Bildende Kunst als zentrales Element couleurstudentischen Ausdrucks

Autor: Kbr. Simon Kriss B.A. (AIn)

Beim Gedanken an bildende Kunst und vor allem an Malerei im couleurstudentischen Milieu mag so mancher sofort an die zahlreichen Couleurpostkarten denken. Dennoch ist das Spektrum der couleurstudentischen Kunst im engeren und weiteren Sinne viel diverser und so wohl genauso immanent für das couleurstudentische Selbstverständnis und Verhalten wie der couleurstudentische Sprachgebrauch. Die couleurstudentische Kunst ist schließlich eine der zentralsten nonverbalen Kommunikationsmethoden in Verbindungskreisen und wird wohl nur von den, die einzelnen Verbindungen kennzeichnenden, Farbcodes ausgestochen, welche in unterschiedlichster Form aufgegriffen und genutzt werden, um eine spezifische Zugehörigkeit zu vermitteln, so auch in der couleurstudentischen Kunst. Vor einer Vertiefung in die Materie der couleurstudentischen Kunst ist es jedoch notwendig, die Begriffe und das Spektrum couleurstudentischen Kunstschaffens genauer zu definieren, beginnend beim Kunstbegriff an sich. Die Trias der Künste, schon in der Renaissance oft als drei Ringe gleich dem Krupp-Logo dargestellt, umfasste klassisch die Malerei und Grafik, die Skulptur und die Architektur, wobei nach neuerer Ansicht auch das Kunsthandwerk und Textilien den Künsten dazuzurechnen sind, während die Fotografie hierbei schwerer einzuteilen ist, da die Grenze zum künstlerischen Schaffen mehr als schwammig anzusehen ist. All diese Kunstgattungen finden sich mehr oder weniger wieder in der couleurstudentischen Kunst, wobei zu unterscheiden ist zwischen der von Couleurstudenten geschaffenen und der von Couleurstudenten beauftragten Kunst. Während Couleurstudenten selbst meist Werke der Malerei, Grafik und des Kunsthandwerks, sowie seit Mitte des 20. Jahrhunderts der Fotografie schufen, wurden gerade Werke der Architektur und Skulptur zumeist beauftragt und von externen Fachleuten gefertigt.
In der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts entstand neben den gerade im deutschen Raum alles andere als unüblichen Denkmälern eine neue Bauaufgabe, nämlich das Verbindungshaus, welches sowohl das Resultat des Wunsches nach einem eigenen Haus, als auch die Lösung des Platzmangelproblems in den örtlichen Kneipen war. Die Verbindungshäuser wurden meist extern ausgeschrieben und nur selten, wie im Falle des Austrierhauses in Innsbruck, ausschließlich von Verbindungsmitgliedern selbst konzipiert. Typische Formsprache dieser frühen Verbindungshäuser um 1900 ist, trotz klarer regionaler Unterschiede, der Historismus oder Traditionalismus, wobei hier vor allem ein Interesse am Mittelalter festzustellen ist – mit burgähnlichen oder im neogotischen Stil errichteten Villen und Stadthäusern. Die Ikonographie und Ikonologie, also die symbolische Dichte und Bedeutung, des ornamentalen Dekors dieser Häuser ist eine typisch couleurstudentische. Hierbei dominiert meist das Verbindungswappen als Relief oder Wandmalerei, doch oft finden sich auch Dekors wie Wein- oder Eichenlaub und Hopfenblüten, Spruchbanderolen oder universitäre und couleurstudentische Symbole. Während die Verbindungshäuser sich meist ins historische Stadtbild einfügten und auch verbandsübergreifend wenige Unterschiede aufweisen, stechen vor allem die Denkmäler der Burschenschaften, etwa das Burschenschafterdenkmal in Eisenach, mit ihrem monolithisch-strengen, „germanischen“ Klassizismus und von nordisch-germanischer Mythologie geprägter ikonographischer Ausgestaltung hervor.
Die Skulptur und Plastik wiederum ist ein absoluter Randbereich der couleurstudentischen Kunst, dient meist dem Memoria-Gedanken, also der Erinnerung an wichtige Persönlichkeiten der Verbindung und zeigt keine klare stilistische Linie oder Materialpräferenz. Im Bereich der Bronzeplastik finden sich zudem, gerade im katholischen Spektrum, vor allem Ritterfiguren, meist ein Roland oder der Heilige Georg, welche auch ein beliebtes Thema studentischer Malerei sind.
Das Kunsthandwerk und das Textil übernehmen in der couleurstudentischen Tradition eine absolute Sonderrolle, da sie wie keine andere Kunstgattung in intensivster Weise an die studentischen Riten und Traditionen gebunden sind, ähnlich den liturgischen Gewändern und Werkzeugen der Kirche. Neben dem künstlerischen Ausdruck dominiert also klar auch der spezifische Zweck die Form und Ausschmückung. Die textilen Bekleidungen, welche meist auf Uniformen oder Vorläufer der heutigen Verbindungen zurückgreifen, änderten sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts kaum mehr, auch wenn sich regionale, oder sogar verbindungsspezifische Unterschiede und Sonderformen, so zum Beispiel im Bereich der Deckelformate, entwickelt haben. Weitere Textilien, nämlich die kunstvollen Standarten- und Fahnenblätter, sowie Keramiken und Metallarbeiten wurden, ähnlich der Wiener Werkstätte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zwar von Couleurstudenten entworfen oder ihren Designs entlehnt, die Fertigung wurde aber externen Spezialisten und Händlern anvertraut. Selbes trifft im Falle der Couleurkarten zu, welche sowohl von den Korporierten selbst gestaltet als auch von Grafikern und den studentischen Utensilienfabriken, sowohl nach Entwürfen als auch nur auf Auftrag, gefertigt wurden. Gerade im Bereich der Keramik- und Metallarbeiten wird sehr gerne, ähnlich dem Architekturschmuck, auf die klassische couleurstudentische Symbolik zurückgegriffen. So wurden Pfeifenköpfe, Bandknöpfe oder Krüge mit den Wappen der Verbindung oder anderen spezifischen Symbolen versehen.
Der Großteil der couleurstudentischen Malerei und Grafik ist meist Laienkunst, gefertigt von zumeist talentierten, aber autodidaktisch ausgebildeten Malern und Zeichnern. Akademische Maler wie unter anderem Philipp Schumacher bilden eine große Ausnahme. Die Werke dieser autodidaktischen Kunstschaffenden, vor allem bei den Auftragsarbeiten der Druckanstalten, sind oftmals nicht signiert, was den Anteil originär studentischer Werke nicht vollends nachvollziehen lässt. Die zahlreichen anderen Werke sind sowohl mit dem vollen Namen als auch nur mit Vulgo signiert, wobei letztere Form der Signatur typisch zu sein scheint für studentische Autodidakten. Eine ähnliche Seltenheit wie bei der Skulptur findet sich bei Gemälden, wobei vor allem Historienbilder und Porträts, häufig von akademischen Malern, angefertigt oder beauftragt wurden. Während die Bildnisse wichtiger Verbindungsmitglieder wieder die Memoria-Funktion erfüllen, erzählen die Historienbilder meist von der Verbindungs- und Verbandsgeschichte, oder dienen mit Allegorien wie der „Mutter“ der Repräsentation und Glorifizierung der eigenen Verbindung. Die größte Vielfalt und Diversität sowie das größte Maß an couleurstudentischem Ausdruck findet sich jedoch in den unzähligen Illustrationen von Bierpillen, Gästebüchern und vor allem Couleurkarten. Bereits 1737 wurde der studentische Alltag im Rostocker Stammbuch Richertz festgehalten mit den typischen Trink- und Fechtszenen, welche sich bis heute gehalten haben. Parallel dazu finden sich wieder ausgehend vom Memoria-Gedanken die vor allem ab dem 18. Jahrhundert populären Schattenrisse oder Scherenschnitte der Studenten, welche mit den Farben der Verbindungen versehen wurden und meist als Erinnerungsstücke für die Verbindung selbst oder für befreundete Studenten anderer Korporationen dienten. Diese Risse wurden im ausgehenden 19. Jahrhundert häufig durch Fotokarten ersetzt. Ausgehend von diesen Stammbüchern finden sich in Folge zahlreiche Illustrationen, meist von Autodidakten, in den Kneipbüchern oder Bierpillen der Verbindungen. Hierbei vermischen sich ornamentale Muster im meist historistischen Stil mit Illustrationen mythologischen Inhalts, mit Szenen des studentischen Alltags, Liebesszenen und Karikaturen der Bundesbrüder oder anderer Verbindungen und Verbände, deren Tun so mit einem zwinkernden Auge dokumentiert wurde. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit der Einführung der Postkarte, begann der Siegeszug der Couleurkarte, die entweder mit originären Motiven von Couleurstudenten und beauftragten Grafikern oder fast standardisierten Szenen, welche sich an der couleurstudentischen Ikonografie bedienten, versehen wurde. Man bediente sich hier zum Beispiel des alten Typus des Schattenrisses und es entstanden unter anderem durch den Münchner Otto Nass unzählige standardisierte Karten mit demselben Profil, aber unterschiedlichen Band-, Deckel- und Wappenfarben. Diese sind nur mehr eine nostalgische Reminiszenz der alten Schattenrisse, welche um die Jahrhundertwende rapide durch die Fotografie und die kleinformatigen Fotokartons als Andenken abgelöst worden waren. Des Weiteren finden sich zahlreiche Landschaftsdarstellungen oder Veduten, also Stadtansichten, oder Abbildungen der jeweiligen Universitäten und Verbindungshäuser. Diese vermitteln nicht nur die örtliche Zugehörigkeit der jeweiligen Korporation, sondern erzählen auch von der Gründungsgeschichte der Verbindung oder setzen den Verbindungsnamen in Bezug zu einem Bauwerk oder einem Ort. Zugleich sind sie mit ihrer idealisierten Darstellung der „deutschen Landschaft“, ähnlich der Inszenierung der Walhalla bei Regensburg in der Donaulandschaft, auch nicht unwesentlich in Bezug auf die damalige Identitätsfindung und Konstruktion der Nation und die hierbei enge Verbindung zur Landschaft im deutschsprachigen Raum. Die Landschaft und die Örtlichkeit zählten in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu einem maßgeblichen Identifikationssymbol. Häufig wurden diese Landschaften kombiniert mit dem Verbindungswappen oder Figuren wie dem Chargierten, dem Couleurstudenten, fast allegorischen Figuren wie dem Sänger, dem Barden oder dem Junker, aber auch mit historischen Figuren wie Herrschern und Stammesführern, welche wieder im engen Kontext zum Verbindungsnamen standen. Gerade der Junker oder Landsknecht erinnert nicht nur an die theatralischen und opulent gekleideten Figuren der Utrechter Caravaggisten um 1620, sondern auch an die Studentendarstellungen der alten Stammbücher und tritt häufig auch losgelöst von der Landschaftsthematik und nicht selten an des Chargierten statt mit der Verbindungsfahne auf. Ähnlich dieser Figur ist auch Roland bzw. der Ritter im generellen eine sehr beliebte Figur des couleurstudentischen Repertoires.
Auffallend ist nun die stilistische Ausprägung dieser Illustrationen. Generell ist eine Vorliebe von historistischen, meist gotischen oder barocken, Elementen im Bereich der ornamentalen Ausgestaltung zu erkennen. Des Weiteren findet sich auch sehr häufig der klassische, naturalistische Stil wie er damals generell in den Akademien und Salons vorherrschte. Ein Unikum bildet jedoch das Faible der katholischen Verbindungen für den Stil der katholischen Kunstbewegung der Nazarener oder des Lukasbundes, wobei hier unter den studentischen Malern vor allem der akademische Maler Philipp Schumacher hervorzuheben ist, welcher seine meist originären und stilistisch leicht erkennbaren Motive für zahlreiche Verbindungen innerhalb des Cartellverbandes anfertigte. Ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts fand sich ein weiterer Stil im Repertoire der couleurstudentischen Kunst ein, nämlich der Jugendstil, wobei hier vor allem die Ornamentik stark rezipiert wurde. Darauf folgte in der Mitte der 1920er Jahre primär im Bereiche der „Freisinnigen“ Burschenschaften ein stärkerer Fokus auf die strengere Formsprache, wie sie sich vor allem in den Illustrationen der faschistischen Propaganda fand. Ab der Nachkriegszeit finden sich sämtliche Formen und Stile der genannten Darstellungen und eine Bespielung des gesamten couleurstudentischen Symbolrepertoires in den Motiven der studentischen Künstler wieder, wobei nun fast von einer „Alleinherrschaft der Laien“ gesprochen werden könnte. Originäre, neue Bildfindungen sind nun nicht oder kaum mehr an der Tagesordnung, wobei zum Beispiel die idyllische Landschaft größtenteils durch Ansichten der modernen Städte und Bauwerke ersetzt wurde und die mehr allegorischen Figuren, Junker und Landsknechte weitgehend den Chargierten und Couleurstudenten wichen. Eine Neuerung findet sich erst ab den 1970ern und vor allem aber ab den 1990ern wo die klassischen Motive nicht selten durch moderne Bildfindungen, aber vor allem durch das Medium der Fotografie ersetzt wurden. So erlebt der Betrachter der Werke dieser Zeit eine massive Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeiten, wo Wappenzeichnungen oder Darstellungen eines Chargierten sich wiederfinden mit Fotocollagen, abstrakt-expressionistisch umgesetzten Interpretationen der Verbindungsfarben, Comics und nahezu esoterisch wirkenden Mandala-Kompositionen. Seit der Jahrtausendwende kann man zwar immer noch von einer Stilpluralität sprechen, wobei neben der Fotografie wieder die ursprüngliche Symbolsprache und damit auch die historische zeichnerische Ausdrucksweise zu dominieren scheint. Eine zentrale Rolle der Bildverbreitung und auch des Austausches und Ausdrucks bilden nun zudem nicht mehr die Couleurkarten, sondern vor allem die digitalen Veröffentlichungen, welche sich der Malerei, Grafik und Fotografie bedienen und sich neben dem bisherigen Stilrepertoire auch zunehmend den Konventionen des Internets anpassen, weshalb vor allem Comics und Memes in ihrer Bekanntheit und Popularität den ursprünglichen Motiven in nichts mehr nachzustehen scheinen.
Was sich jedoch eigentlich durchwegs, bis auf manche konventionsbedingten Änderungen oder kurze Phasen des Abgangs von Traditionen, trotz Änderungen des Stils oder der verfügbaren Medien gehalten zu haben scheint, ist die untrennbare Verbindung zur Kommunikation und die damit einhergehende Nutzung spezifischer Symbolik. Diese den Studentenverbindungen sehr eigene Sprache und Bildsprache verdrängt nahezu den Stil, welcher gegenüber der eigentlichen Symbolik relativ irrelevant wäre. Dennoch hielten und halten sich gewisse Präferenzen in Punkto Stil, deren Änderung stets eine Frage der Zeit und des Geschmacks ist. Und schon zur Blütezeit der couleurstudentischen Kunst und Malerei um 1900 scheinen die Geschmäcker verschieden gewesen zu sein, wie Philipp Schumacher einst auch in der Academia berichtete:
„Meiner vielen Schwäche und meiner Unzulänglichkeit bin ich mir sehr wohl bewusst. Mancher geht heutzutage über mich hinweg und schilt mich rückständig und veraltet (siehe die Kritik eines liebenswürdigen Cartellbruders in einem eben erschienenen Krippenbuch), ich werde mich deshalb in meinen alten Tagen nicht mehr umkrempeln. Meine Liebe zur Form, zur strengen Zeichnung und gewissenhaften Durchführung lasse ich mir nicht nehmen trotz moderner Strömungen. Ob aber aus meinen Schöpfungen eine Seele spricht, das zu entscheiden steht nicht mir zu, sondern der Mitwelt.“ (Academia 42, 1930, 9, S.278 ff.)
Und genau diese Seele, von der Schumacher spricht, ist in Betrachtung der couleurstudentischen Kunstwerke vor allem die weitergereichte Tradition und der enorme Fundus an historisch gewachsener Symbolik. Der Couleurstudent als Schöpfer studentischer Kunstwerke drückt sich vornehmlich nicht durch einen neuen Stil oder neue Formen aus, wie dies in der Kunstwelt seit der Nachkriegszeit zu beobachten ist, sondern primär durch die intendierte Nutzung spezifischer Elemente, um mit dem mit dieser Symbolik vertrauten Betrachter zu kommunizieren.

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Als katholischer Korporationsstudent wirken – aber wie?

Autor: Bbr. Reinhard Obermüller, licentiatus utriusque iuris (lic. iur.), Executive Master in Business Administration (eMBA) und Oberst im Generalstab der Schweizer Armee

Wie kann sich ein katholischer Korporationsstudent in den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs und das politische Geschehen einbringen? Am besten wohl dadurch, dass er sein Alleinstellungsmerkmal zur Wirkung bringt, das ihn von anderen Studenten und Akademikern unterscheidet: seinen Glauben. Aber wie soll das gehen in einer Welt, in der es ungleich schwerer ist, sich zum Katholizismus zu bekennen als beispielsweise dazu, das Geldanhäufen als einzigen Lebenszweck zu verfolgen, Kommunist oder Männerhasserin (d.h. Feministin) zu sein?
Dieser Artikel soll aber nicht den Zustand der heutigen Gesellschaft beklagen, sondern aufzeigen, wie wir dem Weg, den wir als richtig erkannt haben, Wirkung verschaffen können.
Grundsätzlich sehe ich für den katholischen Korporationsstudenten (der noch keine eigene Familie hat) drei Wirkungskreise:

  • Die begeisterte Präsenz innerhalb der Korporation, auch und gerade im Zeichen der Religio. Dass wir dem katholischen Glauben in unserem Verbindungsleben Platz einräumen und uns gegenseitig bestätigen, dass dieser Glaube sinnstiftend und wertvoll ist, trägt dazu bei, dass der Einzelne sich in unserer säkularisierten Gesellschaft mit ihrem zerrissenen Wertesystem behaupten kann. Es geht um kollektive Selbstvergewisserung, und das ist eine durchaus ehrenwerte Aufgabe.
  • Dadurch, dass wir den Bundesbrüdern geistlichen Standes Rückhalt geben, der ihnen ein wenig hilft, ihre große Lebensaufgabe zu meistern. Und dass insbesondere der Priesteramtskandidat unter uns immer wieder vergewissert wird, dass er einen höchst respektablen, bedeutungsvollen Weg eingeschlagen hat, der die volle Wertschätzung und Unterstützung der Korporation genießt.
  • In der Gesellschaft. Weil Jesus uns die Aufgabe gestellt hat, ihm nachzufolgen, ist es an jedem von uns, zur Verkündigung des Evangeliums seinen Beitrag zu leisten.

Und letzteres ist vielleicht die schwierigste Aufgabe – wie soll das gelingen? Dieser Fragestellung sind die folgenden Ausführungen gewidmet.

Christliche Werte vertreten
Ein erster Faktor, in der Gesellschaft Wirkung zu erzielen, ist die Beantwortung der Frage, was wir eigentlich aktiv vertreten wollen. Das Leben des Menschen wird über Werte gesteuert. Oder eben, in der heutigen Zeit: Viele Menschen werden mangels als gültig anerkannter Werte orientierungslos zurückgelassen. Dies erklärt, wieso trotz fortschreitender Säkularisierung das Bedürfnis nach Spiritualität deutlich wächst. So zimmern sich viele Menschen aus fernöstlichen Religionen, Esoterik und Sektenlehren ihr eigenes Glaubensbild zusammen, wenn sie sich nicht gleich dem Körperoptimierungswahn, Veganismus, Multikulti-Glauben, Klimafanatismus oder Gender-Gedankengut verschreiben. Tragischer Weise sind alle diese Bewegungen zwar zeitgeistig anerkannt und vermitteln ein wohliges Gefühl gutmenschlicher Überlegenheit, sie sind aber letztlich destruktiv und menschenverachtend. Dem kann der Christ seine Botschaft der Freude, Zuversicht und Menschenliebe entgegensetzen, die absolut positiv und menschenfreundlich ist. Oder besser, sein könnte: Auch ich erlebe immer wieder, wie schwierig es ist, die frohe Botschaft gegenüber Dritten zu formulieren. Auch der Amtskirche wird immer wieder vorgeworfen, sie beantworte mit Worten, die niemand versteht, Fragen, die niemand stellt – und diesen Vorwurf müssen wir wohl gelten lassen.
Wie also können wir die frohe Botschaft so transportieren, dass sie auch gehört wird? Zunächst einmal sollte jeder gläubige Christ zu den Werten stehen, die uns die Bibel als Orientierungspunkte vorgibt, und auch dazu, woher er diese Werte gewonnen hat. Mit größter Selbstverständlichkeit sollten wir die katholische Glaubenslehre vertreten, aber auch dazu stehen, wenn unser Gewissen uns am einen oder anderen Glaubensgrundsatz zweifeln lässt. Es ist die Authentizität und Ehrlichkeit, die unseren Aussagen Kraft und Glaubwürdigkeit verleiht.
Und dann: die Sprache. Wenn wir heute von der „Verkündigung des Evangeliums“ sprechen, so versteht das niemand mehr. Wenn wir stattdessen „christliche Werte vertreten“, so erahnt der Zuhörer zumindest, was gemeint sein könnte. Es ist auch gar nicht erforderlich, bei jeder Gelegenheit zu betonen, dass wir aus einer katholischen Moralität heraus reden und handeln. Der Inhalt der Aussage spricht für sich, und wenn es jemanden interessiert, woher wir unseren Standpunkt haben, dürfen wir ruhig auf die Heilige Schrift verweisen. Wobei der Hinweis keineswegs verboten ist, dass es sich bei der Bibel um ein Stück Weltliteratur handelt und um das meistverbreitete Buch der Menschheitsgeschichte. Ist doch ein Argument, das man das ernstnehmen sollte, oder?

