleib des Bernsteinzimmers, sondern auch jene auf die Frage nach dem Warum und dem Wieso.
Nun könnte man meinen, dass damit schon der christliche Aspekt dieser Überlegungen abgehandelt ist, aber dem ist nicht so. Die bloße Existenz Gottes, eine allumfassenden Wahrheit, einen Punkt aller Antworten zu akzeptieren, ist noch kein Glaube. Es ist Deduktion, keine Liebe oder Vertrauen. Und sie beinhaltet auch keine Sehnsucht nach der Unendlichkeit, im Gegenteil, die so erschlossene Gesamtwahrheit ist kalt und hart.
Das lässt sich bei dem Teil der Wahrheit zeigen, der dem Menschen bei allen Einschränkungen prinzipiell zugänglich ist, der Vergangenheit. Man kann daraus lernen, das ist das Eine. Zumindest wenn man nicht links ist. Privates Eigentum, die Freiheit, darüber zu verfügen, überhaupt persönliche Freiheit, tragen mehr zur Armutsbekämpfung bei als staatliche Programme, die mit zwangsweiser Umverteilung operieren. Das kann man immer und überall nachweisen, das war letztlich der Grund für den Triumph der Nordstaaten über die Sklavenstaaten des Südens im amerikanischen Bürgerkrieg, für die Zurückdrängung der Armut in China oder Vietnam trotz nomineller Beibehaltung des sozialistischen Systems, sowie das ansonsten vollständige Scheitern eben dieses Systems im Ostblock und auch sonstwo. Dennoch meinen manche, das System sei nur falsch verstanden worden, man solle es nochmal versuchen und mehr davon, dann klappe es bestimmt. Beispiele gibt es genug: Mietpreisbremse – funktioniert nicht, was man mit volkswirtschaftlichen Grundkenntnissen schon vorher wissen hätte können; Für die bundesdeutsche Linkspartei heißt es dennoch: Härtere Mietpreisbremse fordern. Bildungspolitik – Schüler werden immer schwächer; Also: Leistungsansprüche absenken, Schreiben nach Gehör, Abschaffung von Noten, Verbot von Hausaufgaben. Ich bin mir sicher, jeder klar denkende Mitteleuropäer kann weitere Beispiele beisteuern.
Man kann aus der Vergangenheit lernen, weil Sie unveränderlich ist – und damit bisweilen unerträglich, weil sie bei den wirklich wichtigen Punkten zutiefst persönlich ist: Das, was in meinem Leben bisher war, ist wahr und bleibt wahr. Die Psychologie weist zwar darauf hin, dass der Mensch beständig im Inneren an seiner Vergangenheit herumdoktert, um mit ihr zu Rande zu kommen, aber dieser Umstand widerlegt nicht, sondern bestätigt den Befund. Ja, es gibt in der Vergangenheit für jeden von uns Auszeichnungen, bestandene Prüfungen, schöne Urlaube – es gibt aber auch Scheitern und moralisches Versagen, das, was die Kirche Sünde nennt, Handlungen, die wir, selbst wenn wir die Begrifflichkeit nicht teilen, am liebsten ungeschehen machten. Und genau das geht nicht, es bleibt für immer wahr.
Nun blickt der Mensch nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft, zumindest weiß er, dass es diese gibt und das man hier auch sinnvolle Fragen stellen kann, die, man ahnt es, wahr beantwortet werden können. Nicht von uns, aber es gibt die Antworten, etwa auf die Frage nach den Lottozahlen des kommenden Wochenendes, Zusatzzahl und Super 6 eingeschlossen. Dummerweise gibt es die Zukunft betreffend auch nicht ganz so lustige Fragen, die obendrein höchstpersönlich sind, gewissermaßen eine individuelle Wahrheit als Antwort haben, genau auf jeden einzelnen zugeschnitten. Etwa die Frage nach Datum, Uhrzeit, Ort und Umstand des eigenen Todes. Die Frage können wir verdrängen, nicht stellen wollen, als unerheblich für das Hier und Jetzt qualifizieren, es ändert nichts am Vorliegen der Antwort.
Und da steht der Mensch nun zwischen der kalten unveränderlichen Wahrheit des Vergangenen und der leichenkalten unerbittlichen Wahrheit der Zukunft und mag sich einsam fühlen, denn nur er allein hat genau diese Geschichte und dieses Ende und diese Wahrheit.
