20 Jahre Bologna-Prozess: Chancen und Probleme

Der Autor Kbr. Mag. Lukas Mandl (Rt-D im ÖCV, KRW im MKV) ist österreichischer Abgeordneter im Europaparlament und arbeitet dort im Umweltausschuss. Zuvor war er Mitglied des niederösterreichischen Landtages und Lektor an der WU Wien.

Die Universalität, die im Begriff der Universität steckt, resultiert wohl aus echter wissenschaftlicher Neugier und führt zu ergiebiger wissenschaftlicher Interdisziplinarität. Der Bolognaprozess zeigt uns pars pro toto, wie unverzichtbar wertvoll der europäische Einigungsprozess ist und welchen Versuchungen bzw. Risiken jedes staatliche oder quasi-staatliche Handeln stets ausgesetzt ist.

Aber der Reihe nach: Bologna strebt Konvergenz im Sinne von Übereinstimmung in den Zielen des europäischen Hochschulraums an; ausdrücklich nicht Vereinheitlichung. Das ist ein gut nachvollziehbares Bestreben, denn gemeinsame Ziele verbessern die Vergleichbarkeit der Prozesse. In der freiwilligen Umsetzung ist Österreich – wie so oft – Musterschüler, auch wenn es „blinde Flecken“ gibt; Beispielsweise war für meine Frau Kristina, als sie mir zuliebe von Innsbruck nach Wien gewechselt ist, in ihrem Studium der Rechtswissenschaften die Möglichkeit von Anrechnungen alles andere als zufriedenstellend oder auch nur nachvollziehbar. Es ist ein kleiner Treppenwitz der Geschichte, dass die Anrechnung von Auslandssemestern heute einfacher möglich ist als die Anrechnung zwischen österreichischen Universitäten.
Im Rahmen der Umsetzung des Bologna-Prozesses ist wichtig, dass wir auf die Entstehung der gemeinsamen Ziele Einfluss nehmen, ihre Sinnhaftigkeit stets hinterfragen und ihre Wirksamkeit regelmäßig messen. Es ist die Freiheit der Wissenschaft und ihrer Lehre, die als Meta-Ziel unbestritten sein muss.

Bologna: Gute Idee, „schlecht umgesetzt“
Eine von mir in der Reflexion für diesen kleinen Essay durchgeführte Blitz-Umfrage auf Twitter – die freilich nicht wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, aber aus dem Leben gegriffen ist –, ergab, dass mehr als drei Viertel Bologna für eine „gute Idee“ halten, wobei allerdings nur 6 Prozent die „gute Idee“ für auch „gut umgesetzt“ halten, hingegen 63 Prozent für „schlecht umgesetzt“. Weniger als ein Drittel hält Bologna für eine schlechte Idee, wobei 12 Prozent das für „egal“ halten und 19 Prozent „negative Folgen“ ausmachen.
Die Entwicklung von Konvergenz in einem europaweiten Abstimmungs- und Einigungsprozess ist eine echte Chance. Das gilt nicht nur für den Hochschulbereich: Die europäische Einigung stärkt uns – und auch unsere europäischen Werte – im weltweiten Vergleich. Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit der Erhaltung des Friedens, verbessert die Lebens- und Wohlstands-Chancen von uns und unseren Kindern. Aber schaffen wir es, unsere Stärken zu nützen, unsere Potentiale zu heben? Und schaffen wir es – das ist immer die „Gretchenfrage“ für politisch Verantwortliche – die Freiheit zu verteidigen und zu vergrößern?
Die bloße Frage „Wie schätzt Du Sinn und Wirkung des Bologna-Prozesses ein?“ an meine Facebook-Freunde, von denen viele den Wissenschaftsbetrieb von innen kennen, hat interessante Impulse gebracht: „Durchaus ambivalent“, „eher skeptisch“, „sehr skeptisch“: so beginnen die ersten drei Kommentare. Zu den Hauptkritikpunkten gehört eine „Verschulung“, während die angestrebte Durchlässigkeit zwischen Studienrichtungen zum Beispiel zwischen dem Bachelor- und dem Masterstudium kaum erreicht werde. Oft seien nicht das Interesse und der Inhalt wichtig. An deren Stelle trete die Sammlung von ECTS-Punkten. Was wirklich weh tut, sind Statements wie diese: „hat mit einem klassischen Studium überhaupt nichts mehr zu tun“ oder „hat die akademische Tradition Europas völlig negiert“.
Nun ist eines völlig klar: Es ist der Reichtum an Variabilität, seine Vielfalt, die Breite an Sprachen, Kulturen und Traditionen genau das, was unser Europa ausmacht, was es lebens- und liebenswert macht. Gleichzeitig ist es auch das, was Europa im globalen Wettbewerb fähig macht, mitzuhalten und oftmals sogar den Takt vorzugeben. Wir sollten uns nicht mehr der Illusion hingeben, dass ohne uns nichts läuft – aber Europa kann und muss in Zukunft auf der Basis seiner spezifischen Stärken mit Afrika, Asien oder Nord- und Südamerika mithalten.
Halten wir uns das vor Augen: Alleine China hat mehr als doppelt so viele Einwohner wie die gesamte Europäische Union. Für Indien gilt dies ebenso. Uns Europäerinnen und Europäern muss klar sein, dass wir nur gemeinsam bestehen können. Dieses „gemeinsam“ mit der Wahrung regionaler Identität unter einen Hut zu bringen, das ist die Herausforderung, vor der wir heute stehen. Klar ist: Europa kann nur dann stark sein, wenn es beides schafft – dort groß zu sein, wo es groß sein muss und dort klein zu sein, wo es klein sein muss: Nach außen stark und nach innen frei; und den Frieden bewahrend, den Generationen vor uns geschenkt bekommen und durch echte Friedensarbeit erworben haben.
Der Schlüssel dazu ist zweifellos Bildung. Schule, Kindergarten, Lehre, Studium – je mehr jemand kann, desto höher sind seine Chancen, desto weiter ist sein Horizont, desto besser sind die Voraussetzungen für ein gelungenes Leben. Aber wie können wir das sicherstellen? Und welche Rolle spielt Bologna dabei?

Fast perfekter Lebenslauf + Muße = Chancen!
Ein paar Gedanken dazu: Ich wurde im Jahr 1979 geboren. Viele meiner Generation und früher Geborene kennen die Erfahrung, in Bewerbungsprozessen mit „Perfektionslebensläufen“ konfrontiert zu werden, mit Doppelstudien, postgradualen Zusatzqualifikationen, mehreren Sprachen, Auslandsaufenthalten, und das alles in atemberaubendem Tempo.
Das hat zweifellos mit Bologna zu tun, und ist insgesamt eine gute Entwicklung. Ich bin froh, dass meine drei Kinder in einer Welt aufwachsen, in der derlei viel niederschwelliger möglich ist. Aber manchmal fragt man sich, wo „die Langsamkeit“ ist, die einem Roman von Milan Kundera den Namen gibt, der dort meint, Muße entstehe, wo „man dem lieben Gott ins Fenster schaut“ (und das ist wohl gar nicht formal religiös gemeint).
Es ist ohne Zweifel ganz wesentlich, eine Brücke zu bauen zwischen der Notwendigkeit, keine Zeit liegenzulassen und der aus meiner Sicht für einen Bildungsraum unerlässlichen Muße, einmal durchzuatmen, zu reflektieren und eine andere Sichtweise einzunehmen – einfach „nachzudenken“, Dinge sickern und sich setzen lassen. Akademikerinnen und Akademiker macht es ja nicht aus, Faktenwissen lexikalisch zu speichern, sondern methodisch trittsicher zu analysieren, zu reflektieren und komplexe Sachverhalte dadurch besser zu verstehen.

Bildung ist nicht nur Studium
Was Europa in der Vergangenheit stark gemacht hat, ist neben der akademischen Tradition auch das Handwerk. Wenn unsere zukünftige Attraktivität nicht – enden wollend! – bloß in Kaufkraft und Konsum liegen soll (während die Innovation primär aus Amerika und die Produktion primär aus Asien kommen) dann brauchen wir auch eine Renaissance der guten Facharbeit und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Hier ist Europa nach wie vor Weltspitze, der Verlust an Breite ist aber bedrohlich.
Übrigens ist es genau die nachfolgende Generation, die darunter leidet, wenn im Bildungsbereich nichts weitergeht. Sie bezahlt mit vergeudeter Lebenszeit und verringerten Lebens-Chancen. Die Bologna-Reform hat ihre Schwächen, das steht außer Frage. Aber sie bietet auch viele Chancen. Noch einfacher als zuvor können Studierende heute ein Semester anderswo verbringen – und an den Erfahrungen, die sie dabei machen, wachsen. Das Verständnis dafür, dass Dinge anderswo anders, aber deshalb nicht besser oder schlechter sein müssen, ist ebenso ein wichtiger Lerneffekt wie die Freude darauf, wieder heimzukommen.

Friede durch Dialog
All das – Horizont, persönliche Lebenszufriedenheit, die aus Chancen resultiert – sind jene Voraussetzungen, die es für den Dialog braucht, also dafür, Frieden zu schaffen und zu erhalten. Parlamente wurden von den Nationalsozialisten als „Quatschbuden“ bezeichnet. Ist es nicht besser, dass wir heute in Europa miteinander reden als, wie noch vor wenigen Jahrzehnten, aufeinander zu schießen? – Der britische Satiriker Tom Walker alias Jonathan Pie fordert in seiner bekannten Youtube-Wutrede nach der Wahl von Donald Trump die Angehörigen des so genannten Establishments sinngemäß auf, Überheblichkeit abzulegen und zu diskutieren: „Discuss!“
Wichtig scheint mir, dass die eingangs erwähnte Universalität nicht einer falsch verstandenen Spezialisierung weicht, dass nicht eine akademische Hybris zu mehr oder minder determinierten Lebensverläufen führt, dass nicht Menschen einander in sprichwörtliche Schubladen stecken, etwa im Spannungsfeld zwischen klassischer Universität und Fachhochschule, dass wir aufgeklärt bleiben und immer neu werden, dass es Raum für Generalisten gibt, dass die Angehörigen der Universität wie in ihren besten Zeiten Staat und Gesellschaft voranbringen, dass sie sich und ihre Wissenschaft nicht überschätzen, dass sie Facharbeit und Management nicht unterschätzen; und dass sie fähig und willens sind, die gesellschaftlichen Diskussionen zu führen, wie sie sich stellen, oder diese sogar anzustoßen. Wenn wir es schaffen, das gesellschaftlich wieder stärker zu verankern, haben wir eine gute Zukunft vor uns.

 

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Labyrinthisches Österreich – Vom Wandel des Österreich-Begriffs, von imaginierten Gemeinschaften und ein wenig von Karl Renner

Der Autor Dr. Michael Rosecker ist stellvertretender Direktor des Karl-Renner-Institutes und wissenschaftlicher Leiter des Karl-Renner-Museums.

„Österreich ist ein Labyrinth, in dem sich jeder auskennt.“
Helmut Qualtinger, 1962

Einen Text über Österreich mit Helmut Qualtinger zu beginnen, ist eine feine Sache. Alle vermuten dahinter ein österreichisches Augenzwinkern. Dass seine Beschreibungen „seines“ Österreichs – man denke nur an „Der Herr Karl“ – oft eher Skandal und Aufruhr als „Wiener Hamur“ waren, ist heute in den Hintergrund gedrängt. In diesem Text soll das Qualtinger-Zitat jedoch ein Zeuge dafür sein, dass die Weisheit obigen Spruchs im gewissen Sinne schon ein Privileg der Zweiten Republik war. Denn, wenn es stimmt, dass unsere Republik ein Labyrinth ist, dann kannten sich bereits damals tatsächlich (fast) alle aus. Hans Weigel beschrieb die Erregung über den Herrn Karl folgendermaßen: „Man hatte einem bestimmten Typus auf die Zehen treten wollen, und eine ganze Nation schrie: ‚Au!‘“ Zu diesem Zeitpunkt war das Wort „Nation“ für Österreich schon selbstverständlich. Wenige Jahre davor jedoch schien dieses Labyrinth – dieses Österreich – vielen noch ein Rätsel und schon gar nicht „Nation“ zu sein.
Die Verwirrung über den Begriff „Österreich“ begann schon in der österreichischen Monarchie, spätestens seit dem Ausgleich mit Ungarn 1867. Hatte sich mit den Reformen Maria Theresias und Josephs II. aus den habsburgischen Ländern schön langsam ein Staat herausgebildet, den man gemeinhin Österreich nannte, war vor allem ab der Etablierung des österreichischen Kaisertums 1804 das gesamte Reich mit allen Volksgruppen, Kulturen und Religionen damit gemeint. Wenn auch Hegemonieansprüche der deutschsprachigen Eliten im Reich zu spüren waren, die den einen als Selbstverständlichkeit und den anderen als Zumutung erschienen, hatte der Begriff „Österreich“ dennoch einen supranationalen Charakter.
Ab 1867 begannen jedoch die Verrenkungen mit dem Österreichbegriff. Um jedenfalls zu verhindern, dass die westliche Reichshälfte als die „österreichische“ bezeichnet wurde, wurden der Beamtenbegriff „Cisleithanien“ und die wenig herzerwärmende Bezeichnung „die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder“ gewählt. Robert Musil nannte diesen Staatsnamen später einen Namen aus Namen, der nichts bedeutete. Generell beschrieb er 1933 im „Mann ohne Eigenschaften“ die österreichische Verwirrung sehr treffend: „Überhaupt, wie vieles Merkwürdige ließe sich über dieses versunkene Kakanien sagen! […] Es nannte sich schriftlich Österreichisch-Ungarische Monarchie und ließ sich mündlich Österreich rufen; mit einem Namen also, den es mit feierlichem Staatsschwur abgelegt hatte, aber in allen Gefühlsangelegenheiten beibehielt, zum Zeichen, dass Gefühle ebenso wichtig sind wie Staatsrecht […].“ Erst im Ersten Weltkrieg, als dieser – leichtfertig zu großen Teilen selbst vom Zaun gebrochen – nicht die Rettung, sondern der Untergang zu werden drohte, waren die Habsburger und ihre Eliten selbst bereit, die eine Reichshälfte die österreichische zu nennen. Und es ist schon eine gewisse labyrinthische Eigenart, dass das letzte „gemeinsame“ Wappen des Reiches, in dem der geschrumpfte Begriff „Österreich“ gleichsam heraldisch akzeptiert wurde, wenig später die grafische Basis des Republiksadlers werden sollte; mit seinen ständischen Symbolen und schließlich in Schrumpfform mit den deutschen Farben Schwarz-Rot-Gold. Hinzu kommt die Volte, dass eine maßgebliche Person, die ordnende Hand der Republiksgründung, der Sozialdemokrat Karl Renner, bis zum Schluss in einer eigenwilligen internationalistischen austromarxistischen Logik den supranationalen Habsburgerstaat durch Demokratisierung und Reform retten wollte.
In seinem 1916 erschienen Sammelband „Österreichs Erneuerung“ fand er als einzige Basis für seine Rettung der österreichischen Reichshälfte als großen Wirtschaftsraum und übernationales Staatsgebilde die Forderungen nach der Abschaffung der Kronländer und einer großen Verwaltungsreform; was auch aus heutiger republikanischer Sicht einen gewissen labyrinthischen Witz und tatsächlich eine österreichische Kontinuität in sich birgt.
Als das Habsburgerreich und für viele somit „Österreich“ in der Katastrophe des Ersten Weltkrieges unterging, war für eine große Mehrheit – aus verschiedenen Gründen – das Labyrinth Österreich endgültig zum Mirakel, ja zum Fluch geworden. Die deutschsprachigen Abgeordneten des letzten 1911 in der Monarchie gewählten Abgeordnetenhauses des Reichsrates traten in Wien zur Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich zusammen. Alle Rettungsversuche, das übernationale Österreich als losen Staatenbund oder zumindest als Wirtschaftsraum zu erhalten, scheiterten. Zu sehr hatten die traumatischen Fronterlebnisse, eine drakonische Militärverwaltung von Wirtschaft und Gesellschaft im Krieg sowie die bittere Versorgungsnot an der so genannten Heimatfront dazu geführt, endgültig das Vertrauen in das Herrscherhaus und die habsburgischen Eliten zu verlieren, egal welche Sprache man sprach. Der verantwortungslose Krieg war die Erosion alles irgendwie noch als gemeinsam und gemeinschaftlich Vorgestellten und Empfundenen.
Am Anfang des neuen Österreich standen somit kein Gründungsmythos oder eine Großtat, sondern eine Katastrophe, eine Enttäuschung und das Gefühl des Übrigbleibens. Karl Renner formulierte es im deutschen sozialdemokratischen „Vorwärts“ mit resthegemonialem Unterton wie folgt: „[…] am Ende haben wir es satt, den unverstandenen Lehrmeister und den ungebetenen Vormund zu spielen. […] Wir bestellen unser eigenes Haus – mögen die andern für sich selber denken und sorgen“.
Die Verwirrung im Bedeutungslabyrinth des Österreichbegriffs war im Oktober 1918 wohl am größten. Für die einen, die im Krieg unvorstellbar gelitten hatten, war es ein habsburgischer Begriff, den es zu verachten galt, der mit Tod und Elend verbunden war. Für die anderen war er ohne das „Gesamtreich“ an sich absurd – was sollte dieser „deutsche“ Rest denn sein? Wiederum für andere war er nur eine bittere Erinnerung an eine nun versunkene gloriose Vergangenheit. Hinzu kam die pragmatisch-strategische Überlegung österreichischer Schlauheit, den Namen zu vermeiden, um nicht mit der Schuld und den Schulden des habsburgischen Österreich in Verbindung gebracht zu werden. Daher geisterten zunächst befremdliche Namen für das neue, von den meisten als fremd erachtete Gebilde durch die Köpfe der Staatsgründer wie „Alpengermanien“, „Deutsches Bergreich“ oder „Donaudeutschland“. Es blieb Jahre später dem großartigen Jura Soyfer überlassen, die Gefühle der Republiksgründung treffend zu beschreiben: „Auftauchte, als die Wasser der Sintflut sich zu verlaufen begannen, ein kleiner Staat mit sechseinhalb Millionen Einwohnern, die ihn ungläubig Österreich nannten, die Republik Deutsch-Österreich.“
Die wenigsten hatten eine genaue Vorstellung, was dieses Österreich sein und wie es funktionieren sollte. Daher schien fast allen der einzige Ausgang aus dem Labyrinth der „Anschluss“ an Deutschland zu sein; egal, ob aus wirtschaftlichen Überlegungen, ob aus vagen Hoffnungen auf das vage „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, das US-Präsident Wilson als für den Zeitgeist wohlklingende Parole ausgab, ob aus kulturromantischen Träumen oder aus tobendem völkischen Nationalismus.
Die „Nation“ wurde in den Zeiten der Krise, des Umbruchs und des Verschwindens traditioneller Hierarchien für viele Menschen endgültig zum höchsten Bezugspunkt politischer Orientierung. Der bewusst gesäte Hass und die radikale Feindbildzeichnung der Kriegspropaganda hatten das ihre dazu beigetragen.
Da „Österreich“ zu Beginn der neuen Zeiten vieles, aber sicher kein Nationalbegriff war, bleibt es eine Eigenheit der (deutsch)österreichischen Republiksausrufung, sich in § 1 zu gründen und in § 2 bereits wieder aufzulösen: „Deutsch-Österreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik.“
Bereits bei der Suche nach einem Staatswappen für das neue Gemeinwesen schien es allen erforderlich zu sein, heraldisch „die nationale Zugehörigkeit“ klar erkennbar zu machen. Wodurch? Durch die Farben Schwarz-Rot-Gold.
Die hysterischen Massendemonstrationen, als der Vertragsentwurf von Saint Germain das so genannte „Anschlussverbot“ enthielt, und kitschige Postkarten, die die prächtige Frau „Germania“ zeigten, die das ärmliche weinende Mädchen „Austria“ tröstete, scheinen einer massenhaften orientierungslosen Überforderung geschuldet zu sein, die heute schwer verständlich ist. Ebenso eine Eigenheit Österreichs sollte es bleiben, dass es gleichsam durch den Staatsvertrag von Saint Germain zur „Unabhängigkeit“ verpflichtet und ihm der Name „Österreich“ aufgedrängt wurde.
Diesem Bundesstaat der Republik Österreich wollten schließlich nach Inkrafttreten des Staatsvertrages von Saint Germain 1920 wichtige Territorien „entkommen“: Vorarlberg wollte sich der Schweiz anschließen und Tirol, Salzburg sowie die Steiermark der deutschen Republik. Dort wo Volksabstimmungen durchgeführt wurden, waren die Zustimmungsraten zur Lossagung von Österreich enorm.
So blieb die weitverbreitete Bindungslosigkeit zum Kleinstaat Österreich ein zentraler Schatten auf der jungen Republik. Weitere dunkle Schatten blieben die starken Mentalreservationen gegenüber der Staatsform Republik und der parlamentarischen Demokratie, ein schwacher gesellschaftlicher Grundkonsens, die Etablierung von bewaffneten politischen Wehrverbänden, ein tiefverwurzelter politisch instrumentalisierter Antisemitismus und schließlich ein andauerndes Schrumpfen der österreichischen Volkswirtschaft.
Die zwei großen politischen Lager, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei und die Christlichsoziale Partei, erhielten durch das Fehlen eines Identifikationsbrennpunktes „Österreich“ besonders dominante Bedeutung für das Leben der Menschen. Ein Fakt, der die an sich schon stark entwickelte politische Polarisierung noch verstärkte. Große Konfliktlinien wie beispielsweise zwischen Arbeitgeber und Arbeiterschaft, Besitz und Besitzlosigkeit, Kirche und Staat, Stadt und Land und überschießendem Modernismus und radikaler Rückwärtsgewandtheit bildeten sich an den Grenzen der zwei Lager ab und erschwerten Dialog und Kompromiss. Das Finden einer gemeinsamen politischen Kultur blieb schwer, ebenso sich die Republik als „Nation“ bzw. als „Gemeinschaft“ vorzustellen.
Der amerikanische Politikwissenschaftler Benedikt Anderson beschrieb „Nationen“ als „vorgestellte“ oder besser „imaginierte“ Gemeinschaften („Imagined Communities“), die sehr wirkmächtig werden können. Dieses Konzept als Beschreibung von Nationen zeichnet sehr gut das Labyrinth Österreich nach. Es wurde keine Idee des „Gemeinsamen“ entwickelt und das Zusammenleben nicht als „Verbund von Gleichen bzw. Ähnlichen“ empfunden. Die souveräne Abgrenzung vom „Deutschsein“ war für eine Mehrheit schwer bis gar nicht denkbar. Dies steigerte sich phasenweise in einen rassistischen Taumel, der z.B. dazu führte, dass der Innenminister der Bürgerblockregierung – Leopold Waber – 1921 deutschsprachigen jüdischen Staatsbürgern der Monarchie aus „rassischen Gründen“ die Staatsbürgerschaft der Republik verwehrte.
Es muss betont werden, dass sich auch jene, die sich später als besonders große Patrioten gerierten, die Funktionäre der austrofaschistischen Diktatur, Österreich ohne „Deutschsein“ nicht recht vorzustellen vermochten. Das Bild, der bessere „deutsche Staat“ zu sein, ist nur eines von mehreren Beispielen. Egal ob christlichsoziale, sozialdemokratische oder dezidiert deutschnationale Interpretation des Deutschseins, die Vorstellung von „Österreich“ blieb ungenau oder fehlte bis zum Untergang der jungen Demokratie 1934 und des jungen Staates 1938 völlig.
Anton Pelinka beschrieb in seinem Buch „Die gescheiterte Republik“ den Zustand der Ersten Republik als „Zwischenösterreich“: „Die Republik war voll von Zukunftsprojekten, voll von hehren, auch quasireligiös bestimmten Glaubenssätzen. Aber keines dieser Projekte war allen Lagern gemeinsam.“
So bleibt es ebenso eine eigentümliche Tatsache, dass die ersten, die vor dem „Anschluss“ an Nazi-Deutschland versuchten der vorgestellten Gemeinschaft „Nation Österreich“ eine Grundorientierung zu geben, Randfiguren des politischen Geschehens waren: zum einen der Legitimist und Katholik Ernst Karl Winter, zum anderen der Staatswissenschaftler und Kommunist Alfred Klahr.
Es bedurfte des Bürgerkrieges, der Diktatur, des Untergangs im und schließlich des Dritten Reichs und der traumatischen Folgen bzw. unermesslichen Verbrechen des Nationalsozialismus, damit der Österreich-Begriff sich klärte und auch seinen breiten Zuspruch in der Vorstellung der Menschen fand. Das neue österreichische Selbstverständnis nach 1945 basierte auf einer Mischung aus Einsicht (in die Notwendigkeit von Kooperation und Dialog) und Verdrängung (Mitverantwortung am Weltkrieg und an den nazistischen Verbrechen).
Als sinnbildlich für diese hier beschriebene labyrinthische Entwicklung des Österreichbegriffs kann die „typisch österreichische“ Gestalt Karl Renner gelten. Er zerbrach sich auf sozialdemokratische Art den habsburgischen Kopf über die Rettung des alten Österreich, definierte federführend den österreichischen Republiksbegriff genauso wie die großdeutschen demokratischen Träume der Jahre 1918/19, er sorgte sich um die österreichische Republik in den gewalttätigen Auseinandersetzungen der Zwischenkriegszeit und wollte Brücken zwischen den Lagern bauen, um schließlich 1938 sein verhängnisvolles „Ja“ zum Anschluss an Nazideutschland zu veröffentlichen. Und zu guter Letzt sollte er, einsichtig in die Notwendigkeit der Wiedergründung der Republik Österreich als Kleinstaat, der pater patriae der Zweiten Republik werden, u.a. deswegen, weil er wahrscheinlich der einzige führende Politiker war, der all diese österreichischen Zusammen-, Um- und Aufbrüche im 20. Jahrhundert federführend begleitete: „Die Kette zersprang, und Österreich stand auf in allen seinen Dörfern und Märkten, Landstädten und Landeshauptstädten und vor allem in seiner Hauptstadt Wien.“
Um sich von der konflikt- und gewaltbeladenen Ersten Republik abzuheben, wurden nach dem Zweiten Weltkrieg ein demokratischer Grundkonsens und eine breite Kooperation der beiden großen politischen Lager – SPÖ und ÖVP – geschlossen. Proporz und Konkordanz bildeten in den staatlichen Institutionen und der politischen Praxis zentrale Säulen und wurden Orientierungshilfen im österreichischen Labyrinth. Bei allen Untiefen eine große Erfolgsgeschichte.
Heuer, zum 100. Geburtstag der österreichischen Republik, sollte nicht nur dem Geschehenen gedacht werden, sondern vor allem auch eine Vorstellung entwickelt werden, wohin die Reise der Republik in Zukunft gehen soll – wie das Labyrinth für die Anforderungen des 21. Jahrhunderts zu öffnen ist. Es könnte nämlich sein, dass sich viele Menschen zwar in Österreich auskennen, aber sich nicht mehr in den Labyrinthen der globalisierten Welt zurecht finden und daher wieder die „Nation“ höchster Bezugspunkt politischer Orientierung werden könnte. Gravitätische homogenisierende Nationsbegriffe (mit mörderischem Potenzial) sind sicher nicht die Antworten, die heute zur zukunftsfähigen Problemlösungskompetenz zählen werden.