Wirksamkeit
Wie aber äußern wir uns so, dass die Botschaft auch gehört wird? Hier dürfen wir uns ruhig an den Grundsätzen moderner Kommunikation orientieren. In einer Zeit, in der wir pro Tag mehr Informationen zu verarbeiten haben als ein Mensch des Mittelalters in seinem ganzen Leben, kommen wir nicht umhin, unsere Kommunikation auf Wirksamkeit auszurichten. Hierzu einige Schlüsselelemente:

  • Wir müssen uns am Zielpublikum orientieren. Unser Publikum ist die Mehrheit der kritischen, aber wohlgesinnten Menschen in unserer Umgebung, die offen sind gegenüber lebensbejahenden Werten wie Verantwortung, Nächstenliebe und Respekt vor der Schöpfung, die vielleicht sogar auf der Suche sind nach Werten, die ihrem Leben wirklich Sinn verleihen. „Wir müssen ein Ohr in der Bibel haben und ein Ohr in der Welt“ (John Stott, britischer Theologe und Priester der Church of England).
  • Unsere Aussagen sollen verständlich sein, nicht antiquiert und nicht zu gelehrt. Einfachheit verleiht Gehör.
  • Die heutige Informationsgesellschaft gibt uns selten mehr als zehn Sekunden Zeit, unseren Standpunkt darzulegen. Deshalb brauchen wir klare, verständliche Kernbotschaften. Meine bevorzugte ist der Satz „Fürchte dich nicht“, dessen zweiter Teilsatz lautet: „denn ich bin bei dir“ (Jesaja 41,10). In einer Welt, die für viele sinnlos, unüberschaubar und beängstigend ist, könnte dies eine Botschaft sein, die auf positives Interesse stößt und zum Weiterdenken anregt.
  • Keine Anti-Botschaften! Auch wenn die Ablehnung bestimmter Erscheinungen des Zeitgeistes noch so begründet ist, sollten wir vor allem vertreten, wofür wir sind und nicht wogegen. Das sind wir schon allein der Aufforderung Jesu zur Liebe zum Nächsten, ja sogar zum Feind schuldig. Die Bibel quillt über von positiven, aufbauenden Botschaften, mit welchen wir uns von der Hass- und Herabsetzungsrhetorik in weiten Teilen des öffentlichen Diskurses wohltuend abheben können.
  • Zuhören. Verstehen entsteht im Dialog und nicht in der doktrinären Verkündung der eigenen Wahrheit. Gerade in der Auseinandersetzung mit kritischen, vielleicht sogar feindlich gesinnten Menschen entsteht Erkenntnis.
  • Wenn wir die Aufmerksamkeit eines anderen Menschen finden, der sich für unsere Werthaltung interessiert, so sollten wir vorbereitet sein, diese in einfachen, klaren Worten darzulegen. Das löst beim Gegenüber Gedankengänge aus und verleiht uns selbst die Standhaftigkeit, auch kritischen Geistern gegenüber gelassen zu bleiben.
  • Unsere mündliche Kommunikation soll von einem (inneren) Lächeln begleitet sein, das inkludiert, Offenheit und Interesse am Mitmenschen ausstrahlt. Sprache und Körperhaltung sind wichtiger als das Wort selbst! Die menschenfreundliche, friedliche Botschaft Jesu lässt sich mit der donnernden, einschüchternden Predigt von der Kanzel herab schlecht vermitteln. Was missionarisch anmutet, stößt in unserer aufgeklärten, rationalen Gesellschaft von vornherein auf Ablehnung und erzeugt keine Wirkung.

Die Kanäle geschickt nutzen
Wenn wir den Weg über die Medien gehen wollen, um ein breiteres Publikum zu erreichen, müssen wir uns bewusst sein: Redaktionen publizieren nicht das, was wir wichtig finden, sondern das, was voraussichtlich die Aufmerksamkeit der Menschen erregt. Die „Einführung in den praktischen Journalismus“ von Walther von La Roche zählt die Informations-Faktoren auf, von welchen ein Beitrag möglichst viele enthalten sollte: Aktualität, Dramatik, Kind, Gefühl, Nutzen, Unterhaltung, Trend/Mode, Geld, Tod, Fortschritt, Folgenschwere, Nähe/Betroffenheit, Tier, Kuriosität/Gag, Mensch/Prominenz, Konflikt/Kampf, Sex, Macht, Grafik/Fotos, Ökologie. Ist diese Voraussetzung erfüllt, werden wir staunen, wie einfach ein Bericht den Weg in die klassischen Medien findet. Es darf auch ein fertig ausformulierter Beitrag sein, der den Medienschaffenden die Arbeit erleichtert.
Die Sozialen Medien wiederum haben ihre eigenen Spielregeln. Facebook, Twitter usw. sind geeignet, ein riesiges Publikum zu erreichen, insbesondere unter den jungen Menschen, und dies praktisch kostenlos. Wenn man denn Gehör findet – das ist unter den Millionen Messages, die täglich abgesetzt werden, gar nicht so einfach. Auch hier gelten eiserne Regeln:

  • Erst durch Zuhören erfahren wir, wo der richtige Ansatz ist, positive Aufmerksamkeit zu finden. In den Sozialen Medien kann man keine Freunde finden, aber massenhaft interessierte Leser/Beobachter, wenn man zur richtigen Zeit die richtige Botschaft bringt.
  •  Kernbotschaften: Die Sache auf den Punkt zu bringen, ist unerlässlich.
  • Auch Twitter-Botschaften von maximal 300 Zeichen erfordern die Fähigkeit, Geschichten zu erzählen.
  • Virtual > real: Am wirksamsten ist, wenn es uns gelingt, den Austausch virtueller Botschaften im realen Gespräch weiterzuführen.

Zur weiterführenden Lektüre empfehle ich das Praxisbuch des Schweizer Autors Markus Baumgartner: „So machen Kirchen Schlagzeilen“ (Friedrich Reinhardt Verlag, 2018). Der Autor stammt aus freikirchlichen Kreisen, was aber die Relevanz für unseren Standpunkt nicht schmälert. Im Gegenteil, hat die katholische Kirche mit ihrer immer noch großen Präsenz in unserer Gesellschaft – man denke nur an die Kirchenfeste, die unzähligen Gotteshäuser mitten in den Städten und Dörfern – doch eine ungleich bessere Ausgangslage für wirksame Kommunikation als die Freikirchen. Zudem sei auf die Website www.dienstagsmail.ch hingewiesen, die Woche für Woche positive Berichte zu christlichen Fragen in säkularen Medien präsentiert – ein reicher Fundus von Ansätzen, wie öffentliche Wirkung erzielt werden kann.

Wort und Tat
Selbstverständlich hängt die Glaubwürdigkeit unserer Botschaft wesentlich davon ab, dass wir die Werte, die wir vertreten, auch leben. Einer der Hauptvorwürfe, den sich viele Meinungsführer in unserer Gesellschaft gefallen lassen müssen, ist ihre Verlogenheit. Dass sie für alles einen guten Grund vorbringen können, nur um den wahren Grund ihres Handelns zu verbergen, denn dieser ist allzu oft egoistisch und gesellschaftsschädlich. Da brauchen wir lediglich das zu beherzigen, was die Korporation von uns fordert: ein Leben zu führen nach römisch-katholischen Grundsätzen, als verantwortungsbewusste und weltoffene Staatsbürger. Im gelassenen Bewusstsein, dass jeder von uns so wenig perfekt ist, wie Gott den Menschen eben geschaffen hat.
Ein hervorragendes Beispiel, wie wirksam die Übereinstimmung von Wort und Tat sein kann, ist der reformierte Pfarrer Ernst Sieber aus Zürich, dessen Bekanntheit und Anerkennung in der schweizerischen Öffentlichkeit unter Geistlichen ihresgleichen sucht. Bis 2018 seine gewaltige Stimme auf dieser Erde für immer verstummte, fand sein unbeirrbares Engagement für die Randständigen regelmäßig den Weg auf die Frontseiten aller bedeutenden Medien der Schweiz. Er wurde sogar in den Nationalrat gewählt. Die Grundlagen seiner Wirkung? Die Fähigkeit, mit prägnanten Worten Geschichten zu erzählen, untermalt mit der Visualisierung durch Requisiten, etwa dem Bilderrahmen, den er so verschob, bis er schließlich die Form eines Kreuzes annahm. Aber vor allem, dass bei Pfarrer Sieber Wort und Tat völlig übereinstimmten, er seine Anliegen mit teilweise verwegenen Aktionen unmittelbar umsetzte. So fanden sogar seine unbequemsten Botschaften Gehör und Unterstützung.
Die geschätzte Redaktion des “Monokel” wünschte sich eine eidgenössische Sicht zum Thema. Die dargestellten schweizerischen Bezugspunkte sind aber ohne Zweifel auch über die Landesgrenzen hinaus relevant.

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Soll man noch chargieren?

Autor: Kbr. Mag. Maximilian Benke (AIn, TTI)

Kein anderes Thema illustriert die Selbst- und Fremdwahrnehmung von Studentenverbindungen so anschaulich wie das Chargieren. Kein Wunder, schließlich ist es heutzutage nicht einfach, in einer phantastischen Kavallerieuniform aus dem 19. Jahrhundert eine gute Figur zu machen und Missverständnisse hintanzuhalten, denn ein Chargierter spricht ja bekanntlich nicht. Dennoch dient das Chargieren seinem Wesen nach der Öffentlichkeitsarbeit, schließlich stehen die Chrargierten für ihre Verbindung. Sollen Studentenverbindungen diese Tradition beibehalten oder tun sie besser daran, sie bleiben zu lassen?

Vorwort
Es freut mich, meine Gedanken in einem Heft e.v. K.Ö.L. Theresiana ausbreiten zu dürfen, bei der das Chargieren traditionell einen unvergleichlich hohen Stellenwert hat und die sich einen einzigartigen Zugang zu dieser Disziplin zu eigen gemacht hat. Nicht nur wegen ihrer Säbel eilt der Theresianistik ein ganz besonderer Ruf voraus, sondern auch aufgrund der Ernsthaftigkeit, mit der die Verbindung ihren Chargiercomment hegt und pflegt. Geradezu sprichwörtlich ist das Bild vom theresianischen Chargierten, der sich in vollkommen synchronem Appellschritt durch den Morast bewegt und sich dabei vom Cerevis bis zu den Kanonen mit Gatsch (Letten) überzieht, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Können meine Überlegungen dieses interessierte und bestens informierte Fachpublikum stärker provozieren als den Durchschnitt? Ich werde es vorsichtig versuchen.

Frage der Ehre
Für einen Chargiereinsatz spricht wohl grundsätzlich die Ehrerweisung der Chargierten gegenüber einem Bundesbruder, einer Verbindung oder anderen Glücklichen. Chargieren ist nämlich anstrengend, wenn man es commentgemäß versucht. Wie viele von uns sind stramm gestanden, während ihnen der Schweiß über den Rücken und das Steißbein geronnen ist und der Harndrang all ihre Gedanken in Beschlag genommen hat? Wie viele sind schon einmal zusammengebrochen? Wie viele haben sich tadellos benommen und alle Tabus im Chargieren abgelehnt (Sprechen, Rauchen, Schlägerdach, Kanonen des Vordermannes, etc.)?
Freilich kann das Chargieren eine Ehre sein. Aber diese Ehre geht allzu leicht unter im Selbstzweck des Chargierens und im Chargieren als Gemeinschaftserlebnis, das den Einsatz schnell in ein Kränzchen verwandelt. Vielleicht ist das Chargieren ein Bereich, in dem ich ein Spießer bin, ein Philister. Mag sein. Aber ich wehre mich gegen Chargiereinsätze ohne Comment, bei denen Trinkflaschen und bequeme Sitzgelegenheiten während der Messe verwendet werden. So etwas finde ich peinlich. Jede Ehrerweisung stirbt nicht zuletzt mit einem missglückten Auftritt in der Außenwelt, fast immer unabhängig vom Comment. Auf großen Couleurveranstaltungen lässt sich alles beobachten, was mit dem Wesen des Chargierens, also dem würdevollen Repräsentieren einer Korporation nach außen, ganz und gar unvereinbar ist.
À propos Außenwirkung: Wer auf einer österreichischen Universität einen akademischen Festakt besucht, wird die Festlichkeit vergeblich suchen. Sponsionen, Promotionen und andere Studienabschlüsse werden disziplinenübergreifend im Stundentakt abgearbeitet. Mehr oder weniger hohe Universitätsfunktionäre halten Allerweltsreden über die Verantwortung der Akademiker und die Bürden, unter denen das Hochschulwesen leidet. Dazu spielen meist obskure Saxophonquintette. Irgendwann wird die erste Strophe des Gaudeamus angestimmt und es singen so wenige mit, dass man genau bestimmen kann, wer und wo. Selbstverständlich chargieren Verbindungen aller Couleurs auf solchen Ereignissen und sorgen dafür, dass sich der unbeteiligte Außenstehende ob der Vielzahl der im Raum versendeten Signale und Botschaften gar nicht mehr zu helfen weiß. Das hat Tradition.

Unliebsame Tradition
Die meisten Chargiereinsätze sind unserer studentischen Tradition geschuldet und der Pflege des studentischen Brauchtums. Diese Traditionen sind gewissen Schwankungen und Moden unterworfen. So kann es eine Weile üblich sein, auf Festen von befreundeten Verbindungen zu chargieren, bis der Kontakt wieder schwächer wird und schließlich ganz abreißt. Je nach Mannschaftsstärke wird bei staatlichen Festakten wie dem Zapfenstreich am Vorabend des 26. Oktobers pro patria chargiert oder eben nicht. „Wir chargieren da und dort, weil wir es immer schon so gemacht haben”, heißt es dann häufig auf dem Convent.
Rechtfertigen solche Traditionen aber wirklich jeden Chargiereinsatz?
Für das Chargieren auf einer Kneipe finden sich wohl eher Gründe (und Leute) als für einen Einsatz zum Zapfenstreich oder zur Ostergrabwache. Das hat auch mit den verlängerten Wochenenden und den Heimfahrern zu tun, aber wenn wir uns ehrlich sind, gäbe es immer genug Chargierte. Besonders schwierig und unbeliebt sind Einsätze für entfernt verstorbene Bundesbrüder, und das oft nicht nur bei den Chargierten. Die Hinterbliebenen haben häufig keinen Bezug zur Verbindung und so mancher Geistliche wehrt sich gegen das Tragen der „Schwerter” in seiner Kirche. Ob ein Einsatz erwünscht, geduldet oder überhaupt passend ist, weiß im Vorhinein meist niemand. Es finden sich dann aber in letzter Minute doch ein paar Barmherzige, die sich im wahrsten Sinne des Wortes dafür opfern.
Wenn nicht, wird die lasche Chargierbereitschaft (oder das halbherzige Chargieren) auf Conventen gerügt und in letzter Konsequenz angedroht, das Chargieren ganz abzuschaffen. Bezeichnenderweise sind es aber gerade die besten und engagiertesten Chargierten, die dieses Argument einbringen. Warum? Weil uns die Tradition nichts bringt, wenn sie gar nicht zustande kommt oder nur unsauber ausgeführt wird. Dabei pflegen nur wenige Verbindungen überhaupt einen Chargiercomment, die meisten wursteln irgendwie in vollem Wichs herum. Und kaum eine chargiert gar zu Pferd, dies nebenbei.
Zur Traditon fällt mir noch ein, dass Verbindungen nach den Chargiereinsätzen häufig eine gewisse Nachlässigkeit im Umgang mit ihrer Chargierausrüstung pflegen. Die stinkende Buxe wird in die Ecke geworfen, der schweißgetränkte Flaus auf den Boden. Handschuhe werden an einem feuchten Ort ineinander gesteckt. Das hat nichts mit einer Respektlosigkeit gegenüber dem Wichs zu tun. Es ist eben Teil der Chargiertradition, froh darüber zu sein, dass der Chargiereinsatz vorbei ist. Es freuen sich aber auch die Kappenfabrikanten, wenn wieder neue Oliven und Cerevise bestellt werden und sie ihre Läden nicht zusperren müssen. Eigentlich ein Grund, weiterhin viel zu chargieren.

Hahnenkämpfe
Ein fragwürdiger, aber beliebter Grund für das Chargieren ist ein gewisser Wettbewerbsgedanke zwischen Verbindungen und Verbänden. Man lässt sich sehen, wenn man kann. Stolz werden Chargierpokale an die schneidigsten Bünde vergeben und Schläger-streck-dich-Bewerbe ausgetragen. Ich bezweifle aber, dass sich diese eitlen Vorhaben wirklich positiv auf die Qualität des Chargierens auswirken.
Wie alle Qualitäten des Verbindungslebens ist auch die Kunst des Chargierens starken Schwankungen unterworfen. Ein Semester lang wird forsch und flott chargiert, wie dort am Rhein. Im nächsten Semester kann sich wieder niemand daran erinnern, wie man eine Fahne hält. Die Chargierqualität ist eben selten nachhaltig. Außerdem kommen beim Chargieren immer die gleichen zum Handkuss: Engagierte Bundesbrüder, die nicht zu dick für den Flaus sind und am verlängerten Wochenende oder in der Ferien an ihrem Studienort verweilen. Das ist ungerecht und funktioniert nicht.
Besser und gerechter wäre es, die guten Chargierten würden ihr Wissen und Können subsidiär innerhalb ihrer Bierfamilien weitergeben: Statt eines Chargier-FCs im Semester bekäme der Fuchs die Gelegenheit, öfter und intensiver zu trainieren. Das würde den Fuchsmajor entlasten und seine Verantwortung für die Chargierausbildung auf ein realistisches Maß beschränken. Zudem könnte der oben beschriebene Wettbewerbsgedanke dahingehend zu einem positiven Ergebnis hinwirken, als sich die Bierfamilien daran messen könnten, wessen Leibfüchse besser chargieren, unsere studentischen Traditionen schneller verinnerlichen oder überhaupt zu einem konstruktiveren Verbindungsleben beitragen würden.

Fazit
Das Chargieren befindet sich in einer Krise. Wegen geringer Bereitschaft kommt es häufig gar nicht zustande. Finden sich doch Chargierte, schadet deren lasche Ausführung oft dem Ansehen von Verbindungen. Selbst wenn eine Verbindung ausnahmsweise commentgemäß chargiert, ist sie nicht vor Missverständnissen oder Verwechslungen in der Öffentlichkeit gefeit, die dem Grundgedanken des Chargierens diametral entgegenstehen: Eine Studentenverbindung in Würde nach außen zu repräsentieren.
Es liegt nicht im Interesse von Studentenverbindungen, das Chargieren zur Gänze abzuschaffen. Zu stark ist diese Tradition mit den Verbindungen verbunden, auch wenn sie ihnen manchmal schadet. Von einer Kneipe, dem eigenen runden Stiftungsfest oder einem Chargiereinsatz auf ausdrücklichem Wunsch ist der Chargierte nicht wegzudenken. Solche Einsätze finden in der Regel nicht in der Öffentlichkeit statt und beugen bereits dadurch Missverständnissen vor. Wegen des großen Gesaltungsspielraums und des geselligen Chrakters werden sich auch eher Chargierte für eine Kneipe finden. Verbindungen täten aber gut daran, ihre Chargiereinsätze zu überdenken und sie bei Bedarf im Interesse einer Qualitätssteigerung einzuschränken. Sie sollten sich nicht von Verbänden oder befreundeten Verbindungen unter Druck setzen lassen, um jeden Preis Chargierte zu stellen. Der Preis eines halbherzigen Chargiereinsatzes kann mit einem mehr oder weniger schweren Reputationsverlust verbunden sein und wiegt daher immer schwerer als die Absage eines Chargiereinsatzes, an die sich nach einer kurzen Phase des Beleidigtseins niemand jemals erinnern wird. Verbindungen sollten meiner Meinung nach weniger chargieren. Wenn sie es aber tun, dann mit ganzem Herzen.