Wie reagieren wir? Wie die meisten Erfolgreichen und überdurchschnittlich Intelligenten, die darum wissen – für die anderen gibt es Playstation und RTL II – zynisch? Etwa wenn wir als Chef mitten in unseren Pflichten gestört werden, weil da irgendjemand subalternes in der Firma Ärger macht und vom rührigen Betriebsrat oder Personalchef zur endgültigen Entscheidung überstellt wird. Und der dann auch noch behauptet, die Wahrheit gesagt zu haben. Was soll man sagen? Mit der eigenen Erfahrung hinsichtlich des Zustands der Welt, angesichts der eigenen Lebensgeschichte, dem Wissen um den Zustand des durchschnittlichen menschlichen Charakters? Was ist Wahrheit? Das bekommt der Betreffende noch zu hören und dann einen Karton überreicht.
Die Wahrheit als solche mag es geben.
Aber sie erscheint gerade wegen ihrer Endgültigkeit, ihrer bei aller Individualität völligen Unpersönlichkeit und schlußendlichen Unbarmherzigkeit nicht wirklich attraktiv. Sie mag die Existenz Gottes erweisen, aber dieser Gott ist ein deistischer Gott, die Uhr wird aufgezogen, laufen gelassen und irgendwann kommt das Ende. Die Wahrheit, die mir etwas zu sagen hat, muss mir nahe sein, mir etwas bedeuten, muss wirklich wahr sein ohne falsche Tünche über meine Geschichte, muss mich begleiten und wahr sein über den 18. Oktober 2038, 16:29, Uniklinik, Herzinfarkt hinaus.
Hier nun wird der genuin christliche Wahrheitsbegriff deutlich. Zunächst muss man – sofern vorhanden – den Irrglauben ablegen, beim Christentum gehe es um ein gutes Gefühl. Das ist weit verbreitet, aber bloße Sentimentalität bzw. Emotivismus. Christentum ist auch kein ethisches Lehrgebäude, ethische Forderungen des Christentums ergeben sich aber aus seinem Glauben an eine absolute Wahrheit, die Gott ist, die aber nicht fern ist, sondern dem Menschen ganz nah. Die Wahrheit kommt in diese Welt und spricht zu den Menschen, nicht durch kluge Lehrer wie zuvor, nicht durch heilige Schriften, sondern durch eine Person, Jesus. Kein Hippie, kein Arier, kein Softie, kein Protosozi oder was dergleichen über ihn allein in den letzten hundert Jahren im Umlauf gebracht wurde, sondern ganz Mensch, der mit uns empfinden kann und ganz Gott, der allmächtig und allwissend, kurz, die Wahrheit selbst ist.
Genau davon spricht das Evangelium. Lukas etwa erwähnt den Umstand, dass der neugeborene Jesus in Windeln gewickelt wurde, nicht zufällig. Hier ist einer Mensch. Aber damit es nicht nur menschelt, ist Lukas durch den Prolog des Johannesevangeliums zu ergänzen. Johannes benutzt nur einen Begriff, um die göttliche Natur Jesu zu beschreiben, fast unübersetzbar, Faust arbeitet sich in seinem Studierzimmer daran ab: Kraft, Sinn, Tat. Johannes verwendet den griechischen Ausdruck Logos, den Menschen seiner Zeit bekannt mit den Bedeutungen Begriff, Vernunft, schöpferischer Weltgeist. Die heutige Bibel verwendet den Ausdruck Wort – Wort, mit dem und durch welches Gott zu uns spricht. Man kann es auch mit Wahrheit übersetzen, denn der hier als vor- und überzeitlich, allwissend und schaffend, mithin göttlich bezeugte Jesus, bezeichnet sich selbst als die Wahrheit.
Die Wahrheit ist hier keine bloße Faktenwahrheit, auch nicht nur eine Aussageabsicht, sie ist gleichzeitig Weg und Leben, sie ist Person, die befreit. Und diese ist nicht kalt und unerbittlich, ja sie zeigt sich gerade dadurch allmächtig und allwissend, dass sie die Vergangenheit des Menschen nicht unerbittlich bezeugt und ihm vorhält, sondern stärker ist, indem sie vergeben kann und auch vergibt. Hier sind wir wieder bei der Definition Boethius‘: Der vergebende Gott ist größer gedacht als der bloß Notiz nehmende, die personale Wahrheit umfassender als die faktische, der Mensch gewordene Gott mächtiger als der ferne Seins-Klotz. Es ist nicht einfach Spekulation, wenn derselbe Johannes Gott später als die Liebe bezeichnet.