 

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Österreich war schon immer eine eigenständige Nation

Der Autor Kbr. Univ.-Prof. Dr. Franz Schausberger (Rp, R-J im ÖCV, AGS im MKV) ist ehemaliger Landeshauptmann von Salzburg, Vorsitzender des Instituts der Regionen Europas (IRE), Präsident des Forschungsinstituts für politisch-historische Studien in Salzburg, Sonderberater der Europäischen Kommission für die Erweiterungsverhandlungen und Europäische Nachbarschaftspolitik und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Hauses der Geschichte Österreich.

Eigentlich sollte ja die Frage, ob Österreich eine eigene Nation ist – und wie lange schon – oder ein Bestandteil der deutschen (Kultur-) Nation oder ob Österreich nur ein zweiter deutscher Staat ist, ob es eine österreichische Identität gibt usw. gar keine Aktualität mehr haben. Man sollte meinen, dass die Wirklichkeit diese theoretischen Diskussionen längst überholt habe.
Während das Nationalbewusstsein der Österreicher im Jahr 1956 auf 49 Prozent Zustimmung und 47 Prozent Ablehnung stieß, stieg es in den 70er Jahren stark an – auf 64 Prozent, zehn Prozent verneinten es und 16 Prozent sahen es in Entwicklung. Die Erfolgsgeschichte der Zweiten Republik und das Verschwinden der deutschnationalen Frage machten sich bemerkbar. Ab den 80er Jahren war der Deutschnationalismus kein Thema mehr: 74 Prozent der Österreicher sahen sich als eigene Nation, nur sieben Prozent verneinten das und 17 Prozent sprachen von einer Entwicklung in Richtung Nationalbewusstsein. In den 90er Jahren verstärkte sich der Trend auf 78 Prozent Zustimmung zu einer österreichischen Nation, 2007 waren es 82 Prozent, acht Prozent sprachen von einer Entwicklung in diese Richtung. Da erkannten sogar die Freiheitlichen, dass sie mit deutschnationalen Anwandlungen nicht mehr Wähler gewinnen, sondern nur mehr verlieren konnten, strichen die Deutschtümelei offiziell aus ihrem politischen Repertoire und propagierten den „Österreich-Patriotismus“. Wieviel da noch Österreichisch-Deutsches drinnen steckt, sei dahingestellt. Nach Umfragen stellt selbst unter den Anhängern des „Dritten Lagers“ nur noch eine kleine Minderheit von 17 Prozent die österreichische Nation in Frage.
Für mich ist klar, dass die österreichische Identität und die deutsche Identität historisch gesehen schon ziemlich lange getrennt zu sehen sind. Die kollektive kulturelle, soziale, historische, sprachliche und ethnische Identität, das „Wir-Gefühl“ der Österreicher, sind ganz anders historisch gewachsen und von anderen Faktoren bestimmt worden als die deutsche Identität. Die katholische Weltauffassung und das Italienisch-Barocke prägten die österreichische Kultur von der Gegenreformation bis Maria Theresia, während die protestantische Weltanschauung und der französische Klassizismus das Geistesleben Deutschlands bestimmten.
Das Zusammengehörigkeitsgefühl der Österreicher, das uns von Bürgern anderer Staaten unterscheidet, ist tief in der Zeit der Habsburger-Monarchie, im Ringen um die Identität in der Ersten Republik, in den Enttäuschungen durch das Preußische im Nationalsozialismus und in der Entwicklung seit 1945 begründet.
Natürlich sind die deutsche Sprache und die darauf begründete Kultur dominante Prägungsfaktoren der österreichischen Identität, aber genauso haben die slawischen, ungarischen, ukrainischen, polnischen, mediterranen Einflüsse aus der Zeit der Habsburger-Monarchie die österreichische Nationswerdung entscheidend beeinflusst. Verwaltung und Militär, Wirtschaft und Kultur nahmen die Einflüsse von Galizien bis Triest, von Vorarlberg bis Siebenbürgen, von Böhmen bis Bosnien auf. Natürlich verteilten sich diese Einflüsse im Bereich des heutigen Österreich unterschiedlich. Östlich der Enns war die Prägung durch die genannten Faktoren viel stärker als in den heutigen westlichen Bundesländern. Niederösterreich, Oberösterreich, Wien, Steiermark waren immer viel „österreichischer“ als etwa Salzburg, das erst seit rund 200 Jahre bei Österreich ist und erst sehr spät ein Österreich-Bewusstsein entwickelte. Tirol kaisertreu und katholisch, Vorarlberg Schweiz-affin und Wien-kritisch. Letztlich aber haben alle Bundesländer, spätestens ab dem Ende des 2. Weltkrieges ihr österreichisches Nationalbewusstsein, verbunden mit einem teilweise starken Landesbewusstsein, aufgebaut. Es darf nicht vergessen werden, dass der Föderalismus zur österreichischen Identitätsbildung ganz entscheidend beigetragen hat.
Ab dem Ausgleich mit Ungarn 1867 geriet der Begriff „Österreich“ in eine permanente Krise. Er konnte sich im Wesentlichen nur auf die nicht-ungarischen Teile der Habsburgermonarchie zurückziehen. Auch wenn sich der Name „Österreich“ offiziell nur auf den „diesseitigen“ Staat der Doppelmonarchie beziehen konnte, wurde er inoffiziell und offiziös mannigfach verwendet, nämlich als Kronland, als „diesseitiger“ Staat bzw. umgangssprachlich auch Österreich als Gesamtmonarchie. Lange gelang es den deutschsprachigen Österreichern, die Loyalität zur habsburgischen Dynastie und zum Kaiser aufrecht zu erhalten, Armee und Beamte wurden auf das Herrscherhaus vereidigt. Die Identifikation mit der jeweiligen Volksgruppe wurde allerdings immer dominanter. Aus den deutschen Österreichern in der Habsburger Monarchie wurden – in Abgrenzung zu den ebenfalls immer nationaler werdenden Ungarn und Slawen – die österreichischen Deutschen.
Die Nationsbildung der deutschen Österreicher begann in der Zeit von Josef II., vor allem im deutschsprachigen Bürgertum und da wieder vor allem in der kaiserlichen Bürokratie. Diese war die zentrale Trägerschicht des österreichischen Staatsgedankens und unterschied sich von den „Deutschnationalen“. Die „schwarz-gelben“ Deutschösterreicher als kaisertreue Bourgeoisie hatten die „schwarz-rot-goldenen“ Revolutionäre zum Feindbild. Letztere gehörten in Österreich zu den größten Kritikern des Hauses Habsburg, sahen sie in diesem doch das Haupthindernis einer Vereinigung mit dem Deutschen Kaiserreich.
Der extremste Vertreter einer großdeutschen Lösung war Georg von Schönerer, der nicht nur die Habsburgermonarchie insgesamt ablehnte, sondern auch die staatstragende römisch-katholische Kirche, gegen die er die Los-von-Rom-Bewegung gründete.
Der deutsch-völkische Nationalismus, verbunden mit einem unterschiedlich starken Antisemitismus, beschränkte sich nicht nur auf das bürgerlich-deutschnationale Milieu, sondern prägte von Anfang an den aufstrebenden Sozialismus.
Schon 1868 hieß es in einem Manifest an die Arbeiter Wiens: „Die deutsche Arbeiterpartei überall weiß, dass wir nur ein Vaterland haben: Unser Deutschland! Wir wissen, dass wir eine Nation sind und eine Nation bleiben wollen!“ Friedrich Engels trat für die Zerschlagung des Vielvölkerstaates Österreich und die Angliederung der deutschsprachigen Gebiete an Deutschland ein, der allerdings eine Germanisierung der „geschichtslosen“ Tschechen vorangehen müsse. Auch andere führende sozialdemokratische Politiker wie Victor Adler oder Engelbert Pernerstorfer hatten eine deutschnationale Vergangenheit.
Die durch die Sprachenverordnung von 1897 des Grafen Badeni, Ministerpräsident des österreichischen Teils der k.u.k. Monarchie, – nach der alle Beamten in Böhmen beide Landessprachen beherrschen mussten – ausgelöste Badeni-Krise ließ die Identifikation der deutschen Bevölkerungsgruppe der Habsburgermonarchie mit „Österreich“ schwinden. Radikal-deutschnationale Strömungen konnten sich immer mehr durchsetzen. Das sprachnationale Bewusstsein trat immer mehr in Konkurrenz zum dynastisch-österreichischen Bewusstsein.
Andererseits fand ab etwa 1870 und während des Ersten Weltkrieges und danach sowohl im katholischen als auch im liberalen Lager gegenüber dem deutschnational-freiheitlichen Lager ein Prozess zunehmender Verösterreicherung und bewusster Abgrenzung von einer deutschen Identität, insbesondere vom Preußischen, statt. Die „österreichische Idee“ sollte dabei die Vermittlerrolle zwischen der lateinischen, germanischen und slawischen Zivilisation im Rahmen der Pluralität der Habsburgermonarchie einnehmen.
Der Begriff „Österreich“ war so eng mit dem Habsburgerreich verbunden, dass nach dem Zusammenbruch der Monarchie zumindest Hemmung, wenn nicht – wie bei den Sozialdemokraten – aggressive Ablehnung bestand, diesen Begriff mit der neu entstehenden Republik zu verbinden. So sollte der neue Staat nach den Verfassungsentwürfen Karl Renners vom Oktober 1918 „Republik Südostdeutschland“ oder „Deutsche Alpenlande“ heißen. Heinrich Lammasch wiederum wollte den neuen Staat neutral gestalten und ihn nicht in die Arme Deutschlands treiben und schlug daher die Bezeichnungen „Norische Republik“ bzw. „Ostalpine Republik“ vor. Die Christlichsoziale Partei wiederum sprach in ihrem Verfassungsentwurf vom 14. Mai 1919 vom „Deutschen Bundesfreistaat Österreich“. Von Ignaz Seipel war – wie Gerald Stourzh betonte – bekannt, dass er sich mehr als Statthalter eines österreichischen Transitoriums betrachtete, das in ein größeres osteuropäisches Staatsgebilde münden sollte.
Obwohl nach dem Ende des 1. Weltkrieges der Zusammenschluss mit dem Deutschen Reich und der gewählte Staatsname „Deutschösterreich“ in den Friedensverträgen von Versailles verboten wurden, blieb die Perspektive des Anschlusses im „Rumpfstaat“, an dessen wirtschaftliche Lebensfähigkeit kaum jemand glaubte, auf der Tagesordnung. Die „Anschlussabstimmungen“ in mehreren Bundesländern zeugen davon. Andererseits stand die erste deutsche Nachkriegsregierung dem vehement artikulierten Wunsch Österreichs nach einem Anschluss durchaus distanziert gegenüber, was sich erst unter dem deutschen Außenminister Gustav Stresemann änderte.
In der Ersten Republik zerfiel das deutschnationale Lager in drei unterschiedlich große politische Richtungen, die sich bis 1934 zum Teil heftig bekämpften. Die Großdeutsche Volkspartei, die entschieden für die Vereinigung Österreichs mit Deutschland eintrat, hatte das Schwarz-Rot-Gold der deutschen Revolution von 1848 als Parteifarben und war eine Partei der Beamten, der Gewerbetreibenden, Kaufleute und Freiberufler. Sie hatte zwar einige liberale Elemente, war aber antisemitisch und deutlich antiklerikal. Letzteres verband sie mit den Sozialdemokraten. Nach der 1933 beschlossenen Kampfgemeinschaft mit den österreichischen Nationalsozialisten wurde die Großdeutsche Partei von der NSDAP inhaliert. Diese wiederum hatte als Vorläufer zuerst die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) und dann die Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP), eine radikale, völkische, deutschnationale, antikapitalistische, antikommunistische und antisemitische Partei, die schließlich in die NSDAP überging.
Im bäuerlichen Bereich war es der „unpolitische“ Landbund, der deutschnational auf christlicher Grundlage ausgerichtet war, für einen „Ständestaat“ und gegen die Heimwehren auftrat.
Mindestens ebenso vehement wie alle diese deutschnationalen Parteien strebte ab 1918 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei den Anschluss an Deutschland an. Einer der extremsten Vertreter des Anschluss-Gedankens war Otto Bauer, der nicht zuletzt deshalb auf Druck der Siegermächte im Juli 1919 als Außenstaatssekretär zurücktreten musste, um die Verhandlungen mit der Entente nicht zu erschweren.
Im Linzer Parteiprogramm 1926 wurde immer noch bekräftigt: „Die Sozialdemokratie betrachtet den Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich als notwendigen Abschluss der nationalen Revolution von 1918. Sie erstrebt mit friedlichen Mitteln den Anschluss an die deutsche Republik.“
Am 12. November 1925 erklärte der österreichische Sozialdemokrat Julius Deutsch bei einer Kundgebung mit dem deutschen „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ vor tausenden Sozialdemokraten in Wien: „Unser Wunsch und unser Ziel ist von der Nordsee bis zu den Karawanken, vom Rhein bis zum Neusiedler See ein einheitliches deutsches Volk, in einer deutschen Republik!“ Er hoffte, dass bald „die Fahne Schwarzrotgold als die Fahne der Republik über Österreich und Deutschland wehen“ würde.
Noch 1928 schrieb Karl Renner im Vereinsorgan des Österreichisch-Deutschen Volksbundes „Der Anschluss“: „Die Österreicher waren niemals eine Nation für sich und haben niemals gewünscht, dies zu sein. Österreich war durch Jahrhunderte der führende Stamm der Deutschen.“
Erst am 30. Oktober 1933 wurde der Anschlussparagraph aus dem sozialdemokratischen Parteiprogramm gestrichen.
Natürlich gab es auch unter den Christlichsozialen Anhänger des Anschlusses, sie waren allerdings nicht so prominent wie jene aus dem großdeutschen und sozialdemokratischen Lager. Die Christlichsozialen traten – mit Rücksicht auf die Stimmung in einem Großteil der Bevölkerung – nicht offen gegen den Anschlussgedanken auf, engagierten sich allerdings kaum in den Organisationen wie etwa im Österreichisch-Deutschen Volksbund, der eindeutig von den Sozialdemokraten dominiert wurde. Im Christlichsozialen Wahlprogramm 1919 fand sich kein Hinweis auf den Anschluss, in weiterer Folge vertraten die entscheidenden Persönlichkeiten eine enge kulturelle und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland, allerdings auf der Basis eines selbständigen, lebensfähigen Österreich. Durch die von Bundeskanzler Seipel erreichte Genfer Sanierung entwickelte sich – vor allem auf christlichsozialer Seite – so etwas wie ein neuer österreichischen Patriotismus. Der christlichsoziale Bundeskanzler Rudolf Ramek etwa – ein Konsenspolitiker – versuchte in seiner Politik alles, um Österreich so stark zu machen, dass es in der Lage wäre, seinen eigenen, selbständigen Weg zu gehen. Die „Lebensfähigkeit“ Österreichs sollte unter Beweis gestellt werden.
Es gab aber auch in den Zwanzigerjahren klare Vertreter einer katholisch-konservativen (z. T. monarchistisch) geprägten Bewegung, die in den Österreichern keinen deutschen Stamm, sondern ein eigenständiges Volk sahen. Die Proponenten waren Ernst Karl Winter, Alfred Missong und Hans Karl Zeßner von Spitzenberg, die dies 1927 in ihrem Sammelband „Die österreichische Aktion“ artikulierten. Schon im Nationalratswahlkampf 1923 hatte Zeßner von Spitzenberg Bundeskanzler Seipel als jenen Politiker gepriesen, der die Österreicher den Glauben an die Heimat, den Willen zum Österreichertum wieder finden ließe. Seipel habe sich mit der Genfer Sanierung nicht westlich, sondern österreichisch orientiert und die „Herztätigkeit Wiens und der Donaulande für ganz Mitteleuropa, ja für Europa“ aufgegriffen.
Im „Ständestaat“ spielte die Stärkung des Österreichbewusstseins als Gegengewicht zum nationalsozialistischen Deutschland eine wichtige Rolle. Österreich galt zwar weiter als ein „deutsches“ Land, allerdings wurden seine eigenen Leistungen, seine Kultur und Geschichte bewusst stark hervorgehoben und dienten zur Legitimierung des autoritären Systems. Die Idee der österreichischen Nation – propagiert vor allem von Richard Coudenhove-Kalergi, Ernst Karl Winter und dem Kommunisten Alfred Klahr – wurde als Kampfbegriff gegen den Nationalsozialismus neu belebt.
Als dann vor 80 Jahren, am 12. März 1938, die deutschen Truppen in Österreich einmarschierten, und Adolf Hitler mit der „größten Vollzugsmeldung seines Lebens“ auf dem Wiener Heldenplatz vor der deutschen Geschichte pathetisch den Eintritt seiner Heimat in das Deutsche Reich meldete, ging der Traum des Deutschnationalismus in Österreich in Erfüllung.
In der Euphorie des März 1938 schien jedes Österreichbewusstsein verschwunden zu sein, Österreich war nur mehr ein historischer Begriff und musste dem Begriff „Ostmark“ weichen und selbst dieser wurde später verboten. Karl Renner bot den Nazis an, in einer Plakataktion und in Zeitungen für ein „Ja“ bei der Anschluss-Abstimmung Propaganda zu machen, begrüßte in einem Interview „die große geschichtliche Tat des Wiederzusammenschlusses der deutschen Nation“ mit „freudigem Herzen“ und erklärte, mit „Ja“ zu stimmen. Dies tat er, wie er später betonte, „spontan und in voller Freiheit“ und im Wissen der Wirkung auf seine ehemaligen Parteigenossen. Und das in Kenntnis dessen, was Hitler in Deutschland seit 1933 angerichtet hatte und im Wissen, dass die ersten KZ-Transporte auch mit prominenten Genossen bereits unterwegs waren.
Recht bald, aber spätestens 1939 machten sich schon die ersten Frustrationserscheinungen aufgrund der Spannungen zwischen den „Altreichsdeutschen“ und den „Ostmärkern“ bemerkbar. Zu groß waren die Unterschiede zum neuen, reichsdeutschen Herrschaftspersonal, das die Ostmärker seine Überlegenheit spüren ließ. Sogar die österreichischen Nazis fühlten sich bald vor den Kopf gestoßen, als sich die ersehnten, wiedergefundenen Brüder wie unausstehliche Kolonialherren aufführten. Daraus entwickelten sich eine Distanzierung vom nationalsozialistischen Regime und in weiterer Folge „Österreich-Tendenzen“ sowie eine innere Wiederentdeckung Österreichs, die schließlich nach 1945 zu einem österreichischen Nationalbewusstsein auf breitem gesellschaftlichem Konsens führten und sich in einem „Identitäts- und Zusammengehörigkeitsgefühl“ der Angehörigen der österreichischen Nation manifestieren.
Ich bin persönlich davon überzeugt, dass die nach 1945 entwickelte, moderne österreichische Identität – zu der besonders auch die österreichische Neutralität zählt – und das zunehmende österreichische Nationalbewusstsein in einer direkten, nie wirklich abgerissenen Verbindung zum Österreich-Bewusstsein aus der Habsburger-Monarchie stehen bzw. von diesem grundgelegt wurden. Auch wenn sie in der Zwischenkriegszeit und vor allem während des Zweiten Weltkrieges weitgehend verschüttet wurden. Das „Österreichische“, das schließlich die eigene, unbestrittene „Österreichische Nation“ grundlegte ist die Fortsetzung eines langen, in frühere Jahrhunderte zurückreichenden historischen Kulturstranges. Verstärkt wurde dies noch durch den Beitritt Österreichs zur Europäischen Union im Jahr 1995, wodurch der Vielvölkerstaat der Donaumonarchie als „Europa im Kleinen“ noch stärker ins kollektive Bewusstsein rückte und eine Renaissance erlebte, die nicht so sehr mit Vergangenheitsverklärung und Habsburg-Nostalgie als mit der Wiederentdeckung des Kulturraums Mitteleuropa – ohne Deutschland – zu tun hat. Die neue „Brückenfunktion“ Österreichs zwischen Brüssel und den ehemaligen Ländern der Habsburger-Monarchie – eine Aufgabe, die Österreich essenziell von Deutschland unterscheidet – erneuerte und stärkte die historische österreichische Identität.
Die österreichische Nation ist daher nach meiner Überzeugung eine historisch eigenständige und nicht eine zweite „deutsche Nation“, geschweige denn ist Österreich ein „zweiter deutscher Staat“.
Die österreichische Kultur ist schon sehr früh eine von der deutschen Kultur eigenständige gewesen. Die Tatsache, dass etwa die österreichische Literatur nicht als deutsche Literatur bezeichnet werden kann, liegt nicht nur in der Eigenständigkeit des österreichischen Deutsch, sondern auch in der inhaltlichen und sprachlichen Unterschiedlichkeit zur deutschen Literatur.
Inzwischen ist die eigenständige österreichische Nation eine Selbstverständlichkeit und Normalität geworden. Barbara Coudenhove-Kalergi erinnert sich, dass Bruno Kreisky, einmal nach der österreichischen Nation gefragt, pragmatisch sinngemäß antwortete: Wenn es eine österreichische Nationalbank gebe, eine österreichische Nationalbibliothek und eine österreichische Fußball-Nationalmannschaft, dann müsse es wohl auch eine österreichische Nation geben. Heute geht das stark emotionale Bekenntnis der Bürgerinnen und Bürger zu ihrer österreichischen Nation erfreulicherweise weit über diesen Pragmatismus hinaus.

