Soll man noch chargieren?

Autor: Kbr. Mag. Maximilian Benke (AIn, TTI)

Kein anderes Thema illustriert die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Studentenverbindungen so anschaulich wie das Chargieren. Kein Wunder, schließlich ist es heutzutage nicht einfach, in einer phantastischen Kavallerieuniform aus dem 19. Jahrhundert eine gute Figur zu machen und Missverständnisse hintanzuhalten, denn ein Chargierter spricht ja bekanntlich nicht. Dennoch dient das Chargieren seinem Wesen nach der Öffentlichkeitsarbeit, schließlich stehen die Chrargierten für ihre Verbindung. Sollen Studentenverbindungen diese Tradition beibehalten oder tun sie besser daran, sie bleiben zu lassen?

Vorwort
Es freut mich, meine Gedanken in einem Heft e.v. K.Ö.L. Theresiana ausbreiten zu dürfen, bei der das Chargieren traditionell einen unvergleichlich hohen Stellenwert hat und die sich einen einzigartigen Zugang zu dieser Disziplin zu eigen gemacht hat. Nicht nur wegen ihrer Säbel eilt der Theresianistik ein ganz besonderer Ruf voraus, sondern auch aufgrund der Ernsthaftigkeit, mit der die Verbindung ihren Chargiercomment hegt und pflegt. Geradezu sprichwörtlich ist das Bild vom theresianischen Chargierten, der sich in vollkommen synchronem Appellschritt durch den Morast bewegt und sich dabei vom Cerevis bis zu den Kanonen mit Gatsch (Letten) überzieht, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Können meine Überlegungen dieses interessierte und bestens informierte Fachpublikum stärker provozieren als den Durchschnitt? Ich werde es vorsichtig versuchen.

Frage der Ehre
Für einen Chargiereinsatz spricht wohl grundsätzlich die Ehrerweisung der Chargierten gegenüber einem Bundesbruder, einer Verbindung oder anderen Glücklichen. Chargieren ist nämlich anstrengend, wenn man es commentgemäß versucht. Wie viele von uns sind stramm gestanden, während ihnen der Schweiß über den Rücken und das Steißbein geronnen ist und der Harndrang all ihre Gedanken in Beschlag genommen hat? Wie viele sind schon einmal zusammengebrochen? Wie viele haben sich tadellos benommen und alle Tabus im Chargieren abgelehnt (Sprechen, Rauchen, Schlägerdach, Kanonen des Vordermannes, etc.)?
Freilich kann das Chargieren eine Ehre sein. Aber diese Ehre geht allzu leicht unter im Selbstzweck des Chargierens und im Chargieren als Gemeinschaftserlebnis, das den Einsatz schnell in ein Kränzchen verwandelt. Vielleicht ist das Chargieren ein Bereich, in dem ich ein Spießer bin, ein Philister. Mag sein. Aber ich wehre mich gegen Chargiereinsätze ohne Comment, bei denen Trinkflaschen und bequeme Sitzgelegenheiten während der Messe verwendet werden. So etwas finde ich peinlich. Jede Ehrerweisung stirbt nicht zuletzt mit einem missglückten Auftritt in der Außenwelt, fast immer unabhängig vom Comment. Auf großen Couleurveranstaltungen lässt sich alles beobachten, was mit dem Wesen des Chargierens, also dem würdevollen Repräsentieren einer Korporation nach außen, ganz und gar unvereinbar ist.
À propos Außenwirkung: Wer auf einer österreichischen Universität einen akademischen Festakt besucht, wird die Festlichkeit vergeblich suchen. Sponsionen, Promotionen und andere Studienabschlüsse werden disziplinenübergreifend im Stundentakt abgearbeitet. Mehr oder weniger hohe Universitätsfunktionäre halten Allerweltsreden über die Verantwortung der Akademiker und die Bürden, unter denen das Hochschulwesen leidet. Dazu spielen meist obskure Saxophonquintette. Irgendwann wird die erste Strophe des Gaudeamus angestimmt und es singen so wenige mit, dass man genau bestimmen kann, wer und wo. Selbstverständlich chargieren Verbindungen aller Couleurs auf solchen Ereignissen und sorgen dafür, dass sich der unbeteiligte Außenstehende ob der Vielzahl der im Raum versendeten Signale und Botschaften gar nicht mehr zu helfen weiß. Das hat Tradition.

