Als katholischer Korporationsstudent wirken – aber wie?

Autor: Bbr. Reinhard Obermüller, licentiatus utriusque iuris (lic. iur.), Executive Master in Business Administration (eMBA) und Oberst im Generalstab der Schweizer Armee

Wie kann sich ein katholischer Korporationsstudent in den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs und das politische Geschehen einbringen? Am besten wohl dadurch, dass er sein Alleinstellungsmerkmal zur Wirkung bringt, das ihn von anderen Studenten und Akademikern unterscheidet: seinen Glauben. Aber wie soll das gehen in einer Welt, in der es ungleich schwerer ist, sich zum Katholizismus zu bekennen als beispielsweise dazu, das Geldanhäufen als einzigen Lebenszweck zu verfolgen, Kommunist oder Männerhasserin (d.h. Feministin) zu sein?
Dieser Artikel soll aber nicht den Zustand der heutigen Gesellschaft beklagen, sondern aufzeigen, wie wir dem Weg, den wir als richtig erkannt haben, Wirkung verschaffen können.
Grundsätzlich sehe ich für den katholischen Korporationsstudenten (der noch keine eigene Familie hat) drei Wirkungskreise:

  • Die begeisterte Präsenz innerhalb der Korporation, auch und gerade im Zeichen der Religio. Dass wir dem katholischen Glauben in unserem Verbindungsleben Platz einräumen und uns gegenseitig bestätigen, dass dieser Glaube sinnstiftend und wertvoll ist, trägt dazu bei, dass der Einzelne sich in unserer säkularisierten Gesellschaft mit ihrem zerrissenen Wertesystem behaupten kann. Es geht um kollektive Selbstvergewisserung, und das ist eine durchaus ehrenwerte Aufgabe.
  • Dadurch, dass wir den Bundesbrüdern geistlichen Standes Rückhalt geben, der ihnen ein wenig hilft, ihre große Lebensaufgabe zu meistern. Und dass insbesondere der Priesteramtskandidat unter uns immer wieder vergewissert wird, dass er einen höchst respektablen, bedeutungsvollen Weg eingeschlagen hat, der die volle Wertschätzung und Unterstützung der Korporation genießt.
  • In der Gesellschaft. Weil Jesus uns die Aufgabe gestellt hat, ihm nachzufolgen, ist es an jedem von uns, zur Verkündigung des Evangeliums seinen Beitrag zu leisten.

Und letzteres ist vielleicht die schwierigste Aufgabe – wie soll das gelingen? Dieser Fragestellung sind die folgenden Ausführungen gewidmet.

Christliche Werte vertreten
Ein erster Faktor, in der Gesellschaft Wirkung zu erzielen, ist die Beantwortung der Frage, was wir eigentlich aktiv vertreten wollen. Das Leben des Menschen wird über Werte gesteuert. Oder eben, in der heutigen Zeit: Viele Menschen werden mangels als gültig anerkannter Werte orientierungslos zurückgelassen. Dies erklärt, wieso trotz fortschreitender Säkularisierung das Bedürfnis nach Spiritualität deutlich wächst. So zimmern sich viele Menschen aus fernöstlichen Religionen, Esoterik und Sektenlehren ihr eigenes Glaubensbild zusammen, wenn sie sich nicht gleich dem Körperoptimierungswahn, Veganismus, Multikulti-Glauben, Klimafanatismus oder Gender-Gedankengut verschreiben. Tragischer Weise sind alle diese Bewegungen zwar zeitgeistig anerkannt und vermitteln ein wohliges Gefühl gutmenschlicher Überlegenheit, sie sind aber letztlich destruktiv und menschenverachtend. Dem kann der Christ seine Botschaft der Freude, Zuversicht und Menschenliebe entgegensetzen, die absolut positiv und menschenfreundlich ist. Oder besser, sein könnte: Auch ich erlebe immer wieder, wie schwierig es ist, die frohe Botschaft gegenüber Dritten zu formulieren. Auch der Amtskirche wird immer wieder vorgeworfen, sie beantworte mit Worten, die niemand versteht, Fragen, die niemand stellt – und diesen Vorwurf müssen wir wohl gelten lassen.
Wie also können wir die frohe Botschaft so transportieren, dass sie auch gehört wird? Zunächst einmal sollte jeder gläubige Christ zu den Werten stehen, die uns die Bibel als Orientierungspunkte vorgibt, und auch dazu, woher er diese Werte gewonnen hat. Mit größter Selbstverständlichkeit sollten wir die katholische Glaubenslehre vertreten, aber auch dazu stehen, wenn unser Gewissen uns am einen oder anderen Glaubensgrundsatz zweifeln lässt. Es ist die Authentizität und Ehrlichkeit, die unseren Aussagen Kraft und Glaubwürdigkeit verleiht.
Und dann: die Sprache. Wenn wir heute von der „Verkündigung des Evangeliums“ sprechen, so versteht das niemand mehr. Wenn wir stattdessen „christliche Werte vertreten“, so erahnt der Zuhörer zumindest, was gemeint sein könnte. Es ist auch gar nicht erforderlich, bei jeder Gelegenheit zu betonen, dass wir aus einer katholischen Moralität heraus reden und handeln. Der Inhalt der Aussage spricht für sich, und wenn es jemanden interessiert, woher wir unseren Standpunkt haben, dürfen wir ruhig auf die Heilige Schrift verweisen. Wobei der Hinweis keineswegs verboten ist, dass es sich bei der Bibel um ein Stück Weltliteratur handelt und um das meistverbreitete Buch der Menschheitsgeschichte. Ist doch ein Argument, das man das ernstnehmen sollte, oder?