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Österreich und sein nationaler Zwiespalt – Gedanken zu seiner Geschichte und Gegenwart

Der Autor Kbr. Univ.-Doz. Mag. Dr. Gerhard Hartmann (Baj et mult.) ist Kirchenhistoriker und Verlagsgeschäftsführer. Als Autor ist er unter anderem durch sein Werk „Der CV in Österreich: Seine Entstehung, seine Geschichte, seine Bedeutung“ bekannt.

Im Gedenkjahr 2018 erinnern wir uns neben vielen anderen Ereignissen vor allem daran, was vor hundert (1918) und vor achtzig Jahren (1938) geschehen ist. Beide Jahre haben tiefe Spuren in unserer jüngeren Geschichte hinterlassen, die auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts wirkmächtig geblieben sind.
Vor hundert Jahren brach die Habsburger-Monarchie auseinander. Damit endete auch die kaiserliche Epoche Europas, die am Weihnachtstag des Jahres 800 mit der Kaiserkrönung Karls des Großen begonnen hatte. Aber welche Beinamen trugen diese Kaiser bzw. Herrscher und welchen Namen hatte das „Reich“, das sie regierten? Die seit der karolingischen Zeit üblichen Begriffe Frankenreich bzw. Ostfrankenreich waren bis weit ins 10. Jahrhundert in Verwendung. Im 11. Jahrhundert kam gelegentlich der Name regnum Teutonicum auf. Die wichtigsten Fürsten des Reiches wählten daher im Hochmittelalter primär einen König/rex (Francorum), der erst später – aber zuerst nicht zwangsläufig – zum Kaiser gekrönt wurde.
Die Wiederherstellung des (west-)römischen Kaisertums zuerst mit Karl dem Großen und dann dauerhaft mit Otto dem Großen war ursprünglich eher auf die Person und nicht so sehr auf dessen geographisch definiertes Reich bezogen. Doch ließ sich in der Folge ein Rückgriff auf das alte Römische Reich nicht vermeiden. So findet sich in einer Urkunde von Kaiser Otto II. aus dem Jahr 982 bereits die Bezeichnung Romanorum imperator, Kaiser der Römer. Gegen 1100 entstand der Titel rex Romanorum, König der Römer bzw. römischer König, für den von den (Kur-)Fürsten gewählten König. Mit diesem Titel wurde auch der Anspruch des gewählten Königs auf die Kaiserkrönung dokumentiert. Spätestens ab Kaiser Ferdinand I. – der Betreffende nahm nun automatisch im Augenblick des Regierungsantritts bzw. der Königswahl den Titel Kaiser an – wurde der Titel rex Romanorum für bereits zu Lebzeiten eines Kaisers als Nachfolger gewählte und gekrönte Könige verwendet. Den Titel „deutscher König“ gab es nicht, und der Titel „deutscher Kaiser“ war erst gegen Ende des Heiligen Römischen Reiches umgangssprachlich in Gebrauch. Die Begriffe römisch-deutscher König bzw. Kaiser haben sich seit einiger Zeit in historischen Darstellungen der Einfachheit halber für den Leser durchgesetzt.
Die ursprüngliche sakrale, ja sogar sakramentale Ausstrahlung des Kaisertums verblasste zur Zeit der Salier im Zuge der Auseinandersetzungen zwischen Papst und Kaiser zunehmend, sodass unter Kaiser Friedrich I. Barbarossa der Begriff sacrum imperium quasi als Ersatz eingeführt wurde. Aus dem Jahr 1254 ist erstmals der Begriff Sacrum Romanum Imperium, Heiliges Römisches Reich, belegt, der dann ab Kaiser Karl IV. regelmäßig verwendet wurde. Mitte des 15. Jahrhunderts tauchte dann der Zusatzbegriff nationis Germanicae, deutscher Nation, auf. Ab dem 17. Jahrhundert ist gelegentlich vom Deutschen Reich die Rede. Der Begriff Deutschland wird erst im 19. Jahrhundert richtig gebräuchlich (siehe z. B. das „Deutschlandlied“).
Historisch-retrospektiv wird aber gemeinhin als Heiliges Römisches Reich jenes staatliche Gebilde bezeichnet, das mit der Kaiserkrönung Karls des Großen seinen Anfang nahm und das sich mit der geographischen Herausbildung des Ostfrankenreichs ab ca. 900 fortsetzte. Als durchaus machtvolles Reich hatte es eigentlich erst mit Kaiser Otto I. richtig Bestand. Ab dem 13. Jahrhundert begann der Prozess der Zurückdrängung der Königs- bzw. Kaisergewalt im Reich, das spätestens ab 1648 zu einem eigenen, souveränen Handeln kaum mehr fähig war und im Zuge des Umbruchs in der Napoleonischen Zeit im Jahr 1806 aufgelöst wurde.
Gab es zu Zeiten dieses Alten Reiches ein deutsches Nationalgefühl? Sicherlich nicht dergestalt, wie wir es uns heute vorstellen. Am Anfang stand die gemeinsame Sprache, die erst im 16. Jahrhundert – nicht zuletzt durch die Bibel-Übersetzung Martin Luthers und deren Verbreitung durch den gerade erfundenen Buchdruck – als Neuhochdeutsch Allgemeingut wurde.
Das „Heilige Römische Reich“ war jedoch kein Nationalstaat wie Frankreich, Schweden, Spanien usw. Von Anbeginn gab es eine übernationale Komponente. Diese resultierte zum einen aus der geographischen Lage in Mitteleuropa, wo es durch „Ausfransungen“ in alle Himmelsrichtungen keine, durch die Sprache klaren Grenzen gab. Man denke etwa an „Reichsitalien“, an die volatile Grenze im Westen gegenüber Frankreich sowie an das Drängen nach Osten bzw. Südosten. Hinzu kam noch die römische Kaiserwürde, die in ihrer Sakralität die Königswürden der anderen Länder überstrahlte, ohne jedoch eine Oberhoheit daraus zu beanspruchen.
Anders als die übrigen Länder des europäischen Mächtekonzerts im Mittelalter und in der frühen Neuzeit hatte dieses „Reich“ seine „nationale Hausaufgabe“ nicht erledigt. Dann gab bzw. gibt es noch ein weiteres Spezifikum: Dieses „Reich“ fußte auf den sog. „älteren Stammesherzogtümern“ (Franken, Alemannien, Sachsen, Bayern), die zwar in der Karolingerzeit unterdrückt wurden, jedoch um 900 wieder eine Renaissance erlebten („jüngere Stammesherzogtümer“). Hier hatte der für den deutschen Sprachraum typische Föderalismus seinen Ursprung, der in seiner Art für Europa einzigartig ist. In der staufischen Epoche (12. Jahrhundert) kam es zu einer Aufsplitterung dieser Herzogsmacht und zur Entstehung von zusätzlichen Territorialherrschaften.
In dieser Phase ist auch der Beginn einer österreichischen Eigenständigkeit anzusetzen, die man aber im historischen Rückblick nicht überbewerten bzw. überhöhen sollte. Diese Zeit war vom staufisch-welfischen Gegensatz geprägt. Im Zuge dessen wurde 1139 den Welfen das Herzogtum Bayern aberkannt, und der Markgraf von Österreich, der Babenberger Leopold IV., wurde vom Staufer-König Konrad III. zum Herzog von Bayern ernannt, Als Leopold IV., starb, folgte ihm 1143 dessen Bruder Heinrich II. Jasomirgott nach. Deren Ernennung zu Herzögen von Bayern war aus zwei Gründen logisch. Zum einen war die Markgrafschaft Österreich ein Teil Bayerns, zum anderen waren sie Halbrüder von Konrad III.
Doch der Nachfolger Konrads III., Kaiser Friedrich I. Barbarossa, löste den staufisch-welfischen Konflikt. 1156 bekamen die Welfen Bayern zurück, und Heinrich II. Jasomirgott wurde entsprechend abgefunden: Mit dem Privilegium minus wurde die bisherige Markgrafschaft Österreich zu einem eigenen Herzogtum erhoben und von Bayern losgelöst. Damit verbunden war auch eine Reihe von Privilegien, die es so bisher für ein Territorium im Reich noch nie gegeben hatte. Damit war ein wesentlicher Schritt vom „jüngeren Stammesherzogtum“ hin zum Ausbau der territorialen Landesherrschaft im Reich getan worden.
Die Lösung des staufisch-welfischen Konflikts war aber offen, es hätte nämlich auch anders kommen können. Die Babenberger hätten Herzöge von Bayern bleiben können, und die Markgrafschaft Österreich hätte damit keine Sonderstellung erhalten. Die Geschichte wäre dann für Österreich wohl anders verlaufen.
Doch mit 1156 begann die Möglichkeit eines österreichischen Sonderwegs innerhalb des Reiches. Er wurde dann ab 1278 durch die Habsburger und deren Heiratspolitik verstärkt, was den Weg zu einer kontinentalen Großmacht ebnete. Und nun begann der österreichisch-habsburgische Zwiespalt in der deutschen Geschichte. Zum einen war das Haus Habsburg ab 1438 bis zum Ende des Reiches 1806 (mit der Ausnahme Karl VII.) Träger der römisch-deutschen Kaiserkrone, zum anderen besaß es außerhalb dieses Reiches erhebliche Territorien. Durch die von Kaiser Karl VI. 1713 erlassene Pragmatische Sanktion wurde innerhalb des Reiches ein „Staat im Staate“ geschaffen, dessen Gebiet sich auch außerhalb des Reiches fortsetzte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt trat die Funktion des Reichsoberhauptes bei den habsburgischen Kaisern in den Hintergrund.
In der napoleonischen Umbruchzeit ging nicht nur das alte Reich unter, es kam durch den französischen Einfluss und die Freiheitskriege bei den Deutschen auch die nationale Frage hoch. Ihre staatliche Einheit wurde zu einem Desiderat, nicht zuletzt auch der studentischen Jugend, die sich in den frühen Burschenschaften organisierte (Wartburgfest). Gleichzeitig kam es zu einem Schwenk der habsburgisch-österreichischen Politik: Sie verzichtete auf die deutschen Territorien außerhalb der heutigen Grenzen Österreichs wie etwa Vorderösterreich, das ungefähr ein Drittel des heutigen Baden-Württembergs ausmachte, und setzte den Schwerpunkt auf Oberitalien.
Im Nachhinein kann man das als eine Fehlentscheidung interpretieren. Denn nun bekam in der „deutschen Frage“ Preußen die Oberhand, das spätestens seit Mitte des 18. Jahrhunderts der Konkurrent Österreichs war. Die „deutsche Frage“ wurde 1866 ohne Österreich, d.h. in kleindeutschem Sinne, gelöst. Die Deutschen in der Habsburger-Monarchie fühlten sich dadurch abgehängt und „unerlöst“, und damit begann eine deutschnationale Komponente in Österreich. Dabei darf man aber nicht vergessen: Die deutschsprachige Bevölkerung verstand sich uneingeschränkt weiterhin als Deutsche, und von Kaiser Franz Joseph ist der Spruch überliefert: „Ich bin ein deutscher Fürst.“
Als 1918 die Habsburger-Monarchie zugrunde ging, wollten im Sinne des Selbstbestimmungsrechtes fast alle in Österreich einen Anschluss an das Deutsche Reich, doch die Siegermächte verhinderten das. Diese sog. „demokratische Anschlußbewegung“ war zum einem vom Trauma des Zusammenbruchs des Habsburger-Reiches sowie vom mangelnden Glauben an die Lebensfähigkeit von Rest-Österreich geprägt, zum anderen wurde dadurch manifest, dass die Idee einer Donaumonarchie-Identität in Abgrenzung zu einem deutschen Nationalstaat doch auf eine kleine Elite beschränkt blieb und bei den Bürgern („Untertanen“) nicht angekommen war.
Die politische Realität im Europa der zwanziger Jahre ließ österreichische Anschluss-Träume bald als undurchführbar in den Hintergrund treten. Und in diesem Zusammenhang entstanden als Neubesinnung Überlegungen zu einer eigenen österreichischen Identität. Nach dem bisherigen Befund dürfte ein Artikel (1926) des Chorherren des Stiftes St. Florian, später Professor für Kirchenrecht an der Katholisch-Theologischen Fakultät Wien, Johannes Hollnsteiner (ehemals Nc), mit dem Titel „Österreichs kulturpolitische Sendung“ die erste seriöse Formulierung dieses „österreichischen Gedankens“ gewesen sein. Hier ist bereits sehr stark von Österreichs deutscher Sendung, nicht zuletzt in Zentral- und Südosteuropa, und von Österreich als dem besseren deutschen Staat die Rede. Parallel dazu ist bei einigen Schriftstellern dieser Zeit die Suche nach der österreichischen Eigenart festzustellen, stellvertretend sei Anton Wildgans mit seiner „Rede über Österreich“ (1930) genannt. In diesem Zusammenhang ist auch die „Österreichische Aktion“ zu nennen, der u. a. die Angehörigen der Wiener CV-Verbindung Nibelungia Ernst Karl Winter, Hans Karl Zeßner-Spitzenberg und August Maria Knoll angehörten, die bereits von einer eigenen österreichischen Nation ausgingen.
Eine der wichtigsten Ideologien des „Ständestaates“ ab 1934 wurde nun die Betonung dieses österreichischen Gedankens bzw. dieser österreichischen Idee bzw. Sendung. Diese Forcierung eines spezifisch österreichischen Gedankens hatte primär die Aufgabe, die Eigenstaatlichkeit und damit das politische System des „Ständestaates“ gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland stabilisieren zu helfen, aber er konnte und wollte mit Sicherheit nicht damals schon ein österreichisches Nationalbewusstsein erwecken, wie man es nach 1945 zunehmend versteht. Denn nach wie vor sah man sich weiterhin als Angehörige der deutschen Nation. Hingegen ist es aber Tatsache, dass durch diese Betonung des Österreichischen auf jeden Fall der Grundstein für ein geändertes Verhalten der Österreicher zu sich selbst (Österreichische Nation) sowie zur Eigenstaatlichkeit (Verschwinden der Anschlussideologie) gelegt wurde. Durch die aus politischen Gründen notgedrungene Ablehnung des Anschlusses an das Deutsche Reich durch den „Ständestaat“ hat er dazu beigetragen, dass sich damals Ansätze eines neuen österreichischen Staatsbewusstseins bilden konnten.
Dieses stilisierte Österreichbewusstsein blieb nicht ohne Auswirkungen auf den CV. Neben der selbstverständlichen Loyalität gegenüber dem „Ständestaat“ und seinen Repräsentanten, insbesondere aus dem CV, wurde es in Weiterführung des Prinzips Vaterland (patria) zu einer Grundideologie des ÖCV, die dann besonders nach 1945 zu wirken begann. Der CVer, vor 1914 mit dem deutschnational-schlagenden Verbindungswesen in Konfrontation geraten, was sich dann nach 1918 mit dem Gegensatz zum Nationalsozialismus zuspitzte, wurde somit zum „kompromißlosen Österreicher“ (Richard Schmitz). Das wurde dann nach 1945 zu einer Grundkonstante im ÖCV.
Die politische Entwicklung nach 1945 ließ die Frage, ob die Österreicher nun Deutsche oder eine eigene Nation sind, weitgehend in den Hintergrund treten. Dazu hat auch der zunehmende europäische Integrationsprozess beigetragen, in den Österreich voll eingebunden ist. Zwar gab es Versuche deutscher Historiker, wie etwa jenen des in Kiel lehrenden Karl Dietrich Erdmann, mit der Formel ein Volk, zwei Nationen und drei Staaten (BRD, DDR, Österreich) diese „deutsche Frage“ zu lösen, doch stieß diese bei einigen österreichischen Historikern auf heftige Kritik.
In der Tat führt in der historischen Betrachtungsweise eine Überbetonung der österreichischen Eigenart auch nicht weiter, genau so wenig wie das die preußisch-kleindeutsche Sichtweise des 19. Jahrhunderts unter Heinrich von Treitschke tut. So wenig wie diese es tun darf, die historische Identität des heutigen Deutschlands auf Preußen zu reduzieren und das alte Reich mehr oder minder auszublenden, so wenig darf man in Österreich vergessen, dass es Teil der deutschen Geschichte ist, sogar ein entscheidender Teil, wenn man berücksichtigt, dass das „Haus Österreich“ fast 400 Jahre hindurch das „Reichsoberhaupt“ stellte. Historisch falsch ist es in diesem Zusammenhang, die Bewohner des deutschsprachigen Teils der Habsburger-Monarchie nicht als Deutsche zu bezeichnen.
Auch wenn sich die Österreicher zu Beginn des 21. Jahrhunderts in ihrer überwiegenden Mehrheit als eigene Nation definieren, darf man ebenso nicht vergessen, dass die Begriffe „Nation“ bzw. „Volk“ nicht nur einem Bedeutungswandel unterzogen wurden, sondern durch den europäischen Einigungsprozess an Gewicht verloren haben.
In der Tat hat diese Entwicklung zu einer Verkomplizierung des Sprachgebrauchs geführt, in dem man jetzt vom „deutschsprachigen Raum“ redet, wenn man Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz zusammenfassend bezeichnen möchte. Der im Februar 2018 verstorbene Klagenfurter Historiker Helmut Rumpler (Rt-D) hat hier vor allem einen für die historische Betrachtung interessanten Vorschlag eingebracht. Er spricht von einem „deutschen Mitteleuropa“. Und hier sind wir wiederum bei dem Grundsatz, dass die Geographie die einzige Konstante in der Geschichte bzw. Politik ist.

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Sinn und Unsinn der ÖH

Der Autor Kbr. Filipp Sokolovski (AlIn) studiert im 8. Semester Humanmedizin und ist stellvertretender Vorsitzender der Studienvertretung Humanmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck.

