Tiroler Gegenwartsliteratur – der sehr subjektive Versuch eines Überblicks

Der Autor Alois Schöpf ist Kolumnist der Tiroler Tageszeitung, künstlerischer Leiter der Innsbrucker Promenadenkonzerte und freischaffender Schriftsteller in Tirol.

Wie die Zeit vergeht! Inzwischen ist es bald ein halbes Jahrhundert her, dass sich Autoren, Universitätsangehörige, Medienleute und Intellektuelle aus Tirol und Südtirol auf Initiative des Priesters, Gymnasialprofessors und umtriebigen Kulturveranstalters Alfred Gruber (1929-1998) einmal im Jahr in der Cusanus-Akademie in Brixen trafen, um sich gegenseitig neue Texte und Literaturprojekte vorzustellen, aber auch, um einander bei viel zu viel Wein und nicht minder zu vielen Zigaretten kennen zu lernen. Sich im Sinne der geistig-kulturellen Einheit des Landes zu begegnen, wie das damals schon vornehm hieß und wie es ein zentrales Anliegen des gutmütigen und großzügigen Initiators Gruber war, den viele von uns als Dank für seine Bemühungen und in jugendlicher Verblasenheit ob seiner Konservativität verachteten. Irgendwann wurde dann nicht mehr nach Brixen eingeladen. Irgendwann versandeten auch die Beziehungen zu den Kolleginnen und Kollegen im Süden, sodass heute nur noch wenige Alte zumindest die Namen von jenen kennen, die sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen haben. Diese Entwicklung ist nicht nur fachlich und menschlich bedauerlich, sondern reduziert die hochtönende Präambel der Tiroler Landesverfassung, in der von einer geistig-kulturellen Einheit des Landes die Rede ist, zumindest auf dem Gebiet des Geisteslebens zu raschelndem Papier.
Zeit meines Lebens interessiere ich mich für Künstlerbiografien, tröstliche Meditationen für alle, die am Markt der Aufmerksamkeit ums Überleben kämpfen und daran nicht verzweifeln wollen. Ich denke dabei an jene in Paris lebenden Künstler und Autoren, die sich etwa im Umkreis von Jean-Paul Sartre, aber auch im Umkreis des Bildhauers Alberto Giacometti nach ihrer Arbeit in diversen Restaurants und Kaffeehäusern trafen, um bis in die frühen Morgenstunden miteinander zu diskutieren. Wie in Brixen wurde wohl auch hier, zeitgeistig korrekt, zu viel geraucht und getrunken, zugleich jedoch blieb man trotz aller Intrigen und Zerwürfnisse fast tagtäglich, und nicht nur einmal im Jahr, miteinander im Gespräch. Innovationen waren also nicht hoffnungslose Bemühungen von irgendwann zu Eigenbrötelei neigenden Einzelkämpfern, sondern wurden, wie etwa im Falle des Surrealismus, Ausgangspunkt weltweiter Bewegungen. Woody Allen hat über diese Atmosphäre, die Paris über Jahrzehnte zum Zentrum der Lebenskultur machte, seinen hinreißenden Film „Midnight in Paris“ gedreht.
Die aus Büchern angelesene kommunikative Idylle der Großmeister des 20. Jahrhunderts und die mit dem Alter nostalgisch zurückkehrenden Erinnerungen an die Nächte in Brixen reichten jedenfalls aus, die „naturgemäß“, wie Thomas Bernhard gesagt hätte, auf bescheidenste provinzielle Verhältnisse heruntergebrochene Diagnose zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass trotz unserer Sozialisation in den bewegten 68-er Jahren hierzulande von allabendlichen Kaffeehausbesuchen, hitzigen Debatten, verrückten Ideen und ebenso verrückten neuen Projekten rein gar nichts übrig geblieben ist. Wir sind allesamt total verspießert! Die meisten von uns saßen und sitzen einsam herum und häkeln am Netzwerk ihrer kleinen Karrieren oder haben selbst das schon aufgegeben und sind in andere, finanziell ertragreichere Gefilde ausgewichen. Diese berufliche Trostlosigkeit wird übrigens mit einem eklatanten Mangel an Lebensfreude bezahlt, was auch erklärt, weshalb die meisten unserer Texte vom ewigen Jammer, nicht ausreichend geliebt zu werden, geprägt sind.