Wirksamkeit
Wie aber äußern wir uns so, dass die Botschaft auch gehört wird? Hier dürfen wir uns ruhig an den Grundsätzen moderner Kommunikation orientieren. In einer Zeit, in der wir pro Tag mehr Informationen zu verarbeiten haben als ein Mensch des Mittelalters in seinem ganzen Leben, kommen wir nicht umhin, unsere Kommunikation auf Wirksamkeit auszurichten. Hierzu einige Schlüsselelemente:

  • Wir müssen uns am Zielpublikum orientieren. Unser Publikum ist die Mehrheit der kritischen, aber wohlgesinnten Menschen in unserer Umgebung, die offen sind gegenüber lebensbejahenden Werten wie Verantwortung, Nächstenliebe und Respekt vor der Schöpfung, die vielleicht sogar auf der Suche sind nach Werten, die ihrem Leben wirklich Sinn verleihen. „Wir müssen ein Ohr in der Bibel haben und ein Ohr in der Welt“ (John Stott, britischer Theologe und Priester der Church of England).
  • Unsere Aussagen sollen verständlich sein, nicht antiquiert und nicht zu gelehrt. Einfachheit verleiht Gehör.
  • Die heutige Informationsgesellschaft gibt uns selten mehr als zehn Sekunden Zeit, unseren Standpunkt darzulegen. Deshalb brauchen wir klare, verständliche Kernbotschaften. Meine bevorzugte ist der Satz „Fürchte dich nicht“, dessen zweiter Teilsatz lautet: „denn ich bin bei dir“ (Jesaja 41,10). In einer Welt, die für viele sinnlos, unüberschaubar und beängstigend ist, könnte dies eine Botschaft sein, die auf positives Interesse stößt und zum Weiterdenken anregt.
  • Keine Anti-Botschaften! Auch wenn die Ablehnung bestimmter Erscheinungen des Zeitgeistes noch so begründet ist, sollten wir vor allem vertreten, wofür wir sind und nicht wogegen. Das sind wir schon allein der Aufforderung Jesu zur Liebe zum Nächsten, ja sogar zum Feind schuldig. Die Bibel quillt über von positiven, aufbauenden Botschaften, mit welchen wir uns von der Hass- und Herabsetzungsrhetorik in weiten Teilen des öffentlichen Diskurses wohltuend abheben können.
  • Zuhören. Verstehen entsteht im Dialog und nicht in der doktrinären Verkündung der eigenen Wahrheit. Gerade in der Auseinandersetzung mit kritischen, vielleicht sogar feindlich gesinnten Menschen entsteht Erkenntnis.
  • Wenn wir die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen finden, der sich für unsere Werthaltung interessiert, so sollten wir vorbereitet sein, diese in einfachen, klaren Worten darzulegen. Das löst beim Gegenüber Gedankengänge aus und verleiht uns selbst die Standhaftigkeit, auch kritischen Geistern gegenüber gelassen zu bleiben.
  • Unsere mündliche Kommunikation soll von einem (inneren) Lächeln begleitet sein, das inkludiert, Offenheit und Interesse am Mitmenschen ausstrahlt. Sprache und Körperhaltung sind wichtiger als das Wort selbst! Die menschenfreundliche, friedliche Botschaft Jesu lässt sich mit der donnernden, einschüchternden Predigt von der Kanzel herab schlecht vermitteln. Was missionarisch anmutet, stößt in unserer aufgeklärten, rationalen Gesellschaft von vornherein auf Ablehnung und erzeugt keine Wirkung.