Mein Name ist Filipp Sokolovski, ich bin 22 Jahre alt und derzeit stellvertretender Vorsitzender der Studienvertretung Humanmedizin an der Medizinischen Universität Innsbruck. Schon seit meinem ersten Semester engagiere ich mich in der Österreichischen Hochschülerschaft, kurz: der ÖH.
Bereits in meiner Schulzeit war ich Schülervertreter, diesen Weg wollte ich auch an der Universität weiterbestreiten und durch einen glücklichen Zufall waren meine beiden Erstsemestrigen-Tutoren Luca und Hildi glühende „ÖHler“. Ich begann wie alle als „normaler“ Mitarbeiter der Studienvertretung, seit dem 3. Semester darf ich die Studierendeninteressen in der Curricularkommission vertreten und ich war ab diesem Zeitpunkt auch zwei Jahre lang Referent für Bildungspolitik und Öffentlichkeitsarbeit, ehe ich im vergangenen Sommer in den Vorsitz der Studienvertretung wechselte.
Ich möchte an dieser Stelle gleich sagen – und ich bitte Euch, mir diesen Spoiler gleich zu Beginn zu verzeihen –, dass ich die gesetzlich verankerte Studierendenvertretung mit all ihren Mitspracherechten für eine großartige Sache halte – sofern sie auch mit entsprechendem Verantwortungsbewusstsein wahrgenommen und nicht für Interessen Dritter missbraucht wird.
Wir dürfen uns in Österreich wirklich glücklich schätzen, dass es eine breit organisierte Studierendenvertretung gibt, der in allen wichtigen universitären Gremien wie dem Senat, der Curricularkommission, Berufungskommissionen, Habilitationskommissionen, Ethikkommissionen oder den Institutskonferenzen Sitz- und Stimmrecht eingeräumt wird. Man darf nicht unterschätzen, welchen Einfluss das Feedback derer, die das Studium betrifft – nämlich der Studierenden –, hat und welchen Denkprozess seitens der Universitätsverantwortlichen es auslösen kann. Voraussetzung für Veränderungen im Interesse der Studierenden und Verbesserungen der Studienbedingungen sind aber zwei Dinge: dass Studierendenvertretern die Möglichkeit des Partizipierens eingeräumt wird und dass diese große Verantwortung mit entsprechender Sorgfalt und Hingabe durchgeführt wird.
In vielen Staaten gibt es so etwas wie die ÖH gar nicht und die Studierenden haben so gut wie keine Möglichkeit, Missstände anzusprechen bzw. gar proaktiv für Verbesserungen einzutreten. In anderen Staaten wiederum gibt es so etwas wie Studierendenvertretungen, Deutschland mit dem Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) ist dafür ein gutes Beispiel, jedoch wird dort in den seltensten Fällen Interessensvertretung mit der dafür notwendigen Ernsthaftigkeit betrieben, was mich an deren Sinnhaftigkeit zweifeln lässt und was ich sehr schade finde. Ein trauriges Beispiel dafür nannten mir Kommilitonen aus Kiel, mit denen ich auf einem medizinischen Kongress über den AStA Kiel sprach: die Kollegen teilten mir mit, dass das einzige Anliegen, das der AStA dort betrieb, die Organisation der An- und Abreise zu den sogenannten „Medimeisterschaften“ war. Die „Medimeisterschaften“ sind ein Fußballturnier aller medizinischen Fakultäten in Deutschland und Österreich, wobei der Fußball jedoch in den Hintergrund getreten und die Veranstaltung zu einem sehr populären Festival mit über 10.000 Medizinstudierenden aus dem gesamten deutschsprachigen Raum herangewachsen ist. An und für sich ist das eine gute und tolle Sache, und ich werde dort privat auch hinfahren, jedoch ist es mehr als traurig, dass dies das EINZIGE Ansinnen ist, welches der AStA verfolgt. Verbesserungen im Curriculum? Ansprache von Missständen? Fehlanzeige! Wenn man etwas angesprochen haben möchte, möge man selber zu den Gremien gehen, so die Aussage der AStA-Mitarbeiter laut meinen Kieler Kollegen.
Und genau das ist der Punkt, an dem ich beginne, an der Sinnhaftigkeit von Studierendenvertretungen zu zweifeln, obwohl ich ein glühender Verfechter ebendieser und selbst Studierendenvertreter mit Leib und Seele bin. Wenn die Möglichkeiten und Chancen, die einem als Studierender eingeräumt werden, mit Füßen getreten und aus Bequemlichkeitsgründen ignoriert werden, wenn die Arbeit nicht gesehen wird, wenn die Studierendenvertretung als Selbstzweck und als Selbstdarstellung missbraucht wird oder gar für politische Agitation politischer Parteien herhalten muss, so halte ich dies für grundfalsch und unredlich. Genauso falsch und beschämend finde ich es, wenn mit den Geldern aus dem ÖH-Beitrag Schindluder getrieben wird und trotz Regulationsmechanismen, die Unwirtschaftlichkeit, Verschwendung und unsachgemäßer Verwendung vorbeugen sollen, Gelder unverantwortlich mit beiden Händen zum Fenster hinausgeworfen werden.
Beispiele dafür werden ja regelmäßig bekannt, sei es die ÖH der Uni Graz, welche sich für über 6.000 Euro eine Hochleistungskaffeemaschine(!) gegönnt hat, sei es die Bundesvertretung, welche für Demonstrationen gegen den Akademikerball in Wien aus dem ÖH-Budget die Reisekosten von Profi-Demonstranten aus Deutschland bezahlt, oder sei es das antikapitalistische und antirassistische, aber dafür besonders unsägliche Café Rosa, welches ein Verschwendungsskandal sondergleichen ist, und dessen Verantwortliche bis heute nicht dafür zur Verantwortung gezogen wurden (diese Liste lässt sich beliebig lange fortführen).
Die politische Vereinnahmung der ÖH-Fraktionen, welche sich durch den Bezug reichlicher Fördergelder in Abhängigkeits- und Schuldverhältnisse begeben und als Juniorpartner der Parteien bereits auf der Universität inhaltliche Auszüge aus Parteiprogrammen (siehe die Auswüchse der Perversionen, welche uns in puncto Gendern ereilen) propagieren (müssen?), halte ich für blödsinnig und entbehrlich. Vor allem, wenn man sieht, welche Zweck das Engagement bei der ÖH für manche scheinbar gehabt hat: nämlich einen guten Posten bei einer der fördernden Parteien zu ergattern. Auch dafür gibt es unzählige Beispiele.
Man darf mich hierbei jedoch nicht falsch verstehen: Natürlich ist es nachvollziehbar, die geknüpften Kontakte aus der ÖH-Zeit auch später beruflich und privat zu nutzen und die Zeit der Verantwortung bei der ÖH als Lebensschule zu betrachten. Nur darf das Ganze keinesfalls zum Selbstzweck verkommen. Ein ehrlich gemeintes Engagement für „das Gute“, für die Interessen der Kommilitonen und eine ernstgenommene Verantwortung, welche man für seine Universität und für seine Studierenden übernimmt, sind die Tugenden, welche ein Studierendenvertreter aufweisen sollte. Wenn die ÖH für Unsinnigkeiten, welche vollkommen am Sinn dieser Institution vorbeigehen, missbraucht wird, darf man sich nicht wundern, dass sie von vielen Studierenden nicht ernstgenommen wird, was etwa die „sensationelle“ Wahlbeteiligung von etwa 25 % bei der ÖH-Wahl 2017 zeigt, und, noch schlimmer, die sinnvolle und vernünftige Stimme vieler Studierendenvertreter wegen dieser (leider zu vielen) schwarzen Schafe von den Universitätsverantwortlichen schlussendlich nicht mehr gehört werden will.
Schließlich möchte ich hier noch erwähnen, dass ich sehr froh bin, dass wir an der Medizinischen Universität Innsbruck – Gott sei Lob, Preis und Dank – all diese oben erwähnten fragwürdigen Praktiken nicht zu sehen bekommen. Hier wird der Vertretungs- und Servicegedanke ernsthaft gelebt und permanent an Verbesserungen gearbeitet. Ich bin daher sehr stolz darauf, ein Teil dieser starken und von allen Seiten akzeptierten und ernstgenommenen Vertretung sein zu dürfen und ich hoffe, dass sich auch viele andere Studierendenvertretungen und vor allem deren Mitglieder eine Scheibe von uns abschneiden. Dann würden niedrige Wahlbeteiligungen der Vergangenheit angehören und der ÖH würden endlich der Respekt und die Anerkennung zukommen, die ihr zustehen: als starke Vertretung und als Sprachrohr der Studierenden.

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Was ist Wahrheit? – Überlegungen zu einem schwierigen Begriff

Der Autor Bbr. Dr. Georg Fischer OT gehört seit 1991 dem Deutschen Orden an und ist nach den Kaplansjahren in Frankfurt am Main, einem Promotionsstudium und der Arbeit als Auslandspfarrer in Brasilien Teil des Seelsorgeteams in den Ordenswerken in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Frage nach der Wahrheit reiht uns in eine lange Kette der Wahrheitssuchenden ein, wobei durchaus zwischen der Suche nach einzelnen Wahrheiten und der nach der Wahrheit an sich zu unterscheiden ist. Bereits Platon verbindet in seinem Denken Einzelfragen – nach der rechten Staatskunst, der Ethik, der dem Menschen möglichen Erkenntnis – mit dem Vorhandensein einer objektiven, seinsmäßigen Wahrheit. Diese Wahrheit ist die Wahrheit, die hinter und über allen Einzelwahrheiten steht, ja scheinbar gegensätzlichen Wahrheiten, dem unterschiedlichen Wahrnehmen gleicher Fakten und Umstände eine letzte vereinigende Bestimmung gibt.
Das Christentum hat diesen Wahrheitsbegriff übernommen und ihn mit dem dreifaltigen Gott identifiziert, der selbst die Wahrheit ist, die sich allen erkennbar und dem Gläubigen erreichbar macht. Und dennoch bleibt auch für den Christen das Phänomen unterschiedlich wahrgenommener Wahrheiten, subjektiver Wahrheiten, faktischer Wahrheiten, moralischer Wahrheiten. Geht man unvoreingenommen an diesen Umstand heran, dann zeigt sich, dass deren Vorhandensein nicht Absage an, sondern vielmehr Bestätigung von objektiver Wahrheit ist, deren Erkenntnis konkrete Forderungen für mein Leben beinhaltet.
Ein paar ganz subjektive, selbst erlebte Beispiele sollen dies verdeutlichen.
2011 führte ich eine Gruppe Deutschbrasilianer der zweiten und dritten Einwanderergeneration in die Vereinigten Staaten, an Orte, die von anderen Einwanderern deutscher Sprache im 19. Jahrhundert gegründet worden waren. Wir kamen an den Rand der texanischen Wüste, wo sich idealistische Kolonisatoren aus dem Hessischen niedergelassen hatten und in Orten mit deutschen Namen extensive Farmwirtschaft betrieben. Wolkenbruchartiger Dauerregen machte das Vorhaben einer umfassenden Inaugenscheinnahme unmöglich. Unsere Gruppe saß in einem halboffenen Barbecue-Restaurant – auf dessen Stahldach der Regen nur so trommelte, sodass man sich auch nicht mehr im Rahmen einer sinnvollen Lautstärke unterhalten konnte – und war ziemlich enttäuscht, um es vorsichtig auszudrücken, woran auch das exzellente Grillgut nichts ändern konnte. Die anderen Gäste hingegen bekamen das Grinsen nicht mehr aus den Gesichtern, erwachsene Menschen ließen draußen wie kleine Kinder Schlamm und Wasser aufspritzen, tanzten und johlten, zwei Frauen lagen sich weinend in den Armen, allerdings nicht aus Trauer – wir waren ausgerechnet an dem Tag dort angekommen, an dem es zum ersten Mal nach zwei vollen Jahren regnete, und das gleich ausgiebig. Ganz unterschiedliche persönliche Wahrnehmungen und Wahrheiten zeigen sich hier bei derselben faktischen Wahrheit – Regen in Mitteltexas –, die ihrerseits nicht die Wahrheit an sich darstellt.
Überhaupt ist auch eine rein faktische Wahrheit, obwohl bereits diese nicht nur im politischen Diskurs oft schon Mangelware ist, nur Abbild und Teil der größeren Wahrheit.
Die Deutschordenskirche zu Frankfurt am Main beherbergt einen Passionszyklus, eine der ältesten erhaltenen bildlichen Darstellungen der Stadt, die – um 1325 geschaffen – in Qualität und Ausführung mit den Malereien auf den Chorschranken des Kölner Doms vergleichbar war. 2016 wurde das Projekt der Renovierung dieser früher als gemalte Altarretabel dienenden Temperaarbeit in Angriff genommen. Nach dem Abschluss der Arbeiten 2017 wurde in allen großen Frankfurter Zeitungen darüber berichtet, und alle Artikel enthielten als Eyecatcher ein Bild, das die Restauratorin bei der Arbeit zeigte: Mit beleuchteter Lupenbrille, Feinst-Pinsel und Reinigungstupfer ging es da zu Werke. Das Problem war nur: Das Bild war gestellt. Faktisch arbeitete die Dame auf dem Bild nicht, sie wurde lediglich mit ihren Arbeitsutensilien vor dem entsprechenden Hintergrund fotografiert. Das Bild sollte die Wirklichkeit zeigen, zeigte aber nur, wie die Wirklichkeit aussah bzw. aussehen sollte.
Ist es deshalb unwahr? Faktisch vielleicht, aber doch nicht von seinem Inhalt, seiner Aussageabsicht her. Es zeigt sich, wie bei der Frage nach der Wahrheit unterschieden werden muss, hier zwischen faktischer und zugrundeliegender, also substantieller Wahrheit. Die gleiche Unterscheidung, die sich überhaupt sehr gut an Fotografien erläutern lässt, gilt auch hinsichtlich der bekannten Eingriffe, die im Nachhinein aus politischen Gründen an bereits existierenden Bildern aus der russischen Oktoberrevolution durchgeführt wurden. Wir denken an die aus heutiger Sicht und vor dem Hintergrund des mit Photoshop Möglichen recht stümperhaft wirkenden Entfernungen Trotzkis und Jeschows. Faktisch falsch, aber substantiell wahr: Die Betreffenden hatten in der Partei nichts mehr zu sagen, waren politisch kaltgestellt worden und wurden kurz darauf auch ganz faktisch kalt gemacht und ausradiert.
Auf bestürzende Weise zeigt sich hier, dass die Frage nach der Wahrheit nicht bei der Unterscheidung zwischen faktisch und substantiell stehenbleiben kann. Es gibt einen Unterschied zwischen einer erläuternden Bebilderung und politischer Propaganda bzw. Manipulation. Wie ist dieser zu begründen? Dadurch, dass zur Wahrheit im umfassenden Sinne auch die moralische Wahrheit gehört – richtig und falsch, hier als gut oder böse –, nicht bloß faktisch richtig und falsch. Auch ein faktisch falsches Bild einer Restauratorin mit Schrubber und Scheuerlappen erscheint uns nicht als so verkommen wie ein Propagandabild, auf dem zwar ein Körper belassen, dieser aber mit einem anderen Gesicht versehen wurde.
Bei diesem Aspekt der Wahrheit handelt es sich um eine Wahrheit, um die jeder weiß, die aber jedem schwer fällt hinzunehmen. Gerade bei der Frage nach der moralischen Wahrheit kommt im Smalltalk ein smarter Indifferentismus – wer weiß schon, was moralisch wahr ist – besser rüber als die Versicherung, eine solche für real zu halten und eine entsprechende Lebensführung zu versuchen. Schon hier zeigt sich ein Umstand, auf den später noch etwas näher einzugehen ist. Der Umstand nämlich, dass Wahrheit bei allen zahllosen Fakten und Hintergründen, die für den Einzelnen uninteressant sind, ihn und sein Leben letztlich persönlich betreffen: Ich kann der Frage nicht ausweichen, ob mein Leben im umfassenden Sinne als wahr und wahrhaftig bezeichnet werden kann oder nicht. Um mir diese Frage möglicherweise etwas weniger unangenehm zu gestalten, kann ich mir vorläufig mit Relativismus und Indifferentismus Erleichterung zu schaffen suchen, aber selbst derjenige, der die Erkennbarkeit moralischer Wahrheit bestreitet, kann nicht deren Existenz leugnen. Wir wissen, dass es eine eindeutige Antwort auf die Frage gibt, ob eine bestimmte Handlung, eine Äußerung, eine politische Richtung, auch eingedenk aller zeitlichen und kulturellen Umstände, in diesem Sinne wahr ist oder nicht.
Bevor dieser personale Aspekt etwas genauer betrachtet werden soll, ist der Blick noch auf andere Wahrheiten zu richten, oder besser auf die Größe der einen Wahrheit, die dem Menschen in vielen Einzelfeldern gegenübertritt. Auch diese sind neben den schon genannten faktischen, substantiellen und moralischen zusätzlichen Einzelwahrheiten nicht erschöpfend, es lassen sich jederzeit weitere Unterteilungen denken. Zwar ist der Mensch nicht unbegrenzt, gleichwohl kann dennoch ein wenig mehr zusätzliches Gespür für die wirklich umfassende Durchdringung von allem durch die Wahrheit an sich erreicht werden. Man könnte es auch als Ehrfurcht bezeichnen.
Betrachtet man etwa den alttestamentarischen Bericht vom Goldenen Kalb, heutzutage vielleicht bekannter aus dem sprichwörtlichen Tanz um dasselbe, können auf die Schnelle drei, vier Wahrheiten identifiziert werden: die historische Wahrheit (Hat das wirklich so stattgefunden?), die theologische (Was will uns Gott, so es ihn gibt, damit sagen?), die psychologische (Warum sind Menschen so leicht verführbar?) und die aktuelle, deontische Wahrheit (Was sollen wir heute aus dieser Geschichte lernen und wie entsprechend handeln?). Und mit etwas Nachdenken kommen bei jedem Teilaspekt Fragen nach weiteren Wahrheiten auf.
Allein die historische Wahrheit im Sinne von Faktum und Datum ist offen für so viele weitere Wahrheiten, die im Laufe der Zeit auch ganz gegensätzliche Interpretationen zulassen, daß man mit der Suche nach der Wahrheit wohl nie an ein Ende kommt – was aber nicht heißt, daß es diese nicht gibt. Beispielsweise die deutsche Wiedervereinigung. Wem ist sie zu verdanken? Dem Papst? Gorbatschow? Kohl? Den ostdeutschen Montagsdemonstranten? Dem Umstand der Pleite des Sozialismus? Reagan, der den Sozialismus in Grund und Boden gerüstet hat? Die Antworten werden je nach Wissensstand und politischem Standpunkt durchaus unterschiedlich ausfallen. Auch am Beispiel des Deutschen Ordens lässt sich das zeigen: Die berühmte Niederlage bei Tannenberg am 15. Juli 1410 gegen ein vereinigtes polnisch-litauisches Herr ist recht gut erklärbar, militärisch, sozio-ökonomisch, technisch. Es lassen sich die politischen Bedingungen erhellen, man kann auf das Bernsteinmonopol des Ordens und entsprechende Begehrlichkeiten verweisen. Aber das verhinderte nicht, dass die Frage nach der tieferen Wahrheit dieses Ereignisses im 19. Jahrhundert und in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts gestellt und dabei zum Spielball der Politpropaganda geworden ist, hüben wie drüben. Zum Glück gibt es diese jeweils einseitigen, partiell abstrusen Interpretationen so nicht mehr, aber die Frage bleibt: Was ist die letzte Wahrheit dahinter? Es gibt sie, sie ist größer als die Einzelfakten, die sie bilden, sie mag sogar für den Menschen unerkennbar bleiben, sie mag nicht in der Diskussion erreichbar sein – aber sie ist da. Ganz so wie es an jedem Wahlabend nach Schließung der Wahllokale ein Ergebnis gibt – und viele Interpretationen, auch lächerliche. Aber nur eine Gesamtwahrheit.
Bevor eine Gesamtdefinition von Wahrheit versucht werden soll, noch eine Vertiefung des Besprochenen anhand zweier weiterer durchaus bekannter Fragestellungen. Beide zeigen die bloß näherungsweise zu beantwortende Wahrheitsfrage auf vielen Feldern des menschlichen Nachdenkens und Forschens und lassen den Betrachter zurück, manchen mit dem Gefühl der Vergeblichkeit menschlichen Tuns und Erkennens, andere – hoffentlich die große Mehrheit – mit dem zuversichtlichen Wissen, dass der Umstand der Vorläufigkeit menschlichen Denkens Endgültiges und Wahres nicht ausschließt, sondern geradezu drauf hinweist.