Um zumindest in meinem eigenen Leben damit Schluss zu machen und, spät genug, noch einige der schönst möglichen Aspekte des künstlerischen Lebens zu retten, beschloss ich, von nun an jedes neue Buch mit meinen engsten literarischen Freunden würdig zu feiern. Eine erste Gelegenheit bot sich, als im Sommer diesen Jahres mein Essay „Tirol für Fortgeschrittene“ erschien, wobei das ebenfalls neu im Piper Verlag erschienene Buch meines Verlegers Bernd Schuchter „Gebrauchsanweisung für Tirol“, aber auch das jüngste Programmbuch der „23. Innsbrucker Promenadenkonzerte 2017“ in die Feier miteinbezogen wurden. Wir trafen uns an einem Abend im September am Parkplatz „Heiligwasser“ am Fuß des Patscherkofel, spazierten gemeinsam die halbe Stunde zum Wallfahrtsgasthaus hinauf, wo wir uns nach einem Aperitif und in Erinnerung an die altösterreichische Ausrichtung der Innsbrucker Promenadenkonzerte eine Lungenstrudelsuppe, geröstete Eierschwammerln auf Rucola, gefüllte Kalbsbrust mit Erbsenreis und zuletzt Tiroler Kirchentagskrapfen schmecken ließen. Ohne dass es geplant gewesen wäre, repräsentierten dabei die Gäste des Abends die verschiedenen Felder unserer heimischen, wenn man so will, tirolerischen Literatur, die allerdings bei noch so großer sophistischer Anstrengung nicht unter eine einheitliche Dachmarke zu subsumieren ist, sondern sich, wie bereits angedeutet, auch mangels gegenseitiger Kommunikation, als extrem zersplittertes Feld geistiger Betätigung präsentiert. Dieser Tatbestand kann natürlich auch als Kompliment für die Fähigkeit, sich nicht vereinnahmen zu lassen, interpretiert werden. Vor diesem Hintergrund bestünde die entscheidende Qualität der Tiroler Literatur somit vor allem darin, dass sie als solche nicht beschrieben werden kann.
Versuchen wir es dennoch: Da saß einmal zu meiner rechten Seite mein geschätzter Freund und Schriftsteller Elias Schneitter, Verfasser realistischer Erzählungen aus dem Milieu ländlicher Unterschichten, zugleich Mitbegründer und Finanzdirektor der sehr erfolgreichen Literaturveranstaltung „Sprachsalz“ und Inhaber der kleinen Edition BAES, die sich, in der Tiroler Gemeinde Zirl angesiedelt, seit Jahren bemüht, die Werke amerikanischer Avantgardeschriftsteller und Popliteraten übersetzen zu lassen und zu veröffentlichen. Die Literaturveranstaltung „Sprachsalz“ ist hierzulande sicherlich das bedeutendste Tor zur literarischen Welt, aus der nicht nur ein Martin Walser aus Deutschland oder ein William H. Gass aus den USA nach Hall in Tirol angereist kamen, sondern wo auch all jene vom medialen Rang her wichtigsten Autoren auftreten, die ihre Werke in deutschen Verlagen veröffentlichen und damit auch für heimische Kritiker über jene Reputation verfügen, die unabdingbar notwendig ist, um als ernstzunehmender österreichischer Schriftsteller wahrgenommen zu werden. Die Fiktion des einen „Großdeutschen Reiches“ ist, wie nicht anderes zu erwarten, gerade in Germanistenkreisen die unabdingbare literaturgeschichtliche Basis dafür, dass Literatur heimischer Provenienz, die nicht in deutschen Verlagen publiziert wird, gnadenlos als „provinziell“ abgetan werden kann. Im Sinne eines solchen „großdeutschen Reinheitsgebots“ können Autoren wie Norbert Gstrein (Suhrkamp, Hanser), Alois Hotschnig (Kiepenheuer & Witsch), Raoul Schrott (Hanser), Judith Taschler (Droemer) oder Bernhard Aichner (btb) als bedeutend gelten. Die meisten waren schon bei „Sprachsalz“ geladen, sind aber auch gern gesehene Gäste im sogenannten „Brennerarchiv“, das auch dafür bekannt ist, dass es die garantiert wertlosen „Vorlässe“ heimischer Autoren wie jenen Felix Mitterers oder Joseph Zoderers auf Basis korrupter Gutachten mit bis zu 250.000 € ankauft. Solch höfische Huldigungen an zeitgeistkompatible Schreiberlinge hindern die Clique des „Literaturhaus am Inn“ mitnichten daran, mit einem eigenen Verlag (Laurin) und durch zahlreiche Lesungen und Vorträge für den Fortschritt der Welt insbesondere unter feministischem und gutmenschlichem Gesichtspunkt einzutreten. Dass es dabei eine Stefanie Holzer, Autorin und ehemalige Mitherausgeberin der Kulturzeitschrift „Gegenwart“ schwer hat, zu einer Lesung eingeladen zu werden, wenn sie mit dem Essay „Wer bitte passt auf meine Kinder auf“ öffentlich darüber nachdenkt, dass auch gebildete Frauen mit Karrierechancen zugunsten ihrer Kinder zu Hause bleiben könnten, versteht sich von selbst. Der linke Zeitgeist ist mindestens so kleinlich, wenn es darum geht, unliebsame Gedankengänge auszusondern, wie der rechte, im Tiroler Land wohl am besten als der „katholische“ zu bezeichnen.