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Der katholische Couleurstudent im Spannungsfeld zwischen Prinzipien und Gegenwart

Autoren: Mag.iur. Bernadette Zelger, LL.M., und Kbr. Univ.-Prof. Mag.rer.soc.oec. Dr.med. Bernhard Zelger (AIn)

Abstrakt: Der Couleurstudent im Spannungsfeld der Prinzipien (religio – scientia – patria – amicitia) bei gesellschaftspolitisch sich dramatisch ändernden „shifting baselines“.

Versucht man sich an einer Definition des Terminus der „katholischen Studentenverbindungen“, so könnte diese Vereine beschreiben, welche Männern zugänglich sind, und die sich zu den Prinzipien religio, scientia, amicitia und patria bekennen. Eine derartige Definition sagt jedoch über die Bedeutung, welche dem Couleurstudententum in der Gesellschaft, Politik, etc. des 21. Jahrhunderts zukommen soll, rein gar nichts aus.
Die Geschichte des Couleurstudententums ist dem Leser dieser Zeitschrift in aller Regel bekannt, und es ist auch nicht Ziel dieses Beitrags, das studentische Verbindungswesen historisch aufzuarbeiten. Um herauszufinden, welche Bedeutung katholischen Studentenverbindungen in der heutigen Zeit zukommt – oder anders gesagt (gefragt?) – zukommen soll, mag ein Blick in die Vergangenheit bzw. auf die historische Entstehung und Entwicklung derselben jedoch durchaus helfen.
Das farbentragende Studentenverbindungswesen entstand zum Ende der napoleonischen Kriege, am Beginn des 19. Jahrhunderts (1815 Urburschenschaft zu Jena). Die erste farbtragende katholische Verbindung, die Bavaria Bonn, wurde jedoch erst später, 1844 gegründet (https://www.oecv.at/Home/Verband/3). Grund dafür war, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts, einer Zeit des „antiklerikalen“ Liberalismus, ein katholisches Vereinswesen letztlich noch nicht existent war. Mit Aufkommen des katholischen Vereinswesens entstanden auch katholische Verbindungen. Sie entstanden quasi als „katholischer“ Gegenpol zu den bereits existierenden Studentenverbindungen, wie Burschenschaften, Corps oder Landsmannschaften (schlagende Studentenschaft), und übernahmen von den Letztgenannten auch Erscheinungsbild, Comment und Brauchtum (mit Ausnahme von Mensur und Duell). Die Gegnerschaft zwischen den damaligen „eingesessenen“ Studentenverbindungen und den katholischen „Neulingen“ ist wahrlich kein Geheimnis. Die Beziehung der beiden Strömungen war feindselig, die Art des Umgangs miteinander keine, welche man mit dem Begriff der academia auch nur im Entferntesten in Verbindung bringen möchte. Das Verhältnis war geprägt von Respektlosigkeiten, Anfeindungen, Kämpfen, etc.
Nach Entstehung und akademischen Kulturkämpfen findet sich auf der historischen Zeitleiste ein Jahrhundert voll von Ereignissen, wie z.B. die beiden Weltkriege, die Entstehung der Europäischen Union (in Form ihrer Vorgängerin, der EGKS bzw. der Europäischen Gemeinschaften) u.v.m., bis wir im heutigen, 21. Jahrhundert überhaupt erst einmal ankommen. Diese im Detail unter dem Gesichtspunkt des Couleurstudententums bzw. durch dessen Brille zu beleuchten, ist schlicht utopisch und würde den Rahmen dieses Beitrages jedenfalls sprengen. Wie bereits eingangs angedeutet, kann überhaupt dahingestellt werden, ob die Darstellung der Bedeutung des Couleurstudententums im 21. Jahrhundert eine historische Aufarbeitung ihrer Geschichte überhaupt erfordert. Das stimmte jedenfalls dann, wäre das Couleurstudententum eine Naturwissenschaft, deren Entdeckungen durch objektiv belegbare Formeln und Erkenntnisse belegt werden würden, und deren Fortbestand daher zeitlos und unabhängig von den kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Gegebenheiten – daher in gewisser Weise abstrakt – beurteilbar wäre. Es ist evident, dass das Studentenverbindungswesen dies jedenfalls nicht ist, und es „ein Couleurstudententum“, dessen Bestand und Bedeutung losgelöst von der eingangs erwähnten Formel ohne Bezugnahme auf die zeitlichen Rahmenbedingungen und Gegebenheiten ist, schlicht nicht gibt. So gibt es auch nicht „die Philosophie“, welche objektiv erforschbar ist, oder „die Vernunft“ als einen objektiven Maßstab, obwohl man das – allen voran Hegel, dessen Thesen von Schopenhauer und später Nietzsche jedoch starke Kritik erfuhren – bis ins 19. Jahrhundert glaubte. Blickt man auf die Geschichte der Philosophie, dann war es in der Antike ja nicht so, dass die Philosophie von Platon oder Aristoteles zuerst war und es dann daneben noch ein kulturelles, soziales, gesellschaftliches, politisches und wirtschaftliches Leben gab. Es war genau umgekehrt, auf den Straßen Athens existierte ein – kulturelles, soziales, gesellschaftliches, politisches, und wirtschaftliches – Leben, in dem Platon und Aristoteles ihre philosophischen Gedanken entwickelten und dachten. Philosophie, oder auch Recht, entstehen durch Lebenssachverhalte. Daher sind philosophische Gedanken und ist auch die Entstehung von Recht vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen zeitlichen Umstände zu betrachten und zu beurteilen. Diese Berücksichtigung der jeweils vorherrschenden kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten ist aber genau das, was letztlich zu einer unterschiedlichen Bewertung ähnlicher oder gleicher Lebenssachverhalte zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Geschichte führen kann. Um dies anhand eines Beispiels aus der Rechtswissenschaft zu illustrieren, so sind z.B. im Bereich der Rechtsphilosophie Vertreter des Rechtspositivismus (z.B. Hans Kelsen, Gustav Radbruch) nach den Gräueltaten im 2. Weltkrieg von einem strengen Positivismus abgegangen und haben naturrechtliche Ansätze in ihre Theorien einfließen lassen. In einfachen Worten ausgedrückt, haben sie ihre Theorien und Ansätze insofern überdacht, als nicht mehr alles streng positivistisch Recht war, was vom Staat vorgegeben wurde, und zwar unabhängig davon ob es ‚gerecht‘ war oder nicht (da dem rechtspositivistischen Ansatz zufolge Recht von Ethik und Moral grundsätzlich getrennt ist), sondern wurde diese Absolutheit durch naturrechtliche Einflüsse aufgeweicht. Es entwickelten sich daher „Mischansätze“ aus Rechtspositivismus und Naturrecht. Diesen zufolge wurde die Absolutheit des Rechtspositivismus durch geltende „Grundprinzipien“ (wie der Idee der Gerechtigkeit, Gleichheit, Rechtssicherheit etc.) beschränkt bzw. aufgeweicht. Daher durfte und konnte Recht nicht extrem ungerecht sein oder gegen Gerechtigkeit und Grundwerte in unerträglichem Maß verstoßen (Entspricht sinngemäß der „Radbruch’schen Formel“ [Gustav Radbruch 1878-1949]).
Genau diese Grundwerte und „Überprinzipien“ sind es aber, die aufgrund ihrer Unbestimmtheit, abhängig vom zeitlichen Kontext und dem jeweiligen gesellschaftlichen Verständnis, zu einer unterschiedlichen Beurteilung gleicher Sachverhalte führen können. So ist z.B. Gerechtigkeit nicht objektivierbar, weil es immer subjektive Aspekte der Gerechtigkeit gibt, diese bzw. ihre Bedeutung daher vom subjektiven Empfinden eines Einzelnen beeinflusst wird (Sinngemäß Kelsen, Was ist Gerechtigkeit? [1953]). Als Beispiel dient in diesem Zusammenhang z.B. das Frauenwahlrecht in Österreich, welches bis 1918 nicht existierte. Vor 1918 war es daher rechtens und wurde nicht als ungerecht empfunden bzw. widersprach es keinem Gleichbehandlungsgrundsatz oä (In der Schweiz wurde das Frauenwahlrecht erst im Jahr 1971 eingeführt.), dass Frauen vom politischen Willensbildungsprozess ausgeschlossen waren. Ähnlich verhält es sich mit der Tatsache, dass verheiratete Frauen erst seit 1975 ohne die Zustimmung ihres Mannes arbeiten gehen dürfen. Ein weiteres Phänomen, das die Bedeutung von Veränderungen und Entwicklungen der kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bei der Beurteilung und Bewertung von gleichen Lebenssachverhalten sichtbar macht, ist das Rechtsinstitut der zivilen Ehe, welches nunmehr, seit einem Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs aus dem Jahre 2017 (Erkenntnis vom 4.12.2017, G 258-259/2017-9), auch gleichgeschlechtlichen Paaren offensteht.
Die Frage also nach dem Couleurstudenten und seiner Bedeutung im 21. Jahrhundert ist keine, die losgelöst von kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Entwicklungen betrachtet und beantwortet werden kann. Auch ist es keine Frage, die dieser Beitrag abschließend zu beantworten vermag, geschweige denn auch könnte. Nach Meinung der Autoren ist es vielmehr der Dialog, welcher in der Lage ist, über die Bedeutung des Couleurstudententums im 21. Jahrhundert Aufschluss zu geben. Von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang Fragen der veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Vergleich zu jenen Gegebenheiten, welche zur Zeit der Entstehung des katholischen Studentenverbindungswesens vorherrschten. So mag beispielsweise die Tatsache, dass Mitte des 19. Jahrhunderts das universitäre Umfeld jedenfalls ein von Männern dominiertes war, durchaus eine Rolle in Zusammenhang mit der „Nichtmitwirkung“ von Frauen in der Entstehung des katholischen Couleurstudententums spielen bzw. Grund dafür sein. Während der katholische Couleurstudent der damaligen Zeit in einen „Kulturkampf“ gegen die schlagende Studentenschaft für eine Gleichberechtigung der katholischen Studentenverbindungen an den Universitäten verwickelt war, kämpften Frauen (noch) um eine grundsätzliche Gleichberechtigung bzw. Gleichstellung auf den unterschiedlichsten gesellschaftspolitischen Ebenen (Universitätszugang, schulische Ausbildung, Mitwirkungsrechte im Allgemeinen etc.). Vor diesem historischen Hintergrund mag sich das Verhältnis zwischen Couleurstudententum und Frauen zum damaligen Zeitpunkt gewissermaßen selbst erklären.
Die gesellschaftspolitischen Gegebenheiten der heutigen Zeit zeichnen ein grundsätzlich anderes Bild. So hat sich unsere Gesellschaft weiterentwickelt, und es gibt keine gesetzliche Ungleichbehandlung mehr zwischen Männern und Frauen. Das ist Faktum und objektiv feststellbar, jedoch losgelöst von der Frage, ob dieser „veränderte Lebenssachverhalt“ in Hinblick auf das Couleurstudententum nun anders bewertet werden soll oder aber nicht. Losgelöst bedeutet jedoch keinesfalls unbeeinflusst. Wie oben ausgeführt, ist es kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen sowie wirtschaftlichen Veränderungen bzw. veränderten Rahmenbedingungen quasi immanent, neue, veränderte Sichtweisen zumindest freizulegen.
Wenn Sie, lieber Leser, nun vielleicht der Meinung sein mögen, wir argumentierten hier für die Aufnahme von Frauen in katholische Studentenverbindungen, dann müssen wir relativieren. Dafür müssten die Frauen das zum einen überhaupt auch erst einmal wollen (jemandem ein Recht zu geben ist das eine, ob dieses vom anderen tatsächlich beansprucht und angenommen wird, er das – im weiteren Sinne – überhaupt will, das andere). Das zu beurteilen, bin ich leider nicht in der Lage bzw. wäre es anmaßend davon auszugehen, ich als Mann könnte das. Als Erstautorin Frau will ich das persönlich nicht, zumal couleurstudentische Frauenalternativen ja existieren. Das Problem bzw. die Herausforderung liegt bei den katholischen Studentenverbindungen und Ihrem Wollen, sich kulturellen, sozialen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen mehr oder weniger anzupassen. Anhand dieses Beispiels lässt sich sehr plastisch darstellen, wie wichtig es ist, über gesellschaftspolitische Veränderungen und Entwicklungen zu diskutieren, im Dialog zu bleiben, eigene Standpunkte, Meinungen und Grundsatzeinstellungen zu hinterfragen, neue Zugänge und alternative Varianten durchzudenken, und zwar unabhängig davon, ob man seine Sichtweise auf die Dinge dann letztlich tatsächlich ändert oder nicht. Es gibt nicht „das Couleurstudententum“. Es gibt Werte des Couleurstudententums – ja, unbestritten – jedoch wird diesen Werten durch jene Bedeutung geschenkt, die sie leben und praktizieren, und die diese Begrifflichkeiten dadurch letztlich mit Bedeutung und Leben füllen. Wenn man das Couleurstudententum vergleichen möchte, dann ist es eben gerade keine Naturwissenschaft (mit Naturgesetzten und ‚absoluten‘ Regeln), sondern fällt es allenfalls in den Bereich der Kulturwissenschaft.
Gesellschaften entwickeln sich nur weiter, wenn sie sich kritisch mit sich selbst und ihren Entwicklungen auseinandersetzen sowie Ansichten und Meinungen hinterfragen und in Frage stellen. Das kennen wir seit Sokrates, der die Ansichten und Meinungen seiner Gesprächspartner im Dialog gewissermaßen „systematisch“ hinterfragte, um absolute Überzeugungen zu entkräften bzw. um Unstimmigkeiten aufzudecken. Es geht also darum, Dinge nicht als absolut gegeben hinzunehmen, ohne sie zu hinterfragen bzw. sie neudeutsch zu „challengen“, sich Diskursen zu stellen, Raum für Begegnung, Austausch, Kontroverse, freie Meinungsäußerung und freies Denken zu schaffen – sich also konstruktiv zu streiten. Dies versucht etwa der Journalist Bastian Berbner in seinem kürzlich in der Zeit erschienen Artikel ‚Mit euch kann man doch eh nicht reden‘ (https://www.zeit.de/2018/39/deutschland-spricht-diskussion-konstruktiv-streiten-politische-haltung), und zwar mit einer Grünen, einem Verschwörungstheoretiker und sogar mit einem Neonazi. Der Aufsatz unterstreicht einmal mehr wie wichtig (Meinungs)Austausch ist, wie wichtig es ist zuzuhören, andere Meinungen anzuhören, eigene Ansichten zu hinterfragen und sich Diskursen zu stellen und zwar mit ALLEN. Mit dem red‘ ich nicht, der ist ein Linker, ein Rechter, ein Konservativer, ein Liberaler… ist wohl gleich wenig akademisch wie die Grabenkämpfe zwischen den schlagenden und katholischen Studentenverbindungen in ihren Anfangszeiten. Die Frage der Bedeutung des Couleurstudententums in unserer Gesellschaft heute lässt sich daher nur durch ein konstruktives, akademisches „Streiten“ aufklären. Dies ist es daher, was es – ähnlich wie früher in der Geschichte unter verschiedensten, anderen Rahmenbedingungen – für den Couleurstudenten bzw. das Couleurstudententum im 21. Jahrhundert zu tun gilt, im Interesse unserer Heimat, ihrer Menschen, der Umwelt und allem, was es sich darin lohnt, dafür zu leben und wertzuschätzen.

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


20 Jahre Bologna-Prozess: Chancen und Probleme

Der Autor Kbr. Mag. Lukas Mandl (Rt-D im ÖCV, KRW im MKV) ist österreichischer Abgeordneter im Europaparlament und arbeitet dort im Umweltausschuss. Zuvor war er Mitglied des niederösterreichischen Landtages und Lektor an der WU Wien.

Die Universalität, die im Begriff der Universität steckt, resultiert wohl aus echter wissenschaftlicher Neugier und führt zu ergiebiger wissenschaftlicher Interdisziplinarität. Der Bolognaprozess zeigt uns pars pro toto, wie unverzichtbar wertvoll der europäische Einigungsprozess ist und welchen Versuchungen bzw. Risiken jedes staatliche oder quasi-staatliche Handeln stets ausgesetzt ist.

Aber der Reihe nach: Bologna strebt Konvergenz im Sinne von Übereinstimmung in den Zielen des europäischen Hochschulraums an; ausdrücklich nicht Vereinheitlichung. Das ist ein gut nachvollziehbares Bestreben, denn gemeinsame Ziele verbessern die Vergleichbarkeit der Prozesse. In der freiwilligen Umsetzung ist Österreich – wie so oft – Musterschüler, auch wenn es „blinde Flecken“ gibt; Beispielsweise war für meine Frau Kristina, als sie mir zuliebe von Innsbruck nach Wien gewechselt ist, in ihrem Studium der Rechtswissenschaften die Möglichkeit von Anrechnungen alles andere als zufriedenstellend oder auch nur nachvollziehbar. Es ist ein kleiner Treppenwitz der Geschichte, dass die Anrechnung von Auslandssemestern heute einfacher möglich ist als die Anrechnung zwischen österreichischen Universitäten.
Im Rahmen der Umsetzung des Bologna-Prozesses ist wichtig, dass wir auf die Entstehung der gemeinsamen Ziele Einfluss nehmen, ihre Sinnhaftigkeit stets hinterfragen und ihre Wirksamkeit regelmäßig messen. Es ist die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre, die als Meta-Ziel unbestritten sein muss.

Bologna: Gute Idee, „schlecht umgesetzt“
Eine von mir in der Reflexion für diesen kleinen Essay durchgeführte Blitz-Umfrage auf Twitter – die freilich nicht wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, aber aus dem Leben gegriffen ist –, ergab, dass mehr als drei Viertel Bologna für eine „gute Idee“ halten, wobei allerdings nur 6 Prozent die „gute Idee“ für auch „gut umgesetzt“ halten, hingegen 63 Prozent für „schlecht umgesetzt“. Weniger als ein Drittel hält Bologna für eine schlechte Idee, wobei 12 Prozent das für „egal“ halten und 19 Prozent „negative Folgen“ ausmachen.
Die Entwicklung von Konvergenz in einem europaweiten Abstimmungs- und Einigungsprozess ist eine echte Chance. Das gilt nicht nur für den Hochschulbereich: Die europäische Einigung stärkt uns – und auch unsere europäischen Werte – im weltweiten Vergleich. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit der Erhaltung des Friedens, verbessert die Lebens- und Wohlstands-Chancen von uns und unseren Kindern. Aber schaffen wir es, unsere Stärken zu nützen, unsere Potentiale zu heben? Und schaffen wir es – das ist immer die „Gretchenfrage“ für politisch Verantwortliche – die Freiheit zu verteidigen und zu vergrößern?
Die bloße Frage „Wie schätzt Du Sinn und Wirkung des Bologna-Prozesses ein?“ an meine Facebook-Freunde, von denen viele den Wissenschaftsbetrieb von innen kennen, hat interessante Impulse gebracht: „Durchaus ambivalent“, „eher skeptisch“, „sehr skeptisch“: so beginnen die ersten drei Kommentare. Zu den Hauptkritikpunkten gehört eine „Verschulung“, während die angestrebte Durchlässigkeit zwischen Studienrichtungen zum Beispiel zwischen dem Bachelor- und dem Masterstudium kaum erreicht werde. Oft seien nicht das Interesse und der Inhalt wichtig. An deren Stelle trete die Sammlung von ECTS-Punkten. Was wirklich weh tut, sind Statements wie diese: „hat mit einem klassischen Studium überhaupt nichts mehr zu tun“ oder „hat die akademische Tradition Europas völlig negiert“.
Nun ist eines völlig klar: Es ist der Reichtum an Variabilität, seine Vielfalt, die Breite an Sprachen, Kulturen und Traditionen genau das, was unser Europa ausmacht, was es lebens- und liebenswert macht. Gleichzeitig ist es auch das, was Europa im globalen Wettbewerb fähig macht, mitzuhalten und oftmals sogar den Takt vorzugeben. Wir sollten uns nicht mehr der Illusion hingeben, dass ohne uns nichts läuft – aber Europa kann und muss in Zukunft auf der Basis seiner spezifischen Stärken mit Afrika, Asien oder Nord- und Südamerika mithalten.
Halten wir uns das vor Augen: Alleine China hat mehr als doppelt so viele Einwohner wie die gesamte Europäische Union. Für Indien gilt dies ebenso. Uns Europäerinnen und Europäern muss klar sein, dass wir nur gemeinsam bestehen können. Dieses „gemeinsam“ mit der Wahrung regionaler Identität unter einen Hut zu bringen, das ist die Herausforderung, vor der wir heute stehen. Klar ist: Europa kann nur dann stark sein, wenn es beides schafft – dort groß zu sein, wo es groß sein muss und dort klein zu sein, wo es klein sein muss: Nach außen stark und nach innen frei; und den Frieden bewahrend, den Generationen vor uns geschenkt bekommen und durch echte Friedensarbeit erworben haben.
Der Schlüssel dazu ist zweifellos Bildung. Schule, Kindergarten, Lehre, Studium – je mehr jemand kann, desto höher sind seine Chancen, desto weiter ist sein Horizont, desto besser sind die Voraussetzungen für ein gelungenes Leben. Aber wie können wir das sicherstellen? Und welche Rolle spielt Bologna dabei?