Unliebsame Tradition
Die meisten Chargiereinsätze sind unserer studentischen Tradition geschuldet und der Pflege des studentischen Brauchtums. Diese Traditionen sind gewissen Schwankungen und Moden unterworfen. So kann es eine Weile üblich sein, auf Festen von befreundeten Verbindungen zu chargieren, bis der Kontakt wieder schwächer wird und schließlich ganz abreißt. Je nach Mannschaftsstärke wird bei staatlichen Festakten wie dem Zapfenstreich am Vorabend des 26. Oktobers pro patria chargiert oder eben nicht. „Wir chargieren da und dort, weil wir es immer schon so gemacht haben”, heißt es dann häufig auf dem Convent.
Rechtfertigen solche Traditionen aber wirklich jeden Chargiereinsatz?
Für das Chargieren auf einer Kneipe finden sich wohl eher Gründe (und Leute) als für einen Einsatz zum Zapfenstreich oder zur Ostergrabwache. Das hat auch mit den verlängerten Wochenenden und den Heimfahrern zu tun, aber wenn wir uns ehrlich sind, gäbe es immer genug Chargierte. Besonders schwierig und unbeliebt sind Einsätze für entfernt verstorbene Bundesbrüder, und das oft nicht nur bei den Chargierten. Die Hinterbliebenen haben häufig keinen Bezug zur Verbindung und so mancher Geistliche wehrt sich gegen das Tragen der „Schwerter” in seiner Kirche. Ob ein Einsatz erwünscht, geduldet oder überhaupt passend ist, weiß im Vorhinein meist niemand. Es finden sich dann aber in letzter Minute doch ein paar Barmherzige, die sich im wahrsten Sinne des Wortes dafür opfern.
Wenn nicht, wird die lasche Chargierbereitschaft (oder das halbherzige Chargieren) auf Conventen gerügt und in letzter Konsequenz angedroht, das Chargieren ganz abzuschaffen. Bezeichnenderweise sind es aber gerade die besten und engagiertesten Chargierten, die dieses Argument einbringen. Warum? Weil uns die Tradition nichts bringt, wenn sie gar nicht zustande kommt oder nur unsauber ausgeführt wird. Dabei pflegen nur wenige Verbindungen überhaupt einen Chargiercomment, die meisten wursteln irgendwie in vollem Wichs herum. Und kaum eine chargiert gar zu Pferd, dies nebenbei.
Zur Traditon fällt mir noch ein, dass Verbindungen nach den Chargiereinsätzen häufig eine gewisse Nachlässigkeit im Umgang mit ihrer Chargierausrüstung pflegen. Die stinkende Buxe wird in die Ecke geworfen, der schweißgetränkte Flaus auf den Boden. Handschuhe werden an einem feuchten Ort ineinander gesteckt. Das hat nichts mit einer Respektlosigkeit gegenüber dem Wichs zu tun. Es ist eben Teil der Chargiertradition, froh darüber zu sein, dass der Chargiereinsatz vorbei ist. Es freuen sich aber auch die Kappenfabrikanten, wenn wieder neue Oliven und Cerevise bestellt werden und sie ihre Läden nicht zusperren müssen. Eigentlich ein Grund, weiterhin viel zu chargieren.

Hahnenkämpfe
Ein fragwürdiger, aber beliebter Grund für das Chargieren ist ein gewisser Wettbewerbsgedanke zwischen Verbindungen und Verbänden. Man lässt sich sehen, wenn man kann. Stolz werden Chargierpokale an die schneidigsten Bünde vergeben und Schläger-streck-dich-Bewerbe ausgetragen. Ich bezweifle aber, dass sich diese eitlen Vorhaben wirklich positiv auf die Qualität des Chargierens auswirken.
Wie alle Qualitäten des Verbindungslebens ist auch die Kunst des Chargierens starken Schwankungen unterworfen. Ein Semester lang wird forsch und flott chargiert, wie dort am Rhein. Im nächsten Semester kann sich wieder niemand daran erinnern, wie man eine Fahne hält. Die Chargierqualität ist eben selten nachhaltig. Außerdem kommen beim Chargieren immer die gleichen zum Handkuss: Engagierte Bundesbrüder, die nicht zu dick für den Flaus sind und am verlängerten Wochenende oder in der Ferien an ihrem Studienort verweilen. Das ist ungerecht und funktioniert nicht.
Besser und gerechter wäre es, die guten Chargierten würden ihr Wissen und Können subsidiär innerhalb ihrer Bierfamilien weitergeben: Statt eines Chargier-FCs im Semester bekäme der Fuchs die Gelegenheit, öfter und intensiver zu trainieren. Das würde den Fuchsmajor entlasten und seine Verantwortung für die Chargierausbildung auf ein realistisches Maß beschränken. Zudem könnte der oben beschriebene Wettbewerbsgedanke dahingehend zu einem positiven Ergebnis hinwirken, als sich die Bierfamilien daran messen könnten, wessen Leibfüchse besser chargieren, unsere studentischen Traditionen schneller verinnerlichen oder überhaupt zu einem konstruktiveren Verbindungsleben beitragen würden.

Fazit
Das Chargieren befindet sich in einer Krise. Wegen geringer Bereitschaft kommt es häufig gar nicht zustande. Finden sich doch Chargierte, schadet deren lasche Ausführung oft dem Ansehen von Verbindungen. Selbst wenn eine Verbindung ausnahmsweise commentgemäß chargiert, ist sie nicht vor Missverständnissen oder Verwechslungen in der Öffentlichkeit gefeit, die dem Grundgedanken des Chargierens diametral entgegenstehen: Eine Studentenverbindung in Würde nach außen zu repräsentieren.
Es liegt nicht im Interesse von Studentenverbindungen, das Chargieren zur Gänze abzuschaffen. Zu stark ist diese Tradition mit den Verbindungen verbunden, auch wenn sie ihnen manchmal schadet. Von einer Kneipe, dem eigenen runden Stiftungsfest oder einem Chargiereinsatz auf ausdrücklichem Wunsch ist der Chargierte nicht wegzudenken. Solche Einsätze finden in der Regel nicht in der Öffentlichkeit statt und beugen bereits dadurch Missverständnissen vor. Wegen des großen Gesaltungsspielraums und des geselligen Chrakters werden sich auch eher Chargierte für eine Kneipe finden. Verbindungen täten aber gut daran, ihre Chargiereinsätze zu überdenken und sie bei Bedarf im Interesse einer Qualitätssteigerung einzuschränken. Sie sollten sich nicht von Verbänden oder befreundeten Verbindungen unter Druck setzen lassen, um jeden Preis Chargierte zu stellen. Der Preis eines halbherzigen Chargiereinsatzes kann mit einem mehr oder weniger schweren Reputationsverlust verbunden sein und wiegt daher immer schwerer als die Absage eines Chargiereinsatzes, an die sich nach einer kurzen Phase des Beleidigtseins niemand jemals erinnern wird. Verbindungen sollten meiner Meinung nach weniger chargieren. Wenn sie es aber tun, dann mit ganzem Herzen.

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