Damit bin ich bei Stefanie Holzers Ehemann Walter Klier angelangt, einem weiteren Gast der abendlichen Runde, der gleichsam paradigmatisch für all jene Autoren steht, die ohne großdeutschen Lorbeer bei heimischen Verlagen veröffentlichen. Dabei hat Walter Klier mit „Grüne Zeiten“ wohl einen der wichtigsten Romane über die Entstehung der österreichischen Grünbewegung und über die friedensbewegten 1980-er Jahre geschrieben. Die nachhaltige Lieblosigkeit, die ihm trotz solch bedeutender Texte, aber auch als Mitherausgeber der bereits erwähnten „Gegenwart“ vonseiten der öffentlichen Stellen, der Medien, der Kollegenschaft und der Öffentlichkeit insgesamt entgegengebracht wurde, ließ ihn zuletzt resignieren, sodass er nunmehr mit nicht minder großer Meisterschaft Bergbilder malt, für die er im Falle eines Verkaufs das Vielfache dessen bekommt, was für einen 500-seitigen Roman zu erwirtschaften ist. In gewisser Weise resigniert hat auch der radikale Pessimist und Bibliothekar Helmuth Schönauer, dessen Existenz am literarischen Himmel wie eine Metastase der Moderne zwar nicht verhindert werden kann, jedoch durch konsequentes Ignorieren unschädlich gemacht wird. Resigniert haben aber auch Irene Prugger, die inzwischen lieber auf Almen geht als Romane zu schreiben, Heinrich Payr, der sich aus Angst, als Intellektueller enttarnt zu werden, hinter dem Pseudonym „Valerian“ versteckt, oder Hans Augustin, der aus der Position des Weltweisen mit seinen Kalendergeschichten im Stile der Tiroler Priesterdichter mehr predigt als dichtet.
Apropos Priesterdichter: Martin Kolozs hat über selbige ein Buch („Zur höheren Ehre“) geschrieben, aber auch eine Biografie über Bischof Reinhold Stecher, wie er überhaupt als Autor zunehmend Bedeutung und Verdienst im Markt der Christgläubigkeit findet. Dies hindert ihn nicht daran, weiterhin mit seiner Edition „Kyrene“ kompromisslos zeitgenössische Literatur, darunter die Werke des bereits erwähnten Helmuth Schönauer, zu veröffentlichen. Seine ersten Erfahrungen als Verleger bestritt Kolozs übrigens mit Bernd Schuchter, der heute mit seiner Frau Merle Rüdisser den Limbus Verlag betreibt und somit neben dem aus öffentlichen Geldern stark subventionierten, zunehmend kommerziell orientierten Studien- und Haymon Verlag als einer der wenigen engagierten Literaturverleger Tirols gelten kann. Wie es die Sitte verlangt, veröffentlicht Schuchter eigene Werke, Romane und Sachbücher, eines davon, wie schon gesagt, ebenfalls Gegenstand der abendlichen Feier, bei Braumüller und im Piper Verlag.
Bleiben noch zwei Personen zu erwähnen: Zum einen Angelika Stegmayr, im Hinblick auf die Abendeinladung Ehegattin von Markus Stegmayr, der als Redakteur für die Gestaltung des Programmbuchs der Innsbrucker Promenadenkonzerte verantwortlich zeichnet, im Berufsleben Leiterin des katholischen Bildungswerks Tirol, das im Hinblick auf den vorliegenden literarischen Überblick jene konservativ-christliche Weltanschauung repräsentiert, welche die Publikationen des Tyrolia-Verlages, dessen Autor Bischof Reinhold Stecher etwa mit Auflagen von 200.000 verkauften Exemplaren zu den mit Abstand erfolgreichsten Autoren Tirols zählt, ebenso umfasst wie die altehrwürdige Literaturvereinigung „Der Turmbund“ mit seinen Autoren und Veranstaltungen.
Markus Stegmayr wiederum repräsentiert jene junge Generation von Schriftstellern, die sich in einem zunehmend schwierigen Markt mit sinkenden Auflagen und der Unkultur des honorarfreien Konsums im Internet zu behaupten versucht. Er ist eine der bestimmenden Persönlichkeiten des auf hohem intellektuellen Niveau operierenden „Alpenfeuilletons“, einer Onlinezeitung, die neben „Zauberfuchs“, einem nicht minder avancierten Produkt ehemaliger Mitarbeiter der Tiroler Tageszeitung, versucht, über den Tiroler Internetmarkt das, wie aufgezeigt, sehr unübersichtliche Geistesleben im Herz der Alpen zu begleiten. Politisch-essayistisch wird dies seit Jahren auch vom National-Marxisten Markus Wilhelm mit seiner von Hass und Missgunst triefenden Vernaderer-Plattform „tiwag.org“ besorgt. Ebenso zur alten Garde gehören in diesem Zusammenhang der Volkskundler Hans Haid, der den Alpenraum am liebsten in die Steinzeit zurückbomben würde, und Felix Mitterer, dessen sozialistische Rührstücke bei gleichzeitig ausgeschalteter Vernunftfähigkeit dem Publikum die Tränen aus den Augen treiben und zugleich das Wohlgefühl vermitteln, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen.
Das wär‘s! Ehrlichen Herzens möchte ich mich bei all jenen entschuldigen, die in diesem sehr subjektiven Überblick keine Berücksichtigung finden. Und ich möchte betonen, dass meine Sicht auf die Szene naturgemäß beschränkt ist und damit nichts über die Bedeutung jener ausgesagt wird, die nicht namentlich genannt wurden.

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