Fast perfekter Lebenslauf + Muße = Chancen!
Ein paar Gedanken dazu: Ich wurde im Jahr 1979 geboren. Viele meiner Generation und früher Geborene kennen die Erfahrung, in Bewerbungsprozessen mit „Perfektionslebensläufen“ konfrontiert zu werden, mit Doppelstudien, postgradualen Zusatzqualifikationen, mehreren Sprachen, Auslandsaufenthalten, und das alles in atemberaubendem Tempo.
Das hat zweifellos mit Bologna zu tun, und ist insgesamt eine gute Entwicklung. Ich bin froh, dass meine drei Kinder in einer Welt aufwachsen, in der derlei viel niederschwelliger möglich ist. Aber manchmal fragt man sich, wo „die Langsamkeit“ ist, die einem Roman von Milan Kundera den Namen gibt, der dort meint, Muße entstehe, wo „man dem lieben Gott ins Fenster schaut“ (und das ist wohl gar nicht formal religiös gemeint).
Es ist ohne Zweifel ganz wesentlich, eine Brücke zu bauen zwischen der Notwendigkeit, keine Zeit liegenzulassen und der aus meiner Sicht für einen Bildungsraum unerlässlichen Muße, einmal durchzuatmen, zu reflektieren und eine andere Sichtweise einzunehmen – einfach „nachzudenken“, Dinge sickern und sich setzen lassen. Akademikerinnen und Akademiker macht es ja nicht aus, Faktenwissen lexikalisch zu speichern, sondern methodisch trittsicher zu analysieren, zu reflektieren und komplexe Sachverhalte dadurch besser zu verstehen.

Bildung ist nicht nur Studium
Was Europa in der Vergangenheit stark gemacht hat, ist neben der akademischen Tradition auch das Handwerk. Wenn unsere zukünftige Attraktivität nicht – enden wollend! – bloß in Kaufkraft und Konsum liegen soll (während die Innovation primär aus Amerika und die Produktion primär aus Asien kommen) dann brauchen wir auch eine Renaissance der guten Facharbeit und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Hier ist Europa nach wie vor Weltspitze, der Verlust an Breite ist aber bedrohlich.
Übrigens ist es genau die nachfolgende Generation, die darunter leidet, wenn im Bildungsbereich nichts weitergeht. Sie bezahlt mit vergeudeter Lebenszeit und verringerten Lebens-Chancen. Die Bologna-Reform hat ihre Schwächen, das steht außer Frage. Aber sie bietet auch viele Chancen. Noch einfacher als zuvor können Studierende heute ein Semester anderswo verbringen – und an den Erfahrungen, die sie dabei machen, wachsen. Das Verständnis dafür, dass Dinge anderswo anders, aber deshalb nicht besser oder schlechter sein müssen, ist ebenso ein wichtiger Lerneffekt wie die Freude darauf, wieder heimzukommen.

Friede durch Dialog
All das – Horizont, persönliche Lebenszufriedenheit, die aus Chancen resultiert – sind jene Voraussetzungen, die es für den Dialog braucht, also dafür, Frieden zu schaffen und zu erhalten. Parlamente wurden von den Nationalsozialisten als „Quatschbuden“ bezeichnet. Ist es nicht besser, dass wir heute in Europa miteinander reden als, wie noch vor wenigen Jahrzehnten, aufeinander zu schießen? – Der britische Satiriker Tom Walker alias Jonathan Pie fordert in seiner bekannten Youtube-Wutrede nach der Wahl von Donald Trump die Angehörigen des so genannten Establishments sinngemäß auf, Überheblichkeit abzulegen und zu diskutieren: „Discuss!“
Wichtig scheint mir, dass die eingangs erwähnte Universalität nicht einer falsch verstandenen Spezialisierung weicht, dass nicht eine akademische Hybris zu mehr oder minder determinierten Lebensverläufen führt, dass nicht Menschen einander in sprichwörtliche Schubladen stecken, etwa im Spannungsfeld zwischen klassischer Universität und Fachhochschule, dass wir aufgeklärt bleiben und immer neu werden, dass es Raum für Generalisten gibt, dass die Angehörigen der Universität wie in ihren besten Zeiten Staat und Gesellschaft voranbringen, dass sie sich und ihre Wissenschaft nicht überschätzen, dass sie Facharbeit und Management nicht unterschätzen; und dass sie fähig und willens sind, die gesellschaftlichen Diskussionen zu führen, wie sie sich stellen, oder diese sogar anzustoßen. Wenn wir es schaffen, das gesellschaftlich wieder stärker zu verankern, haben wir eine gute Zukunft vor uns.

 

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Labyrinthisches Österreich – Vom Wandel des Österreich-Begriffs, von imaginierten Gemeinschaften und ein wenig von Karl Renner

Der Autor Dr. Michael Rosecker ist stellvertretender Direktor des Karl-Renner-Institutes und wissenschaftlicher Leiter des Karl-Renner-Museums.

„Österreich ist ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt.“
Helmut Qualtinger, 1962

Einen Text über Österreich mit Helmut Qualtinger zu beginnen, ist eine feine Sache. Alle vermuten dahinter ein österreichisches Augenzwinkern. Dass seine Beschreibungen „seines“ Österreichs – man denke nur an „Der Herr Karl“ – oft eher Skandal und Aufruhr als „Wiener Hamur“ waren, ist heute in den Hintergrund gedrängt. In diesem Text soll das Qualtinger-Zitat jedoch ein Zeuge dafür sein, dass die Weisheit obigen Spruchs im gewissen Sinne schon ein Privileg der Zweiten Republik war. Denn, wenn es stimmt, dass unsere Republik ein Labyrinth ist, dann kannten sich bereits damals tatsächlich (fast) alle aus. Hans Weigel beschrieb die Erregung über den Herrn Karl folgendermaßen: „Man hatte einem bestimmten Typus auf die Zehen treten wollen, und eine ganze Nation schrie: ‚Au!‘“ Zu diesem Zeitpunkt war das Wort „Nation“ für Österreich schon selbstverständlich. Wenige Jahre davor jedoch schien dieses Labyrinth – dieses Österreich – vielen noch ein Rätsel und schon gar nicht „Nation“ zu sein.
Die Verwirrung über den Begriff „Österreich“ begann schon in der österreichischen Monarchie, spätestens seit dem Ausgleich mit Ungarn 1867. Hatte sich mit den Reformen Maria Theresias und Josephs II. aus den habsburgischen Ländern schön langsam ein Staat herausgebildet, den man gemeinhin Österreich nannte, war vor allem ab der Etablierung des österreichischen Kaisertums 1804 das gesamte Reich mit allen Volksgruppen, Kulturen und Religionen damit gemeint. Wenn auch Hegemonieansprüche der deutschsprachigen Eliten im Reich zu spüren waren, die den einen als Selbstverständlichkeit und den anderen als Zumutung erschienen, hatte der Begriff „Österreich“ dennoch einen supranationalen Charakter.
Ab 1867 begannen jedoch die Verrenkungen mit dem Österreichbegriff. Um jedenfalls zu verhindern, dass die westliche Reichshälfte als die „österreichische“ bezeichnet wurde, wurden der Beamtenbegriff „Cisleithanien“ und die wenig herzerwärmende Bezeichnung „die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder“ gewählt. Robert Musil nannte diesen Staatsnamen später einen Namen aus Namen, der nichts bedeutete. Generell beschrieb er 1933 im „Mann ohne Eigenschaften“ die österreichische Verwirrung sehr treffend: „Überhaupt, wie vieles Merkwürdige ließe sich über dieses versunkene Kakanien sagen! […] Es nannte sich schriftlich Österreichisch-Ungarische Monarchie und ließ sich mündlich Österreich rufen; mit einem Namen also, den es mit feierlichem Staatsschwur abgelegt hatte, aber in allen Gefühlsangelegenheiten beibehielt, zum Zeichen, dass Gefühle ebenso wichtig sind wie Staatsrecht […].“ Erst im Ersten Weltkrieg, als dieser – leichtfertig zu großen Teilen selbst vom Zaun gebrochen – nicht die Rettung, sondern der Untergang zu werden drohte, waren die Habsburger und ihre Eliten selbst bereit, die eine Reichshälfte die österreichische zu nennen. Und es ist schon eine gewisse labyrinthische Eigenart, dass das letzte „gemeinsame“ Wappen des Reiches, in dem der geschrumpfte Begriff „Österreich“ gleichsam heraldisch akzeptiert wurde, wenig später die grafische Basis des Republiksadlers werden sollte; mit seinen ständischen Symbolen und schließlich in Schrumpfform mit den deutschen Farben Schwarz-Rot-Gold. Hinzu kommt die Volte, dass eine maßgebliche Person, die ordnende Hand der Republiksgründung, der Sozialdemokrat Karl Renner, bis zum Schluss in einer eigenwilligen internationalistischen austromarxistischen Logik den supranationalen Habsburgerstaat durch Demokratisierung und Reform retten wollte.
In seinem 1916 erschienen Sammelband „Österreichs Erneuerung“ fand er als einzige Basis für seine Rettung der österreichischen Reichshälfte als großen Wirtschaftsraum und übernationales Staatsgebilde die Forderungen nach der Abschaffung der Kronländer und einer großen Verwaltungsreform; was auch aus heutiger republikanischer Sicht einen gewissen labyrinthischen Witz und tatsächlich eine österreichische Kontinuität in sich birgt.
Als das Habsburgerreich und für viele somit „Österreich“ in der Katastrophe des Ersten Weltkrieges unterging, war für eine große Mehrheit – aus verschiedenen Gründen – das Labyrinth Österreich endgültig zum Mirakel, ja zum Fluch geworden. Die deutschsprachigen Abgeordneten des letzten 1911 in der Monarchie gewählten Abgeordnetenhauses des Reichsrates traten in Wien zur Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich zusammen. Alle Rettungsversuche, das übernationale Österreich als losen Staatenbund oder zumindest als Wirtschaftsraum zu erhalten, scheiterten. Zu sehr hatten die traumatischen Fronterlebnisse, eine drakonische Militärverwaltung von Wirtschaft und Gesellschaft im Krieg sowie die bittere Versorgungsnot an der so genannten Heimatfront dazu geführt, endgültig das Vertrauen in das Herrscherhaus und die habsburgischen Eliten zu verlieren, egal welche Sprache man sprach. Der verantwortungslose Krieg war die Erosion alles irgendwie noch als gemeinsam und gemeinschaftlich Vorgestellten und Empfundenen.
Am Anfang des neuen Österreich standen somit kein Gründungsmythos oder eine Großtat, sondern eine Katastrophe, eine Enttäuschung und das Gefühl des Übrigbleibens. Karl Renner formulierte es im deutschen sozialdemokratischen „Vorwärts“ mit resthegemonialem Unterton wie folgt: „[…] am Ende haben wir es satt, den unverstandenen Lehrmeister und den ungebetenen Vormund zu spielen. […] Wir bestellen unser eigenes Haus – mögen die andern für sich selber denken und sorgen“.
Die Verwirrung im Bedeutungslabyrinth des Österreichbegriffs war im Oktober 1918 wohl am größten. Für die einen, die im Krieg unvorstellbar gelitten hatten, war es ein habsburgischer Begriff, den es zu verachten galt, der mit Tod und Elend verbunden war. Für die anderen war er ohne das „Gesamtreich“ an sich absurd – was sollte dieser „deutsche“ Rest denn sein? Wiederum für andere war er nur eine bittere Erinnerung an eine nun versunkene gloriose Vergangenheit. Hinzu kam die pragmatisch-strategische Überlegung österreichischer Schlauheit, den Namen zu vermeiden, um nicht mit der Schuld und den Schulden des habsburgischen Österreich in Verbindung gebracht zu werden. Daher geisterten zunächst befremdliche Namen für das neue, von den meisten als fremd erachtete Gebilde durch die Köpfe der Staatsgründer wie „Alpengermanien“, „Deutsches Bergreich“ oder „Donaudeutschland“. Es blieb Jahre später dem großartigen Jura Soyfer überlassen, die Gefühle der Republiksgründung treffend zu beschreiben: „Auftauchte, als die Wasser der Sintflut sich zu verlaufen begannen, ein kleiner Staat mit sechseinhalb Millionen Einwohnern, die ihn ungläubig Österreich nannten, die Republik Deutsch-Österreich.“
Die wenigsten hatten eine genaue Vorstellung, was dieses Österreich sein und wie es funktionieren sollte. Daher schien fast allen der einzige Ausgang aus dem Labyrinth der „Anschluss“ an Deutschland zu sein; egal, ob aus wirtschaftlichen Überlegungen, ob aus vagen Hoffnungen auf das vage „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, das US-Präsident Wilson als für den Zeitgeist wohlklingende Parole ausgab, ob aus kulturromantischen Träumen oder aus tobendem völkischen Nationalismus.
Die „Nation“ wurde in den Zeiten der Krise, des Umbruchs und des Verschwindens traditioneller Hierarchien für viele Menschen endgültig zum höchsten Bezugspunkt politischer Orientierung. Der bewusst gesäte Hass und die radikale Feindbildzeichnung der Kriegspropaganda hatten das ihre dazu beigetragen.
Da „Österreich“ zu Beginn der neuen Zeiten vieles, aber sicher kein Nationalbegriff war, bleibt es eine Eigenheit der (deutsch)österreichischen Republiksausrufung, sich in § 1 zu gründen und in § 2 bereits wieder aufzulösen: „Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik.“
Bereits bei der Suche nach einem Staatswappen für das neue Gemeinwesen schien es allen erforderlich zu sein, heraldisch „die nationale Zugehörigkeit“ klar erkennbar zu machen. Wodurch? Durch die Farben Schwarz-Rot-Gold.
Die hysterischen Massendemonstrationen, als der Vertragsentwurf von Saint Germain das so genannte „Anschlussverbot“ enthielt, und kitschige Postkarten, die die prächtige Frau „Germania“ zeigten, die das ärmliche weinende Mädchen „Austria“ tröstete, scheinen einer massenhaften orientierungslosen Überforderung geschuldet zu sein, die heute schwer verständlich ist. Ebenso eine Eigenheit Österreichs sollte es bleiben, dass es gleichsam durch den Staatsvertrag von Saint Germain zur „Unabhängigkeit“ verpflichtet und ihm der Name „Österreich“ aufgedrängt wurde.
Diesem Bundesstaat der Republik Österreich wollten schließlich nach Inkrafttreten des Staatsvertrages von Saint Germain 1920 wichtige Territorien „entkommen“: Vorarlberg wollte sich der Schweiz anschließen und Tirol, Salzburg sowie die Steiermark der deutschen Republik. Dort wo Volksabstimmungen durchgeführt wurden, waren die Zustimmungsraten zur Lossagung von Österreich enorm.
So blieb die weitverbreitete Bindungslosigkeit zum Kleinstaat Österreich ein zentraler Schatten auf der jungen Republik. Weitere dunkle Schatten blieben die starken Mentalreservationen gegenüber der Staatsform Republik und der parlamentarischen Demokratie, ein schwacher gesellschaftlicher Grundkonsens, die Etablierung von bewaffneten politischen Wehrverbänden, ein tiefverwurzelter politisch instrumentalisierter Antisemitismus und schließlich ein andauerndes Schrumpfen der österreichischen Volkswirtschaft.
Die zwei großen politischen Lager, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei und die Christlichsoziale Partei, erhielten durch das Fehlen eines Identifikationsbrennpunktes „Österreich“ besonders dominante Bedeutung für das Leben der Menschen. Ein Fakt, der die an sich schon stark entwickelte politische Polarisierung noch verstärkte. Große Konfliktlinien wie beispielsweise zwischen Arbeitgeber und Arbeiterschaft, Besitz und Besitzlosigkeit, Kirche und Staat, Stadt und Land und überschießendem Modernismus und radikaler Rückwärtsgewandtheit bildeten sich an den Grenzen der zwei Lager ab und erschwerten Dialog und Kompromiss. Das Finden einer gemeinsamen politischen Kultur blieb schwer, ebenso sich die Republik als „Nation“ bzw. als „Gemeinschaft“ vorzustellen.
Der amerikanische Politikwissenschaftler Benedikt Anderson beschrieb „Nationen“ als „vorgestellte“ oder besser „imaginierte“ Gemeinschaften („Imagined Communities“), die sehr wirkmächtig werden können. Dieses Konzept als Beschreibung von Nationen zeichnet sehr gut das Labyrinth Österreich nach. Es wurde keine Idee des „Gemeinsamen“ entwickelt und das Zusammenleben nicht als „Verbund von Gleichen bzw. Ähnlichen“ empfunden. Die souveräne Abgrenzung vom „Deutschsein“ war für eine Mehrheit schwer bis gar nicht denkbar. Dies steigerte sich phasenweise in einen rassistischen Taumel, der z.B. dazu führte, dass der Innenminister der Bürgerblockregierung – Leopold Waber – 1921 deutschsprachigen jüdischen Staatsbürgern der Monarchie aus „rassischen Gründen“ die Staatsbürgerschaft der Republik verwehrte.
Es muss betont werden, dass sich auch jene, die sich später als besonders große Patrioten gerierten, die Funktionäre der austrofaschistischen Diktatur, Österreich ohne „Deutschsein“ nicht recht vorzustellen vermochten. Das Bild, der bessere „deutsche Staat“ zu sein, ist nur eines von mehreren Beispielen. Egal ob christlichsoziale, sozialdemokratische oder dezidiert deutschnationale Interpretation des Deutschseins, die Vorstellung von „Österreich“ blieb ungenau oder fehlte bis zum Untergang der jungen Demokratie 1934 und des jungen Staates 1938 völlig.
Anton Pelinka beschrieb in seinem Buch „Die gescheiterte Republik“ den Zustand der Ersten Republik als „Zwischenösterreich“: „Die Republik war voll von Zukunftsprojekten, voll von hehren, auch quasireligiös bestimmten Glaubenssätzen. Aber keines dieser Projekte war allen Lagern gemeinsam.“
So bleibt es ebenso eine eigentümliche Tatsache, dass die ersten, die vor dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland versuchten der vorgestellten Gemeinschaft „Nation Österreich“ eine Grundorientierung zu geben, Randfiguren des politischen Geschehens waren: zum einen der Legitimist und Katholik Ernst Karl Winter, zum anderen der Staatswissenschaftler und Kommunist Alfred Klahr.
Es bedurfte des Bürgerkrieges, der Diktatur, des Untergangs im und schließlich des Dritten Reichs und der traumatischen Folgen bzw. unermesslichen Verbrechen des Nationalsozialismus, damit der Österreich-Begriff sich klärte und auch seinen breiten Zuspruch in der Vorstellung der Menschen fand. Das neue österreichische Selbstverständnis nach 1945 basierte auf einer Mischung aus Einsicht (in die Notwendigkeit von Kooperation und Dialog) und Verdrängung (Mitverantwortung am Weltkrieg und an den nazistischen Verbrechen).
Als sinnbildlich für diese hier beschriebene labyrinthische Entwicklung des Österreichbegriffs kann die „typisch österreichische“ Gestalt Karl Renner gelten. Er zerbrach sich auf sozialdemokratische Art den habsburgischen Kopf über die Rettung des alten Österreich, definierte federführend den österreichischen Republiksbegriff genauso wie die großdeutschen demokratischen Träume der Jahre 1918/19, er sorgte sich um die österreichische Republik in den gewalttätigen Auseinandersetzungen der Zwischenkriegszeit und wollte Brücken zwischen den Lagern bauen, um schließlich 1938 sein verhängnisvolles „Ja“ zum Anschluss an Nazideutschland zu veröffentlichen. Und zu guter Letzt sollte er, einsichtig in die Notwendigkeit der Wiedergründung der Republik Österreich als Kleinstaat, der pater patriae der Zweiten Republik werden, u.a. deswegen, weil er wahrscheinlich der einzige führende Politiker war, der all diese österreichischen Zusammen-, Um- und Aufbrüche im 20. Jahrhundert federführend begleitete: „Die Kette zersprang, und Österreich stand auf in allen seinen Dörfern und Märkten, Landstädten und Landeshauptstädten und vor allem in seiner Hauptstadt Wien.“
Um sich von der konflikt- und gewaltbeladenen Ersten Republik abzuheben, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg ein demokratischer Grundkonsens und eine breite Kooperation der beiden großen politischen Lager – SPÖ und ÖVP – geschlossen. Proporz und Konkordanz bildeten in den staatlichen Institutionen und der politischen Praxis zentrale Säulen und wurden Orientierungshilfen im österreichischen Labyrinth. Bei allen Untiefen eine große Erfolgsgeschichte.
Heuer, zum 100. Geburtstag der österreichischen Republik, sollte nicht nur dem Geschehenen gedacht werden, sondern vor allem auch eine Vorstellung entwickelt werden, wohin die Reise der Republik in Zukunft gehen soll – wie das Labyrinth für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts zu öffnen ist. Es könnte nämlich sein, dass sich viele Menschen zwar in Österreich auskennen, aber sich nicht mehr in den Labyrinthen der globalisierten Welt zurecht finden und daher wieder die „Nation“ höchster Bezugspunkt politischer Orientierung werden könnte. Gravitätische homogenisierende Nationsbegriffe (mit mörderischem Potenzial) sind sicher nicht die Antworten, die heute zur zukunftsfähigen Problemlösungskompetenz zählen werden.