Das eine ist das philosophische Problem der Identität. Es handelt sich dabei um kein neues Problem, sondern um ein seit den alten Griechen bekanntes und auch durch moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht widerlegtes, das neu aufgeworfen wird. Die Alten verwendeten dazu das Gleichnis von Theseus‘ Schiff, einem gedachten Kahn, dessen schadhafte Planken nach und nach ausgetauscht werden, bis zum Schluss alle ausgetauscht sind. Ist das dann noch Theseus‘ Schiff? Ja, könnte man sagen, sofern Theseus das Schiff aktuell benutzt – ein bekannter Lösungsansatz, der sich auch bei der „Air Force One“ zeigt, also jedem Luftfahrzeug der amerikanischen Luftwaffe, auf dem sich gerade der Präsident befindet, unabhängig von dem schönen blauen Flugzeug das man häufig im Fernsehen sieht und von dem es übrigens zwei gibt. Oder beim Papamobil, immer mit dem Nummernschild SCV-1; Papstauto ist jenes, worin der Papst sitzt und sonst keines. Aber mit der bloßen Benennung ist das Problem der materiellen Identität nicht gelöst. Was wäre nämlich, wenn man die vorgenannten, herausgelösten Planken alle gesammelt und nach dem Gesamtaustausch zu einem zweiten, baugleichen Schiff zusammengesetzt hätte. Was wäre dann in Wahrheit Theseus‘ Schiff? Das neue, auf dem er jetzt sitzt, oder das alte, neu zusammengesetzte, mit dem er seine wichtigsten Fahrten gemacht hat? Und was passiert, wenn Theseus stirbt? Man könnte von einer Art spirituellem Weiterleben sprechen, so wie dies in Japan geschieht, wo die meisten Shinto-Schreine nach 20 Jahren aus neuem Holz neu errichtet werden, der geistliche Gehalt des Ortes aber derselbe bleibt. So könnte man auch auf die Frage nach der Identität des Menschen antworten und damit gleichzeitig einem harten Materialismus eine Absage erteilen: Auch der Mensch bleibt derselbe, mögen sich auch seine Zellen in regelmäßigen Abständen erneuern.
Ein harter Materialismus hätte zur Folge, dass kein Mensch für sein Tun verantwortlich sein und zur Rechenschaft gezogen werden könnte, nicht erst über einen längeren Zeitraum, sondern praktisch schon am folgenden Tag nicht mehr, schließlich ist er ja seit seinem Banküberfall gestern nach dem Verlust dreier weiterer Haare und einiger Hautschuppen nicht mehr derselbe. Ein harter Materialismus kennt nur Augenblickswahrheiten.
Das zweite Beispiel ist ebenfalls nicht mehr ganz neu, lässt uns aber genauso ohne endgültige, für uns begreifbare Antwort zurück, wissend, dass es sie geben müsste – freilich außerhalb und hinter der hier zu betrachtenden Quantenphysik –, sie uns aber verschlossen bleibt. Es handelt sich um die Heisenbergsche Unschärferelation. Eine eingehende Erläuterung dieses Phänomens kann hier nicht erfolgen und ist auch nicht Gegenstand der Überlegungen. Nur soviel sei dazu gesagt: Je genauer die Messung des Ortes eines Teilchens, desto ungenauer gleichzeitig die Messung seines Impulses. Eine gleichzeitige äußerste Genauigkeit in der Messung bleibt dem Menschen verschlossen. Allein schon das Beobachten der einen Größe verändert die andere. Die Antwort auf die Frage nach dem genauen, wahren Zustand aller Faktoren ist unzugänglich, d.h. aber nicht, dass es sie nicht gibt.
Damit soll ein Versuch unternommen werden, den Begriff Wahrheit zu definieren – nicht zum ersten Mal. Im Hochmittelalter, einer Zeit, die bedeutend besser ist als ihr Ruf, definierte der große Heilige Thomas von Aquin, ein Hauptvertreter der sogenannten Scholastik, die Wahrheit als die Übereinstimmung der Dinge mit dem Verstand, die Erkenntnis erfasst dabei das Objekt, so wie es ist. Hier muss nicht Kant bemüht werden, der die Erkenntnis des Dings an sich bestritt, es genügt das oben Gesagte, um den Wahrheitsbegriff weiter zu fassen, denn wahr ist eben auch vieles, was die menschliche Erkenntnis nicht um- oder erfasst. Wahrheit ist vielmehr als alles das zu verstehen, wonach sinnvoller Weise gefragt werden kann, „sinnvoll“ hier nicht als mit praktischem Nutzen versehen, sondern in der Bedeutung von formell sinnvoll. Ob etwa Rot musikalischer ist als Donnerstag ist keine sinnvolle Frage, deren Beantwortung prinzipiell möglich wäre.
Der 2006 verstorbene Innsbrucker Jesuit und Philosoph Emerich Coreth entwickelte aus dieser sehr allgemeinen Definition von Wahrheit einen recht kurzen Gottesbeweis. Gott existiert, denn man kann nach ihm fragen. Etwas genauer gesagt: Die an sich sinnvolle Frage nach der Existenz Gottes kann nur von Gott selbst beantwortet werden. Dazu benötigt man die Definition Gottes aus dem frühen 6. Jahrhundert durch Boethius, nachdem Gott dasjenige ist, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Ein Wesen, das geringer ist als Gott, kann die Frage nach dessen Existenz zwar stellen, aber die Antwort nicht vollständig erfassen, es wird die Existenz erkennen können, aber nicht alles, was diese impliziert. Ein Wesen, das größer ist als Gott, kann diesen vollständig erkennen, ist aber wiederum größer als das bis dahin gedachte größtmöglich Gedachte, das dadurch definitionsgemäß nicht mehr Gott ist, diesen Titel gleichsam abgeben muss. So fällt in Gott und nur in Gott die Selbsterkenntnis genau mit der Wahrheit, die diese ausmacht, in eins, es fehlt nichts an Sein, an Allmacht und Allwissen, kurz an der Wahrheit an sich. Coreths Gottes-Herleitung ist damit eine Fortentwicklung des ontologischen Gottesbeweises anhand des Wahrheitsbegriffs.
Anders argumentiert der katholische Philosoph Robert Spaemann, der einerseits in der Gottesfrage ebenfalls vom Wahrheitsbegriff ausgeht, die Frage nach Gott und ihre Beantwortung andererseits aber nicht als aus dem Gottesbegriff ontologisch, also seinsmäßig offenkundig, behauptet. Er geht vom Menschen aus, den er als freies und begrenztes Wesen ansieht, das bei aller Begrenztheit wahrheitsfähig ist. Diesem Menschen ist die Frage nach Gott als, wie er es nennt, „unsterbliches Gerücht“ eingepflanzt. Der Mensch sucht zu verstehen, sucht weiter, auch wenn er um die Vorläufigkeit und die Grenzen seiner Einsicht weiß. Der Mensch unterscheidet sich, so ist zu ergänzen, genau dadurch vom Tier, dass er Fragen stellt. Diese Fragefähigkeit macht ihn wahrheitsfähig.
Für Spaemann – ich schließe mich dem ausdrücklich an – besteht das große Elend der modernen Gottlosigkeit auch nicht so sehr im moralischen Verfall, sondern in der Weigerung des Menschen, überhaupt noch Fragen zu stellen und bestimmte Fragen, insbesondere die nach Gott, als uninteressant abzutun. Für den Menschen ohne Frage wird dann die Wahrheit irrelevant, letztlich verliert die Wirklichkeit ihren Sinn, die Handlung die Verantwortung, das Ereignis die Bedeutung.
Aus der Wahrheitsfähigkeit des Menschen leitet Spaemann seinen Erweis der letzten Wahrheit und damit Gottes ab. Es ist z.B. wahr, dass Sie jetzt diesen Text lesen, und dieser Umstand wird in alle Ewigkeit wahr sein, d.h. es wird niemals nicht gewesen sein, dass Sie mit Ihren Augen auf diese Zeilen geblickt haben. Aus dieser Wahrheit folgen weitere Wahrheiten, wie die Antwort auf die Frage nach der Anzahl der Gesamtleser, die Akademikerdichte, das monatliche Gesamtbruttoeinkommen aller Leser usw. Bis in die kleinste Wahrheit hinein wird diese immer wahr bleiben. Gott ist hier der letzte Garant der Wahrheit, ja die Wahrheit an sich. Er ist der Allwissende, der die Antwort auf jede Frage kennt. Die letzte Wahrheit, welche die aktuelle Wahrheit wahr macht. Und der dem Ganzen Sinn verleiht, denn er kennt nicht nur die Zahl der Sterne und die Antwort auf die Frage nach dem Verbleib des Bernsteinzimmers, sondern auch jene auf die Frage nach dem Warum und dem Wieso.
Nun könnte man meinen, dass damit schon der christliche Aspekt dieser Überlegungen abgehandelt ist, aber dem ist nicht so. Die bloße Existenz Gottes, eine allumfassenden Wahrheit, einen Punkt aller Antworten zu akzeptieren, ist noch kein Glaube. Es ist Deduktion, keine Liebe oder Vertrauen. Und sie beinhaltet auch keine Sehnsucht nach der Unendlichkeit, im Gegenteil, die so erschlossene Gesamtwahrheit ist kalt und hart.
Das lässt sich bei dem Teil der Wahrheit zeigen, der dem Menschen bei allen Einschränkungen prinzipiell zugänglich ist, der Vergangenheit. Man kann daraus lernen, das ist das Eine. Zumindest wenn man nicht links ist. Privates Eigentum, die Freiheit, darüber zu verfügen, überhaupt persönliche Freiheit, tragen mehr zur Armutsbekämpfung bei als staatliche Programme, die mit zwangsweiser Umverteilung operieren. Das kann man immer und überall nachweisen, das war letztlich der Grund für den Triumph der Nordstaaten über die Sklavenstaaten des Südens im amerikanischen Bürgerkrieg, für die Zurückdrängung der Armut in China oder Vietnam trotz nomineller Beibehaltung des sozialistischen Systems, sowie das ansonsten vollständige Scheitern eben dieses Systems im Ostblock und auch sonstwo. Dennoch meinen manche, das System sei nur falsch verstanden worden, man solle es nochmal versuchen und mehr davon, dann klappe es bestimmt. Beispiele gibt es genug: Mietpreisbremse – funktioniert nicht, was man mit volkswirtschaftlichen Grundkenntnissen schon vorher wissen hätte können; Für die bundesdeutsche Linkspartei heißt es dennoch: Härtere Mietpreisbremse fordern. Bildungspolitik – Schüler werden immer schwächer; Also: Leistungsansprüche absenken, Schreiben nach Gehör, Abschaffung von Noten, Verbot von Hausaufgaben. Ich bin mir sicher, jeder klar denkende Mitteleuropäer kann weitere Beispiele beisteuern.
Man kann aus der Vergangenheit lernen, weil Sie unveränderlich ist – und damit bisweilen unerträglich, weil sie bei den wirklich wichtigen Punkten zutiefst persönlich ist: Das, was in meinem Leben bisher war, ist wahr und bleibt wahr. Die Psychologie weist zwar darauf hin, dass der Mensch beständig im Inneren an seiner Vergangenheit herumdoktert, um mit ihr zu Rande zu kommen, aber dieser Umstand widerlegt nicht, sondern bestätigt den Befund. Ja, es gibt in der Vergangenheit für jeden von uns Auszeichnungen, bestandene Prüfungen, schöne Urlaube – es gibt aber auch Scheitern und moralisches Versagen, das, was die Kirche Sünde nennt, Handlungen, die wir, selbst wenn wir die Begrifflichkeit nicht teilen, am liebsten ungeschehen machten. Und genau das geht nicht, es bleibt für immer wahr.
Nun blickt der Mensch nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft, zumindest weiß er, dass es diese gibt und das man hier auch sinnvolle Fragen stellen kann, die, man ahnt es, wahr beantwortet werden können. Nicht von uns, aber es gibt die Antworten, etwa auf die Frage nach den Lottozahlen des kommenden Wochenendes, Zusatzzahl und Super 6 eingeschlossen. Dummerweise gibt es die Zukunft betreffend auch nicht ganz so lustige Fragen, die obendrein höchstpersönlich sind, gewissermaßen eine individuelle Wahrheit als Antwort haben, genau auf jeden einzelnen zugeschnitten. Etwa die Frage nach Datum, Uhrzeit, Ort und Umstand des eigenen Todes. Die Frage können wir verdrängen, nicht stellen wollen, als unerheblich für das Hier und Jetzt qualifizieren, es ändert nichts am Vorliegen der Antwort.
Und da steht der Mensch nun zwischen der kalten unveränderlichen Wahrheit des Vergangenen und der leichenkalten unerbittlichen Wahrheit der Zukunft und mag sich einsam fühlen, denn nur er allein hat genau diese Geschichte und dieses Ende und diese Wahrheit.
Wie reagieren wir? Wie die meisten Erfolgreichen und überdurchschnittlich Intelligenten, die darum wissen – für die anderen gibt es Playstation und RTL II – zynisch? Etwa wenn wir als Chef mitten in unseren Pflichten gestört werden, weil da irgendjemand subalternes in der Firma Ärger macht und vom rührigen Betriebsrat oder Personalchef zur endgültigen Entscheidung überstellt wird. Und der dann auch noch behauptet, die Wahrheit gesagt zu haben. Was soll man sagen? Mit der eigenen Erfahrung hinsichtlich des Zustands der Welt, angesichts der eigenen Lebensgeschichte, dem Wissen um den Zustand des durchschnittlichen menschlichen Charakters? Was ist Wahrheit? Das bekommt der Betreffende noch zu hören und dann einen Karton überreicht.
Die Wahrheit als solche mag es geben.
Aber sie erscheint gerade wegen ihrer Endgültigkeit, ihrer bei aller Individualität völligen Unpersönlichkeit und schlußendlichen Unbarmherzigkeit nicht wirklich attraktiv. Sie mag die Existenz Gottes erweisen, aber dieser Gott ist ein deistischer Gott, die Uhr wird aufgezogen, laufen gelassen und irgendwann kommt das Ende. Die Wahrheit, die mir etwas zu sagen hat, muss mir nahe sein, mir etwas bedeuten, muss wirklich wahr sein ohne falsche Tünche über meine Geschichte, muss mich begleiten und wahr sein über den 18. Oktober 2038, 16:29, Uniklinik, Herzinfarkt hinaus.
Hier nun wird der genuin christliche Wahrheitsbegriff deutlich. Zunächst muss man – sofern vorhanden – den Irrglauben ablegen, beim Christentum gehe es um ein gutes Gefühl. Das ist weit verbreitet, aber bloße Sentimentalität bzw. Emotivismus. Christentum ist auch kein ethisches Lehrgebäude, ethische Forderungen des Christentums ergeben sich aber aus seinem Glauben an eine absolute Wahrheit, die Gott ist, die aber nicht fern ist, sondern dem Menschen ganz nah. Die Wahrheit kommt in diese Welt und spricht zu den Menschen, nicht durch kluge Lehrer wie zuvor, nicht durch heilige Schriften, sondern durch eine Person, Jesus. Kein Hippie, kein Arier, kein Softie, kein Protosozi oder was dergleichen über ihn allein in den letzten hundert Jahren im Umlauf gebracht wurde, sondern ganz Mensch, der mit uns empfinden kann und ganz Gott, der allmächtig und allwissend, kurz, die Wahrheit selbst ist.
Genau davon spricht das Evangelium. Lukas etwa erwähnt den Umstand, dass der neugeborene Jesus in Windeln gewickelt wurde, nicht zufällig. Hier ist einer Mensch. Aber damit es nicht nur menschelt, ist Lukas durch den Prolog des Johannesevangeliums zu ergänzen. Johannes benutzt nur einen Begriff, um die göttliche Natur Jesu zu beschreiben, fast unübersetzbar, Faust arbeitet sich in seinem Studierzimmer daran ab: Kraft, Sinn, Tat. Johannes verwendet den griechischen Ausdruck Logos, den Menschen seiner Zeit bekannt mit den Bedeutungen Begriff, Vernunft, schöpferischer Weltgeist. Die heutige Bibel verwendet den Ausdruck Wort – Wort, mit dem und durch welches Gott zu uns spricht. Man kann es auch mit Wahrheit übersetzen, denn der hier als vor- und überzeitlich, allwissend und schaffend, mithin göttlich bezeugte Jesus, bezeichnet sich selbst als die Wahrheit.
Die Wahrheit ist hier keine bloße Faktenwahrheit, auch nicht nur eine Aussageabsicht, sie ist gleichzeitig Weg und Leben, sie ist Person, die befreit. Und diese ist nicht kalt und unerbittlich, ja sie zeigt sich gerade dadurch allmächtig und allwissend, dass sie die Vergangenheit des Menschen nicht unerbittlich bezeugt und ihm vorhält, sondern stärker ist, indem sie vergeben kann und auch vergibt. Hier sind wir wieder bei der Definition Boethius‘: Der vergebende Gott ist größer gedacht als der bloß Notiz nehmende, die personale Wahrheit umfassender als die faktische, der Mensch gewordene Gott mächtiger als der ferne Seins-Klotz. Es ist nicht einfach Spekulation, wenn derselbe Johannes Gott später als die Liebe bezeichnet.
Aber Johannes ist kein Naivling, er weiß um die Realität. Das Wort, der Weg, die Wahrheit und das Leben, die göttliche Allmacht kommt in sein Eigentum, aber das, was ihm gehört, interessiert sich nicht für ihn. Die Seinen hätten ihn nicht aufgenommen, schreibt Johannes. Den meisten Menschen ist die Wahrheit egal, ja, sie wird bekämpft bis zum Äußersten. Aber diejenigen, die diese Wahrheit nicht bekämpfen, was ist mit ihnen? Für sie ist die Wahrheit weder kalt, noch nur faktisch, noch zeitgebunden, noch nur das Erkennbare betreffend – sie ist ein Licht, das in der Finsternis leuchtet. Sie ordnet ein, erklärt und lässt verstehen – die kleinen Dinge des eigenen Lebens und die großen Zusammenhänge der Welt, das Menschliche und das Göttliche. Wenn also die Wahrheit als solche anfassbar wird, Fleisch wird und unter uns wohnt, was ist dann mit denen, die sie annehmen? Werden sie klüger, anerkannter, bessere Menschen, moralisch rein? Werden die unangenehmen Wahrheiten zugekleistert, ist alles nicht so schlimm? Nein, die Wahrheit, die in diese Welt gekommen ist, achtet die Freiheit des Menschen und deshalb leugnet sie nicht, weder die Vergangenheit, noch die Zukunft. Aber sie bleibt größer, durch Vergebung und Hoffnung. Und so weiß Johannes, dass der Mensch, der die umfassende Wahrheit, das Wort, das Licht, zugelassen und aufgenommen hat, nicht bloß ein bisschen besser und weniger ängstlich wird, sondern Macht erhält, ein Kind Gottes zu werden.
So fern steht niemand von der Wahrheit, als dass das unmöglich wäre. Manchmal steht die Wahrheit unmittelbar vor einem und man übersieht sie förmlich, weil man nicht umdenken kann, weil fest eingebunden in die eigene Erfahrung, die Machtfülle, den Stress, den Alltag, die Mehrheitsmeinung, den Zeitgeist. Manchmal kann die Wahrheit ganz schön stören und der Mensch ist bemüht, mit ihr final fertig zu werden. Was ist schon Wahrheit? Hat doch jeder was Eigenes. Das Johannesevangelium, das nicht nur fromm, sondern auch große Literatur ist, schildert diese Lebenserfahrung anhand des Verhörs Jesu durch Pilatus, der auf die Versicherung Jesu, dass es die Wahrheit gibt, dass sie in Gott zu finden ist und dass er selbst die Wahrheit vermittelt, mit eben dieser je nach Betonung zynischen, herausfordernden, zweifelnden, erwartenden oder philosophischen Frage entgegnet: Was ist Wahrheit?
Da man im Mittelalter in den Klöstern Latein sprach und schrieb und viel Zeit hatte, über solche Fragen nachzudenken, fiel irgendwann einem Mönch auf, dass man die lateinische Frage „Quid est veritas?“ – „Was ist Wahrheit?“ auch anagrammatisch umstellen kann. Und dann wird aus der Frage des Pilatus gleichzeitig die Antwort, die sich nur dem erschließt, der umzudenken bereit ist: „Est vir qui adest“ – „Es ist der Mensch, der hier anwesend ist“. Hier Jesus vor Pilatus und jeder Mensch, der hier und heute mir der Nächste ist, der mich wahrhaftig braucht, eine im Wortsinne liebenswerte Person.
Der Mensch, der die Wahrheit sucht, sucht letztlich immer Gott. Und wenn er ihn findet, findet er auch sich selbst, findet die ganze Wahrheit, die frei macht. Und so lässt sich auch das eingangs geschilderte Regenwetterproblem lösen: Wenn der Mensch aufhört, nur seiner eigenen Wahrheit anzuhängen, wenn er sich für die ganze Wahrheit öffnet und frei wird, die Wirklichkeit durch die Augen des Anderen und letztlich Gottes zu betrachten versucht, was nicht ohne Liebe zur Wahrheit an sich wie zur Wahrheit des Nächsten möglich ist, dann wird er sich an der Wahrheit freuen, dann wird die Wahrheit ihn selbst frei machen. Die Liebe freut sich an der Wahrheit, die erkennbar wird für den, der liebt, über bloße Zahlen, Fakten und Umstände hinaus. Philosophische Fragen und Antworten, Identitätsproblematik, Unschärfetheorie, geschichtliche Ereignisse und politischer Diskurs sind damit wichtige aber nicht abschließende Aspekte der Wahrheitssuche. Letztlich ist es also nicht die Masse der gewussten Einzeldinge, die den Menschen die Wahrheit finden lassen, sondern seine Fähigkeit und Bereitschaft, der letzten Wahrheit Raum in seinem Leben zu geben – der Wille, zu lieben.