Aber Johannes ist kein Naivling, er weiß um die Realität. Das Wort, der Weg, die Wahrheit und das Leben, die göttliche Allmacht kommt in sein Eigentum, aber das, was ihm gehört, interessiert sich nicht für ihn. Die Seinen hätten ihn nicht aufgenommen, schreibt Johannes. Den meisten Menschen ist die Wahrheit egal, ja, sie wird bekämpft bis zum Äußersten. Aber diejenigen, die diese Wahrheit nicht bekämpfen, was ist mit ihnen? Für sie ist die Wahrheit weder kalt, noch nur faktisch, noch zeitgebunden, noch nur das Erkennbare betreffend – sie ist ein Licht, das in der Finsternis leuchtet. Sie ordnet ein, erklärt und lässt verstehen – die kleinen Dinge des eigenen Lebens und die großen Zusammenhänge der Welt, das Menschliche und das Göttliche. Wenn also die Wahrheit als solche anfassbar wird, Fleisch wird und unter uns wohnt, was ist dann mit denen, die sie annehmen? Werden sie klüger, anerkannter, bessere Menschen, moralisch rein? Werden die unangenehmen Wahrheiten zugekleistert, ist alles nicht so schlimm? Nein, die Wahrheit, die in diese Welt gekommen ist, achtet die Freiheit des Menschen und deshalb leugnet sie nicht, weder die Vergangenheit, noch die Zukunft. Aber sie bleibt größer, durch Vergebung und Hoffnung. Und so weiß Johannes, dass der Mensch, der die umfassende Wahrheit, das Wort, das Licht, zugelassen und aufgenommen hat, nicht bloß ein bisschen besser und weniger ängstlich wird, sondern Macht erhält, ein Kind Gottes zu werden.
So fern steht niemand von der Wahrheit, als dass das unmöglich wäre. Manchmal steht die Wahrheit unmittelbar vor einem und man übersieht sie förmlich, weil man nicht umdenken kann, weil fest eingebunden in die eigene Erfahrung, die Machtfülle, den Stress, den Alltag, die Mehrheitsmeinung, den Zeitgeist. Manchmal kann die Wahrheit ganz schön stören und der Mensch ist bemüht, mit ihr final fertig zu werden. Was ist schon Wahrheit? Hat doch jeder was Eigenes. Das Johannesevangelium, das nicht nur fromm, sondern auch große Literatur ist, schildert diese Lebenserfahrung anhand des Verhörs Jesu durch Pilatus, der auf die Versicherung Jesu, dass es die Wahrheit gibt, dass sie in Gott zu finden ist und dass er selbst die Wahrheit vermittelt, mit eben dieser je nach Betonung zynischen, herausfordernden, zweifelnden, erwartenden oder philosophischen Frage entgegnet: Was ist Wahrheit?
Da man im Mittelalter in den Klöstern Latein sprach und schrieb und viel Zeit hatte, über solche Fragen nachzudenken, fiel irgendwann einem Mönch auf, dass man die lateinische Frage „Quid est veritas?“ – „Was ist Wahrheit?“ auch anagrammatisch umstellen kann. Und dann wird aus der Frage des Pilatus gleichzeitig die Antwort, die sich nur dem erschließt, der umzudenken bereit ist: „Est vir qui adest“ – „Es ist der Mensch, der hier anwesend ist“. Hier Jesus vor Pilatus und jeder Mensch, der hier und heute mir der Nächste ist, der mich wahrhaftig braucht, eine im Wortsinne liebenswerte Person.
Der Mensch, der die Wahrheit sucht, sucht letztlich immer Gott. Und wenn er ihn findet, findet er auch sich selbst, findet die ganze Wahrheit, die frei macht. Und so lässt sich auch das eingangs geschilderte Regenwetterproblem lösen: Wenn der Mensch aufhört, nur seiner eigenen Wahrheit anzuhängen, wenn er sich für die ganze Wahrheit öffnet und frei wird, die Wirklichkeit durch die Augen des Anderen und letztlich Gottes zu betrachten versucht, was nicht ohne Liebe zur Wahrheit an sich wie zur Wahrheit des Nächsten möglich ist, dann wird er sich an der Wahrheit freuen, dann wird die Wahrheit ihn selbst frei machen. Die Liebe freut sich an der Wahrheit, die erkennbar wird für den, der liebt, über bloße Zahlen, Fakten und Umstände hinaus. Philosophische Fragen und Antworten, Identitätsproblematik, Unschärfetheorie, geschichtliche Ereignisse und politischer Diskurs sind damit wichtige aber nicht abschließende Aspekte der Wahrheitssuche. Letztlich ist es also nicht die Masse der gewussten Einzeldinge, die den Menschen die Wahrheit finden lassen, sondern seine Fähigkeit und Bereitschaft, der letzten Wahrheit Raum in seinem Leben zu geben – der Wille, zu lieben.

Die im Rahmen der Notizen veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.