 

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Österreich war schon immer eine eigenständige Nation

Der Autor Kbr. Univ.-Prof. Dr. Franz Schausberger (Rp, R-J im ÖCV, AGS im MKV) ist ehemaliger Landeshauptmann von Salzburg, Vorsitzender des Instituts der Regionen Europas (IRE), Präsident des Forschungsinstituts für politisch-historische Studien in Salzburg, Sonderberater der Europäischen Kommission für die Erweiterungsverhandlungen und Europäische Nachbarschaftspolitik und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Hauses der Geschichte Österreich.

Eigentlich sollte ja die Frage, ob Österreich eine eigene Nation ist – und wie lange schon – oder ein Bestandteil der deutschen (Kultur-) Nation oder ob Österreich nur ein zweiter deutscher Staat ist, ob es eine österreichische Identität gibt usw. gar keine Aktualität mehr haben. Man sollte meinen, dass die Wirklichkeit diese theoretischen Diskussionen längst überholt habe.
Während das Nationalbewusstsein der Österreicher im Jahr 1956 auf 49 Prozent Zustimmung und 47 Prozent Ablehnung stieß, stieg es in den 70er Jahren stark an – auf 64 Prozent, zehn Prozent verneinten es und 16 Prozent sahen es in Entwicklung. Die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik und das Verschwinden der deutschnationalen Frage machten sich bemerkbar. Ab den 80er Jahren war der Deutschnationalismus kein Thema mehr: 74 Prozent der Österreicher sahen sich als eigene Nation, nur sieben Prozent verneinten das und 17 Prozent sprachen von einer Entwicklung in Richtung Nationalbewusstsein. In den 90er Jahren verstärkte sich der Trend auf 78 Prozent Zustimmung zu einer österreichischen Nation, 2007 waren es 82 Prozent, acht Prozent sprachen von einer Entwicklung in diese Richtung. Da erkannten sogar die Freiheitlichen, dass sie mit deutschnationalen Anwandlungen nicht mehr Wähler gewinnen, sondern nur mehr verlieren konnten, strichen die Deutschtümelei offiziell aus ihrem politischen Repertoire und propagierten den „Österreich-Patriotismus“. Wieviel da noch Österreichisch-Deutsches drinnen steckt, sei dahingestellt. Nach Umfragen stellt selbst unter den Anhängern des „Dritten Lagers“ nur noch eine kleine Minderheit von 17 Prozent die österreichische Nation in Frage.
Für mich ist klar, dass die österreichische Identität und die deutsche Identität historisch gesehen schon ziemlich lange getrennt zu sehen sind. Die kollektive kulturelle, soziale, historische, sprachliche und ethnische Identität, das „Wir-Gefühl“ der Österreicher, sind ganz anders historisch gewachsen und von anderen Faktoren bestimmt worden als die deutsche Identität. Die katholische Weltauffassung und das Italienisch-Barocke prägten die österreichische Kultur von der Gegenreformation bis Maria Theresia, während die protestantische Weltanschauung und der französische Klassizismus das Geistesleben Deutschlands bestimmten.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Österreicher, das uns von Bürgern anderer Staaten unterscheidet, ist tief in der Zeit der Habsburger-Monarchie, im Ringen um die Identität in der Ersten Republik, in den Enttäuschungen durch das Preußische im Nationalsozialismus und in der Entwicklung seit 1945 begründet.
Natürlich sind die deutsche Sprache und die darauf begründete Kultur dominante Prägungsfaktoren der österreichischen Identität, aber genauso haben die slawischen, ungarischen, ukrainischen, polnischen, mediterranen Einflüsse aus der Zeit der Habsburger-Monarchie die österreichische Nationswerdung entscheidend beeinflusst. Verwaltung und Militär, Wirtschaft und Kultur nahmen die Einflüsse von Galizien bis Triest, von Vorarlberg bis Siebenbürgen, von Böhmen bis Bosnien auf. Natürlich verteilten sich diese Einflüsse im Bereich des heutigen Österreich unterschiedlich. Östlich der Enns war die Prägung durch die genannten Faktoren viel stärker als in den heutigen westlichen Bundesländern. Niederösterreich, Oberösterreich, Wien, Steiermark waren immer viel „österreichischer“ als etwa Salzburg, das erst seit rund 200 Jahre bei Österreich ist und erst sehr spät ein Österreich-Bewusstsein entwickelte. Tirol kaisertreu und katholisch, Vorarlberg Schweiz-affin und Wien-kritisch. Letztlich aber haben alle Bundesländer, spätestens ab dem Ende des 2. Weltkrieges ihr österreichisches Nationalbewusstsein, verbunden mit einem teilweise starken Landesbewusstsein, aufgebaut. Es darf nicht vergessen werden, dass der Föderalismus zur österreichischen Identitätsbildung ganz entscheidend beigetragen hat.
Ab dem Ausgleich mit Ungarn 1867 geriet der Begriff „Österreich“ in eine permanente Krise. Er konnte sich im Wesentlichen nur auf die nicht-ungarischen Teile der Habsburgermonarchie zurückziehen. Auch wenn sich der Name „Österreich“ offiziell nur auf den „diesseitigen“ Staat der Doppelmonarchie beziehen konnte, wurde er inoffiziell und offiziös mannigfach verwendet, nämlich als Kronland, als „diesseitiger“ Staat bzw. umgangssprachlich auch Österreich als Gesamtmonarchie. Lange gelang es den deutschsprachigen Österreichern, die Loyalität zur habsburgischen Dynastie und zum Kaiser aufrecht zu erhalten, Armee und Beamte wurden auf das Herrscherhaus vereidigt. Die Identifikation mit der jeweiligen Volksgruppe wurde allerdings immer dominanter. Aus den deutschen Österreichern in der Habsburger Monarchie wurden – in Abgrenzung zu den ebenfalls immer nationaler werdenden Ungarn und Slawen – die österreichischen Deutschen.
Die Nationsbildung der deutschen Österreicher begann in der Zeit von Josef II., vor allem im deutschsprachigen Bürgertum und da wieder vor allem in der kaiserlichen Bürokratie. Diese war die zentrale Trägerschicht des österreichischen Staatsgedankens und unterschied sich von den „Deutschnationalen“. Die „schwarz-gelben“ Deutschösterreicher als kaisertreue Bourgeoisie hatten die „schwarz-rot-goldenen“ Revolutionäre zum Feindbild. Letztere gehörten in Österreich zu den größten Kritikern des Hauses Habsburg, sahen sie in diesem doch das Haupthindernis einer Vereinigung mit dem Deutschen Kaiserreich.
Der extremste Vertreter einer großdeutschen Lösung war Georg von Schönerer, der nicht nur die Habsburgermonarchie insgesamt ablehnte, sondern auch die staatstragende römisch-katholische Kirche, gegen die er die Los-von-Rom-Bewegung gründete.
Der deutsch-völkische Nationalismus, verbunden mit einem unterschiedlich starken Antisemitismus, beschränkte sich nicht nur auf das bürgerlich-deutschnationale Milieu, sondern prägte von Anfang an den aufstrebenden Sozialismus.
Schon 1868 hieß es in einem Manifest an die Arbeiter Wiens: „Die deutsche Arbeiterpartei überall weiß, dass wir nur ein Vaterland haben: Unser Deutschland! Wir wissen, dass wir eine Nation sind und eine Nation bleiben wollen!“ Friedrich Engels trat für die Zerschlagung des Vielvölkerstaates Österreich und die Angliederung der deutschsprachigen Gebiete an Deutschland ein, der allerdings eine Germanisierung der „geschichtslosen“ Tschechen vorangehen müsse. Auch andere führende sozialdemokratische Politiker wie Victor Adler oder Engelbert Pernerstorfer hatten eine deutschnationale Vergangenheit.
Die durch die Sprachenverordnung von 1897 des Grafen Badeni, Ministerpräsident des österreichischen Teils der k.u.k. Monarchie, – nach der alle Beamten in Böhmen beide Landessprachen beherrschen mussten – ausgelöste Badeni-Krise ließ die Identifikation der deutschen Bevölkerungsgruppe der Habsburgermonarchie mit „Österreich“ schwinden. Radikal-deutschnationale Strömungen konnten sich immer mehr durchsetzen. Das sprachnationale Bewusstsein trat immer mehr in Konkurrenz zum dynastisch-österreichischen Bewusstsein.
Andererseits fand ab etwa 1870 und während des Ersten Weltkrieges und danach sowohl im katholischen als auch im liberalen Lager gegenüber dem deutschnational-freiheitlichen Lager ein Prozess zunehmender Verösterreicherung und bewusster Abgrenzung von einer deutschen Identität, insbesondere vom Preußischen, statt. Die „österreichische Idee“ sollte dabei die Vermittlerrolle zwischen der lateinischen, germanischen und slawischen Zivilisation im Rahmen der Pluralität der Habsburgermonarchie einnehmen.
Der Begriff „Österreich“ war so eng mit dem Habsburgerreich verbunden, dass nach dem Zusammenbruch der Monarchie zumindest Hemmung, wenn nicht – wie bei den Sozialdemokraten – aggressive Ablehnung bestand, diesen Begriff mit der neu entstehenden Republik zu verbinden. So sollte der neue Staat nach den Verfassungsentwürfen Karl Renners vom Oktober 1918 „Republik Südostdeutschland“ oder „Deutsche Alpenlande“ heißen. Heinrich Lammasch wiederum wollte den neuen Staat neutral gestalten und ihn nicht in die Arme Deutschlands treiben und schlug daher die Bezeichnungen „Norische Republik“ bzw. „Ostalpine Republik“ vor. Die Christlichsoziale Partei wiederum sprach in ihrem Verfassungsentwurf vom 14. Mai 1919 vom „Deutschen Bundesfreistaat Österreich“. Von Ignaz Seipel war – wie Gerald Stourzh betonte – bekannt, dass er sich mehr als Statthalter eines österreichischen Transitoriums betrachtete, das in ein größeres osteuropäisches Staatsgebilde münden sollte.
Obwohl nach dem Ende des 1. Weltkrieges der Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich und der gewählte Staatsname „Deutschösterreich“ in den Friedensverträgen von Versailles verboten wurden, blieb die Perspektive des Anschlusses im „Rumpfstaat“, an dessen wirtschaftliche Lebensfähigkeit kaum jemand glaubte, auf der Tagesordnung. Die „Anschlussabstimmungen“ in mehreren Bundesländern zeugen davon. Andererseits stand die erste deutsche Nachkriegsregierung dem vehement artikulierten Wunsch Österreichs nach einem Anschluss durchaus distanziert gegenüber, was sich erst unter dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann änderte.
In der Ersten Republik zerfiel das deutschnationale Lager in drei unterschiedlich große politische Richtungen, die sich bis 1934 zum Teil heftig bekämpften. Die Großdeutsche Volkspartei, die entschieden für die Vereinigung Österreichs mit Deutschland eintrat, hatte das Schwarz-Rot-Gold der deutschen Revolution von 1848 als Parteifarben und war eine Partei der Beamten, der Gewerbetreibenden, Kaufleute und Freiberufler. Sie hatte zwar einige liberale Elemente, war aber antisemitisch und deutlich antiklerikal. Letzteres verband sie mit den Sozialdemokraten. Nach der 1933 beschlossenen Kampfgemeinschaft mit den österreichischen Nationalsozialisten wurde die Großdeutsche Partei von der NSDAP inhaliert. Diese wiederum hatte als Vorläufer zuerst die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) und dann die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP), eine radikale, völkische, deutschnationale, antikapitalistische, antikommunistische und antisemitische Partei, die schließlich in die NSDAP überging.
Im bäuerlichen Bereich war es der „unpolitische“ Landbund, der deutschnational auf christlicher Grundlage ausgerichtet war, für einen „Ständestaat“ und gegen die Heimwehren auftrat.
Mindestens ebenso vehement wie alle diese deutschnationalen Parteien strebte ab 1918 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei den Anschluss an Deutschland an. Einer der extremsten Vertreter des Anschluss-Gedankens war Otto Bauer, der nicht zuletzt deshalb auf Druck der Siegermächte im Juli 1919 als Außenstaatssekretär zurücktreten musste, um die Verhandlungen mit der Entente nicht zu erschweren.
Im Linzer Parteiprogramm 1926 wurde immer noch bekräftigt: „Die Sozialdemokratie betrachtet den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich als notwendigen Abschluss der nationalen Revolution von 1918. Sie erstrebt mit friedlichen Mitteln den Anschluss an die deutsche Republik.“
Am 12. November 1925 erklärte der österreichische Sozialdemokrat Julius Deutsch bei einer Kundgebung mit dem deutschen „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ vor tausenden Sozialdemokraten in Wien: „Unser Wunsch und unser Ziel ist von der Nordsee bis zu den Karawanken, vom Rhein bis zum Neusiedler See ein einheitliches deutsches Volk, in einer deutschen Republik!“ Er hoffte, dass bald „die Fahne Schwarzrotgold als die Fahne der Republik über Österreich und Deutschland wehen“ würde.
Noch 1928 schrieb Karl Renner im Vereinsorgan des Österreichisch-Deutschen Volksbundes „Der Anschluss“: „Die Österreicher waren niemals eine Nation für sich und haben niemals gewünscht, dies zu sein. Österreich war durch Jahrhunderte der führende Stamm der Deutschen.“
Erst am 30. Oktober 1933 wurde der Anschlussparagraph aus dem sozialdemokratischen Parteiprogramm gestrichen.
Natürlich gab es auch unter den Christlichsozialen Anhänger des Anschlusses, sie waren allerdings nicht so prominent wie jene aus dem großdeutschen und sozialdemokratischen Lager. Die Christlichsozialen traten – mit Rücksicht auf die Stimmung in einem Großteil der Bevölkerung – nicht offen gegen den Anschlussgedanken auf, engagierten sich allerdings kaum in den Organisationen wie etwa im Österreichisch-Deutschen Volksbund, der eindeutig von den Sozialdemokraten dominiert wurde. Im Christlichsozialen Wahlprogramm 1919 fand sich kein Hinweis auf den Anschluss, in weiterer Folge vertraten die entscheidenden Persönlichkeiten eine enge kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland, allerdings auf der Basis eines selbständigen, lebensfähigen Österreich. Durch die von Bundeskanzler Seipel erreichte Genfer Sanierung entwickelte sich – vor allem auf christlichsozialer Seite – so etwas wie ein neuer österreichischen Patriotismus. Der christlichsoziale Bundeskanzler Rudolf Ramek etwa – ein Konsenspolitiker – versuchte in seiner Politik alles, um Österreich so stark zu machen, dass es in der Lage wäre, seinen eigenen, selbständigen Weg zu gehen. Die „Lebensfähigkeit“ Österreichs sollte unter Beweis gestellt werden.
Es gab aber auch in den Zwanzigerjahren klare Vertreter einer katholisch-konservativen (z. T. monarchistisch) geprägten Bewegung, die in den Österreichern keinen deutschen Stamm, sondern ein eigenständiges Volk sahen. Die Proponenten waren Ernst Karl Winter, Alfred Missong und Hans Karl Zeßner von Spitzenberg, die dies 1927 in ihrem Sammelband „Die österreichische Aktion“ artikulierten. Schon im Nationalratswahlkampf 1923 hatte Zeßner von Spitzenberg Bundeskanzler Seipel als jenen Politiker gepriesen, der die Österreicher den Glauben an die Heimat, den Willen zum Österreichertum wieder finden ließe. Seipel habe sich mit der Genfer Sanierung nicht westlich, sondern österreichisch orientiert und die „Herztätigkeit Wiens und der Donaulande für ganz Mitteleuropa, ja für Europa“ aufgegriffen.
Im „Ständestaat“ spielte die Stärkung des Österreichbewusstseins als Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland eine wichtige Rolle. Österreich galt zwar weiter als ein „deutsches“ Land, allerdings wurden seine eigenen Leistungen, seine Kultur und Geschichte bewusst stark hervorgehoben und dienten zur Legitimierung des autoritären Systems. Die Idee der österreichischen Nation – propagiert vor allem von Richard Coudenhove-Kalergi, Ernst Karl Winter und dem Kommunisten Alfred Klahr – wurde als Kampfbegriff gegen den Nationalsozialismus neu belebt.
Als dann vor 80 Jahren, am 12. März 1938, die deutschen Truppen in Österreich einmarschierten, und Adolf Hitler mit der „größten Vollzugsmeldung seines Lebens“ auf dem Wiener Heldenplatz vor der deutschen Geschichte pathetisch den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich meldete, ging der Traum des Deutschnationalismus in Österreich in Erfüllung.
In der Euphorie des März 1938 schien jedes Österreichbewusstsein verschwunden zu sein, Österreich war nur mehr ein historischer Begriff und musste dem Begriff „Ostmark“ weichen und selbst dieser wurde später verboten. Karl Renner bot den Nazis an, in einer Plakataktion und in Zeitungen für ein „Ja“ bei der Anschluss-Abstimmung Propaganda zu machen, begrüßte in einem Interview „die große geschichtliche Tat des Wiederzusammenschlusses der deutschen Nation“ mit „freudigem Herzen“ und erklärte, mit „Ja“ zu stimmen. Dies tat er, wie er später betonte, „spontan und in voller Freiheit“ und im Wissen der Wirkung auf seine ehemaligen Parteigenossen. Und das in Kenntnis dessen, was Hitler in Deutschland seit 1933 angerichtet hatte und im Wissen, dass die ersten KZ-Transporte auch mit prominenten Genossen bereits unterwegs waren.
Recht bald, aber spätestens 1939 machten sich schon die ersten Frustrationserscheinungen aufgrund der Spannungen zwischen den „Altreichsdeutschen“ und den „Ostmärkern“ bemerkbar. Zu groß waren die Unterschiede zum neuen, reichsdeutschen Herrschaftspersonal, das die Ostmärker seine Überlegenheit spüren ließ. Sogar die österreichischen Nazis fühlten sich bald vor den Kopf gestoßen, als sich die ersehnten, wiedergefundenen Brüder wie unausstehliche Kolonialherren aufführten. Daraus entwickelten sich eine Distanzierung vom nationalsozialistischen Regime und in weiterer Folge „Österreich-Tendenzen“ sowie eine innere Wiederentdeckung Österreichs, die schließlich nach 1945 zu einem österreichischen Nationalbewusstsein auf breitem gesellschaftlichem Konsens führten und sich in einem „Identitäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl“ der Angehörigen der österreichischen Nation manifestieren.
Ich bin persönlich davon überzeugt, dass die nach 1945 entwickelte, moderne österreichische Identität – zu der besonders auch die österreichische Neutralität zählt – und das zunehmende österreichische Nationalbewusstsein in einer direkten, nie wirklich abgerissenen Verbindung zum Österreich-Bewusstsein aus der Habsburger-Monarchie stehen bzw. von diesem grundgelegt wurden. Auch wenn sie in der Zwischenkriegszeit und vor allem während des Zweiten Weltkrieges weitgehend verschüttet wurden. Das „Österreichische“, das schließlich die eigene, unbestrittene „Österreichische Nation“ grundlegte ist die Fortsetzung eines langen, in frühere Jahrhunderte zurückreichenden historischen Kulturstranges. Verstärkt wurde dies noch durch den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995, wodurch der Vielvölkerstaat der Donaumonarchie als „Europa im Kleinen“ noch stärker ins kollektive Bewusstsein rückte und eine Renaissance erlebte, die nicht so sehr mit Vergangenheitsverklärung und Habsburg-Nostalgie als mit der Wiederentdeckung des Kulturraums Mitteleuropa – ohne Deutschland – zu tun hat. Die neue „Brückenfunktion“ Österreichs zwischen Brüssel und den ehemaligen Ländern der Habsburger-Monarchie – eine Aufgabe, die Österreich essenziell von Deutschland unterscheidet – erneuerte und stärkte die historische österreichische Identität.
Die österreichische Nation ist daher nach meiner Überzeugung eine historisch eigenständige und nicht eine zweite „deutsche Nation“, geschweige denn ist Österreich ein „zweiter deutscher Staat“.
Die österreichische Kultur ist schon sehr früh eine von der deutschen Kultur eigenständige gewesen. Die Tatsache, dass etwa die österreichische Literatur nicht als deutsche Literatur bezeichnet werden kann, liegt nicht nur in der Eigenständigkeit des österreichischen Deutsch, sondern auch in der inhaltlichen und sprachlichen Unterschiedlichkeit zur deutschen Literatur.
Inzwischen ist die eigenständige österreichische Nation eine Selbstverständlichkeit und Normalität geworden. Barbara Coudenhove-Kalergi erinnert sich, dass Bruno Kreisky, einmal nach der österreichischen Nation gefragt, pragmatisch sinngemäß antwortete: Wenn es eine österreichische Nationalbank gebe, eine österreichische Nationalbibliothek und eine österreichische Fußball-Nationalmannschaft, dann müsse es wohl auch eine österreichische Nation geben. Heute geht das stark emotionale Bekenntnis der Bürgerinnen und Bürger zu ihrer österreichischen Nation erfreulicherweise weit über diesen Pragmatismus hinaus.