Die im Rahmen der Notizen veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Die Familie als Hauskirche persönlich erfahren

Der Autor Dr. Athanasius Schneider ist Weihbischof der Erzdiözese der Heiligen Maria in Astana.

Wir leben in einer Zeit, in der eine der schönsten Schöpfungen Gottes, nämlich Ehe und Familie, einem Generalangriff seitens einer neuen atheistischen, neo-kommunistischen Ideologie-Diktatur ausgesetzt ist, welche mittlerweile beinahe weltweit politische und mediale Macht gewonnen hat. Rätselhaft und schmerzlich ist dabei vor allem die Tatsache, dass wir heutzutage Kollaborateure mit diesem Generalangriff auf Ehe und Familie sogar in den Reihen des Klerus entdecken. Die christliche Familie muss sich heute einer Art neuem Goliath stellen.
Die Familie und die gesamte menschliche Gesellschaft können nur dann gedeihen, wenn die göttliche Wahrheit über die Ehe und Familie beachtet wird, wie es Papst Leo XIII. lehrte: „Von Anfang an lag es im Plan der göttlichen Weltordnung, dass das, was im Gesetz Gottes und der Natur begründet ist, uns desto mehr Nutzen und Heil bringt, je mehr es unverletzt und unverändert in seinem ursprünglichen Sinn bewahrt wird. (…) Wenn aber Unbesonnenheit oder Bosheit der Menschen diese in höchster Weisheit bestimmte Ordnung der Dinge ändern und verkehren will, dann erweisen sich auch die als nützlichst ausgedachten Einrichtungen als schädlich oder als nutzlos, sei es, dass sie durch die Veränderung ihren wohltätigen Einfluss verloren haben oder dass Gott selbst in dieser Weise den Hochmut und die Verwegenheit der Sterblichen straft. Jene aber, die die Heiligkeit der Ehe leugnen, sie ihrer höheren Würde vollständig entkleiden und dem Gebiete der rein profanen Gegenstände zuweisen, untergraben die Fundamente der Natur, sie widerstreben den Ratschlüssen der göttlichen Vorsehung und richten deren Institutionen mit Gewalt zugrunde” (Enzyklika Arcanum Divinae, 25).
Wegen ihrer Treue zu den Geboten Gottes werden in unseren Tagen Familien, Jugendliche, Priester und Bischöfe im Namen der neo-marxistischen Gender-Weltideologie oft verspottet und verfolgt. Es gibt aber auch Familien, Jugendliche, Priester und Bischöfe, die sogar im kirchlichen Umfeld wegen ihrer Treue zur Vollständigkeit des katholischen Glaubens und der Liturgie, wie sie uns von unseren Vorvätern überliefert wurde, ausgegrenzt, verspottet und verfolgt werden.
Um ihrer Berufung treu zu bleiben, soll die katholische Familie insbesondere das tägliche gemeinsame Gebet pflegen. Papst Pius XII. sprach dazu zu den Neuvermählten: „Wir bitten euch, nehmt es euch zu Herzen, diese schöne Tradition der christlichen Familien zu bewahren, nämlich das gemeinsame Abendgebet. Die Familie versammelt sich am Ende jeden Tages, um den göttlichen Segen zu erflehen und die unbefleckte Jungfrau Maria im Lobgebet des Rosenkranzes zu ehren zum Schutze aller, die unter demselben Dach schlafen. Die harten und unerbittlichen Forderungen des modernen Lebens geben euch keine Zeit, einige Augenblicke Gott zu danken, noch gemäß einem alten Brauch, eine kurze Biographie des Heiligen zu lesen, den uns die Kirche jeden Tag als Vorbild und als besonderen Beschützer vorstellt. Bemüht euch selbst diesen kurzen Augenblick Gott zu weihen, um Ihn zu loben und Ihm eure Wünsche, Nöte, Leiden und Eure Beschäftigungen darzubringen. Der Mittelpunkt eures Heimes soll das Kruzifix oder das Bild des Heiligsten Herzens Jesu sein: Möge Christus über euer Heim herrschen und jeden Tag euch um sich versammeln“ (Ansprache an die Neuvermählten, 12. Februar 1941).
In den folgenden Zeilen möchte ich die Familie als Hauskirche in meiner persönlichen Lebenserfahrung darstellen. Meine Mutter Maria Schneider (geb. Trautmann) war diejenige, die mir nicht nur das natürliche Leben schenkte, sondern jene, die mir im Jahre 1961 in Tokmak, in der damaligen Sowjetrepublik Kirgisien, das Sakrament der Taufe spendete, durch das ich das übernatürliche Leben der Gnade erhielt.
Da in jener Zeit die meisten Priester im Gefängnis waren und die Gläubigen in Kirgistan nicht wussten, wann ein Priester, natürlich heimlich, vorbeikommen würde, wollten die gläubigen Mütter ihre Kinder nicht allzu lange ohne Taufe im Ungewissen lassen. Eine Woche nach meiner Geburt nahm meine Mutter daher im Beisein meines Vaters meine Taufe vor. Sie nahm das Gebetbuch, in dem der Taufritus beschrieben war, goss Wasser über mein Haupt und sprach die trinitarische sakramentale Formel aus, wie im Gebetbuch beschrieben. Nach der Taufe fragte sie meinen Vater, ob sie alles richtig gemacht hätte. Mein Vater antwortete ihr, dass er das nicht wisse. Darauf wiederholte meine Mutter noch einmal den ganzen Taufritus, um sicher zu sein, dass ich gültig getauft sei. Ein Jahr später kam ein litauischer Jesuit namens Pater Antonius Siskevicius vorbei. Er sagte, man solle ihm alle Kinder bringen, die noch nicht oder nicht von einem Priester getauft sind. Er hatte grundsätzlich Zweifel an den Taufen, die nicht von einem Priester gespendet wurden. Darauf brachte mich meine Mutter zu Pater Antonius und er taufte mich noch einmal. Im Jahre 1962 suchte der selige Märtyrerpriester Alexij Saritski unser Haus in Tokmak auf. Aus Dankbarkeit meiner Mutter gegenüber, die ihn 1958 im Ural vor der Verfolgung der Polizei gerettet hatte, feierte er in unserem Haus die hl. Messe.
Die Rettung des seligen Märtyrerpriesters Alexij Saritski ging folgendermaßen vor sich, wie mir meine Mutter erzählte: Nach dem Zweiten Weltkrieg deportierte das stalinistische Regime viele Deutsche aus der Schwarzmeergegend und aus dem Wolgagebiet zur Zwangsarbeit in das Uralgebirge. Alle Deutschen wurden in armseligen Hütten in einem Ghetto der Stadt interniert. Darunter waren mehrere tausend deutsche Katholiken. Oft begaben sich unter größter Geheimhaltung einige katholische Priester zu ihnen, um ihnen die Sakramente zu spenden. Sie taten dies und setzten dabei ihr Leben aufs Spiel. Unter diesen Priestern, die öfter kamen, war Pater Alexij Saritsky, ukrainischer griechisch-katholischer Priester, der auch im lateinischen Ritus zelebrierte. Er starb als Märtyrer am 30.10.1963 im sog. „Karlag“ in der Nähe von Karaganda und wurde von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2001 seliggesprochen. Die Gläubigen nannten ihn liebevoll den „Vagabunden Gottes”. Es war 1958: Pater Alexij kam plötzlich heimlich aus seinem Exil in Karaganda/Kasachstan in die Stadt Krasnokamsk bei Perm im Ural. Er bemühte sich, so viele Gläubige wie möglich auf den Empfang der heiligen Kommunion vorzubereiten. Deshalb hörte er buchstäblich Tag und Nacht Beichten, ohne zu schlafen und zu essen. Die Gläubigen ermahnten ihn: „Herr Pater, sie müssen essen und schlafen!“ Er aber antwortete: „Ich kann nicht, weil mich die Polizei von einem Augenblick zum anderen festnehmen kann und dann blieben viele Personen ohne Beichte und folglich ohne Kommunion.“ Als alle gebeichtet hatten, begann Pater Alexij die heilige Messe zu lesen. Plötzlich ertönte eine Stimme: „Die Polizei ist in der Nähe!“ Maria Schneider wohnte der heiligen Messe bei und sagte zum Priester: „Pater, ich kann Sie verstecken, fliehen wir!” Die Frau führte den Priester in ein Haus außerhalb des deutschen Ghettos und versteckte ihn in einem Zimmer, wohin sie auch etwas zu essen brachte. Dabei sagte sie: „Pater, jetzt können Sie endlich essen und ein wenig ausruhen und wenn die Nacht beginnt, fliehen wir in die nächste Stadt.” Pater Alexij war traurig, weil zwar alle gebeichtet hatten, aber die heilige Kommunion nicht hatten empfangen können, da die kaum begonnene heilige Messe durch das plötzliche Auftauchen der Polizei unterbrochen worden war.
Als der Abend kam, begann man die Flucht vorzubereiten. Maria Schneider ließ ihre beiden kleinen Kinder (einen kleinen Jungen von zwei Jahren und ein Mädchen von sechs Monaten) bei ihrer Mutter und rief Pulcheria Koch (meine Großtante, Schwester meines Großvaters Sebastian Schneider). Die zwei Frauen und flohen dann mit Pater Alexij zwölf Kilometer durch den Wald, im Schnee und bei einer Kälte von minus 30 Grad. Sie kamen zu einem kleinen Bahnhof, kauften die Fahrkarte für Pater Alexij und setzten sich in den Wartesaal, weil sie noch eine Stunde auf die Ankunft des Zuges warten mussten. Plötzlich öffnete sich die Tür und ein Polizist trat ein. Er ging direkt auf Pater Alexij zu und fragte ihn: „Und Sie, wohin fahren Sie?” Der Pater war vor Schreck nicht fähig zu antworten. Er fürchtete nicht um sein eigenes Leben, sondern um das Leben und das Schicksal der jungen Mutter Maria Schneider. Die junge Frau jedoch antwortete dem Polizisten: „Dies ist unser Freund und wir begleiten ihn. Hier ist seine Fahrkarte”, und sie zeigte dem Polizisten die Fahrkarte. Als dieser die Fahrkarte sah, sagte er zum Priester: „Steigen Sie bitte nicht in den letzten Wagen, denn dieser wird an der nächsten Station vom übrigen Zug abgehängt. Gute Reise!“. Sogleich verließ der Polizist den Wartesaal. Pater Alexij schaute Maria Schneider an und sagte zu ihr: „Gott hat uns einen Engel geschickt! Ich werde nie vergessen, was Sie für mich getan haben. Wenn Gott es mir erlaubt, werde ich zurückkehren, um euch die heilige Kommunion zu reichen und in jeder meiner Messen werde ich für Sie und Ihre Kinder beten.“ (siehe mein Buch „Dominus est“).
Meine Mutter wurde dann auch die eigentliche Religionslehrerin meiner drei Geschwister und meiner Person. Wir hatten zuhause regelmäßig Unterricht zum Katechismus und zu biblischer Geschichte. Das Morgen- und Abendgebet verrichteten wir alle zusammen. Als wir noch im Kirgistan lebten und keine Priester hatten, gestalteten meine Eltern an den Sonntagen vormittags eine Gebetsstunde mit der ganzen Familie. Wir haben uns geistiger Weise mit den Hl. Messen verbunden, die in den katholischen Kirchen gefeiert wurden und vollzogen den Akt der geistigen Kommunion. Diese sonntäglichen Gebetsstunden mit Vater, Mutter und den Geschwistern sind eine der schönsten und lebendigsten Erinnerungen aus meiner Kindheit. Mir bleibt nichts anders übrig als zu sagen: „Quanta gratia!“ (was für eine große Gnade war das!).
1973 durften wir dann auf wunderbare Weise aus der Sowjetunion nach Westdeutschland ausreisen. Wir kamen nun in die Freiheit, in den Westen. Wir dachten zunächst, dass wir von nun an keine Hindernisse mehr haben würden, den katholischen Glauben zu praktizieren. Nach einiger Zeit mussten wir aber feststellen, dass es wieder Hindernisse gab, diesmal nicht von außerhalb der Kirche, sondern unbegreiflicherweise von innerhalb. Meine Eltern mussten die bittere Erfahrung machen, dass man sie manchmal als rückständig bezeichnete, dass man ihre überlieferte Frömmigkeit bespöttelte. Meinen Geschwistern passierte es einmal, dass man ihnen die hl. Kommunion verweigerte nur, weil sie sie kniend empfangen wollten, wie sie das von jeher gewohnt waren. Wir mussten manchmal Gottesdienste erleben, die eher eine Show oder ein Diskokonzert waren. Ich erinnere mich oft, wie meine Eltern und meine Geschwister nach solchen Messbesuchen litten und meine Mutter weinte. Als meine Mutter einmal deswegen in großer innerer Not war, rief sie mich an, ich war damals schon Priester, und sagte mir: „Weißt Du, ich würde lieber wieder unter der kommunistischen Verfolgung leben wollen und dort meinen Glauben leben, als hier unter diesen Zuständen im freien Westen“.
Wir machten also die Erfahrung, dass die Prüfung des Glaubens und der Weg des Leidens nicht aufhörten, als wir in die Freiheit kamen. Und doch hat der Herr meinen Eltern so viel Glaubensgeist gegeben, dass sie nicht resignierten, sondern diese neuen Leiden aus Liebe zur Kirche annahmen und es für die Heiligung der Priester aufopferten und allen Priestern mit Ehrfurcht begegneten, selbst jenen, die sie durch ihr ehrfurchtsloses Verhalten verletzten. Sie sahen nämlich im Priester den Gesalbten des Herrn.
Das Geschenk des katholischen Glaubens ist tatsächlich das größte Geschenk, das Gott einem Menschen auf dieser Erde geben kann. Die Weitergabe des katholischen Glaubens in seiner Vollständigkeit und Schönheit verlangt große Treue und manchmal auch ein großes Leiden. Und das ist wiederum ein Geschenk Gottes.
Diese Weitergabe geschieht nach dem weisesten Plan Gottes am besten und wirkungsvollsten durch beide Eltern in der Familie, und das von Generation zu Generation. Wie glücklich sind doch jene Menschen, welche über einige Generationen den katholischen Glauben rein und vollständig in der eigenen Familie empfangen konnten.
Wahrlich, das ist eine sehr große Gnade: „Quanta gratia!“ (was für eine Gnade!) Hier finden wir das Geheimnis der Hauskirche, der „ecclesia domestica“, das eigentliche Apostolat der Laien, in erster Linie das Apostolat und allgemeine Priestertum der katholischen Frau und Mutter. Sie gibt sozusagen mit der Muttermilch den Glauben weiter. Sie wird die erste Religionslehrerin, die erste Vorbeterin in der Hauskirche der Familie. Hier feiert sie eigentlich ihr allgemeines Priestertum, vor allem in den Stunden des mütterlichen Leidens und Schmerzes, die sie um des Glaubens und um des Seelenheiles ihrer Kinder willen erträgt und sich dabei mit dem Opfer des Hohepriesters Jesus vereinigt. Gibt es eine gottwohlgefälligere Ausübung des Apostolats und des allgemeinen Priestertums als das Apostolat der Hauskirche, der Weitergabe des katholischen Glaubens in der Familie, der Erfüllung der allgemeinen Berufung zur Heiligkeit?
Die zweitausendjährige Erfahrung der katholischen Familien, der katholischen Mütter, Väter, Großmütter und Großväter hat diese Wahrheit in unzähligen Lebensbeispielen in allen katholischen Völkern bestätigt. Wie sehr braucht die Kirche, braucht die Menschheit heute wieder solche glaubensstarken katholischen Mütter, Väter, Großmütter und Großväter! Erst die Erneuerung der katholischen Hauskirche im Sinne der beständigen fruchtbaren Erfahrung der Kirche bringt die wahre Erneuerung der Kirche, welche in neuerer Zeit vor allem Papst Pius X. mit seinem Leitwort „Alles in Christus zu erneuern“ (Instaurare omnia in Christo) aufgezeigt hat.
Aus den Herzen aller Gläubigen, in erster Linie der Bischöfe, sollte dieser Gebetsruf aufsteigen: „Herr, gibt uns viele glaubensstarke und viele heilige katholische Mütter, Väter, Großmütter und Großväter und mögen sie uns dann viele gute und heilige Kinder schenken. Und schenke uns, o Herr, aus ihnen dann viele, gute und heilige Hirten der Kirche, damit Christus immer mehr unter den Menschen herrsche und lebe!“
Was für eine schöne Berufung ist es, ein wahrer Katholik zu sein! Was für eine schöne Berufung ist es, für die Unversehrtheit des Glaubens und der göttlichen Gebote zu kämpfen! Was für eine schöne Berufung ist es, eine katholische Familie, eine Hauskirche zu sein! Was für eine schöne Berufung ist es, ein keuscher junger Mann, ein keusches Mädchen zu sein! Was für eine schöne Berufung ist es, ein Seminarist und ein Priester mit einem reinen und brennenden Herzen zu sein!
Wir dürfen keine Angst haben vor dem Goliath unserer Tage, der da ist die neue antichristliche Gender-Diktatur. Die Gabe des Starkmutes des Heiligen Geistes wird uns befähigen, den Goliath unserer Tage mit den fünf Steinen der Schleuder Davids zu besiegen.
Möge der Heilige Geist erneut viele Hauskirchen erblühen lassen, welche uns mit den fünf Steinen Davids ausstatten werden, um Goliath zu besiegen; und diese Steine sind: gute Familienväter und gute Familienmütter, reine Kinder, reine Jugend, reine Priester und unerschrockene Bischöfe. Christus vincit, Christus regnat, Christus imperat!

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Gebet – Dialog mit Gott

Der Autor Bbr. Mag. Patrick Busskamp OPraem ist Pfarrer der Pfarrkirche Amras und Corporationskurat der KÖL Theresiana.

Was ist der Unterschied zwischen einem Franziskaner und einem Jesuiten? Ein Franziskaner bittet den Heiligen Vater, ob er beim Brevier-Beten auch rauchen darf, was der Papst mit sofortiger Vehemenz ablehnt. Der Jesuit hingegen fragt den Heiligen Vater, ob er beim Rauchen auch das Brevier beten dürfe, was vom Pontifex gleich goutiert wird.
Wer betet, und wie wird gebetet? Die Antwort: jeder kann, darf und soll beten. Beten ist keine Sache für „Profis“ (Ordensleute, Priester, Papst). Das „Wie“ ist vielfältig. Gebet kann formal, informell, verbal oder non-verbal, aktiv (also im rituellen bzw. liturgischen Ausdruck) oder kontemplativ sein. In all diesen Formen ist Gebet Kommunikation mit Gott.

Biblische Gestalten im Gebet
Wir können beten, wie „uns der Schnabel gewachsen“ ist, gleich einem Gespräch mit einem Freund. Wir können aber auch nur hinhören, auf das was Gott zu uns spricht. Die heilige Theresa von Avila nennt das das innere Beten: „Denn meiner Meinung nach ist inneres Beten nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt.“ (Das Buch meines Lebens 8,5).
Wie in der Kommunikation mit unseren Mitmenschen, kann man sich eben auch in der Kommunikation mit Gott in verschiedener Art und Weise ausdrücken. Dabei kann Gott auch zu unserem Feind werden, wie auch der Mitmensch zum Feind werden kann. Dementsprechend gestaltet sich dann auch die Kommunikation. So dürfen wir Gott anklagen und mit ihm richten. Da unser Leben nicht nur ein Zuckerschlecken ist, sondern eben auch saure Trauben bereithält, so ist auch unsere Beziehung zu Gott nicht immer nur von Lob und Dank geprägt, sondern eben auch vom Schrei nach dem Warum, dem Klageruf. Es hilft dem Klagebeter, seine Verzweiflung vor Gott in Worte zu fassen oder aber auch fassungslos dazusitzen und zu weinen.
Wir alle kennen die Geschichte des Ijob (Hiob). Als dieser Gott sein ungerechtes Leid vorwarf und dafür von seinen Freunden zurechtgewiesen wurde, stärkte Gott Hiob den Rücken gegen seine besserwisserischen und moralisierenden Freunde (Hiob 42,7). Kein geringerer als unser Herr Jesus Christus selbst ruft klagend am Kreuz: „Eloi, eloi, lemma sabachtani!“ („Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen“ Ps 22,1). Viele Psalmen sind Klagegebete. Es mag dem ein oder anderen unpassend vorkommen, mit Gott zu schimpfen. Doch Gott kennt uns, unser Innerstes. Solange wir uns in unserem Elend klagend an ihn wenden, haben wir an ihm auch noch nicht aufgegeben. Zwei Beispiele aus den Psalmen sollen das hier verdeutlichen: „Herr, wie lange wirst Du mich noch vergessen?“ (Ps 13,2). „Ich rufe zu Gott, ja, ich schreie immer wieder, damit der mich endlich hört.“ (Ps 77, 2). Juden und Christen verehren Abraham als den „Vater des Glaubens“, ein Name, der auch Titel für ihn ist, und damit eine hohe Auszeichnung, weil er in Gott sein ganzes Vertrauen setzte. Er nahm sich Zeit in seinem Leben, um sich durch Gebet ganz in die Gegenwart Gottes begeben zu können. Ein wunderbares Streitgebet ereignet sich zwischen Abraham und Gott im Zusammenhang der Frage, ob die Guten mit den Bösen mit bestraft werden müssen. Um kollektive Verantwortung geht es in dieser Auseinandersetzung und Abraham „gewinnt“: „Nachdem der Herr das Gespräch mit Abraham beendet hatte, ging er weg, und Abraham kehrte heim“ (Gen 18,33) und Sodom wurde verschont ob der zehn Gerechten.
Mose ist in ständigem Gebetskontakt mit Gott. In Ex 33 erfahren wir, dass Gott und Mose von Angesicht zu Angesicht wie Freunde miteinander reden. Im sog. Offenbarungszelt, das auf dem Weg zurück ins Gelobte Land für Mose aufgeschlagen wird, halten die beiden Zwiesprache: „Auch was du jetzt verlangst, will ich tun, denn du hast nun einmal meine Gnade gefunden, und ich kenne deinen Namen“ (Ex 33,17). In Ex 34 gibt sich Gott sodann dem Mose am Sinai zu erkennen, und Gott schließt mit Mose und dem „störrischen“ Volk einen Bund.
Im Zusammenhang mit dem Klagegebet begegnete uns bereits Jesus. Er, der Sohn Gottes, ist der vollkommene Beter, der für uns beim Vater eintritt. In der Begegnung mit Petrus hält Jesus ihm gegenüber fest: „Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre” (Lk 22,32). Es sind dann Jesu Jünger, die den Herrn bitten, ihnen das Beten beizubringen: „Herr, lehre uns beten“ (Lk 11,1), und er gibt ihnen das Vaterunser. Jesus selbst zieht sich immer wieder zurück, um das Gebet mit seinem himmlischen Vater zu suchen. Hier eine Auflistung seiner Gebete: Joh 12,27-28; 17,1-26; Lk 22,31-32; Mt 26,39-42; Lk 22,44; Lk 23,33-34; Mt 27,46; Lk 23,46 – diese letzte Stellenangabe zeugt wohl vom innigsten Gebet Jesu, wenn er sterbend am Kreuz sagt: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Dieses Mandatum Jesu als Beweis seiner totalen Hingabe. Wie Jesus zuvor in Lk 23,34 seinen Vater noch um Verzeihung für seine Peiniger bittet, da sie nicht wüssten, was sie tun, bittet auch der hl. Diakon Stephanus bei seiner Steinigung (Apg 7,60) Gott, die Sünde seiner Folterer nicht anzurechnen, (andere Übersetzung sagt: ihnen die Sünde nicht zu behalten). In diesen beiden Bitten Jesu und Stephanus‘ geschieht im Gebet, was Jesus im Vaterunser lehrt: „Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Echte Beter schaffen diesen Schritt.

Die Dramaturgie des Gebets am Beispiel des hl. Augustinus
Eine ganz besondere Form des Gebets schenkt uns der heilige Kirchenlehrer Augustinus, Bischof von Hippo (354-430). In seinen Confessiones (Bekenntnissen) schafft er eine neue literarische Gattung, durch die er mit seinem bisherigen Leben aufräumt. In brutaler Ehrlichkeit verfasst er dieses Werk in dreizehn Büchern, die sich wie eine Mischung aus Autobiographie und Psalmen lesen. In einer dialogischen Weise gegenüber Gott, aber auch seinen Lesern, legt er all seine Exzesse, Abirrungen, Erschütterungen, seinen Karrierehunger, Hochmut, seine Klagen, Depressionen und Gottesbegegnungen, Lob an den Schöpfer und Dank für die Fügungen dar. Er erfährt mehrere Konversionen, die letztendlich den zweiten Teil seines Lebens zu einem einzigen Gebet machen. Im ersten Buch, Kapitel fünf, betet er: „Wem anders als dir kann ich zurufen? Mach mich rein von verborgenen Fehlern und bewahre deinen Knecht vor fremder Missetat. Ich glaube, darum rede ich, Herr, du weißt es ja. Habe ich dir, mein Gott, nicht mein Vergehen bekannt, und hast du mir nicht vergeben meines Herzens Rücksichtslosigkeit? Wir sehen hier exemplarisch, wie innig er sich in der Beziehung mit Gott erfährt. Sei Gebet ist eine wahre Herzensangelegenheit, aus der heraus er sein ganzes Leben dann auch äußerlich gestaltet. Seine tiefe Gottverwurzeltheit steckt an, so dass sich ihm viele anschließen. Er wird zum geistlichen Vater für viele Menschen seiner Zeit. An die Witwe Proba schreibt er über das Gebet Folgendes: „Durch unser Gebet soll unser Verlangen gestärkt werden, damit wir imstande sind zu erfassen, was Gott zu geben beabsichtigt. Denn dies ist sehr groß, wir aber sind an Fassungskraft klein und beschränkt. Umso fähiger werden wir sein zum Genusse jenes erhabenen Gutes, je treuer wir daran glauben, je zuversichtlicher wir darauf hoffen, je glühender wir nach ihm Verlangen tragen. Immer also wollen wir dieses von Gott erwarten, immer darum bitten. Darum sollen wir von anderen Sorgen und Geschäften weg, die kältend auf jene Sehnsucht wirken, zu gewissen Stunden den Geist zum Gebete rufen, damit wir als unsere eigenen Mahner uns im Gebetswort auf das hin sammeln, was unser Sehnen ist, auf dass nicht ganz erkalte, was schon lau geworden, und nicht ganz erlösche, was je und je entfacht sein will.“ (Ep 130 VIII/17.IX/18) Für den Beter ist es wichtig, nicht nur mit Worten in Gemeinschaft wie z.Bsp. beim Gottesdienst mit Gott in Kommunikation zu treten, sondern vor allem sich in die Stille zurückzuziehen und sich schweigend auf seine Gegenwart einlassen. Augustinus will, das wir durch Gebet, ganz gleich wie wir es praktizieren, unsere Beziehung zu Gott pflegen und damit die Sehnsucht nach einem Leben in Ihm und aus Ihm wach halten. Gebet ist damit die Zündkerze zum Motor Gott. Der Effekt ist das Leben, das wahre Leben.

Das Gebet der Kirche – Die Heiligung des Tages
Der Katechismus formuliert wie folgt: „Gott ruft jeden Menschen unermüdlich zur geheimnisvollen Begegnung mit ihm. Das Gebet begleitet die Heilsgeschichte als ein Rufen Gottes nach dem Menschen und ein Rufen des Menschen nach Gott.“ (KKK 2591). Gebet geschieht also wechselseitig, als dia-logos eben; als Wortaustausch. Das erste Wort dabei kommt von Gott, der mit seinem Wort alles ins Dasein gerufen hat, der uns beim Namen ruft. Der Mensch ist der Antwortende: „Rede Herr, dein Diener hört.“ (1Samuel 3,9). Samuels Mutter Hannah gab ihrem Sohn diesen Namen, weil Gott ihr Gebet erhört hatte, in dem sie ihn bat, ihr einen Sohn zu schenken, den sie wiederum dem Tempel übergab. (1 Samuel). Denn das Wort Samuel bedeutet „Gott erhört“. Das erste Gebet überhaupt ist der Schöpfungshymnus in sechs Strophen mit dem jeweiligen Refrain: „Gott sah alles, was er gemacht hatte, dass es gut was bzw. sehr gut war“ (Gen. 1). Die Psalmen wurden oben bereits erwähnt. Sie sind eine Sammlung von 150 Gebets-, Klage-, Dank- und Lobliedern an Gott. In ihnen wird die ganze Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk besungen und das Kommen des Messias herbei gesehen, herbei gebeten. In Ps 119, 164 heißt es: „Sieben Mal am Tag singe ich dein Lob.“
Die Zahl sieben ist hier symbolisch gemeint, sie findet sich etwa in der Aufforderung des Apostels Paulus wieder, wenn er sagt: „Betet ohne Unterlass!“ (1Thess 5,17). Wir können zu jeder Tag- und Nachtzeit beten und an jedem Ort. Auch können unsere Tätigkeiten als solche durch das Gebet durchdrungen sein, so versteht es die Regel des hl. Ordensvaters Benedikt in der Aufforderung ora et labora („bete und arbeite“). Die Kirche kennt in der Tat die sieben Offizien des Tages, also Gebetszeiten zu mehr oder weniger festgesetzten Zeiten: Invitatorium mit Lesehore (Matutin) in der Früh; Laudes = Morgengebet (-lob); die Prim nach dem Morgengebet, die Terz am Vormittag, die Sext zu Mittag; die Non am Nachmittag, die Vesper = Abendgebet und die Komplet, die den Tag komplettiert, also das Nachtgebet der Kirche. Man spricht auch vom Stundengebt, das in der Hauptsache aus den Psalmen besteht. Die Laudes, die Vesper und die Komplet kennen darüber hinaus noch jeweils einen Evangeliumstext, der ganz charakteristisch zum täglichen Stundengebet gehört: das Benedictus zu den Laudes (der Lobgesang des Zacharias: „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels“ Lk 1,68-79); das Magnificat zur Vesper (der Lobgesang der Gottesmutter Maria: „Hoch preist meine Seele die Größe des Herrn“ Lk 1,46-54) und des Nunc dimitis zur Komplet (der Lobgesang des greisen Simeon: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden“ Lk 2,29-32). Priester und Ordensleute versprechen in ihren Gelübden, dieses Stundengebet der Kirche – das Offizium = Dienst, Aufgabe, Pflicht (engl.: office) – zu verrichten. Die Laien sind herzlich eingeladen, es ebenso zu tun. Man unterscheidet beim Offizium zwischen dem monastischen Stundengebet, dass innerhalb eines Tages alle 150 Psalmen beinhaltet und kaum andere Gesänge oder Riten mit einschießt und damit kontemplativer Natur ist, und das Kathedraloffizium, das neben den Psalmen in geringerer Anzahl, auch Licht- und Weihrauchelemente wie auch Hymnen kennt, welches dann das Gebet der participatio actuosa darstellt, also einer aktiven Gebetsform, an der alle Teilnehmer (Kanoniker einer Kathedral-, -Kollegiats- oder Probsteikirche) durch verschiedene Körperhaltungen, Antworten und alle Sinne einbezogen sind. Über die Jahrhunderte hat sich allerdings auch in den beschaulichen Klöstern eine mehr oder minder größere actio im Offizium herausgebildet und die Anzahl der Psalmen auf einen Wochen- oder gar Monatsrhythmus aufgeteilt.

