Sinn und Unsinn der ÖH

Der Autor Kbr. Filipp Sokolovski (AlIn) studiert im 8. Semester Humanmedizin und ist stellvertretender Vorsitzender der Studienvertretung Humanmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck.

Mein Name ist Filipp Sokolovski, ich bin 22 Jahre alt und derzeit stellvertretender Vorsitzender der Studienvertretung Humanmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck. Schon seit meinem ersten Semester engagiere ich mich in der Österreichischen Hochschülerschaft, kurz: der ÖH.
Bereits in meiner Schulzeit war ich Schülervertreter, diesen Weg wollte ich auch an der Universität weiterbestreiten und durch einen glücklichen Zufall waren meine beiden Erstsemestrigen-Tutoren Luca und Hildi glühende „ÖHler“. Ich begann wie alle als „normaler“ Mitarbeiter der Studienvertretung, seit dem 3. Semester darf ich die Studierendeninteressen in der Curricularkommission vertreten und ich war ab diesem Zeitpunkt auch zwei Jahre lang Referent für Bildungspolitik und Öffentlichkeitsarbeit, ehe ich im vergangenen Sommer in den Vorsitz der Studienvertretung wechselte.
Ich möchte an dieser Stelle gleich sagen – und ich bitte Euch, mir diesen Spoiler gleich zu Beginn zu verzeihen –, dass ich die gesetzlich verankerte Studierendenvertretung mit all ihren Mitspracherechten für eine großartige Sache halte – sofern sie auch mit entsprechendem Verantwortungsbewusstsein wahrgenommen und nicht für Interessen Dritter missbraucht wird.
Wir dürfen uns in Österreich wirklich glücklich schätzen, dass es eine breit organisierte Studierendenvertretung gibt, der in allen wichtigen universitären Gremien wie dem Senat, der Curricularkommission, Berufungskommissionen, Habilitationskommissionen, Ethikkommissionen oder den Institutskonferenzen Sitz- und Stimmrecht eingeräumt wird. Man darf nicht unterschätzen, welchen Einfluss das Feedback derer, die das Studium betrifft – nämlich der Studierenden –, hat und welchen Denkprozess seitens der Universitätsverantwortlichen es auslösen kann. Voraussetzung für Veränderungen im Interesse der Studierenden und Verbesserungen der Studienbedingungen sind aber zwei Dinge: dass Studierendenvertretern die Möglichkeit des Partizipierens eingeräumt wird und dass diese große Verantwortung mit entsprechender Sorgfalt und Hingabe durchgeführt wird.
In vielen Staaten gibt es so etwas wie die ÖH gar nicht und die Studierenden haben so gut wie keine Möglichkeit, Missstände anzusprechen bzw. gar proaktiv für Verbesserungen einzutreten. In anderen Staaten wiederum gibt es so etwas wie Studierendenvertretungen, Deutschland mit dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) ist dafür ein gutes Beispiel, jedoch wird dort in den seltensten Fällen Interessensvertretung mit der dafür notwendigen Ernsthaftigkeit betrieben, was mich an deren Sinnhaftigkeit zweifeln lässt und was ich sehr schade finde. Ein trauriges Beispiel dafür nannten mir Kommilitonen aus Kiel, mit denen ich auf einem medizinischen Kongress über den AStA Kiel sprach: die Kollegen teilten mir mit, dass das einzige Anliegen, das der AStA dort betrieb, die Organisation der An- und Abreise zu den sogenannten „Medimeisterschaften“ war. Die „Medimeisterschaften“ sind ein Fußballturnier aller medizinischen Fakultäten in Deutschland und Österreich, wobei der Fußball jedoch in den Hintergrund getreten und die Veranstaltung zu einem sehr populären Festival mit über 10.000 Medizinstudierenden aus dem gesamten deutschsprachigen Raum herangewachsen ist. An und für sich ist das eine gute und tolle Sache, und ich werde dort privat auch hinfahren, jedoch ist es mehr als traurig, dass dies das EINZIGE Ansinnen ist, welches der AStA verfolgt. Verbesserungen im Curriculum? Ansprache von Missständen? Fehlanzeige! Wenn man etwas angesprochen haben möchte, möge man selber zu den Gremien gehen, so die Aussage der AStA-Mitarbeiter laut meinen Kieler Kollegen.