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Österreich und sein nationaler Zwiespalt – Gedanken zu seiner Geschichte und Gegenwart

Der Autor Kbr. Univ.-Doz. Mag. Dr. Gerhard Hartmann (Baj et mult.) ist Kirchenhistoriker und Verlagsgeschäftsführer. Als Autor ist er unter anderem durch sein Werk „Der CV in Österreich: Seine Entstehung, seine Geschichte, seine Bedeutung“ bekannt.

Im Gedenkjahr 2018 erinnern wir uns neben vielen anderen Ereignissen vor allem daran, was vor hundert (1918) und vor achtzig Jahren (1938) geschehen ist. Beide Jahre haben tiefe Spuren in unserer jüngeren Geschichte hinterlassen, die auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirkmächtig geblieben sind.
Vor hundert Jahren brach die Habsburger-Monarchie auseinander. Damit endete auch die kaiserliche Epoche Europas, die am Weihnachtstag des Jahres 800 mit der Kaiserkrönung Karls des Großen begonnen hatte. Aber welche Beinamen trugen diese Kaiser bzw. Herrscher und welchen Namen hatte das „Reich“, das sie regierten? Die seit der karolingischen Zeit üblichen Begriffe Frankenreich bzw. Ostfrankenreich waren bis weit ins 10. Jahrhundert in Verwendung. Im 11. Jahrhundert kam gelegentlich der Name regnum Teutonicum auf. Die wichtigsten Fürsten des Reiches wählten daher im Hochmittelalter primär einen König/rex (Francorum), der erst später – aber zuerst nicht zwangsläufig – zum Kaiser gekrönt wurde.
Die Wiederherstellung des (west-)römischen Kaisertums zuerst mit Karl dem Großen und dann dauerhaft mit Otto dem Großen war ursprünglich eher auf die Person und nicht so sehr auf dessen geographisch definiertes Reich bezogen. Doch ließ sich in der Folge ein Rückgriff auf das alte Römische Reich nicht vermeiden. So findet sich in einer Urkunde von Kaiser Otto II. aus dem Jahr 982 bereits die Bezeichnung Romanorum imperator, Kaiser der Römer. Gegen 1100 entstand der Titel rex Romanorum, König der Römer bzw. römischer König, für den von den (Kur-)Fürsten gewählten König. Mit diesem Titel wurde auch der Anspruch des gewählten Königs auf die Kaiserkrönung dokumentiert. Spätestens ab Kaiser Ferdinand I. – der Betreffende nahm nun automatisch im Augenblick des Regierungsantritts bzw. der Königswahl den Titel Kaiser an – wurde der Titel rex Romanorum für bereits zu Lebzeiten eines Kaisers als Nachfolger gewählte und gekrönte Könige verwendet. Den Titel „deutscher König“ gab es nicht, und der Titel „deutscher Kaiser“ war erst gegen Ende des Heiligen Römischen Reiches umgangssprachlich in Gebrauch. Die Begriffe römisch-deutscher König bzw. Kaiser haben sich seit einiger Zeit in historischen Darstellungen der Einfachheit halber für den Leser durchgesetzt.
Die ursprüngliche sakrale, ja sogar sakramentale Ausstrahlung des Kaisertums verblasste zur Zeit der Salier im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Papst und Kaiser zunehmend, sodass unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa der Begriff sacrum imperium quasi als Ersatz eingeführt wurde. Aus dem Jahr 1254 ist erstmals der Begriff Sacrum Romanum Imperium, Heiliges Römisches Reich, belegt, der dann ab Kaiser Karl IV. regelmäßig verwendet wurde. Mitte des 15. Jahrhunderts tauchte dann der Zusatzbegriff nationis Germanicae, deutscher Nation, auf. Ab dem 17. Jahrhundert ist gelegentlich vom Deutschen Reich die Rede. Der Begriff Deutschland wird erst im 19. Jahrhundert richtig gebräuchlich (siehe z. B. das „Deutschlandlied“).
Historisch-retrospektiv wird aber gemeinhin als Heiliges Römisches Reich jenes staatliche Gebilde bezeichnet, das mit der Kaiserkrönung Karls des Großen seinen Anfang nahm und das sich mit der geographischen Herausbildung des Ostfrankenreichs ab ca. 900 fortsetzte. Als durchaus machtvolles Reich hatte es eigentlich erst mit Kaiser Otto I. richtig Bestand. Ab dem 13. Jahrhundert begann der Prozess der Zurückdrängung der Königs- bzw. Kaisergewalt im Reich, das spätestens ab 1648 zu einem eigenen, souveränen Handeln kaum mehr fähig war und im Zuge des Umbruchs in der Napoleonischen Zeit im Jahr 1806 aufgelöst wurde.
Gab es zu Zeiten dieses Alten Reiches ein deutsches Nationalgefühl? Sicherlich nicht dergestalt, wie wir es uns heute vorstellen. Am Anfang stand die gemeinsame Sprache, die erst im 16. Jahrhundert – nicht zuletzt durch die Bibel-Übersetzung Martin Luthers und deren Verbreitung durch den gerade erfundenen Buchdruck – als Neuhochdeutsch Allgemeingut wurde.
Das „Heilige Römische Reich“ war jedoch kein Nationalstaat wie Frankreich, Schweden, Spanien usw. Von Anbeginn gab es eine übernationale Komponente. Diese resultierte zum einen aus der geographischen Lage in Mitteleuropa, wo es durch „Ausfransungen“ in alle Himmelsrichtungen keine, durch die Sprache klaren Grenzen gab. Man denke etwa an „Reichsitalien“, an die volatile Grenze im Westen gegenüber Frankreich sowie an das Drängen nach Osten bzw. Südosten. Hinzu kam noch die römische Kaiserwürde, die in ihrer Sakralität die Königswürden der anderen Länder überstrahlte, ohne jedoch eine Oberhoheit daraus zu beanspruchen.
Anders als die übrigen Länder des europäischen Mächtekonzerts im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatte dieses „Reich“ seine „nationale Hausaufgabe“ nicht erledigt. Dann gab bzw. gibt es noch ein weiteres Spezifikum: Dieses „Reich“ fußte auf den sog. „älteren Stammesherzogtümern“ (Franken, Alemannien, Sachsen, Bayern), die zwar in der Karolingerzeit unterdrückt wurden, jedoch um 900 wieder eine Renaissance erlebten („jüngere Stammesherzogtümer“). Hier hatte der für den deutschen Sprachraum typische Föderalismus seinen Ursprung, der in seiner Art für Europa einzigartig ist. In der staufischen Epoche (12. Jahrhundert) kam es zu einer Aufsplitterung dieser Herzogsmacht und zur Entstehung von zusätzlichen Territorialherrschaften.
In dieser Phase ist auch der Beginn einer österreichischen Eigenständigkeit anzusetzen, die man aber im historischen Rückblick nicht überbewerten bzw. überhöhen sollte. Diese Zeit war vom staufisch-welfischen Gegensatz geprägt. Im Zuge dessen wurde 1139 den Welfen das Herzogtum Bayern aberkannt, und der Markgraf von Österreich, der Babenberger Leopold IV., wurde vom Staufer-König Konrad III. zum Herzog von Bayern ernannt, Als Leopold IV., starb, folgte ihm 1143 dessen Bruder Heinrich II. Jasomirgott nach. Deren Ernennung zu Herzögen von Bayern war aus zwei Gründen logisch. Zum einen war die Markgrafschaft Österreich ein Teil Bayerns, zum anderen waren sie Halbrüder von Konrad III.
Doch der Nachfolger Konrads III., Kaiser Friedrich I. Barbarossa, löste den staufisch-welfischen Konflikt. 1156 bekamen die Welfen Bayern zurück, und Heinrich II. Jasomirgott wurde entsprechend abgefunden: Mit dem Privilegium minus wurde die bisherige Markgrafschaft Österreich zu einem eigenen Herzogtum erhoben und von Bayern losgelöst. Damit verbunden war auch eine Reihe von Privilegien, die es so bisher für ein Territorium im Reich noch nie gegeben hatte. Damit war ein wesentlicher Schritt vom „jüngeren Stammesherzogtum“ hin zum Ausbau der territorialen Landesherrschaft im Reich getan worden.
Die Lösung des staufisch-welfischen Konflikts war aber offen, es hätte nämlich auch anders kommen können. Die Babenberger hätten Herzöge von Bayern bleiben können, und die Markgrafschaft Österreich hätte damit keine Sonderstellung erhalten. Die Geschichte wäre dann für Österreich wohl anders verlaufen.
Doch mit 1156 begann die Möglichkeit eines österreichischen Sonderwegs innerhalb des Reiches. Er wurde dann ab 1278 durch die Habsburger und deren Heiratspolitik verstärkt, was den Weg zu einer kontinentalen Großmacht ebnete. Und nun begann der österreichisch-habsburgische Zwiespalt in der deutschen Geschichte. Zum einen war das Haus Habsburg ab 1438 bis zum Ende des Reiches 1806 (mit der Ausnahme Karl VII.) Träger der römisch-deutschen Kaiserkrone, zum anderen besaß es außerhalb dieses Reiches erhebliche Territorien. Durch die von Kaiser Karl VI. 1713 erlassene Pragmatische Sanktion wurde innerhalb des Reiches ein „Staat im Staate“ geschaffen, dessen Gebiet sich auch außerhalb des Reiches fortsetzte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt trat die Funktion des Reichsoberhauptes bei den habsburgischen Kaisern in den Hintergrund.
In der napoleonischen Umbruchzeit ging nicht nur das alte Reich unter, es kam durch den französischen Einfluss und die Freiheitskriege bei den Deutschen auch die nationale Frage hoch. Ihre staatliche Einheit wurde zu einem Desiderat, nicht zuletzt auch der studentischen Jugend, die sich in den frühen Burschenschaften organisierte (Wartburgfest). Gleichzeitig kam es zu einem Schwenk der habsburgisch-österreichischen Politik: Sie verzichtete auf die deutschen Territorien außerhalb der heutigen Grenzen Österreichs wie etwa Vorderösterreich, das ungefähr ein Drittel des heutigen Baden-Württembergs ausmachte, und setzte den Schwerpunkt auf Oberitalien.
Im Nachhinein kann man das als eine Fehlentscheidung interpretieren. Denn nun bekam in der „deutschen Frage“ Preußen die Oberhand, das spätestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts der Konkurrent Österreichs war. Die „deutsche Frage“ wurde 1866 ohne Österreich, d.h. in kleindeutschem Sinne, gelöst. Die Deutschen in der Habsburger-Monarchie fühlten sich dadurch abgehängt und „unerlöst“, und damit begann eine deutschnationale Komponente in Österreich. Dabei darf man aber nicht vergessen: Die deutschsprachige Bevölkerung verstand sich uneingeschränkt weiterhin als Deutsche, und von Kaiser Franz Joseph ist der Spruch überliefert: „Ich bin ein deutscher Fürst.“
Als 1918 die Habsburger-Monarchie zugrunde ging, wollten im Sinne des Selbstbestimmungsrechtes fast alle in Österreich einen Anschluss an das Deutsche Reich, doch die Siegermächte verhinderten das. Diese sog. „demokratische Anschlußbewegung“ war zum einem vom Trauma des Zusammenbruchs des Habsburger-Reiches sowie vom mangelnden Glauben an die Lebensfähigkeit von Rest-Österreich geprägt, zum anderen wurde dadurch manifest, dass die Idee einer Donaumonarchie-Identität in Abgrenzung zu einem deutschen Nationalstaat doch auf eine kleine Elite beschränkt blieb und bei den Bürgern („Untertanen“) nicht angekommen war.
Die politische Realität im Europa der zwanziger Jahre ließ österreichische Anschluss-Träume bald als undurchführbar in den Hintergrund treten. Und in diesem Zusammenhang entstanden als Neubesinnung Überlegungen zu einer eigenen österreichischen Identität. Nach dem bisherigen Befund dürfte ein Artikel (1926) des Chorherren des Stiftes St. Florian, später Professor für Kirchenrecht an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien, Johannes Hollnsteiner (ehemals Nc), mit dem Titel „Österreichs kulturpolitische Sendung“ die erste seriöse Formulierung dieses „österreichischen Gedankens“ gewesen sein. Hier ist bereits sehr stark von Österreichs deutscher Sendung, nicht zuletzt in Zentral- und Südosteuropa, und von Österreich als dem besseren deutschen Staat die Rede. Parallel dazu ist bei einigen Schriftstellern dieser Zeit die Suche nach der österreichischen Eigenart festzustellen, stellvertretend sei Anton Wildgans mit seiner „Rede über Österreich“ (1930) genannt. In diesem Zusammenhang ist auch die „Österreichische Aktion“ zu nennen, der u. a. die Angehörigen der Wiener CV-Verbindung Nibelungia Ernst Karl Winter, Hans Karl Zeßner-Spitzenberg und August Maria Knoll angehörten, die bereits von einer eigenen österreichischen Nation ausgingen.
Eine der wichtigsten Ideologien des „Ständestaates“ ab 1934 wurde nun die Betonung dieses österreichischen Gedankens bzw. dieser österreichischen Idee bzw. Sendung. Diese Forcierung eines spezifisch österreichischen Gedankens hatte primär die Aufgabe, die Eigenstaatlichkeit und damit das politische System des „Ständestaates“ gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland stabilisieren zu helfen, aber er konnte und wollte mit Sicherheit nicht damals schon ein österreichisches Nationalbewusstsein erwecken, wie man es nach 1945 zunehmend versteht. Denn nach wie vor sah man sich weiterhin als Angehörige der deutschen Nation. Hingegen ist es aber Tatsache, dass durch diese Betonung des Österreichischen auf jeden Fall der Grundstein für ein geändertes Verhalten der Österreicher zu sich selbst (Österreichische Nation) sowie zur Eigenstaatlichkeit (Verschwinden der Anschlussideologie) gelegt wurde. Durch die aus politischen Gründen notgedrungene Ablehnung des Anschlusses an das Deutsche Reich durch den „Ständestaat“ hat er dazu beigetragen, dass sich damals Ansätze eines neuen österreichischen Staatsbewusstseins bilden konnten.
Dieses stilisierte Österreichbewusstsein blieb nicht ohne Auswirkungen auf den CV. Neben der selbstverständlichen Loyalität gegenüber dem „Ständestaat“ und seinen Repräsentanten, insbesondere aus dem CV, wurde es in Weiterführung des Prinzips Vaterland (patria) zu einer Grundideologie des ÖCV, die dann besonders nach 1945 zu wirken begann. Der CVer, vor 1914 mit dem deutschnational-schlagenden Verbindungswesen in Konfrontation geraten, was sich dann nach 1918 mit dem Gegensatz zum Nationalsozialismus zuspitzte, wurde somit zum „kompromißlosen Österreicher“ (Richard Schmitz). Das wurde dann nach 1945 zu einer Grundkonstante im ÖCV.
Die politische Entwicklung nach 1945 ließ die Frage, ob die Österreicher nun Deutsche oder eine eigene Nation sind, weitgehend in den Hintergrund treten. Dazu hat auch der zunehmende europäische Integrationsprozess beigetragen, in den Österreich voll eingebunden ist. Zwar gab es Versuche deutscher Historiker, wie etwa jenen des in Kiel lehrenden Karl Dietrich Erdmann, mit der Formel ein Volk, zwei Nationen und drei Staaten (BRD, DDR, Österreich) diese „deutsche Frage“ zu lösen, doch stieß diese bei einigen österreichischen Historikern auf heftige Kritik.
In der Tat führt in der historischen Betrachtungsweise eine Überbetonung der österreichischen Eigenart auch nicht weiter, genau so wenig wie das die preußisch-kleindeutsche Sichtweise des 19. Jahrhunderts unter Heinrich von Treitschke tut. So wenig wie diese es tun darf, die historische Identität des heutigen Deutschlands auf Preußen zu reduzieren und das alte Reich mehr oder minder auszublenden, so wenig darf man in Österreich vergessen, dass es Teil der deutschen Geschichte ist, sogar ein entscheidender Teil, wenn man berücksichtigt, dass das „Haus Österreich“ fast 400 Jahre hindurch das „Reichsoberhaupt“ stellte. Historisch falsch ist es in diesem Zusammenhang, die Bewohner des deutschsprachigen Teils der Habsburger-Monarchie nicht als Deutsche zu bezeichnen.
Auch wenn sich die Österreicher zu Beginn des 21. Jahrhunderts in ihrer überwiegenden Mehrheit als eigene Nation definieren, darf man ebenso nicht vergessen, dass die Begriffe „Nation“ bzw. „Volk“ nicht nur einem Bedeutungswandel unterzogen wurden, sondern durch den europäischen Einigungsprozess an Gewicht verloren haben.
In der Tat hat diese Entwicklung zu einer Verkomplizierung des Sprachgebrauchs geführt, in dem man jetzt vom „deutschsprachigen Raum“ redet, wenn man Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz zusammenfassend bezeichnen möchte. Der im Februar 2018 verstorbene Klagenfurter Historiker Helmut Rumpler (Rt-D) hat hier vor allem einen für die historische Betrachtung interessanten Vorschlag eingebracht. Er spricht von einem „deutschen Mitteleuropa“. Und hier sind wir wiederum bei dem Grundsatz, dass die Geographie die einzige Konstante in der Geschichte bzw. Politik ist.

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Sinn und Unsinn der ÖH

Der Autor Kbr. Filipp Sokolovski (AlIn) studiert im 8. Semester Humanmedizin und ist stellvertretender Vorsitzender der Studienvertretung Humanmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck.