Gebet in der Volksfrömmigkeit
Es gibt aber auch viele andere Formen des formalen Gebets, wie das Morgen- und Abendgebet aus verschiedensten Gebetsbüchern, wie dem Gotteslob oder anderen Büchern für die Laien. Der Rosenkranz wird auch oft Psalter genannt, weil der klassische Rosenkranz (freudenreiche, schmerzensreiche und glorreiche) aus 150 Ave Marias besteht, analog zu den 150 Psalmen in der Heiligen Schrift (abgesehen von den jeweils drei einleitenden Ave Maria (Glaube, Hoffnung und Liebe). Papst Johannes Paul II schenkte der Kirche die lichtreichen Geheimnisse des Rosenkranzes. Papst Paul VI. führte schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die trostreichen Geheimnisse ein. Und dann gibt es noch viele andere „Gsatzln oder Gesätzchen, die in diversen Gebetsgruppen oder an Wahlfahrtsorten zusammengestellt wurden. Immer aber betrachten die Geheimnisse des Rosenkranzes das Leben Jesu eingebettet in jenes Gebet, das sich aus dem Gruß des Engels an Maria („Gegrüßet seist Du Maria voll der Gnade, der Herr ist mit Dir.“ Lk 1,28), der Anrede Elisabeths an Maria ihrer Begegnung („Du bist gebenedeit / gesegnet unter den Frauen und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes“ (Lk 1,42) und unserer Bitte um ihre Fürsprache („Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“). Der Rosenkranz wird in Gemeinschaft, aber auch allein, persönlich gebetet. Der Rosenkranz ist nicht langweilig. Er wird kurzweilig, wenn die geistlichen Augen beim Inhalt des Gebetes bleiben, wenn die Augen auf das Heilsmysterium Christi gerichtet sind, welches wir im Rosenkranzgebet mitgehen, also nachvollziehen, wie Maria ihren Sohn begleitet hat. Das Ave-Maria-Gebet, also das Gegrüßet-Seist-Du-Maria gehört zum Schatz unserer Grundgebete, wie natürlich auch und zuerst das Gebet des Herrn, das sog. Vaterunser, das uns unser Herr Jesus Christus selbst zu beten gelehrt hat. Das Ehre-sei-dem-Vater, das Gloria (Ehre-sei-Gott-in der Höhe), wie auch das Glaubensbekenntnis sollen zum grundlegenden Gebetsschatz des Christen gehören. Dieses sind übrigens Gebete, die ein Kind in der Familie durch Eltern und Paten erlernen und damit kennen soll, wenn es mit acht oder neun Jahren mit der Erstkommunionvorbereitung beginnt.
Zu verschiedenen Jahreszeiten kennen wir spezifische Gebete, die ebenfalls in Gemeinschaft in Form von Andachten, wie auch allein gebetet werden können, wie den Kreuzweg, die Maiandacht oder bestimmte Litaneien (Herz-Jesu, Lauretanische, Novenen, usw.).
Drei Mal am Tag außerhalb vom gottesdienstlichen Kontext läuten unsere Kirchenglocken: morgens, mittags und abends. Wir nennen dieses Läuten das Angelus-Läuten, zu welchem wir den „Engel (Angelus) des Herrn“ beten, und uns dabei in das Geheimnis der Menschwerdung Gottes stellen, der aus der Jungfrau Maria Fleisch angenommen hat und unter uns wohnte. In der Osterzeit, also von Ostersonntag bis Pfingsten, wird dann statt des „Angelus-Gebets“ das „Regina coeli laetare!“ (Freu Dich, Du Himmelskönigin) gebetet, bei dem wir Anteil nehmen an der Freude der Gottesmutter Maria über die Auferstehung ihres Sohnes.
Viele andere Erbauungsgebete in Gebet- und Andachtsbüchern gibt es, die auch die Approbation der Kirche (nihil obstat bzw. imprimatur) haben, und so von ihr zum Gebet empfohlen werden.

Das ganz persönliche Beten und Betrachten
Neben dem gemeinschaftlichen und offiziellen Gebet braucht es unbedingt das persönliche Gebet, die private Auseinandersetzung mit Gott, wie es uns die großen biblischen Gestalten (s.o.) vorgemacht haben. Das persönliche Gebet kann aus vorgefertigten Texten bestehen, aber auch dem eigenen Gedankenfluss entspringen und in die totale Stille münden. Auch die Meditation ist Gebet. Einen biblischen Text oder den Text eines geistlichen Autors zu lesen und dann in der Stille zu reflektieren ist Gebet. Wenn wir meditieren, richten wir unseren Fokus auf Gott, so dass wir seine Gegenwart erkennen, und ihn bitten, uns den Sinn des Gelesenen zu erschließen. Auch die Betrachtung einer Ikone oder eines anderen Heiligenbildes kann uns helfen, in der Betrachtung Gott näher zu kommen. Zum Einstieg können uns vorformulierte Gebetstexte helfen. Doch je stiller wir werden, desto weniger Worte werden wir benötigen, um Gottes Gegenwart zu erspüren. So treten wir ein in Gottes heiligen Raum. Das Verweilen in einer Kirche vor dem Tabernakel schenkt uns die ganz konkrete Nähe zur eucharistischen Gegenwart Gottes. Noch intensiver wird die Begegnung mit ihm, wenn der eucharistische Leib Christi in der Monstranz ausgesetzt ist und wir kommen, um ihn anzubeten.
Aus der Orthodoxie kommt das Jesus-Gebet oder Herzensgebet. Dabei wir der Name Jesu und die Bitte um Sein Erbarmen immer wieder rezitiert, zuerst laut, dann verinnerlicht leise: „Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner.“
Dieses ist das Zitat aus Mk 10,47 vom blinden Bartimäus, der Jesus auf sich zukommen hört und ihm zuruft: „Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich meiner“. In Korrespondenz mit der Atmung wird dieser Satz immer wiederholt: beim Einatmen „Herr Jesus Christus“; beim Ausatmen „Erbarme Dich meiner.“ Durch jahrelange Einübung kann ein Mensch dazu kommen, diese Gebetsübung in seinem Alltagsrhythmus zu verselbständigen.

Die Eucharistiefeier
Das größte Gebet der Kirche ist wohl die Eucharistiefeier. Besonders die Priester sind strengstens dazu angehalten, jeden Tag das eucharistische Opfer darzubringen. Die Gläubigen sind immer dazu eingeladen und sonn- und feiertags sogar zur Mitfeier verpflichtet. Doch die Mittfeier soll nicht als Pflicht empfunden werden, vielmehr als ein Privileg, in Gemeinschaft Gott erleben, preisen und danken zu dürfen. Die Eucharistiefeier ist die große Danksagungsfeier des ganzen Gottesvolkes an den himmlischen Vater für das Erlösungsopfer seines Sohnes, das er für uns alle dargebracht hat. So richtet sich das Hochgebet (Canon) der Messe an den „gütigsten Vater“ („Te igitur clementissime Pater“), die Opfergaben des Volkes (Brot und Wein) anzunehmen, die von der ganzen Kirche und für die ganze Kirche dargebracht werden. Er schenkt sie uns zurück im Leib und Blut seines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus. In der Feier der heiligen Messe sind viele Gebete eingebettet. Das Volk Gottes, das sich zu seiner Ehre am Altar versammelt hat, bekennt sich zu seinen Sünden, und bittet alle Engel und Heiligen und alle Anwesenden bei Gott für einander zu beten (Confiteor / Schuldbekenntnis). Das sonn-und feiertägliche Gloria (außer in der Advents- und Fastenzeit) lässt uns in den Lobpreis der Engel über den Feldern von Bethlehem einstimmen „Ehre sei Gott in der Höhe“). Es folgt das im deutschen unglücklich benannte sog. Tagesgebet. Im lateinischen Messbuch heißt dieses Eröffnungsgebet Collecta, weil es die Anliegen des versammelten Volkes zusammenfasst und in einer Gebetsformel durch den Zelebranten „auf einen Nenner“ bringt. Das Tagesgebet zieht sich den ganzen Tag hindurch, durch alle Stundengebetszeiten (oben angeführt). Auch die Lesungen (AT bzw. Apg, Ps, NT und EV) können als Gebet verstanden werden, da sie uns die großen Taten Gottes vor die ehrfürchtigen Augen des Gläubigen führen.
Die oft sehr langen Lesungen der Fastenzeit haben allerdings katechetischen Charakter, also unterweisende Funktion für die Taufkandidaten (Katechumenen), die in der Osternacht getauft werden. Wenngleich natürlich die Lesungen zu allen Jahreszeiten auch Verkündigungsaufgabe haben. Nach dem sog. Wortgottesdienst mit dem Beginn des zweiten Teils, der Eucharistiefeier im engen Sinn, werden die Gaben zum Altar gebracht und der Priester opfert sie für sich und das versammelte Volk. Er bittet die Gläubigen zu beten, Gott möge das Opfer aus des Priesters Hand annehmen (das sog. Suscipiat: „Der Herr nehme das Opfer an aus deiner Hand“). Daran schließt sich das Gaben- oder Opfergebet an. Die feierliche Präfation, mit der wir unsere Herzen zum Herrn erheben („sursum corda“), leitet das Hochgebet ein, das mit dem dreimaligen Qadosh (Trishagion: Sanctus, sanctus, sanctus /Heilig, heilig, heilig) dem Gesang der Engel aus der Offenbarung und dem Benedictus, dem Gesang der Kinder beim Einzug Jesu in Jerusalem („Benedictus, qui ventit“ – „Hochgelobt sei der da kommt im Namen des Herrn“; der nämlich auch in dem Moment kommt auf den Altar) beginnt. Dann, wie oben schon angesprochen, folgt das große Offizialgebet des Priesters, das Hochgebet, das er für das ganze Volk spricht, in dem dann die Opfergaben von Brot und Wein in Leib und Blut Jesu verwandelt werden, wie er es uns selbst aufgetragen hat („Tut dies zu meinem Gedächtnis, so oft ihr diese tut.“). Die versammelte gläubige Gemeinde bestätigt das im Hochgebet durch den Priester Gesagte und Vollzogene durch das Amen. Im anschließenden Kommunionritus wird jenes Gebet gebetet, in das Jesus uns selbst unter heilsamer Anordnung unterwiesen hat, das Vaterunser. Im Agnus Dei, dem Lamm-Gottes-Gebet/ -Gesang wird dann Christus, der am Altar gegenwärtig ist, mit den Worten des hl. Johannes des Täufers als Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt, bekannt und um dessen Erbarmen gebeten, also auch um seinen Frieden, den nur er geben kann.
Vor dem Kommunionempfang, zitiert der Gläubige die Worte des heidnischen Hauptmanns, der für einen Diener bittet: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird mein Diener / meine Seele gesund“ (Mt 8,5). Danach folgt eine ganz persönliche Stille, die es zuvor in der Messfeier noch nicht gab, da das gemeinsame Loben, Danken und Beten im Vordergrund stand. Nun, nach dem Kommunionempfang ist jeder ein Tabernakel, hat Christus ganz bei sich und verharrt mit ihm im Gebet. Die Messfeier wird mit dem Schlussgebet abgeschlossen. Beendet wird sie dann mit dem Segensgebet, denn es ist nicht der Priester, der segnet, sondern Gott. Der Priester ist sein Instrument. Im „ite missa est“ – „Gehet hin, ihr seid gesendet / Gehet hin in Frieden“ – erhält dann jeder und jede den Auftrag, das Gefeierte in die Welt hinauszutragen, wie die Jünger, die von Jesus gesandt wurden: „Geht in alle Welt und verkündet allen Völkern das Evangelium“ (Mk 16,15). Hier wird einmal mehr deutlich, dass auch die Nichtgeweihten, jeder Getaufte einen Missions- und Gebetsauftrag hat, in der je ihm/ihr eigens zukommenden Aufgabe und Berufung.

„Wohin soll ich mich wenden?“
Gebet als Dialog mit Gott tritt aus dieser Welt heraus. Unsere Gebetsrichtung geht zu Gott. Wir richten uns ihm aus. Wir wenden unsere Augen ihm zu. Das kann innerlich geschehen, aber auch äußerlich. Das Wort Orientierung beinhaltet das lat. Wort oriens, was zu Deutsch Osten bedeutet. „Ex oriente lux“ – aus dem Osten kommt das Licht. Mit dem Licht ist Christus gemeint („Ich bin das Licht der Welt“ Joh 8,12). Diesem Licht schauen und gehen wir entgegen. Alte Kirchen sind daher geostet, weil alle Teilnehmer an den Feiern der heiligen Mysterien (Priester und Volk) bei der Eucharistiefeier gemeinsam auf Christus zugehen. Auch wenn sich die Stellung des Priesters am Altar im Zuge der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils geändert haben mag (was von diesem Konzil allerdings in keinem Wort eingefordert wird), so bleibt der Blick der Gläubigen wie auch des Priesters auf den Altar bzw. auf das Altarkreuz gerichtet. Das Gebet und damit auch die Eucharistiefeier ist Dialog mit Gott, also vertikal ausgerichtet, niemals horizontal. Sollte der Priester am Altar dem Volk zugewandt stehen, so sind doch seine Augen auf den Altar und das Altarkreuz gerichtet, denn er spricht in seinem Gebet immer Gott an; „wir bitten Dich, allmächtiger Gott….“, „Dich, gütigster Vater, bitten wir…“, „Vater unser, im Himmel“, usw. So sind auch die Augen der Gläubigen auf oder zum Altar gerichtet. Die Gefahr einer dem Volk zugewandten Zelebration durch den Priester besteht darin, dass das Gebet zu einem Dialog zwischen der versammelten Gemeinde und dem Priester wird, also in der Horizontale hängen bleibt, was dann in manchen Fällen zu seltsamsten Gestaltungsauswüchsen führen kann. Wenn wir Gott im Gebet ansprechen und ihn bitten, müssen wir dieses auch äußerlich zum Ausdruck bringen, damit es sich verinnerlichen kann. Die Kirche nennt dieses Prinzip lex orandi – lex credendi (das Gesetz des Betens entspricht dem Gesetz des Glaubens). Der Glaube ist uns als ein Geschenk gegeben (Depositum fidei). Diesem von Gott geschenkten Glauben muss also auch die Ausdrucksform, die Feierform, die Gebetsform entsprechen, sonst wird der Glaube entstellt, verfremdet, verfälscht, und er entfernt sich von Gott, geht der vertikalen Dimension verlustig und bleibt in der rein zwischenmenschlichen Ebene, oder gleitet sogar ganz ab.
Auch die Feier der anderen Sakramente sind Gebet: Taufe, Firmung, Ehe, Weihe, Beichte, Krankensalbung. Immer sind sie Feier der Gegenwart Gottes, Eintritt in sein Geheimnis und Bitte um Erlösung.
Weil die Feiern dieser Geheimnisse so bedeutsam, weil heilsam sind, benötigen sie auch eine entsprechende Disposition des Gläubigen. Hier ist dann auch jeder Einzelne gefordert, im Gebet um die Gnade zu bitten, in rechter Weise heilswirksam daran teilnehmen zu können, und sich nicht das Gericht zuzuführen (vgl.1Kor 11,27-29).

Der heilige Johannes von Damaskus sagt: „Das Gebet ist die Erhebung der Seele zu Gott oder eine an Gott gerichtete Bitte um die rechten Güter.“ Diese Satz sagt wohl alles, in welcher Beziehung der Beter zum Angebeteten steht. Wir Menschen sind erlösungsbedürftig. Das echte, auf Gott gerichtete Gebet macht uns demütig gegenüber dem, der uns geschaffen hat, denn „er hat Großes an uns getan“, und hat Großes mit uns vor. Dieses Große ist sein Wille, den wir im Gebet erkennen können („Dein Wille geschehe…“).

Sprechen – Sprache – Sprachlosigkeit
Wie also soll gebetet werden? Wie schon oben erwähnt, sind es die Jünger Jesu selbst, die ihn bitten, er möge ihnen das Beten beibringen. Und er schenkt ihnen und damit auch uns das Vaterunser-Gebet. Im Titel und der Anrede des Gebetes erfahren wir auch schon, wie unsere Sprache im Dialog mit Gott sein darf, nämlich persönlich und vertraulich. Wir dürfen Gott Vater nennen. Schließlich sind wir durch den Glauben seine Erben, ausgerüstet mit dem Heiligen Geist im Herzen, der ruft „Abba“ – „Vater“ (Gal 4,6). In allen Gebetstexten der Kirche wird Gott in all seiner Erhabenheit und Allmacht mit „Du“ von uns adressiert. Wie uns schon das Beispiel vom hl. Augustinus (s.o.) deutlich gemacht hat, können wir mit Gott schonungslos ehrlich umgehen. Er kennt uns immerhin, bevor wir ihn erkennen. Er kennt uns in- und auswendig. Was allerdings mit uns geschieht, wenn wir uns ihm gegenüber in vertrauter Zweisamkeit im Gebet öffnen ist, dass wir uns dabei selbst entdecken. Wenn wir werden sollen wie die Kinder (vgl. Mt 18,3), dann kann auch unser Gebet kindlich sein, d.h. getragen von Vertrauen und Zuneigung, mit einfachen Worten, und manchmal auch nur gestammelt. Kleinkinder sind auch nicht in der Lage, sich sprachlich richtig zu artikulieren, und doch wissen Mama und Papa, was sie brauchen. Unser Vater im Himmel weiß, was wir brauchen (vgl. Mt 6,8). Letztendlich können unsere Worte die Größe Gottes nie erfassen, aber sie erreichen ihn. Gott versteht jede Sprache. Er führt Menschen aus allen Sprachen und Nationen zusammen, die sein Lob preisen und sein Wort hören, wie uns das Pfingstereignis vor Augen führt (Apg 2). Bevor Jesus seinen Jüngern das Vaterunser lehrt, ermahnt er sie, im Gebet nicht zu „plappern, wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen“ (Mt 6,7). Es geht nicht um die Quantität, sondern die Qualität.
Im Leben kann es Situationen geben, in denen ist man einfach sprachlos, da verschlägt es einem einfach die Sprache, auch vor Gott, weil Trauer, Angst o.ä. einen einfach überwältigt. Und genau in diesen Momenten schaut Gott besonders auf uns und in uns hinein. Er ist da, auch wenn wir ihn nicht ansprechen, wenn wir sprachlos mit ihm kommunizieren. Der hl. Paulus spricht uns in solchen Situationen Mut zu mit folgenden Worten: „So nimmt sich auch der Geist unserer Schwachheit an. Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist jedoch tritt für uns ein mit Seufzen, das wir nicht in Worte fassen können“ (Röm 8,26).
Die Sprache des Gebets entspricht der Sprache des Beters, dessen, der sich an Gott wendet. Kollektive Gebetssprache ist oft von der Alltagssprache abgesondert, um einen gemeinsamen Sprachnenner zu haben, da jeder – zumindest in seinem sozialen Umfeld (peer group) – sein eignes Vokabular und eigene Redewendungen verwendet. Aber auch um deutlich zu machen, dass die Gebetsversammlung, der Gottesdienst dieser Welt entrückt ist, da wir, wenn wir in das Geheimnis Gottes eintreten, in sein Reich eintreten, das eben nicht von dieser Welt ist. Daher sollte nicht Resignation bestehen, wenn so manche Gebetsformulierung nicht verstanden wird, sondern Ermutigung herrschen, zum wahren Verständnis zu gelangen. Da Gott mit menschlichen Begriffen nicht beigekommen werden kann, ist es auch nicht notwendig, jedes Wort im Gebet intellektuell nachvollziehen zu müssen. Viele Kirchen und kirchliche Gemeinschaften kennen eigene liturgische Sprachen. Diese setzen sich bewusst von der Alltagssprache ab. Sie werden nicht als Verkehrssprachen verwendet, daher werden sie auch manchmal „tote Sprachen“ genannt, da sie in keiner Nation oder Region mehr gesprochen werden, außer eben im Gottesdienst, in der Liturgie.
In der Römisch-Katholischen Kirche gilt Latein als Kirchensprache, wobei seit den liturgischen Neuerungen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils auch die Landessprachen Verwendung finden dürfen. Dem Latein soll aber immer noch der Vorzug gegeben werden, so die Konstitution über die Liturgie Sacrosanctum concilium. Die lateinische Sprache in der Liturgie der Katholischen Kirche verbindet die Ortskirchen auf dem ganzen „Erdkreis“, ist also eine globale Sprache. In den vornehmlich orthodoxen und orientalischen Kirchen (manche davon sind mit Rom uniert) finden folgende Sprachen Anwendung: Koine-Griechisch (Griechisch des Neuen Testamentes), Alt-Slawisch, Alt-Äthiopisch, Koptisch, Alt-Syrisch, Alt-Armenisch, u.ä. Auch in christlichen Gemeinschaften der Reformation gibt es eigene liturgische Sprachen. So verwenden die lutherischen Konfessionen das Deutsch des 16/17. Jahrhunderts, wie auch die Anglikaner die englische Sprachform Shakespeares verwenden mit den charakteristischen „th“- Lauten für die Anreden Gottes in der zweiten Person Singular (thee, thou, thine; Bsp: „Thou art in heaven“ = „der Du bist im Himmel“), so wie die „s“-Endungen der Verben in der zweiten Person Singular im Althochenglischen „th“ formuliert werden (Bsp.: we beseecheth thee = wir bitten Dich) . Die Brüdergemeinden der Widertäufer (Anabaptisten) in den USA und Kanada verwenden in ihren Gottesdiensten das Deutsch in der Version, wie es aktuell war als sie die „Alte Welt“ verließen, sie sprechen dann das sog. Pennsylvania Dutch. Es soll also in all diesen Fällen eine bewusste Sakralsprache angewandt werden, um das Sakrale, das Heilige besonders hervorzuheben. Damit wird deutlich, dass Gebet und Liturgie über den menschlichen Intellekt, den Verstand hinausgehen, und die Erhabenheit des Feiergeheimnisses auch in der gottesdienstlichen Sprache seinen Niederschlag findet. Selbst wenn die Liturgie, der Gottesdienst, das Gebet in der Volks- oder Landessprache stattfinden, ist doch das Vokabular ein anderes, als das der Umgangssprache oder Verkehrssprache.

