20 Jahre Bologna-Prozess: Chancen und Probleme

Der Autor Kbr. Mag. Lukas Mandl (Rt-D im ÖCV, KRW im MKV) ist österreichischer Abgeordneter im Europaparlament und arbeitet dort im Umweltausschuss. Zuvor war er Mitglied des niederösterreichischen Landtages und Lektor an der WU Wien.

Die Universalität, die im Begriff der Universität steckt, resultiert wohl aus echter wissenschaftlicher Neugier und führt zu ergiebiger wissenschaftlicher Interdisziplinarität. Der Bolognaprozess zeigt uns pars pro toto, wie unverzichtbar wertvoll der europäische Einigungsprozess ist und welchen Versuchungen bzw. Risiken jedes staatliche oder quasi-staatliche Handeln stets ausgesetzt ist.

Aber der Reihe nach: Bologna strebt Konvergenz im Sinne von Übereinstimmung in den Zielen des europäischen Hochschulraums an; ausdrücklich nicht Vereinheitlichung. Das ist ein gut nachvollziehbares Bestreben, denn gemeinsame Ziele verbessern die Vergleichbarkeit der Prozesse. In der freiwilligen Umsetzung ist Österreich – wie so oft – Musterschüler, auch wenn es „blinde Flecken“ gibt; Beispielsweise war für meine Frau Kristina, als sie mir zuliebe von Innsbruck nach Wien gewechselt ist, in ihrem Studium der Rechtswissenschaften die Möglichkeit von Anrechnungen alles andere als zufriedenstellend oder auch nur nachvollziehbar. Es ist ein kleiner Treppenwitz der Geschichte, dass die Anrechnung von Auslandssemestern heute einfacher möglich ist als die Anrechnung zwischen österreichischen Universitäten.
Im Rahmen der Umsetzung des Bologna-Prozesses ist wichtig, dass wir auf die Entstehung der gemeinsamen Ziele Einfluss nehmen, ihre Sinnhaftigkeit stets hinterfragen und ihre Wirksamkeit regelmäßig messen. Es ist die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre, die als Meta-Ziel unbestritten sein muss.

Bologna: Gute Idee, „schlecht umgesetzt“
Eine von mir in der Reflexion für diesen kleinen Essay durchgeführte Blitz-Umfrage auf Twitter – die freilich nicht wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, aber aus dem Leben gegriffen ist –, ergab, dass mehr als drei Viertel Bologna für eine „gute Idee“ halten, wobei allerdings nur 6 Prozent die „gute Idee“ für auch „gut umgesetzt“ halten, hingegen 63 Prozent für „schlecht umgesetzt“. Weniger als ein Drittel hält Bologna für eine schlechte Idee, wobei 12 Prozent das für „egal“ halten und 19 Prozent „negative Folgen“ ausmachen.
Die Entwicklung von Konvergenz in einem europaweiten Abstimmungs- und Einigungsprozess ist eine echte Chance. Das gilt nicht nur für den Hochschulbereich: Die europäische Einigung stärkt uns – und auch unsere europäischen Werte – im weltweiten Vergleich. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit der Erhaltung des Friedens, verbessert die Lebens- und Wohlstands-Chancen von uns und unseren Kindern. Aber schaffen wir es, unsere Stärken zu nützen, unsere Potentiale zu heben? Und schaffen wir es – das ist immer die „Gretchenfrage“ für politisch Verantwortliche – die Freiheit zu verteidigen und zu vergrößern?
Die bloße Frage „Wie schätzt Du Sinn und Wirkung des Bologna-Prozesses ein?“ an meine Facebook-Freunde, von denen viele den Wissenschaftsbetrieb von innen kennen, hat interessante Impulse gebracht: „Durchaus ambivalent“, „eher skeptisch“, „sehr skeptisch“: so beginnen die ersten drei Kommentare. Zu den Hauptkritikpunkten gehört eine „Verschulung“, während die angestrebte Durchlässigkeit zwischen Studienrichtungen zum Beispiel zwischen dem Bachelor- und dem Masterstudium kaum erreicht werde. Oft seien nicht das Interesse und der Inhalt wichtig. An deren Stelle trete die Sammlung von ECTS-Punkten. Was wirklich weh tut, sind Statements wie diese: „hat mit einem klassischen Studium überhaupt nichts mehr zu tun“ oder „hat die akademische Tradition Europas völlig negiert“.
Nun ist eines völlig klar: Es ist der Reichtum an Variabilität, seine Vielfalt, die Breite an Sprachen, Kulturen und Traditionen genau das, was unser Europa ausmacht, was es lebens- und liebenswert macht. Gleichzeitig ist es auch das, was Europa im globalen Wettbewerb fähig macht, mitzuhalten und oftmals sogar den Takt vorzugeben. Wir sollten uns nicht mehr der Illusion hingeben, dass ohne uns nichts läuft – aber Europa kann und muss in Zukunft auf der Basis seiner spezifischen Stärken mit Afrika, Asien oder Nord- und Südamerika mithalten.
Halten wir uns das vor Augen: Alleine China hat mehr als doppelt so viele Einwohner wie die gesamte Europäische Union. Für Indien gilt dies ebenso. Uns Europäerinnen und Europäern muss klar sein, dass wir nur gemeinsam bestehen können. Dieses „gemeinsam“ mit der Wahrung regionaler Identität unter einen Hut zu bringen, das ist die Herausforderung, vor der wir heute stehen. Klar ist: Europa kann nur dann stark sein, wenn es beides schafft – dort groß zu sein, wo es groß sein muss und dort klein zu sein, wo es klein sein muss: Nach außen stark und nach innen frei; und den Frieden bewahrend, den Generationen vor uns geschenkt bekommen und durch echte Friedensarbeit erworben haben.
Der Schlüssel dazu ist zweifellos Bildung. Schule, Kindergarten, Lehre, Studium – je mehr jemand kann, desto höher sind seine Chancen, desto weiter ist sein Horizont, desto besser sind die Voraussetzungen für ein gelungenes Leben. Aber wie können wir das sicherstellen? Und welche Rolle spielt Bologna dabei?