Mein Name ist Filipp Sokolovski, ich bin 22 Jahre alt und derzeit stellvertretender Vorsitzender der Studienvertretung Humanmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck. Schon seit meinem ersten Semester engagiere ich mich in der Österreichischen Hochschülerschaft, kurz: der ÖH.
Bereits in meiner Schulzeit war ich Schülervertreter, diesen Weg wollte ich auch an der Universität weiterbestreiten und durch einen glücklichen Zufall waren meine beiden Erstsemestrigen-Tutoren Luca und Hildi glühende „ÖHler“. Ich begann wie alle als „normaler“ Mitarbeiter der Studienvertretung, seit dem 3. Semester darf ich die Studierendeninteressen in der Curricularkommission vertreten und ich war ab diesem Zeitpunkt auch zwei Jahre lang Referent für Bildungspolitik und Öffentlichkeitsarbeit, ehe ich im vergangenen Sommer in den Vorsitz der Studienvertretung wechselte.
Ich möchte an dieser Stelle gleich sagen – und ich bitte Euch, mir diesen Spoiler gleich zu Beginn zu verzeihen –, dass ich die gesetzlich verankerte Studierendenvertretung mit all ihren Mitspracherechten für eine großartige Sache halte – sofern sie auch mit entsprechendem Verantwortungsbewusstsein wahrgenommen und nicht für Interessen Dritter missbraucht wird.
Wir dürfen uns in Österreich wirklich glücklich schätzen, dass es eine breit organisierte Studierendenvertretung gibt, der in allen wichtigen universitären Gremien wie dem Senat, der Curricularkommission, Berufungskommissionen, Habilitationskommissionen, Ethikkommissionen oder den Institutskonferenzen Sitz- und Stimmrecht eingeräumt wird. Man darf nicht unterschätzen, welchen Einfluss das Feedback derer, die das Studium betrifft – nämlich der Studierenden –, hat und welchen Denkprozess seitens der Universitätsverantwortlichen es auslösen kann. Voraussetzung für Veränderungen im Interesse der Studierenden und Verbesserungen der Studienbedingungen sind aber zwei Dinge: dass Studierendenvertretern die Möglichkeit des Partizipierens eingeräumt wird und dass diese große Verantwortung mit entsprechender Sorgfalt und Hingabe durchgeführt wird.
In vielen Staaten gibt es so etwas wie die ÖH gar nicht und die Studierenden haben so gut wie keine Möglichkeit, Missstände anzusprechen bzw. gar proaktiv für Verbesserungen einzutreten. In anderen Staaten wiederum gibt es so etwas wie Studierendenvertretungen, Deutschland mit dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) ist dafür ein gutes Beispiel, jedoch wird dort in den seltensten Fällen Interessensvertretung mit der dafür notwendigen Ernsthaftigkeit betrieben, was mich an deren Sinnhaftigkeit zweifeln lässt und was ich sehr schade finde. Ein trauriges Beispiel dafür nannten mir Kommilitonen aus Kiel, mit denen ich auf einem medizinischen Kongress über den AStA Kiel sprach: die Kollegen teilten mir mit, dass das einzige Anliegen, das der AStA dort betrieb, die Organisation der An- und Abreise zu den sogenannten „Medimeisterschaften“ war. Die „Medimeisterschaften“ sind ein Fußballturnier aller medizinischen Fakultäten in Deutschland und Österreich, wobei der Fußball jedoch in den Hintergrund getreten und die Veranstaltung zu einem sehr populären Festival mit über 10.000 Medizinstudierenden aus dem gesamten deutschsprachigen Raum herangewachsen ist. An und für sich ist das eine gute und tolle Sache, und ich werde dort privat auch hinfahren, jedoch ist es mehr als traurig, dass dies das EINZIGE Ansinnen ist, welches der AStA verfolgt. Verbesserungen im Curriculum? Ansprache von Missständen? Fehlanzeige! Wenn man etwas angesprochen haben möchte, möge man selber zu den Gremien gehen, so die Aussage der AStA-Mitarbeiter laut meinen Kieler Kollegen.
Und genau das ist der Punkt, an dem ich beginne, an der Sinnhaftigkeit von Studierendenvertretungen zu zweifeln, obwohl ich ein glühender Verfechter ebendieser und selbst Studierendenvertreter mit Leib und Seele bin. Wenn die Möglichkeiten und Chancen, die einem als Studierender eingeräumt werden, mit Füßen getreten und aus Bequemlichkeitsgründen ignoriert werden, wenn die Arbeit nicht gesehen wird, wenn die Studierendenvertretung als Selbstzweck und als Selbstdarstellung missbraucht wird oder gar für politische Agitation politischer Parteien herhalten muss, so halte ich dies für grundfalsch und unredlich. Genauso falsch und beschämend finde ich es, wenn mit den Geldern aus dem ÖH-Beitrag Schindluder getrieben wird und trotz Regulationsmechanismen, die Unwirtschaftlichkeit, Verschwendung und unsachgemäßer Verwendung vorbeugen sollen, Gelder unverantwortlich mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen werden.
Beispiele dafür werden ja regelmäßig bekannt, sei es die ÖH der Uni Graz, welche sich für über 6.000 Euro eine Hochleistungskaffeemaschine(!) gegönnt hat, sei es die Bundesvertretung, welche für Demonstrationen gegen den Akademikerball in Wien aus dem ÖH-Budget die Reisekosten von Profi-Demonstranten aus Deutschland bezahlt, oder sei es das antikapitalistische und antirassistische, aber dafür besonders unsägliche Café Rosa, welches ein Verschwendungsskandal sondergleichen ist, und dessen Verantwortliche bis heute nicht dafür zur Verantwortung gezogen wurden (diese Liste lässt sich beliebig lange fortführen).
Die politische Vereinnahmung der ÖH-Fraktionen, welche sich durch den Bezug reichlicher Fördergelder in Abhängigkeits- und Schuldverhältnisse begeben und als Juniorpartner der Parteien bereits auf der Universität inhaltliche Auszüge aus Parteiprogrammen (siehe die Auswüchse der Perversionen, welche uns in puncto Gendern ereilen) propagieren (müssen?), halte ich für blödsinnig und entbehrlich. Vor allem, wenn man sieht, welche Zweck das Engagement bei der ÖH für manche scheinbar gehabt hat: nämlich einen guten Posten bei einer der fördernden Parteien zu ergattern. Auch dafür gibt es unzählige Beispiele.
Man darf mich hierbei jedoch nicht falsch verstehen: Natürlich ist es nachvollziehbar, die geknüpften Kontakte aus der ÖH-Zeit auch später beruflich und privat zu nutzen und die Zeit der Verantwortung bei der ÖH als Lebensschule zu betrachten. Nur darf das Ganze keinesfalls zum Selbstzweck verkommen. Ein ehrlich gemeintes Engagement für „das Gute“, für die Interessen der Kommilitonen und eine ernstgenommene Verantwortung, welche man für seine Universität und für seine Studierenden übernimmt, sind die Tugenden, welche ein Studierendenvertreter aufweisen sollte. Wenn die ÖH für Unsinnigkeiten, welche vollkommen am Sinn dieser Institution vorbeigehen, missbraucht wird, darf man sich nicht wundern, dass sie von vielen Studierenden nicht ernstgenommen wird, was etwa die „sensationelle“ Wahlbeteiligung von etwa 25 % bei der ÖH-Wahl 2017 zeigt, und, noch schlimmer, die sinnvolle und vernünftige Stimme vieler Studierendenvertreter wegen dieser (leider zu vielen) schwarzen Schafe von den Universitätsverantwortlichen schlussendlich nicht mehr gehört werden will.
Schließlich möchte ich hier noch erwähnen, dass ich sehr froh bin, dass wir an der Medizinischen Universität Innsbruck – Gott sei Lob, Preis und Dank – all diese oben erwähnten fragwürdigen Praktiken nicht zu sehen bekommen. Hier wird der Vertretungs- und Servicegedanke ernsthaft gelebt und permanent an Verbesserungen gearbeitet. Ich bin daher sehr stolz darauf, ein Teil dieser starken und von allen Seiten akzeptierten und ernstgenommenen Vertretung sein zu dürfen und ich hoffe, dass sich auch viele andere Studierendenvertretungen und vor allem deren Mitglieder eine Scheibe von uns abschneiden. Dann würden niedrige Wahlbeteiligungen der Vergangenheit angehören und der ÖH würden endlich der Respekt und die Anerkennung zukommen, die ihr zustehen: als starke Vertretung und als Sprachrohr der Studierenden.

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Was ist Wahrheit? – Überlegungen zu einem schwierigen Begriff