Abschluss
Der am 14. August 1941 im Stammlager des KZ Auschwitz ermordete Franziskanerpater Maximilian Kolbe sagt: „Das Gebet ist die Erhebung der Seele zu Gott. In der Praxis ist das nichts anderes als die Vereinigung unseres Willens mit dem Willen Gottes.“ „Mit dem Beten wollen wir immer schnell fertig sein, denn wir vergessen, dass Beten das Wichtigste ist, um gut zu handeln.“ (M. Kolbe)

Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu Dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mit und gib mich ganz zu Eigen Dir.
(Nikolaus von der Flüe 1417-1487)

Die auf der Seite www.theresiana.at veröffentlichten Beiträge geben ausschließlich die persönliche Meinung des jeweiligen Autors wieder, die nicht notwendigerweise der Mehrheitsmeinung der KÖL Theresiana entsprechen muss. Sie dienen als Impuls und Diskussionsansatz.


Hochschule der Zukunft

Der Autor Kbr. Michael Jayasekara (Baj) ist Vorortspräsident des Österreichischen Cartellverbandes im Studienjahr 2017/2018.

Als größter Akademikerverband Österreichs haben wir seit unserer Gründungszeit eine Verantwortung. Wir haben den Anspruch an uns selbst, so steht es in der zweiten Strophe der ÖCV-Hymne, unserem Volk stets voran zu gehen. Das bedeutet, dass wir uns als Mitglieder nicht nur der eigenen Scientia verschrieben haben, sondern auch geloben, uns einzubringen. Die Wissenschaft ist unser meist ureigenes Thema. Für uns als ÖCV stellt die Universität unseren Ursprung sowie das Zentrum unseres Wirkens dar. Sie ist jener Ort, an dem wir uns Fachwissen, Kompetenz und geistiges Rüstzeug für unsere zukünftigen Tätigkeiten in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aneignen.
In einer Zeit, die sich immer schneller zu drehen beginnt, ist unsere Welt, wie wir sie heute kennen, im Umbruch. Das lebenslange Lernen und vor allem das „Lernen lernen“ wird unersetzlich sein. Mit unseren Werten haben wir eine Verantwortung, hier Stellung zu beziehen und bei der Positionierung der „Hochschule der Zukunft“ Farbe zu bekennen. Wir dürfen als großer Stakeholder nicht Zuschauer bleiben, sondern müssen Akteur auf der hochschulpolitischen Bühne sein und mitgestalten.
Hierzu haben wir die Publikation „Hochschule der Zukunft“ (zum Download als E-Book: http://vorort.bajuvaria.at/publikation-hochschule-der-zukunft/) herausgegeben, die zehn sehr gehaltvolle Beiträge enthält.
Meine persönliche Meinung zum Thema „Hochschule der Zukunft“:
Digitalisierung hier, Digitalisierung dort. Man kann es schon nicht mehr hören. Die Geschichte wiederholt sich. Wie bisher vor jeder größeren Revolution, die am Arbeitsmarkt einen entschiedenen Umschwung gebracht hat, herrschen Ängste. Die Existenzangst vor dem Logarithmus, der den eigenen Arbeitsplatz in Zukunft ersetzen soll, beherrscht die Arbeitswelt. Dabei gibt es zahlreiche Studien, die besagen, dass wir 50% aller Berufsbilder, die es in 30 Jahren geben soll, zum heutigen Zeitpunkt nicht einmal kennen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass das lebenslange Lernen immer wichtiger wird. Die Zeiten, in denen man zu Beginn des Lebens einen Beruf erlernt hat und bis zur Pension in derselben Branche tätig war, sind vorbei. Wir werden lernen müssen, schnell neue Wege zu beschreiten, Nischen zu nützen und nicht nur auf ein Pferd zu setzen. Umso wichtiger wird die Entfaltung der eigenen Talente.
Ich hatte ein spannendes Gespräch mit Finanzminister a.D. Dr. Schelling, in dem er eindrücklich darstellte, dass die Sozialdemokratie unser Bildungssystem sukzessive herunternivelliert hat. Heutzutage ist für die Ausübung von Berufen, die noch in den 70er Jahren von HAS-Absolventen ausgeübt wurden, ein Studienabschluss notwendig. Das Absurde daran ist, dass das Fehlen jedweden Zugangsmanagements schon beginnend in der Schule zum Niveauverlust geführt hat. Mit der Killerphrase „gleiche Bildung für alle“ ist eigentlich die Nivellierung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner gemeint und nicht die Förderung von Stärken. Keiner würde in Wien freiwillig sein Kind an eine NMS schicken. Das heißt nicht, dass die Geldbörse der Eltern ausschlaggebend für eine gute Ausbildung sein soll, nein, es bedeutet viel mehr, den Druck von den Kindern zu nehmen, die Träume der Eltern zu verwirklichen. Diktionen wie jene von AMS-Chef Kopf – es sei besser, selbst das falsche Studium zu wählen als keines (http://www.zeit.de/2018/06/ams-chef-johannes-kopf-arbeitslosigkeit-mangelberufe/seite-2) – implizieren nur, dass eine Lehre schlecht sei. Aber was machen wir mit einem Land voller Akademiker, die nur studieren, um zu studieren; die einen Abschluss in Theaterwissenschaft machen, um einen Titel zu haben? Anstatt sich ernsthafte Gedanken über die Zukunft zu machen und darüber, welche Talente der Einzelne hat, steuern wir auf spanische Verhältnisse zu – hohe Akademikerquote, hohe Akademikerarbeitslosigkeit. Von 2015 auf 2016 ist diese übrigens unter Bachelorstudenten im Mittel, über alle Studienrichtungen hinweg, um knapp 46 % gestiegen. Ein Novum in der Geschichte. Die Garantie, mit einem Studium nahezu nie arbeitslos zu sein, ist erloschen.
Die fehlenden Studienbeschränkungen und die vollkommen unbeschränkte Öffnung führen in vielen Studien zu einer Selektion nach der Aufnahme, sprich zu einem gezielten „Hinausprüfen“ von Studenten, um die Kapazitäten nicht überzubelasten. Dieser Modus ist am ungerechtesten und am wenigsten geeignet, faire Studienbedingungen und zeitgleich beste Qualität in der Lehre zu gewährleisten.
Als katholische Couleurstudenten bekennen wir uns zu den Werten Leistung und Eigenverantwortung, auch und vor allem im Bereich der Hochschule. Wir Studenten wollen eine Ausbildung in bester Qualität genießen und sind bereit, dazu unseren Beitrag zu leisten. Deswegen halten wir die Einführung von zweckgebundenen Studiengebühren in moderater Höhe mit zeitgleichem Ausbau des Stipendiensystems für eine erforderliche Maßnahme. Es geht dabei nicht um den Gedanken „Was nichts kostet, ist nichts wert.“ Es geht darum, dass man sich grundsätzlich Gedanken dazu macht: Was will ich? Was interessiert mich? Was würde mir Freude bereiten? Es geht hingegen nicht darum, was man studieren könnte, um einen akademischen Titel zu bekommen, ohne ein weiterführendes Ziel dahinter zu verfolgen.
Im ÖCV leben wir eine Generationengerechtigkeit, die für viele außerhalb unserer Verbindungen wohl so nicht verständlich ist. Es kümmern sich nicht die jungen Aktiven um die alten Herren. Nein, alte Herren ermöglichen durch ihren Beitrag, dass auch wir unsere Erfahrungen machen dürfen, in einem geschützten Rahmen Verantwortung übernehmen können. Die moderaten Studiengebühren, ähnlich hoch wie bei den FHs, könnten wie bei uns an den Verbindungen dafür aufgewandt werden, unsere jüngeren Generationen dabei zu unterstützen, ihre Fähigkeiten zu entfalten. Wir stellen uns beispielsweise sogenannte „Talentechecks“ für Schüler vor. Damit soll man bereits im Pflichtschulalter (und auch begleitend darüber hinaus) in Sachen Entdecken der eigenen Fähigkeiten unterstützt werden und Hilfe bei der weiteren Schul-, Berufs- und Studienwahl erhalten. Diese Maßnahme soll auch die Vorteile von Lehre bzw. Lehre mit Matura unterstreichen – in Zeiten des Fachkräftemangels in Industrie und Handwerk ein absolut notwendiger Impuls.
Abschließend muss noch betont werden, dass ein hochschulübergreifendes Konzept für Digitalisierungsmaßnahmen für Universitäten, FHs und PHs wichtig wäre. Es bedarf auch im 21. Jahrhundert des physischen Orts der Hochschule, um akademische Kompetenzen zu erlernen – Stichwort „Blended Learning“, also die Mischung zwischen Online-Kursen und der Schüler-Lehrerbeziehung im Hörsaal. Nichtsdestotrotz können gerade im Bereich von Administration und Organisation standortübergreifende Plattformen, etwa zur Lehrveranstaltungsanmeldung, geschaffen werden, um Synergien zu nutzen und das Leben von Studenten zu vereinfachen.
Der ÖCV sollte sich weiterhin stets für sein wichtigstes Thema einsetzen. Durch zahlreiche Gespräche bei politischen Stakeholdern sowie Engagement in der ÖH und direkt an den Universitäten. Dieses Feld dürfen wir nicht anderen überlassen.

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Wieviel Internationalität braucht die Regionalität?

Der Autor Dr. Wolfgang Kostner, Jahrgang 1971, ist Dozent an der Pädagogischen Hochschule Tirol sowie freischaffender Dirigent und Musiker.

„Denn als glokalisierter Raum steht Tirol besonders unter dem Einfluss des Tourismus, der als Haupteinnahmequelle fungiert.“ (Teissl, Verena: Kulturveranstaltung Festival, Bielefeld 2013, S. 164). Der Schlusssatz der Studie „Kulturveranstaltung Festival“ von Verena Teissl bezieht sich auf das Kapitel „Fallbeispiel Tirol“. Ins Auge sticht der Terminus Glokalisierung, eine Wortneuschöpfung, ein sogenanntes Kofferwort, das die Begriffe Globalisierung und Lokalisierung – scheinbare Gegensätze – zusammenführt. Der Rest des Satzes ist Geschichte.

Nur indirekt geht es hier um den Tourismus als Motor im Land. Und doch ist es die (Tourismus-)Wirtschaft, die sich der Kultur bedient und damit diese beeinflusst, immer schon. Der umgekehrte Einfluss ist wohl wesentlich geringer. In keinster Weise ausschließlich für die Kunstschaffenden geht es um – wie Tobias Moretti in seiner Rede zum 125-Jahr-Jubiläum der Tourismuswerbung anmerkt – Identität als Prägung des Seins durch die Kultur einer Region, und nicht um Markenidentität, ein künstliches Konstrukt (Moretti, Tobias: Wann ist genug genug und wann ist oans mehr als koans? Festrede zum 125-Jahr-Jubiläum der Tourismuswerbung. In: Tiroler Tageszeitung vom 31.10.2014, Download am 17.02.2018, http://www.tt.com/wirtschaft/standorttirol/9186238-91/moretti-rede-wann-ist-genug-genug-und-wann-ist-oans-mehr-als-koans.csp). Folglich findet sich im Schnittpunkt von Identität und Mondialisierung das globale Dorf, dessen Ausprägungen sich in der Kultur des Landes deutlicher als in nicht-touristischen Räumen zeigen. Dies äußert sich sichtbar in kontrastiver Architektur: In der Infrastruktur der Ballungszentren, explizit auch in touristischen Zweckbauten, die zudem Repräsentation demonstrieren sollen. Daneben die Bewahrung einer frei nach Schluiferer (Schluiferer, Sepp (Pseudonym für Techet, Carl): Fern von Europa: Tirol ohne Maske, 1909; Neuauflage: Innsbruck 2009) satirisch-pastoralen Bauernidylle oder eines allgegenwärtigen süddeutschen Kirchenbarocks. Vergleichbares findet sich in allen bildendenden und darstellenden Künsten: Von abstrakter Malerei bis zu bäuerlichen Krippen-Figuren, vom zeitgeistigen Thriller zur scheinbar rückwärts orientierten Volksdichtung, vom Regietheater des 21. Jahrhunderts zum klischeebehafteten Schuhplattler, von der textilen Jugendkultur zur Trachtenpflege, von Avantgarde-Festivals zum Blasmusik-Konzert. Dass alle diese Richtungen einem steten, schneller werdenden Wandel, auch im Umgang der Bewahrung, unterliegen, ist dem Tempo der Zeit geschuldet.

Tirol bietet eine kulturelle Infrastruktur, die sicherlich noch nie so reich war, die keinen überregionalen Vergleich zu scheuen braucht. Die Polarisierungen, die auch die Szene beleben, betreffen die Ausrichtungen der Kultur. Auf der Suche nach einem kulturpolitisch erkennbaren Konzept stößt man unweigerlich auf die jährlich erscheinenden Kulturberichte des Landes. Dachverbände wie Sängerbund, Blasmusikverband, Volksmusikverein, Theaterverband, Künstlerschaft, Krippenverband und unendlich viele mehr versuchen, nach außen politisch und wirtschaftlich unabhängig, Kräfte zu bündeln, um Interessen weiterzuführen. Darüber hinaus boomen Festivals und Veranstaltungsreihen, die eine Vielzahl an Sparten bedienen.

Medial Beachtung findet, was einen repräsentativen Rezipientenkreis rekrutiert, wobei sich das journalistische Verhalten dem geänderten Medienkonsum angepasst hat: Kritiken weichen Adverticles, redaktionelle Texte Hochglanzbildern. Kultur soll nicht anecken, der Konsument (und eben nicht „Rezipient“) lässt sich nicht gerne – oder wenn, dann ohnehin nur mit plakativsten Mitteln – provozieren. Ein Spiegel einer neoliberalisierten Gesellschaft, deren unverbindliche Flüchtigkeit beängstigt und die Kultur zur ausschließlichen Unterhaltung – oder wie Harnoncourt statuiert: zum hübschen Beiwerk – degradiert. Ihre Existenz rechtfertigt sich, indem sie Diener ihrer Herren ist. Dass eine touristische Destination Gefahr läuft, Attraktivität mit Anbiederung zu verwechseln, hat schon Felix Mitterer in seiner seinerzeit als nestbeschmutzend verteufelten „Piefke-Saga“ aufgezeigt oder richtiger: bewiesen. Wo Kultur – im Verständnis von Kunst – nur sich selbst genügen muss und zur Privatsache mutiert, weil sie gesellschaftspolitisch keinen Stellenwert hat, dort hat sie auch den Auftrag abseits der Unterhaltung abgelegt. Der Anspruch der Kultur muss Bildung sein, und damit sind nicht Wissenserwerb, sondern wohl eher soziale, geistige, empathische Kompetenzen gemeint. Im Bildungssektor bedarf es in immer kürzer werdenden Abständen der Rechtfertigung, Kreativfächer nicht aus den Fächerkanons der Primar- und Sekundarstufen zu eliminieren. Dabei belegen alle paar Jahre neu evaluierte Studien gebetsmühlenartig den langfristigen, auch wirtschaftlich nachhaltigen Effekt. Die Rechtfertigung, Kultur aus der Tradition zu sehen, ist antiquiert und läuft in Zeiten von gesellschaftspolitischen Identitätskrisen in Europa Gefahr, ins falsche Eck gedrängt zu werden.

Seit den späten 0er-Jahren des 21. Jahrhunderts hat die Wirtschaft durch den Crash eine Legitimation erhalten, sich aus dem Kultur-Sponsoring zurückzuziehen. Interessanterweise scheint das sozial-pekuniäre Engagement keine Einbuße erlitten zu haben. Im Sportland Tirol ist es genauso wenig leistbar, sich aus diesem Segment herauszunehmen. Klassische Mäzene von regionalen Kulturbemühungen brechen weg. Die öffentliche Hand kann die Lücken nicht füllen, im Gegenteil: ist zur Effizienz gemahnt. Allerdings ist Kultur eben nicht effizient, auch wenn der Tourismus dies gerne in Zahlen bewiesen oder widerlegt hätte. Hochschuleinrichtungen liefern dazu Nachhaltigkeitsuntersuchungen, sprich Umwegrentabilitätsstudien.

Die Kultur sucht kreative Alternativen, reduziert sich, mit der Gefahr, die Qualität zu gefährden. Der Stärkere überlebt. Dort wo identitätsstiftende Motoren müde werden und den Kompromiss aufgeben, entstehen Leerräume, die nur kurz schmerzen, weil Unterhaltung in der Spaßgesellschaft eben kurzlebig ist, während Bildung nachhaltig sein muss und Freude – etwas Längerfristiges – vermitteln will. Der Kreis schließt sich.

Es gibt keine erkennbare, langfristig-perspektivische Kulturpolitik im Land, kann als ein Resultat der Studien von Verena Teissl gefiltert werden. Das Prinzip des „Geschehen-lassens“ hat allerdings auch Qualität. Kultur in seiner Breite ist demnach ein Zeichen der Demokratie, auch wenn das Gießkannenprinzip bei Subventionsvergaben ungern gesehen wird. Wird sie nicht gefördert, ist sie zwar unabhängig, aber meist kurzlebig. Beamte können und dürfen nicht über die Qualität von Kulturambitionen urteilen, sie sollen ermöglichen. Politische Karrieren wären kurz, wenn klare Bekenntnisse in der Ablehnung eines Events gefordert wären. Anerkennend zustimmen ist leicht, aber zu wenig, sofern nicht Hebel in Bewegung gesetzt werden.

Ich möchte den Fokus auf die Musik richten, der ich mich verpflichtet fühle. Tirol ist hier sehr breit aufgestellt. Die Ursachen dafür liegen weit zurück: Innsbruck erlebte als kurzzeitige Kaiserresidenz in der Renaissance bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts einen kulturellen Höhenflug (Vgl.: Tschmuck, Peter: Die höfische Musikpflege in Tirol im 16. und 17. Jahrhundert: Eine sozioökonomische Untersuchung, Innsbruck 2001; Senn, Walter: Musik und Theater am Hof zu Innsbruck: Geschichte der Hofkapelle vom 15. Jahrhundert bis zu deren Auflösung im Jahre 1748; Drexel, Kurt; Fink, Monika (Hrsg.): Musikgeschichte Tirols, Band I-III, Innsbruck 2004). Ab dem 19. Jahrhundert verlief die Entwicklung einer bürgerlichen Musikkultur ähnlich wie in anderen mitteleuropäischen Kleinstädten. Die ländlichen Musiziergemeinschaften bildeten vornehmlich Blaskapellen, von deren Tradition Tirol immer noch zehrt. Kirchenmusik hatte schon früh einen großen Stellenwert, auch bedingt durch die wohlhabenden Klöster im Land. Volksmusik, die auch werbewirksam exportiert werden konnte, wurde schon früh in ihrem Marktwert erkannt. Die kommerzialisierte, schließlich verwässerte Form wurde eine breite Erfolgsgeschichte. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts begann durch den Wirtschaftsaufschwung eine Öffnung. Die Alte-Musik-Bewegung fand in Innsbruck bereits ab den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Mekka. Als die historisch inspirierte Aufführungspraxis zur salonfähigen Kür, später zur Pflicht wurde, war das Alleinstellungsmerkmal allerdings für Innsbruck verloren. Nach der Zeit von Festwochen-Gründer Otto Ulf vereitelten auch personelle Eigeninteressen notwendige Visionen. Die Ausbildungsstätten in der Landeshauptstadt bringen trotz der diffusen Kompetenzverteilung nicht nur vereinzelt Spitzen hervor, sondern haben wesentlichen Anteil daran, dass in den meisten Genres genügend Output generiert wird. Der Fokus auf den Nachwuchs trägt Früchte, der Mittelbau – auch bei eigentlich relativ hoher Dropout-Quote – ist stark wie nie. Tirol lässt sich Musikkultur offenbar etwas kosten. Die Basis und deren mitunter administrativ-spröde, österreichisch-bürokratische Strukturen scheinen zu funktionieren. Schwieriger wird es im semi-professionellen Bereich. Dort, wo professionelle Musiker, häufig in Verbindung mit leistungsstarken Amateuren, in Ensembles agieren, wird es finanziell schwierig. Strohfeuer gibt es zur Genüge, Ensembles, die sich auf lange Sicht halten können, wenige. Meist geht den musikalischen Idealisten nach einer überschaubaren Zeit der Atem aus. Die Verschränkung mit Professionellen aus den Bereichen Fundraising, Veranstaltungs- und Organisationsmanagement, Marketing und Public relations, auch wenn Ausbildungsstätten auf Hochschulebene qualifiziertes Personal generieren würden, funktioniert auf Grund der fehlenden Ressourcen kaum. Dies betrifft die Bereiche der Bläsersymphonik, der Neuen wie Alten Musik, des Chorwesens oder der Bigband-Kultur gleichermaßen. Genau hier läge aber das Potenzial, einen umfassenderen Output abzuschöpfen. Hochqualitative freie Ensembles haben Ausstrahlkraft auf die heimische Basis, beeinflussen auch den schöpferischen Bereich einer Komponisten-Szene, übermitteln das Bild einer perspektivischen Kulturlandschaft. Die Infrastruktur in Tirol, von Proberäumen über Konzertlocations zu Plattformen, ist gut, die Finanzierung derselben ist nur für Vereine in Dachverbänden bewältigbar.

Eine breite Resonanz nach außen erfährt Tirol im Bereich des Volkstümlichen Schlagers. Der messbare Erfolg lässt sich anhand von Verkaufszahlen und Medienpräsenz ablesen. In einschlägigen deutschsprachigen TV-Formaten weisen Interpreten aus Tirol eine erstaunliche Frequenz auf. Umgekehrt rekrutieren regionale, festivaleske Veranstaltungen dieses Genres (inter)nationales Publikum und werfen nicht nur in der Umwegrentabilität Gewinne ab. Verständlicherweise beanspruchen Veranstalter hier auch Tourismusbudgets zur Finanzierung der Nebenkosten. Die Branche ist denkbar gut verankert und vernetzt und hat eine breite Lobby hinter sich. Ob diese Konzepte – zu oft an einzelne Protagonisten gebunden – zukunftsfähig sind, wage ich zu bezweifeln. Die Frage bleibt: Will man es anders?

Im (inter)nationalen Reigen der (Sommer)festivals der Hochkultur spielt Innsbruck und Tirol aktuell eine provinzielle Nebenrolle. Mit zum Teil erstaunlicher Qualität haben sich (auch) abseits von Innsbruck Veranstaltungsreihen – in unterschiedlichen Ausrichtungen – etabliert, die sich, nicht kommerziell ausgerichtet, auch überregional zumindest in Szene-Kreisen behaupten können. Hier gilt es einzuhaken: Die Attraktivität einer Region (nach außen) entsteht nicht durch touristische (Massen )Events, sondern auch durch die Vermittlung von authentischer Kultur, die im Kolorit nicht zwangsläufig „volksmusikalisch“ sein muss. Langfristige Wertschöpfung – oder besser Werteschöpfung – entsteht vermutlich durch eine sensible Vernetzung von Internationalität und Regionalität, sowohl was die Genres als auch die Ausführenden betrifft. Es muss möglich sein, von außen zu profitieren, ohne die eigene Identität zu verlieren. Vermutlich hätten wir umgekehrt genügend weiterzugeben. Es ist ein rurales Mosaik mit Kontrapunkten, das ein Flair, eine Atmosphäre, einen Life-Style, eine Mentalität vermittelt. Man wünscht sich „sanften Tourismus“, der ist allerdings nur mit Qualität – insbesondere in kulturellen Ausdruckformen – zu erreichen.

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