Die Kanäle geschickt nutzen
Wenn wir den Weg über die Medien gehen wollen, um ein breiteres Publikum zu erreichen, müssen wir uns bewusst sein: Redaktionen publizieren nicht das, was wir wichtig finden, sondern das, was voraussichtlich die Aufmerksamkeit der Menschen erregt. Die „Einführung in den praktischen Journalismus“ von Walther von La Roche zählt die Informations-Faktoren auf, von welchen ein Beitrag möglichst viele enthalten sollte: Aktualität, Dramatik, Kind, Gefühl, Nutzen, Unterhaltung, Trend/Mode, Geld, Tod, Fortschritt, Folgenschwere, Nähe/Betroffenheit, Tier, Kuriosität/Gag, Mensch/Prominenz, Konflikt/Kampf, Sex, Macht, Grafik/Fotos, Ökologie. Ist diese Voraussetzung erfüllt, werden wir staunen, wie einfach ein Bericht den Weg in die klassischen Medien findet. Es darf auch ein fertig ausformulierter Beitrag sein, der den Medienschaffenden die Arbeit erleichtert.
Die Sozialen Medien wiederum haben ihre eigenen Spielregeln. Facebook, Twitter usw. sind geeignet, ein riesiges Publikum zu erreichen, insbesondere unter den jungen Menschen, und dies praktisch kostenlos. Wenn man denn Gehör findet – das ist unter den Millionen Messages, die täglich abgesetzt werden, gar nicht so einfach. Auch hier gelten eiserne Regeln:

  • Erst durch Zuhören erfahren wir, wo der richtige Ansatz ist, positive Aufmerksamkeit zu finden. In den Sozialen Medien kann man keine Freunde finden, aber massenhaft interessierte Leser/Beobachter, wenn man zur richtigen Zeit die richtige Botschaft bringt.
  •  Kernbotschaften: Die Sache auf den Punkt zu bringen, ist unerlässlich.
  • Auch Twitter-Botschaften von maximal 300 Zeichen erfordern die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen.
  • Virtual > real: Am wirksamsten ist, wenn es uns gelingt, den Austausch virtueller Botschaften im realen Gespräch weiterzuführen.

Zur weiterführenden Lektüre empfehle ich das Praxisbuch des Schweizer Autors Markus Baumgartner: „So machen Kirchen Schlagzeilen“ (Friedrich Reinhardt Verlag, 2018). Der Autor stammt aus freikirchlichen Kreisen, was aber die Relevanz für unseren Standpunkt nicht schmälert. Im Gegenteil, hat die katholische Kirche mit ihrer immer noch großen Präsenz in unserer Gesellschaft – man denke nur an die Kirchenfeste, die unzähligen Gotteshäuser mitten in den Städten und Dörfern – doch eine ungleich bessere Ausgangslage für wirksame Kommunikation als die Freikirchen. Zudem sei auf die Website www.dienstagsmail.ch hingewiesen, die Woche für Woche positive Berichte zu christlichen Fragen in säkularen Medien präsentiert – ein reicher Fundus von Ansätzen, wie öffentliche Wirkung erzielt werden kann.

Wort und Tat
Selbstverständlich hängt die Glaubwürdigkeit unserer Botschaft wesentlich davon ab, dass wir die Werte, die wir vertreten, auch leben. Einer der Hauptvorwürfe, den sich viele Meinungsführer in unserer Gesellschaft gefallen lassen müssen, ist ihre Verlogenheit. Dass sie für alles einen guten Grund vorbringen können, nur um den wahren Grund ihres Handelns zu verbergen, denn dieser ist allzu oft egoistisch und gesellschaftsschädlich. Da brauchen wir lediglich das zu beherzigen, was die Korporation von uns fordert: ein Leben zu führen nach römisch-katholischen Grundsätzen, als verantwortungsbewusste und weltoffene Staatsbürger. Im gelassenen Bewusstsein, dass jeder von uns so wenig perfekt ist, wie Gott den Menschen eben geschaffen hat.
Ein hervorragendes Beispiel, wie wirksam die Übereinstimmung von Wort und Tat sein kann, ist der reformierte Pfarrer Ernst Sieber aus Zürich, dessen Bekanntheit und Anerkennung in der schweizerischen Öffentlichkeit unter Geistlichen ihresgleichen sucht. Bis 2018 seine gewaltige Stimme auf dieser Erde für immer verstummte, fand sein unbeirrbares Engagement für die Randständigen regelmäßig den Weg auf die Frontseiten aller bedeutenden Medien der Schweiz. Er wurde sogar in den Nationalrat gewählt. Die Grundlagen seiner Wirkung? Die Fähigkeit, mit prägnanten Worten Geschichten zu erzählen, untermalt mit der Visualisierung durch Requisiten, etwa dem Bilderrahmen, den er so verschob, bis er schließlich die Form eines Kreuzes annahm. Aber vor allem, dass bei Pfarrer Sieber Wort und Tat völlig übereinstimmten, er seine Anliegen mit teilweise verwegenen Aktionen unmittelbar umsetzte. So fanden sogar seine unbequemsten Botschaften Gehör und Unterstützung.
Die geschätzte Redaktion des “Monokel” wünschte sich eine eidgenössische Sicht zum Thema. Die dargestellten schweizerischen Bezugspunkte sind aber ohne Zweifel auch über die Landesgrenzen hinaus relevant.

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