Der Autor Bbr. Dr. Georg Fischer OT gehört seit 1991 dem Deutschen Orden an und ist nach den Kaplansjahren in Frankfurt am Main, einem Promotionsstudium und der Arbeit als Auslandspfarrer in Brasilien Teil des Seelsorgeteams in den Ordenswerken in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Frage nach der Wahrheit reiht uns in eine lange Kette der Wahrheitssuchenden ein, wobei durchaus zwischen der Suche nach einzelnen Wahrheiten und der nach der Wahrheit an sich zu unterscheiden ist. Bereits Platon verbindet in seinem Denken Einzelfragen – nach der rechten Staatskunst, der Ethik, der dem Menschen möglichen Erkenntnis – mit dem Vorhandensein einer objektiven, seinsmäßigen Wahrheit. Diese Wahrheit ist die Wahrheit, die hinter und über allen Einzelwahrheiten steht, ja scheinbar gegensätzlichen Wahrheiten, dem unterschiedlichen Wahrnehmen gleicher Fakten und Umstände eine letzte vereinigende Bestimmung gibt.
Das Christentum hat diesen Wahrheitsbegriff übernommen und ihn mit dem dreifaltigen Gott identifiziert, der selbst die Wahrheit ist, die sich allen erkennbar und dem Gläubigen erreichbar macht. Und dennoch bleibt auch für den Christen das Phänomen unterschiedlich wahrgenommener Wahrheiten, subjektiver Wahrheiten, faktischer Wahrheiten, moralischer Wahrheiten. Geht man unvoreingenommen an diesen Umstand heran, dann zeigt sich, dass deren Vorhandensein nicht Absage an, sondern vielmehr Bestätigung von objektiver Wahrheit ist, deren Erkenntnis konkrete Forderungen für mein Leben beinhaltet.
Ein paar ganz subjektive, selbst erlebte Beispiele sollen dies verdeutlichen.
2011 führte ich eine Gruppe Deutschbrasilianer der zweiten und dritten Einwanderergeneration in die Vereinigten Staaten, an Orte, die von anderen Einwanderern deutscher Sprache im 19. Jahrhundert gegründet worden waren. Wir kamen an den Rand der texanischen Wüste, wo sich idealistische Kolonisatoren aus dem Hessischen niedergelassen hatten und in Orten mit deutschen Namen extensive Farmwirtschaft betrieben. Wolkenbruchartiger Dauerregen machte das Vorhaben einer umfassenden Inaugenscheinnahme unmöglich. Unsere Gruppe saß in einem halboffenen Barbecue-Restaurant – auf dessen Stahldach der Regen nur so trommelte, sodass man sich auch nicht mehr im Rahmen einer sinnvollen Lautstärke unterhalten konnte – und war ziemlich enttäuscht, um es vorsichtig auszudrücken, woran auch das exzellente Grillgut nichts ändern konnte. Die anderen Gäste hingegen bekamen das Grinsen nicht mehr aus den Gesichtern, erwachsene Menschen ließen draußen wie kleine Kinder Schlamm und Wasser aufspritzen, tanzten und johlten, zwei Frauen lagen sich weinend in den Armen, allerdings nicht aus Trauer – wir waren ausgerechnet an dem Tag dort angekommen, an dem es zum ersten Mal nach zwei vollen Jahren regnete, und das gleich ausgiebig. Ganz unterschiedliche persönliche Wahrnehmungen und Wahrheiten zeigen sich hier bei derselben faktischen Wahrheit – Regen in Mitteltexas –, die ihrerseits nicht die Wahrheit an sich darstellt.
Überhaupt ist auch eine rein faktische Wahrheit, obwohl bereits diese nicht nur im politischen Diskurs oft schon Mangelware ist, nur Abbild und Teil der größeren Wahrheit.
Die Deutschordenskirche zu Frankfurt am Main beherbergt einen Passionszyklus, eine der ältesten erhaltenen bildlichen Darstellungen der Stadt, die – um 1325 geschaffen – in Qualität und Ausführung mit den Malereien auf den Chorschranken des Kölner Doms vergleichbar war. 2016 wurde das Projekt der Renovierung dieser früher als gemalte Altarretabel dienenden Temperaarbeit in Angriff genommen. Nach dem Abschluss der Arbeiten 2017 wurde in allen großen Frankfurter Zeitungen darüber berichtet, und alle Artikel enthielten als Eyecatcher ein Bild, das die Restauratorin bei der Arbeit zeigte: Mit beleuchteter Lupenbrille, Feinst-Pinsel und Reinigungstupfer ging es da zu Werke. Das Problem war nur: Das Bild war gestellt. Faktisch arbeitete die Dame auf dem Bild nicht, sie wurde lediglich mit ihren Arbeitsutensilien vor dem entsprechenden Hintergrund fotografiert. Das Bild sollte die Wirklichkeit zeigen, zeigte aber nur, wie die Wirklichkeit aussah bzw. aussehen sollte.
Ist es deshalb unwahr? Faktisch vielleicht, aber doch nicht von seinem Inhalt, seiner Aussageabsicht her. Es zeigt sich, wie bei der Frage nach der Wahrheit unterschieden werden muss, hier zwischen faktischer und zugrundeliegender, also substantieller Wahrheit. Die gleiche Unterscheidung, die sich überhaupt sehr gut an Fotografien erläutern lässt, gilt auch hinsichtlich der bekannten Eingriffe, die im Nachhinein aus politischen Gründen an bereits existierenden Bildern aus der russischen Oktoberrevolution durchgeführt wurden. Wir denken an die aus heutiger Sicht und vor dem Hintergrund des mit Photoshop Möglichen recht stümperhaft wirkenden Entfernungen Trotzkis und Jeschows. Faktisch falsch, aber substantiell wahr: Die Betreffenden hatten in der Partei nichts mehr zu sagen, waren politisch kaltgestellt worden und wurden kurz darauf auch ganz faktisch kalt gemacht und ausradiert.
Auf bestürzende Weise zeigt sich hier, dass die Frage nach der Wahrheit nicht bei der Unterscheidung zwischen faktisch und substantiell stehenbleiben kann. Es gibt einen Unterschied zwischen einer erläuternden Bebilderung und politischer Propaganda bzw. Manipulation. Wie ist dieser zu begründen? Dadurch, dass zur Wahrheit im umfassenden Sinne auch die moralische Wahrheit gehört – richtig und falsch, hier als gut oder böse –, nicht bloß faktisch richtig und falsch. Auch ein faktisch falsches Bild einer Restauratorin mit Schrubber und Scheuerlappen erscheint uns nicht als so verkommen wie ein Propagandabild, auf dem zwar ein Körper belassen, dieser aber mit einem anderen Gesicht versehen wurde.
Bei diesem Aspekt der Wahrheit handelt es sich um eine Wahrheit, um die jeder weiß, die aber jedem schwer fällt hinzunehmen. Gerade bei der Frage nach der moralischen Wahrheit kommt im Smalltalk ein smarter Indifferentismus – wer weiß schon, was moralisch wahr ist – besser rüber als die Versicherung, eine solche für real zu halten und eine entsprechende Lebensführung zu versuchen. Schon hier zeigt sich ein Umstand, auf den später noch etwas näher einzugehen ist. Der Umstand nämlich, dass Wahrheit bei allen zahllosen Fakten und Hintergründen, die für den Einzelnen uninteressant sind, ihn und sein Leben letztlich persönlich betreffen: Ich kann der Frage nicht ausweichen, ob mein Leben im umfassenden Sinne als wahr und wahrhaftig bezeichnet werden kann oder nicht. Um mir diese Frage möglicherweise etwas weniger unangenehm zu gestalten, kann ich mir vorläufig mit Relativismus und Indifferentismus Erleichterung zu schaffen suchen, aber selbst derjenige, der die Erkennbarkeit moralischer Wahrheit bestreitet, kann nicht deren Existenz leugnen. Wir wissen, dass es eine eindeutige Antwort auf die Frage gibt, ob eine bestimmte Handlung, eine Äußerung, eine politische Richtung, auch eingedenk aller zeitlichen und kulturellen Umstände, in diesem Sinne wahr ist oder nicht.
Bevor dieser personale Aspekt etwas genauer betrachtet werden soll, ist der Blick noch auf andere Wahrheiten zu richten, oder besser auf die Größe der einen Wahrheit, die dem Menschen in vielen Einzelfeldern gegenübertritt. Auch diese sind neben den schon genannten faktischen, substantiellen und moralischen zusätzlichen Einzelwahrheiten nicht erschöpfend, es lassen sich jederzeit weitere Unterteilungen denken. Zwar ist der Mensch nicht unbegrenzt, gleichwohl kann dennoch ein wenig mehr zusätzliches Gespür für die wirklich umfassende Durchdringung von allem durch die Wahrheit an sich erreicht werden. Man könnte es auch als Ehrfurcht bezeichnen.
Betrachtet man etwa den alttestamentarischen Bericht vom Goldenen Kalb, heutzutage vielleicht bekannter aus dem sprichwörtlichen Tanz um dasselbe, können auf die Schnelle drei, vier Wahrheiten identifiziert werden: die historische Wahrheit (Hat das wirklich so stattgefunden?), die theologische (Was will uns Gott, so es ihn gibt, damit sagen?), die psychologische (Warum sind Menschen so leicht verführbar?) und die aktuelle, deontische Wahrheit (Was sollen wir heute aus dieser Geschichte lernen und wie entsprechend handeln?). Und mit etwas Nachdenken kommen bei jedem Teilaspekt Fragen nach weiteren Wahrheiten auf.
Allein die historische Wahrheit im Sinne von Faktum und Datum ist offen für so viele weitere Wahrheiten, die im Laufe der Zeit auch ganz gegensätzliche Interpretationen zulassen, daß man mit der Suche nach der Wahrheit wohl nie an ein Ende kommt – was aber nicht heißt, daß es diese nicht gibt. Beispielsweise die deutsche Wiedervereinigung. Wem ist sie zu verdanken? Dem Papst? Gorbatschow? Kohl? Den ostdeutschen Montagsdemonstranten? Dem Umstand der Pleite des Sozialismus? Reagan, der den Sozialismus in Grund und Boden gerüstet hat? Die Antworten werden je nach Wissensstand und politischem Standpunkt durchaus unterschiedlich ausfallen. Auch am Beispiel des Deutschen Ordens lässt sich das zeigen: Die berühmte Niederlage bei Tannenberg am 15. Juli 1410 gegen ein vereinigtes polnisch-litauisches Herr ist recht gut erklärbar, militärisch, sozio-ökonomisch, technisch. Es lassen sich die politischen Bedingungen erhellen, man kann auf das Bernsteinmonopol des Ordens und entsprechende Begehrlichkeiten verweisen. Aber das verhinderte nicht, dass die Frage nach der tieferen Wahrheit dieses Ereignisses im 19. Jahrhundert und in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts gestellt und dabei zum Spielball der Politpropaganda geworden ist, hüben wie drüben. Zum Glück gibt es diese jeweils einseitigen, partiell abstrusen Interpretationen so nicht mehr, aber die Frage bleibt: Was ist die letzte Wahrheit dahinter? Es gibt sie, sie ist größer als die Einzelfakten, die sie bilden, sie mag sogar für den Menschen unerkennbar bleiben, sie mag nicht in der Diskussion erreichbar sein – aber sie ist da. Ganz so wie es an jedem Wahlabend nach Schließung der Wahllokale ein Ergebnis gibt – und viele Interpretationen, auch lächerliche. Aber nur eine Gesamtwahrheit.
Bevor eine Gesamtdefinition von Wahrheit versucht werden soll, noch eine Vertiefung des Besprochenen anhand zweier weiterer durchaus bekannter Fragestellungen. Beide zeigen die bloß näherungsweise zu beantwortende Wahrheitsfrage auf vielen Feldern des menschlichen Nachdenkens und Forschens und lassen den Betrachter zurück, manchen mit dem Gefühl der Vergeblichkeit menschlichen Tuns und Erkennens, andere – hoffentlich die große Mehrheit – mit dem zuversichtlichen Wissen, dass der Umstand der Vorläufigkeit menschlichen Denkens Endgültiges und Wahres nicht ausschließt, sondern geradezu drauf hinweist.
Das eine ist das philosophische Problem der Identität. Es handelt sich dabei um kein neues Problem, sondern um ein seit den alten Griechen bekanntes und auch durch moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht widerlegtes, das neu aufgeworfen wird. Die Alten verwendeten dazu das Gleichnis von Theseus‘ Schiff, einem gedachten Kahn, dessen schadhafte Planken nach und nach ausgetauscht werden, bis zum Schluss alle ausgetauscht sind. Ist das dann noch Theseus‘ Schiff? Ja, könnte man sagen, sofern Theseus das Schiff aktuell benutzt – ein bekannter Lösungsansatz, der sich auch bei der „Air Force One“ zeigt, also jedem Luftfahrzeug der amerikanischen Luftwaffe, auf dem sich gerade der Präsident befindet, unabhängig von dem schönen blauen Flugzeug das man häufig im Fernsehen sieht und von dem es übrigens zwei gibt. Oder beim Papamobil, immer mit dem Nummernschild SCV-1; Papstauto ist jenes, worin der Papst sitzt und sonst keines. Aber mit der bloßen Benennung ist das Problem der materiellen Identität nicht gelöst. Was wäre nämlich, wenn man die vorgenannten, herausgelösten Planken alle gesammelt und nach dem Gesamtaustausch zu einem zweiten, baugleichen Schiff zusammengesetzt hätte. Was wäre dann in Wahrheit Theseus‘ Schiff? Das neue, auf dem er jetzt sitzt, oder das alte, neu zusammengesetzte, mit dem er seine wichtigsten Fahrten gemacht hat? Und was passiert, wenn Theseus stirbt? Man könnte von einer Art spirituellem Weiterleben sprechen, so wie dies in Japan geschieht, wo die meisten Shinto-Schreine nach 20 Jahren aus neuem Holz neu errichtet werden, der geistliche Gehalt des Ortes aber derselbe bleibt. So könnte man auch auf die Frage nach der Identität des Menschen antworten und damit gleichzeitig einem harten Materialismus eine Absage erteilen: Auch der Mensch bleibt derselbe, mögen sich auch seine Zellen in regelmäßigen Abständen erneuern.
Ein harter Materialismus hätte zur Folge, dass kein Mensch für sein Tun verantwortlich sein und zur Rechenschaft gezogen werden könnte, nicht erst über einen längeren Zeitraum, sondern praktisch schon am folgenden Tag nicht mehr, schließlich ist er ja seit seinem Banküberfall gestern nach dem Verlust dreier weiterer Haare und einiger Hautschuppen nicht mehr derselbe. Ein harter Materialismus kennt nur Augenblickswahrheiten.
Das zweite Beispiel ist ebenfalls nicht mehr ganz neu, lässt uns aber genauso ohne endgültige, für uns begreifbare Antwort zurück, wissend, dass es sie geben müsste – freilich außerhalb und hinter der hier zu betrachtenden Quantenphysik –, sie uns aber verschlossen bleibt. Es handelt sich um die Heisenbergsche Unschärferelation. Eine eingehende Erläuterung dieses Phänomens kann hier nicht erfolgen und ist auch nicht Gegenstand der Überlegungen. Nur soviel sei dazu gesagt: Je genauer die Messung des Ortes eines Teilchens, desto ungenauer gleichzeitig die Messung seines Impulses. Eine gleichzeitige äußerste Genauigkeit in der Messung bleibt dem Menschen verschlossen. Allein schon das Beobachten der einen Größe verändert die andere. Die Antwort auf die Frage nach dem genauen, wahren Zustand aller Faktoren ist unzugänglich, d.h. aber nicht, dass es sie nicht gibt.
Damit soll ein Versuch unternommen werden, den Begriff Wahrheit zu definieren – nicht zum ersten Mal. Im Hochmittelalter, einer Zeit, die bedeutend besser ist als ihr Ruf, definierte der große Heilige Thomas von Aquin, ein Hauptvertreter der sogenannten Scholastik, die Wahrheit als die Übereinstimmung der Dinge mit dem Verstand, die Erkenntnis erfasst dabei das Objekt, so wie es ist. Hier muss nicht Kant bemüht werden, der die Erkenntnis des Dings an sich bestritt, es genügt das oben Gesagte, um den Wahrheitsbegriff weiter zu fassen, denn wahr ist eben auch vieles, was die menschliche Erkenntnis nicht um- oder erfasst. Wahrheit ist vielmehr als alles das zu verstehen, wonach sinnvoller Weise gefragt werden kann, „sinnvoll“ hier nicht als mit praktischem Nutzen versehen, sondern in der Bedeutung von formell sinnvoll. Ob etwa Rot musikalischer ist als Donnerstag ist keine sinnvolle Frage, deren Beantwortung prinzipiell möglich wäre.
Der 2006 verstorbene Innsbrucker Jesuit und Philosoph Emerich Coreth entwickelte aus dieser sehr allgemeinen Definition von Wahrheit einen recht kurzen Gottesbeweis. Gott existiert, denn man kann nach ihm fragen. Etwas genauer gesagt: Die an sich sinnvolle Frage nach der Existenz Gottes kann nur von Gott selbst beantwortet werden. Dazu benötigt man die Definition Gottes aus dem frühen 6. Jahrhundert durch Boethius, nachdem Gott dasjenige ist, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Ein Wesen, das geringer ist als Gott, kann die Frage nach dessen Existenz zwar stellen, aber die Antwort nicht vollständig erfassen, es wird die Existenz erkennen können, aber nicht alles, was diese impliziert. Ein Wesen, das größer ist als Gott, kann diesen vollständig erkennen, ist aber wiederum größer als das bis dahin gedachte größtmöglich Gedachte, das dadurch definitionsgemäß nicht mehr Gott ist, diesen Titel gleichsam abgeben muss. So fällt in Gott und nur in Gott die Selbsterkenntnis genau mit der Wahrheit, die diese ausmacht, in eins, es fehlt nichts an Sein, an Allmacht und Allwissen, kurz an der Wahrheit an sich. Coreths Gottes-Herleitung ist damit eine Fortentwicklung des ontologischen Gottesbeweises anhand des Wahrheitsbegriffs.
Anders argumentiert der katholische Philosoph Robert Spaemann, der einerseits in der Gottesfrage ebenfalls vom Wahrheitsbegriff ausgeht, die Frage nach Gott und ihre Beantwortung andererseits aber nicht als aus dem Gottesbegriff ontologisch, also seinsmäßig offenkundig, behauptet. Er geht vom Menschen aus, den er als freies und begrenztes Wesen ansieht, das bei aller Begrenztheit wahrheitsfähig ist. Diesem Menschen ist die Frage nach Gott als, wie er es nennt, „unsterbliches Gerücht“ eingepflanzt. Der Mensch sucht zu verstehen, sucht weiter, auch wenn er um die Vorläufigkeit und die Grenzen seiner Einsicht weiß. Der Mensch unterscheidet sich, so ist zu ergänzen, genau dadurch vom Tier, dass er Fragen stellt. Diese Fragefähigkeit macht ihn wahrheitsfähig.
Für Spaemann – ich schließe mich dem ausdrücklich an – besteht das große Elend der modernen Gottlosigkeit auch nicht so sehr im moralischen Verfall, sondern in der Weigerung des Menschen, überhaupt noch Fragen zu stellen und bestimmte Fragen, insbesondere die nach Gott, als uninteressant abzutun. Für den Menschen ohne Frage wird dann die Wahrheit irrelevant, letztlich verliert die Wirklichkeit ihren Sinn, die Handlung die Verantwortung, das Ereignis die Bedeutung.
Aus der Wahrheitsfähigkeit des Menschen leitet Spaemann seinen Erweis der letzten Wahrheit und damit Gottes ab. Es ist z.B. wahr, dass Sie jetzt diesen Text lesen, und dieser Umstand wird in alle Ewigkeit wahr sein, d.h. es wird niemals nicht gewesen sein, dass Sie mit Ihren Augen auf diese Zeilen geblickt haben. Aus dieser Wahrheit folgen weitere Wahrheiten, wie die Antwort auf die Frage nach der Anzahl der Gesamtleser, die Akademikerdichte, das monatliche Gesamtbruttoeinkommen aller Leser usw. Bis in die kleinste Wahrheit hinein wird diese immer wahr bleiben. Gott ist hier der letzte Garant der Wahrheit, ja die Wahrheit an sich. Er ist der Allwissende, der die Antwort auf jede Frage kennt. Die letzte Wahrheit, welche die aktuelle Wahrheit wahr macht. Und der dem Ganzen Sinn verleiht, denn er kennt nicht nur die Zahl der Sterne und die Antwort auf die Frage nach dem Verbleib des Bernsteinzimmers, sondern auch jene auf die Frage nach dem Warum und dem Wieso.
Nun könnte man meinen, dass damit schon der christliche Aspekt dieser Überlegungen abgehandelt ist, aber dem ist nicht so. Die bloße Existenz Gottes, eine allumfassenden Wahrheit, einen Punkt aller Antworten zu akzeptieren, ist noch kein Glaube. Es ist Deduktion, keine Liebe oder Vertrauen. Und sie beinhaltet auch keine Sehnsucht nach der Unendlichkeit, im Gegenteil, die so erschlossene Gesamtwahrheit ist kalt und hart.
Das lässt sich bei dem Teil der Wahrheit zeigen, der dem Menschen bei allen Einschränkungen prinzipiell zugänglich ist, der Vergangenheit. Man kann daraus lernen, das ist das Eine. Zumindest wenn man nicht links ist. Privates Eigentum, die Freiheit, darüber zu verfügen, überhaupt persönliche Freiheit, tragen mehr zur Armutsbekämpfung bei als staatliche Programme, die mit zwangsweiser Umverteilung operieren. Das kann man immer und überall nachweisen, das war letztlich der Grund für den Triumph der Nordstaaten über die Sklavenstaaten des Südens im amerikanischen Bürgerkrieg, für die Zurückdrängung der Armut in China oder Vietnam trotz nomineller Beibehaltung des sozialistischen Systems, sowie das ansonsten vollständige Scheitern eben dieses Systems im Ostblock und auch sonstwo. Dennoch meinen manche, das System sei nur falsch verstanden worden, man solle es nochmal versuchen und mehr davon, dann klappe es bestimmt. Beispiele gibt es genug: Mietpreisbremse – funktioniert nicht, was man mit volkswirtschaftlichen Grundkenntnissen schon vorher wissen hätte können; Für die bundesdeutsche Linkspartei heißt es dennoch: Härtere Mietpreisbremse fordern. Bildungspolitik – Schüler werden immer schwächer; Also: Leistungsansprüche absenken, Schreiben nach Gehör, Abschaffung von Noten, Verbot von Hausaufgaben. Ich bin mir sicher, jeder klar denkende Mitteleuropäer kann weitere Beispiele beisteuern.
Man kann aus der Vergangenheit lernen, weil Sie unveränderlich ist – und damit bisweilen unerträglich, weil sie bei den wirklich wichtigen Punkten zutiefst persönlich ist: Das, was in meinem Leben bisher war, ist wahr und bleibt wahr. Die Psychologie weist zwar darauf hin, dass der Mensch beständig im Inneren an seiner Vergangenheit herumdoktert, um mit ihr zu Rande zu kommen, aber dieser Umstand widerlegt nicht, sondern bestätigt den Befund. Ja, es gibt in der Vergangenheit für jeden von uns Auszeichnungen, bestandene Prüfungen, schöne Urlaube – es gibt aber auch Scheitern und moralisches Versagen, das, was die Kirche Sünde nennt, Handlungen, die wir, selbst wenn wir die Begrifflichkeit nicht teilen, am liebsten ungeschehen machten. Und genau das geht nicht, es bleibt für immer wahr.
Nun blickt der Mensch nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft, zumindest weiß er, dass es diese gibt und das man hier auch sinnvolle Fragen stellen kann, die, man ahnt es, wahr beantwortet werden können. Nicht von uns, aber es gibt die Antworten, etwa auf die Frage nach den Lottozahlen des kommenden Wochenendes, Zusatzzahl und Super 6 eingeschlossen. Dummerweise gibt es die Zukunft betreffend auch nicht ganz so lustige Fragen, die obendrein höchstpersönlich sind, gewissermaßen eine individuelle Wahrheit als Antwort haben, genau auf jeden einzelnen zugeschnitten. Etwa die Frage nach Datum, Uhrzeit, Ort und Umstand des eigenen Todes. Die Frage können wir verdrängen, nicht stellen wollen, als unerheblich für das Hier und Jetzt qualifizieren, es ändert nichts am Vorliegen der Antwort.
Und da steht der Mensch nun zwischen der kalten unveränderlichen Wahrheit des Vergangenen und der leichenkalten unerbittlichen Wahrheit der Zukunft und mag sich einsam fühlen, denn nur er allein hat genau diese Geschichte und dieses Ende und diese Wahrheit.
Wie reagieren wir? Wie die meisten Erfolgreichen und überdurchschnittlich Intelligenten, die darum wissen – für die anderen gibt es Playstation und RTL II – zynisch? Etwa wenn wir als Chef mitten in unseren Pflichten gestört werden, weil da irgendjemand subalternes in der Firma Ärger macht und vom rührigen Betriebsrat oder Personalchef zur endgültigen Entscheidung überstellt wird. Und der dann auch noch behauptet, die Wahrheit gesagt zu haben. Was soll man sagen? Mit der eigenen Erfahrung hinsichtlich des Zustands der Welt, angesichts der eigenen Lebensgeschichte, dem Wissen um den Zustand des durchschnittlichen menschlichen Charakters? Was ist Wahrheit? Das bekommt der Betreffende noch zu hören und dann einen Karton überreicht.
Die Wahrheit als solche mag es geben.
Aber sie erscheint gerade wegen ihrer Endgültigkeit, ihrer bei aller Individualität völligen Unpersönlichkeit und schlußendlichen Unbarmherzigkeit nicht wirklich attraktiv. Sie mag die Existenz Gottes erweisen, aber dieser Gott ist ein deistischer Gott, die Uhr wird aufgezogen, laufen gelassen und irgendwann kommt das Ende. Die Wahrheit, die mir etwas zu sagen hat, muss mir nahe sein, mir etwas bedeuten, muss wirklich wahr sein ohne falsche Tünche über meine Geschichte, muss mich begleiten und wahr sein über den 18. Oktober 2038, 16:29, Uniklinik, Herzinfarkt hinaus.
Hier nun wird der genuin christliche Wahrheitsbegriff deutlich. Zunächst muss man – sofern vorhanden – den Irrglauben ablegen, beim Christentum gehe es um ein gutes Gefühl. Das ist weit verbreitet, aber bloße Sentimentalität bzw. Emotivismus. Christentum ist auch kein ethisches Lehrgebäude, ethische Forderungen des Christentums ergeben sich aber aus seinem Glauben an eine absolute Wahrheit, die Gott ist, die aber nicht fern ist, sondern dem Menschen ganz nah. Die Wahrheit kommt in diese Welt und spricht zu den Menschen, nicht durch kluge Lehrer wie zuvor, nicht durch heilige Schriften, sondern durch eine Person, Jesus. Kein Hippie, kein Arier, kein Softie, kein Protosozi oder was dergleichen über ihn allein in den letzten hundert Jahren im Umlauf gebracht wurde, sondern ganz Mensch, der mit uns empfinden kann und ganz Gott, der allmächtig und allwissend, kurz, die Wahrheit selbst ist.
Genau davon spricht das Evangelium. Lukas etwa erwähnt den Umstand, dass der neugeborene Jesus in Windeln gewickelt wurde, nicht zufällig. Hier ist einer Mensch. Aber damit es nicht nur menschelt, ist Lukas durch den Prolog des Johannesevangeliums zu ergänzen. Johannes benutzt nur einen Begriff, um die göttliche Natur Jesu zu beschreiben, fast unübersetzbar, Faust arbeitet sich in seinem Studierzimmer daran ab: Kraft, Sinn, Tat. Johannes verwendet den griechischen Ausdruck Logos, den Menschen seiner Zeit bekannt mit den Bedeutungen Begriff, Vernunft, schöpferischer Weltgeist. Die heutige Bibel verwendet den Ausdruck Wort – Wort, mit dem und durch welches Gott zu uns spricht. Man kann es auch mit Wahrheit übersetzen, denn der hier als vor- und überzeitlich, allwissend und schaffend, mithin göttlich bezeugte Jesus, bezeichnet sich selbst als die Wahrheit.
Die Wahrheit ist hier keine bloße Faktenwahrheit, auch nicht nur eine Aussageabsicht, sie ist gleichzeitig Weg und Leben, sie ist Person, die befreit. Und diese ist nicht kalt und unerbittlich, ja sie zeigt sich gerade dadurch allmächtig und allwissend, dass sie die Vergangenheit des Menschen nicht unerbittlich bezeugt und ihm vorhält, sondern stärker ist, indem sie vergeben kann und auch vergibt. Hier sind wir wieder bei der Definition Boethius‘: Der vergebende Gott ist größer gedacht als der bloß Notiz nehmende, die personale Wahrheit umfassender als die faktische, der Mensch gewordene Gott mächtiger als der ferne Seins-Klotz. Es ist nicht einfach Spekulation, wenn derselbe Johannes Gott später als die Liebe bezeichnet.
Aber Johannes ist kein Naivling, er weiß um die Realität. Das Wort, der Weg, die Wahrheit und das Leben, die göttliche Allmacht kommt in sein Eigentum, aber das, was ihm gehört, interessiert sich nicht für ihn. Die Seinen hätten ihn nicht aufgenommen, schreibt Johannes. Den meisten Menschen ist die Wahrheit egal, ja, sie wird bekämpft bis zum Äußersten. Aber diejenigen, die diese Wahrheit nicht bekämpfen, was ist mit ihnen? Für sie ist die Wahrheit weder kalt, noch nur faktisch, noch zeitgebunden, noch nur das Erkennbare betreffend – sie ist ein Licht, das in der Finsternis leuchtet. Sie ordnet ein, erklärt und lässt verstehen – die kleinen Dinge des eigenen Lebens und die großen Zusammenhänge der Welt, das Menschliche und das Göttliche. Wenn also die Wahrheit als solche anfassbar wird, Fleisch wird und unter uns wohnt, was ist dann mit denen, die sie annehmen? Werden sie klüger, anerkannter, bessere Menschen, moralisch rein? Werden die unangenehmen Wahrheiten zugekleistert, ist alles nicht so schlimm? Nein, die Wahrheit, die in diese Welt gekommen ist, achtet die Freiheit des Menschen und deshalb leugnet sie nicht, weder die Vergangenheit, noch die Zukunft. Aber sie bleibt größer, durch Vergebung und Hoffnung. Und so weiß Johannes, dass der Mensch, der die umfassende Wahrheit, das Wort, das Licht, zugelassen und aufgenommen hat, nicht bloß ein bisschen besser und weniger ängstlich wird, sondern Macht erhält, ein Kind Gottes zu werden.
So fern steht niemand von der Wahrheit, als dass das unmöglich wäre. Manchmal steht die Wahrheit unmittelbar vor einem und man übersieht sie förmlich, weil man nicht umdenken kann, weil fest eingebunden in die eigene Erfahrung, die Machtfülle, den Stress, den Alltag, die Mehrheitsmeinung, den Zeitgeist. Manchmal kann die Wahrheit ganz schön stören und der Mensch ist bemüht, mit ihr final fertig zu werden. Was ist schon Wahrheit? Hat doch jeder was Eigenes. Das Johannesevangelium, das nicht nur fromm, sondern auch große Literatur ist, schildert diese Lebenserfahrung anhand des Verhörs Jesu durch Pilatus, der auf die Versicherung Jesu, dass es die Wahrheit gibt, dass sie in Gott zu finden ist und dass er selbst die Wahrheit vermittelt, mit eben dieser je nach Betonung zynischen, herausfordernden, zweifelnden, erwartenden oder philosophischen Frage entgegnet: Was ist Wahrheit?
Da man im Mittelalter in den Klöstern Latein sprach und schrieb und viel Zeit hatte, über solche Fragen nachzudenken, fiel irgendwann einem Mönch auf, dass man die lateinische Frage „Quid est veritas?“ – „Was ist Wahrheit?“ auch anagrammatisch umstellen kann. Und dann wird aus der Frage des Pilatus gleichzeitig die Antwort, die sich nur dem erschließt, der umzudenken bereit ist: „Est vir qui adest“ – „Es ist der Mensch, der hier anwesend ist“. Hier Jesus vor Pilatus und jeder Mensch, der hier und heute mir der Nächste ist, der mich wahrhaftig braucht, eine im Wortsinne liebenswerte Person.
Der Mensch, der die Wahrheit sucht, sucht letztlich immer Gott. Und wenn er ihn findet, findet er auch sich selbst, findet die ganze Wahrheit, die frei macht. Und so lässt sich auch das eingangs geschilderte Regenwetterproblem lösen: Wenn der Mensch aufhört, nur seiner eigenen Wahrheit anzuhängen, wenn er sich für die ganze Wahrheit öffnet und frei wird, die Wirklichkeit durch die Augen des Anderen und letztlich Gottes zu betrachten versucht, was nicht ohne Liebe zur Wahrheit an sich wie zur Wahrheit des Nächsten möglich ist, dann wird er sich an der Wahrheit freuen, dann wird die Wahrheit ihn selbst frei machen. Die Liebe freut sich an der Wahrheit, die erkennbar wird für den, der liebt, über bloße Zahlen, Fakten und Umstände hinaus. Philosophische Fragen und Antworten, Identitätsproblematik, Unschärfetheorie, geschichtliche Ereignisse und politischer Diskurs sind damit wichtige aber nicht abschließende Aspekte der Wahrheitssuche. Letztlich ist es also nicht die Masse der gewussten Einzeldinge, die den Menschen die Wahrheit finden lassen, sondern seine Fähigkeit und Bereitschaft, der letzten Wahrheit Raum in seinem Leben zu geben – der Wille, zu lieben.

Die im Rahmen der Notizen veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.