Und genau das ist der Punkt, an dem ich beginne, an der Sinnhaftigkeit von Studierendenvertretungen zu zweifeln, obwohl ich ein glühender Verfechter ebendieser und selbst Studierendenvertreter mit Leib und Seele bin. Wenn die Möglichkeiten und Chancen, die einem als Studierender eingeräumt werden, mit Füßen getreten und aus Bequemlichkeitsgründen ignoriert werden, wenn die Arbeit nicht gesehen wird, wenn die Studierendenvertretung als Selbstzweck und als Selbstdarstellung missbraucht wird oder gar für politische Agitation politischer Parteien herhalten muss, so halte ich dies für grundfalsch und unredlich. Genauso falsch und beschämend finde ich es, wenn mit den Geldern aus dem ÖH-Beitrag Schindluder getrieben wird und trotz Regulationsmechanismen, die Unwirtschaftlichkeit, Verschwendung und unsachgemäßer Verwendung vorbeugen sollen, Gelder unverantwortlich mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen werden.
Beispiele dafür werden ja regelmäßig bekannt, sei es die ÖH der Uni Graz, welche sich für über 6.000 Euro eine Hochleistungskaffeemaschine(!) gegönnt hat, sei es die Bundesvertretung, welche für Demonstrationen gegen den Akademikerball in Wien aus dem ÖH-Budget die Reisekosten von Profi-Demonstranten aus Deutschland bezahlt, oder sei es das antikapitalistische und antirassistische, aber dafür besonders unsägliche Café Rosa, welches ein Verschwendungsskandal sondergleichen ist, und dessen Verantwortliche bis heute nicht dafür zur Verantwortung gezogen wurden (diese Liste lässt sich beliebig lange fortführen).
Die politische Vereinnahmung der ÖH-Fraktionen, welche sich durch den Bezug reichlicher Fördergelder in Abhängigkeits- und Schuldverhältnisse begeben und als Juniorpartner der Parteien bereits auf der Universität inhaltliche Auszüge aus Parteiprogrammen (siehe die Auswüchse der Perversionen, welche uns in puncto Gendern ereilen) propagieren (müssen?), halte ich für blödsinnig und entbehrlich. Vor allem, wenn man sieht, welche Zweck das Engagement bei der ÖH für manche scheinbar gehabt hat: nämlich einen guten Posten bei einer der fördernden Parteien zu ergattern. Auch dafür gibt es unzählige Beispiele.
Man darf mich hierbei jedoch nicht falsch verstehen: Natürlich ist es nachvollziehbar, die geknüpften Kontakte aus der ÖH-Zeit auch später beruflich und privat zu nutzen und die Zeit der Verantwortung bei der ÖH als Lebensschule zu betrachten. Nur darf das Ganze keinesfalls zum Selbstzweck verkommen. Ein ehrlich gemeintes Engagement für „das Gute“, für die Interessen der Kommilitonen und eine ernstgenommene Verantwortung, welche man für seine Universität und für seine Studierenden übernimmt, sind die Tugenden, welche ein Studierendenvertreter aufweisen sollte. Wenn die ÖH für Unsinnigkeiten, welche vollkommen am Sinn dieser Institution vorbeigehen, missbraucht wird, darf man sich nicht wundern, dass sie von vielen Studierenden nicht ernstgenommen wird, was etwa die „sensationelle“ Wahlbeteiligung von etwa 25 % bei der ÖH-Wahl 2017 zeigt, und, noch schlimmer, die sinnvolle und vernünftige Stimme vieler Studierendenvertreter wegen dieser (leider zu vielen) schwarzen Schafe von den Universitätsverantwortlichen schlussendlich nicht mehr gehört werden will.
Schließlich möchte ich hier noch erwähnen, dass ich sehr froh bin, dass wir an der Medizinischen Universität Innsbruck – Gott sei Lob, Preis und Dank – all diese oben erwähnten fragwürdigen Praktiken nicht zu sehen bekommen. Hier wird der Vertretungs- und Servicegedanke ernsthaft gelebt und permanent an Verbesserungen gearbeitet. Ich bin daher sehr stolz darauf, ein Teil dieser starken und von allen Seiten akzeptierten und ernstgenommenen Vertretung sein zu dürfen und ich hoffe, dass sich auch viele andere Studierendenvertretungen und vor allem deren Mitglieder eine Scheibe von uns abschneiden. Dann würden niedrige Wahlbeteiligungen der Vergangenheit angehören und der ÖH würden endlich der Respekt und die Anerkennung zukommen, die ihr zustehen: als starke Vertretung und als Sprachrohr der Studierenden.

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