Fast perfekter Lebenslauf + Muße = Chancen!
Ein paar Gedanken dazu: Ich wurde im Jahr 1979 geboren. Viele meiner Generation und früher Geborene kennen die Erfahrung, in Bewerbungsprozessen mit „Perfektionslebensläufen“ konfrontiert zu werden, mit Doppelstudien, postgradualen Zusatzqualifikationen, mehreren Sprachen, Auslandsaufenthalten, und das alles in atemberaubendem Tempo.
Das hat zweifellos mit Bologna zu tun, und ist insgesamt eine gute Entwicklung. Ich bin froh, dass meine drei Kinder in einer Welt aufwachsen, in der derlei viel niederschwelliger möglich ist. Aber manchmal fragt man sich, wo „die Langsamkeit“ ist, die einem Roman von Milan Kundera den Namen gibt, der dort meint, Muße entstehe, wo „man dem lieben Gott ins Fenster schaut“ (und das ist wohl gar nicht formal religiös gemeint).
Es ist ohne Zweifel ganz wesentlich, eine Brücke zu bauen zwischen der Notwendigkeit, keine Zeit liegenzulassen und der aus meiner Sicht für einen Bildungsraum unerlässlichen Muße, einmal durchzuatmen, zu reflektieren und eine andere Sichtweise einzunehmen – einfach „nachzudenken“, Dinge sickern und sich setzen lassen. Akademikerinnen und Akademiker macht es ja nicht aus, Faktenwissen lexikalisch zu speichern, sondern methodisch trittsicher zu analysieren, zu reflektieren und komplexe Sachverhalte dadurch besser zu verstehen.

Bildung ist nicht nur Studium
Was Europa in der Vergangenheit stark gemacht hat, ist neben der akademischen Tradition auch das Handwerk. Wenn unsere zukünftige Attraktivität nicht – enden wollend! – bloß in Kaufkraft und Konsum liegen soll (während die Innovation primär aus Amerika und die Produktion primär aus Asien kommen) dann brauchen wir auch eine Renaissance der guten Facharbeit und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Hier ist Europa nach wie vor Weltspitze, der Verlust an Breite ist aber bedrohlich.
Übrigens ist es genau die nachfolgende Generation, die darunter leidet, wenn im Bildungsbereich nichts weitergeht. Sie bezahlt mit vergeudeter Lebenszeit und verringerten Lebens-Chancen. Die Bologna-Reform hat ihre Schwächen, das steht außer Frage. Aber sie bietet auch viele Chancen. Noch einfacher als zuvor können Studierende heute ein Semester anderswo verbringen – und an den Erfahrungen, die sie dabei machen, wachsen. Das Verständnis dafür, dass Dinge anderswo anders, aber deshalb nicht besser oder schlechter sein müssen, ist ebenso ein wichtiger Lerneffekt wie die Freude darauf, wieder heimzukommen.

Friede durch Dialog
All das – Horizont, persönliche Lebenszufriedenheit, die aus Chancen resultiert – sind jene Voraussetzungen, die es für den Dialog braucht, also dafür, Frieden zu schaffen und zu erhalten. Parlamente wurden von den Nationalsozialisten als „Quatschbuden“ bezeichnet. Ist es nicht besser, dass wir heute in Europa miteinander reden als, wie noch vor wenigen Jahrzehnten, aufeinander zu schießen? – Der britische Satiriker Tom Walker alias Jonathan Pie fordert in seiner bekannten Youtube-Wutrede nach der Wahl von Donald Trump die Angehörigen des so genannten Establishments sinngemäß auf, Überheblichkeit abzulegen und zu diskutieren: „Discuss!“
Wichtig scheint mir, dass die eingangs erwähnte Universalität nicht einer falsch verstandenen Spezialisierung weicht, dass nicht eine akademische Hybris zu mehr oder minder determinierten Lebensverläufen führt, dass nicht Menschen einander in sprichwörtliche Schubladen stecken, etwa im Spannungsfeld zwischen klassischer Universität und Fachhochschule, dass wir aufgeklärt bleiben und immer neu werden, dass es Raum für Generalisten gibt, dass die Angehörigen der Universität wie in ihren besten Zeiten Staat und Gesellschaft voranbringen, dass sie sich und ihre Wissenschaft nicht überschätzen, dass sie Facharbeit und Management nicht unterschätzen; und dass sie fähig und willens sind, die gesellschaftlichen Diskussionen zu führen, wie sie sich stellen, oder diese sogar anzustoßen. Wenn wir es schaffen, das gesellschaftlich wieder stärker zu verankern, haben wir eine gute Zukunft vor uns.

 

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