Fahrende Scholaren – keine Utopie!

Der Autor Kbr. Philipp Jauernik, BA (FRW, St-H) ist Historiker, Chefredakteur des „Couleur“ sowie Bundesvorsitzender der Paneuropa-Jugend Österreich.

Das Vagantentum der Studenten und Kleriker in Mittelalter und Neuzeit ist Gegenstand einer schier unendlichen Zahl von Liedern und Geschichten. Ein Bild längst vergangener Tage? Weit gefehlt: Europa wird wieder mobiler.

Er gehört ohne Zweifel zu den meistgenutzten Begriffen unserer Zeit: Mobilität. Sie gehört für viele Arbeitgeber zum Standardrepertoire, das von potenziellen Dienstnehmern eingefordert wird, wenn die dazugehörige Position es erfordert. Auch in der Verkehrspolitik ist Mobilität naturgemäß stark debattiert. Die Frage, wo, wann, wie und wohin wir uns bewegen, spielt eine zentrale Rolle in nicht wenigen Lebensentscheidungen: Wo wir wohnen ist entscheidend für die Wege unseres täglichen Lebens und für das Umfeld, in dem wir unsere Kinder aufwachsen lassen wollen.
Nicht selten stehen Arbeitnehmer daher vor der Frage, wo sie ihren Lebensmittelpunkt aufschlagen. Anders als in der Generation unserer Großeltern ist dabei das Sich-Niederlassen in vielen Fällen erst zu einem späteren Zeitpunkt im Leben möglich geworden. Unstetere Arbeitsverhältnisse sind dabei nur eine Seite der Medaille. Auslandserfahrung spielt in vielen Karriereplanungen heute eine zentrale Rolle – Auslandssemester und „internship abroad“ sind dabei bekannte Schlagworte, aber auch zeitweilige Dienstverwendungen außerhalb Österreichs sind längst keine Diplomatendomäne mehr.
Doch die scheinbare Stabilität, die frühere Generationen angeblich hatten, hält nur einem historischen Blick stand, der den Horizont nicht allzu weit ansetzt. Ein Lebensbild, frühzeitig sesshaft zu werden, war in der europäischen Geschichte beileibe nicht so weithin für alle gültig, wie es ein melancholisch verklärter Blick zurück heute erscheinen lassen mag. In die Zeit der Völkerwanderung müssen wir dabei nicht zurückgehen, doch bereits wenig später stoßen wir auf spannende Phänomene.
In Studentenliedern ist oftmals von „fahrenden Scholaren“ oder „Vaganten“ die Rede. Gemeint sind damit Schüler und Studenten, die einer akademischen Tätigkeit nachgingen. Es waren also Lehrende und Lernende, die durch die Lande zogen. Die Reiseziele waren vielfältig: Der eine war am Heimweg, der zweite wollte zur nächsten Universität, der dritte suchte eine Anstellung – und dem einen oder anderen mag auch der ungebundene Lebenswandel imponiert haben. Ihr tägliches Brot verdienten diese Scholaren etwa damit, auf Markttagen als Schreiber zu fungieren oder Unterricht zu geben. Immerhin, wer seinerzeit studierte, war mit seinen Kenntnissen des Lesens, Schreibens, Rechnens oder der lateinischen Sprache bereits Teil einer gewissen intellektuellen Elite, in einer Zeit, in der diese Fertigkeiten noch nicht allzu weit verbreitet waren. Dass viele Vaganten die durch die Tätigkeit gewonnene Kenntnis von Privatangelegenheiten kriminell einsetzten, soll an dieser Stelle ebenfalls nicht unerwähnt bleiben.
Für studentenhistorisch Interessierte stellt es keine Neuigkeit dar, dass in Mittelalter und Neuzeit der Verbleib an einer einzigen Universität über die gesamte Studiendauer hinweg beileibe nicht selbstverständlich war. Bakkalaureus an der einen, Magister an der anderen und Doktor an der dritten Universität ist ein Idealbild, das solcherart zwar nicht Pflicht war, aber durchaus als normal angesehen wurde.
Der Student der frühen Neuzeit war insofern sicherlich mobiler als das heute der Fall ist. Das allerdings schon aus der Notwendigkeit heraus: Immerhin war eine Übersiedlung in die nächste Universitätsstadt ja unumgänglich. Weder gab es Fernstudien noch Onlinevorlesungen, und schon das Pendeln von Krems nach Wien oder von Imst nach Innsbruck wäre mangels ausreichend schneller Verkehrsverbindungen nicht möglich gewesen. Zudem lockte die weite Welt. Wer sein Studium abgeschlossen hat, kann heute von seinem Wohnort aus gut und gern per Bahn oder Flugzeug einen Wochenendausflug in entfernte Gebiete unternehmen. Seinerzeit war dies unmöglich, und wer die Studienzeit nicht zum Kennenlernen der Welt nutzte, bekam womöglich nie wieder die Gelegenheit dazu.

Es mag daher keineswegs als Zufall gelten, dass mit Erasmus von Rotterdam ausgerechnet ein Renaissancehumanist, der an der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit lebte, als Namensgeber der heutigen akademischen Mobilitätsprogramme herangezogen wurde. Erasmus konnte auf Stationen in Paris, Turin, Cambridge, Leuven oder Basel verweisen – eine Internationalität, die auch heute noch überdurchschnittlich hoch wäre. Seine Weltoffenheit, sein brillanter Geist und seine umfassende wissenschaftliche Bildung lassen ihn auch heute noch als leuchtendes Beispiel dastehen. Das ist allerdings keinesfalls von seinen internationalen Erfahrungen getrennt denkbar.
Insofern ist es als erfreulich zu betrachten, dass infolge der Erasmus-Programme der Europäischen Union junge Studenten heute wieder verstärkt jene fahrende Komponente erleben können, die früher Normalität war. Natürlich, die Massenuniversität von heute ist kaum noch mit ihren mittelalterlichen Vorläuferinnen vergleichbar. Zu verschult sind die Studienpläne, viel zu komplex studienrechtliche Voraussetzungsketten, viel zu diversifiziert das Bildungsangebot. Der mittelalterliche Scholar war entweder Theologe, Jurist oder Mediziner, später auch Philosoph. Die heutigen Formulare zur Anrechnung von Lehrveranstaltungen hätten die Zeitgenossen des alten Erasmus vermutlich die Sinnfrage stellen lassen.
Vieles davon ist allerdings, das sei verteidigend dazugesagt, Folge der sich rasant entwickelnden wissenschaftlichen Forschung. Wir kennen heute auch deshalb eine derartige Fülle an Studienangeboten, weil die schiere Menge der Lehrinhalte sich vervielfacht hat. Und so scheint es nur überaus verständlich, dass die jeweiligen Hochschulen individuell versuchen, Schwerpunkte zu setzen und für diese Schwerpunkte interessierte Studenten aus aller Herren Länder anlocken.
Um ebendiese Mobilität zu erleichtern, haben im Jahr 1999 ganze 29 Bildungsminister den sogenannten Bologna-Prozess gestartet. Dessen Ziel war und ist die Harmonisierung von Studiengängen und -abschlüssen. Den Bachelor in Innsbruck, den Master in Madrid und das Doktorat in Budapest zu absolvieren, sollte dazu beitragen, dass Studenten mobiler würden. In Kombination mit Auslandssemestern kann so grundsätzlich ein Studium sehr viel einfacher an mehreren Standorten durchgeführt werden als dies noch vor 30 Jahren der Fall war.
Die Bildungsminister von 1999 trugen mit diesem Beschluss übrigens der sogenannten Magna Charta Universitatum Rechnung, in der 388 Universitätspräsidenten aus aller Welt im Jahr 1988, zum 900. Gründungsjubiläum der ältesten europäischen Universität in Bologna, den Hochschulen eine zentrale Rolle in den Beziehungen zwischen den Völkern Europas zugesprochen hatten. Es ist daher kein Zufall, dass der Bologna-Prozess eben kein Programm der Europäischen Union ist, sondern etwa mit Russland und der Schweiz auch Staaten ihre Teilnahme erklärten, die nicht Unionsmitglieder waren und sind.
Der an sich gute Gedanke wird leider durch dunkle Flecken konterkariert. So ist es bis heute einfacher, ein Auslandssemester zu absolvieren und vollumfänglich angerechnet zu bekommen, als von einer juridischen Fakultät innerhalb Österreichs zur anderen zu wechseln. Auch die Tendenz zur weiteren Verschulung der Studienpläne wird oft Bologna zugeschrieben. Studienplanersteller rechtfertigen sich damit, die verkürzten Studiendauern in Bachelor oder Master würden sie zu einer stärkeren Kanonisierung zwingen.
Das mag zutreffen, ist aber in seiner Schärfe doch auch zu hinterfragen. Zweifelsohne hat der freie Hochschulzugang ohne weitere Eignungsüberprüfungen mit den Entwicklungen der akademischen Welt nur unzureichend Schritt gehalten. Emotionale Gründe wie der uns Österreichern so liebgewordene Titel des „Herrn Magister“ tun das Ihrige dazu, die Reformen mit ausreichend Kritikfläche zu versehen.
Dennoch sollten wir keinesfalls übersehen, dass Europas einzigartige Stellung in der Welt vor allem aus seiner Vielfalt resultiert. Diese Vielfalt speist sich aus Kulturen, Sprachen und regionalen Bräuchen. Diese – oder zumindest einige davon – kennenzulernen, ermöglicht einen enorm erweiterten intellektuellen Horizont, der seinerseits ein besseres Verstehen der Welt um uns herum begünstigt.
Die Erasmus-Programme leisten dazu einen wesentlichen Beitrag. Programme deshalb in der Mehrzahl, weil neben dem seit 1987 bestehenden Programm „Erasmus“ der EU mittlerweile auch „Erasmus für Young Entrepreneurs“ (seit 2009) und „Erasmus+“ (seit 2014) existieren. Ersteres gibt Jungunternehmern die Möglichkeit, während einer ein- bis sechsmonatigen Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Unternehmer aus einem anderen teilnehmenden Staat Wissen und Geschäftsideen auszutauschen. Zweiteres vereinigt alle derzeitigen EU-Programme für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport auf europäischer und internationaler Ebene. Somit führt es das Studentenaustauschprogramm Erasmus, das Master- und Doktorandenprogramm Erasmus Mundus, Erasmus für Jungunternehmer, Comenius für Schulbildung sowie Leonardo da Vinci für Berufsbildung und Grundtvig für Erwachsenenbildung unter seinem Dach.
All das schafft die Voraussetzungen dafür, dass uns unser einzigartiger Kontinent so frei und offen zur Verfügung steht wie noch keiner Generation der Weltgeschichte zuvor. Reisefreiheit und Niederlassungsfreiheit in Kombination mit den entsprechenden Fortbildungsprogrammen können somit zum Besten gezählt werden was Europa seit langer Zeit passiert ist. Es sind also Errungenschaften, die uns allen große Chancen eröffnen. Es liegt an uns, sie zu nutzen – und ganz frei nach Josef Victor von Scheffel zu singen: „Jetzt reicht mir Stab und Ordenskleid der fahrenden Scholaren! Ich kann ja jetzt zu jederzeit durchs ganze Land gut fahren!“

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